Wann sind wir endlich da?

Dieses März-Stadtkind ist aus meiner Sicht ärgerlich. Wir leben im 21. Jahrhundert – und machen ein Heft zum 8. März, dem Weltfrauentag, mit vielen Stimmen zum Thema Gleichberechtigung und einer großen Bestandsaufnahme zum Stand der Entwicklung in Deutschland und in der Welt. Warum müssen wir noch so ein Heft machen? Klar, um daran zu erinnern, dass es echte Gleichberechtigung auch in Deutschland ganz schlicht noch längst nicht gibt. Das ist nicht nur ärgerlich, das ist auch reichlich beschämend. Es wäre ganz wunderbar, wenn diese Ausgabe total überflüssig wäre, darum ist sie für mich ärgerlich.

Frauen werden noch immer für die gleiche Leistung schlechter bezahlt, Frauen wird gerne mal der berufliche Aufstieg in höhere Positionen verwehrt, wenn Frauen Kinder bekommen, leidet meistens die Karriere und unterm Strich sind sie häufig sehr allein mit allen damit verbundenen Aufgaben – und das leider auch, wenn die Männer sich nicht aus dem Staub machen. Frauen werden diskriminiert, ausgenutzt, geschlagen, gequält, vergewaltigt, verstümmelt, getötet. Überall – und auch in Deutschland. Es liegt so viel im Argen, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen und wo man aufhören soll. Für mich geht es bei dem Thema ganz grundsätzlich um Gerechtigkeit, um Augenhöhe, um Wertschätzung, um Respekt. Respekt, den viele Männer offensichtlich nicht haben. Wie kann man das ändern?

Das ist anscheinend schwer. Frauen kämpfen seit vielen Jahren für mehr Gleichberechtigung. Es ist besser geworden hier in Deutschland, aber es dauert. Und es dauert noch immer. Beziehungsweise, so mein Eindruck, verkehrt sich die Entwicklung stellenweise sogar ins Gegenteil, ich bemerke bei vielen jungen Menschen zunehmend wieder ein eher konservatives Rollenverständnis, das an die 1950er Jahre erinnert. Für mich ist das eine ziemlich gruselige Vorstellung. Und wenn ich dann über unsere Landesgrenze beispielsweise nach Polen blicke, wird mir tatsächlich angst und bange. Darf das wahr sein? Droht so etwas auch bei uns? Wenn ich darüber hinaus höre, was manchen Menschen zum Thema LGBTQIA* einfällt, wenn ich lese, wie viel Hass es gibt gegen Menschen, die nicht in die klassischen Muster passen, dann ist mir leider klar, dass wir an vielen Stellen sogar noch ganz am Anfang stehen – während gleichzeitig das Erreichte schon wieder in Gefahr gerät. Das Ganze scheint eher ein Marathon zu sein.

Und ich würde mir sehr wünschen, dass die Männer dabei mitreden dürfen. Dass sie nicht abgelehnt werden, nur weil sie Männer sind, dass sie nicht „gecancelt“ werden. Glücklicherweise gibt es inzwischen wie gesagt viele Frauen, die erkannt haben, dass das so nicht funktioniert, sondern im Gegenteil ziemlich kontraproduktiv ist. Dass nachhaltige Veränderungen nicht dadurch entstehen, dass man Männer in Schubladen steckt, sondern, dass man sich gegenseitig zuhört, dass man gemeinsam die Gesellschaft weiterentwickelt, in der wir leben. Es gibt glücklicherweise ein paar sehr kluge Feministinnen, die in den vergangenen Jahren dazu eingeladen haben, genau diesen Weg zu gehen. Das macht mir Hoffnung, als Vater zweier Kinder, die in einer möglichst gleichberechtigten Welt aufwachsen sollen. Vielleicht ist Gleichberechtigung ja doch irgendwann schaffbar. Und vielleicht ist diese Ausgabe dazu ein kleiner Beitrag.


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