Unter Freunden

Heute treffen wir zwei umtriebige AkteurInnen der hiesigen Kulturszene: Susanne Müller-Jantsch (SMJ) ist die Geschäftsführerin des Pavillon, eines der wichtigsten Kultur- und Veranstaltungsorte in Hannover. David Lampe (DL), Mitgründer des KlubNetz-Verbandes, war der allererste Azubi des Béi Chéz Heinz und ist heute unter anderem Dozent für Veranstaltungsmanagement. Beide sind routinierte Interview-Gäste und steigen sofort in eine Fachsimpelei über Live-Streamings ein.

Foto: Dimi Anastassakis SMJ – … ich finde es ganz spannend, sich dabei selbst zu sehen. Man kann das ganz gut nutzen, zum Beispiel um die Moderationen zu verbessern.
DL – Ich hatte gestern einen Studiobesuch bei „NDR Niedersachsen 18.00”, und meine Mutter hat mir richtig hartes Feedback gegeben. „Brauchst du ein schwarzes Hemd, das nicht ausgewaschen ist? Warum sagst du immer spannend?” Du hast schon recht, das schult natürlich im Präsentieren und Artikulieren, auch wenn es manchmal wehtut.

 

Heute könnt ihr ganz entspannt reden. Keiner guckt zu. Ich bitte um eine kurze Vorstellung! 
SMJ – Ich bin Diplom-Kulturpädagogin. Diesen Beruf gibt es gar nicht mehr, heute sind das KulturwissenschaftlerInnen. Seit 1997 bin ich im Pavillon tätig und habe dort anfangs Projektarbeit zu den Themen Gesellschaft und Politik gemacht. Als der Pavillon ab 2011 saniert wurde, bin ich in die Geschäftsführung gegangen und habe das zehn Jahre gemeinsam mit meinem Kollegen Christoph Sure gemacht. Seit Christoph vor einem Jahr in den Vorruhestand gegangen ist, bin ich alleinige Geschäftsführerin. Ab Januar 2022 werden wir die vakante zweite Stelle in der Doppelspitze nachbesetzen.
DL – Ich bin 2004 für meinen Zivildienst in einem Jugendzentrum in Springe hergekommen. Damals bin ich bewusst nicht nach Springe, sondern nach Hannover gezogen, um Foto: Thomas LangrederKultur hier erleben zu können: Faust, Glocksee, Béi Chéz Heinz, das waren Orte, wo ich mich wohlgefühlt habe. Den Pavillon hatte ich damals noch gar nicht so auf dem Zettel. Beruflich ging es bei mir dann ganz schnell in Richtung Konzertveranstalter. Anfangs ehrenamtlich in einer freien Gruppe, dann als Auszubildender in einem Klub, wo ich vom Praktikum bis hin zum Vorstand alle möglichen Stationen durchlaufen habe. 2015 habe ich den KlubNetz-Verband der niedersächsischen Konzertkulturschaffenden mitgegründet. Wir haben mit dieser Verbandsarbeit damals etwas begonnen, das sich jetzt gerade sehr auszahlt.
Ich habe dann noch Veranstaltungsmanagement studiert und bin jetzt bei der „Initiative Musik” auf Bundesebene zuständig für VeranstalterInnen- und Festival-Beratung für die Bundesförderung „Neustart Kultur”. Dazu bin ich noch Dozent für Veranstaltungsmanagement an der Hochschule Hannover und ehrenamtlich Geschäftsführer beim KlubNetz.
SMJ – Du sagtest ja, du kanntest den Pavillon erst einmal gar nicht so richtig. Ich habe ihn, als ich 1982 zum Studium nach Hannover gekommen bin, total gerne besucht, weil ich ihn als einen offenen und zugänglichen Ort empfunden habe, wo ich auch mal allein hingehen konnte. Ich habe in verschiedenen anderen Kultureinrichtungen gearbeitet, aber der Pavillon hat mich immer begleitet, bis ich mich initiativ beworben habe. Ich bin da also im Grunde hineingewachsen. Dass das möglich war, hat mich total geprägt. Wenn mich heute Leute ansprechen und sagen, dass sie unheimlich gerne mal im Pavillon arbeiten würden, denke ich immer an meinen eigenen Zugang und versuche, etwas zu ermöglichen. Wir wollen ein offenes Haus sein, in dem Leute mit eigenen Projekten starten können.

Aktuell ist wahrscheinlich eine verrückte Zeit: Die Ruhe vor dem Sturm, wenn wieder geöffnet wird?    
SMJ – Es gab mal eine ruhigere Zeit zu Anfang der Pandemie im letzten Frühjahr. Im Sommer konnten wir draußen veranstalten und im Herbst für zwei Monate öffnen. Seither haben wir mit unserem Streaming-Programm unheimlich viel zu tun. Erst wollten wir das gar nicht, aber dann haben wir gemerkt, dass wir unbedingt etwas für unsere MitarbeiterInnen tun müssen, besonders für die Auszubildenden. Und die KünstlerInnen brauchten Auftrittsmöglichkeiten. Also haben wir unsere Streaming-Bühne entwickelt. Von daher haben wir viel zu tun. Die vielen Förderprogramme, das Krisenmanagement, all das fordert uns ganz schön.

Für dich, David, ist es wahrscheinlich eine arbeitsreiche Zeit, weil all diese Anträge noch eine Weile „nachhängen” werden.
DL – Ja, tatsächlich wird gerade schon von der „zweiten Kultur-Milliarde” gesprochen. Das bedeutet viel Arbeit, aber auch gute Arbeit.
Und Susanne, die Bedeutung des Pavillons wurde mir mit den Jahren natürlich auch klar. Schon vor dem Umbau habe ich viele meiner Konzertabende dort verbracht, weil ich durch den Generationswechsel, der sich damals vollzog, einfach besser abgeholt worden bin. Ich habe dann auch die Theaterabende für mich entdeckt, was mich als Anfang 20-jähriger Partygänger weniger interessiert hatte.
SMJ – Da hast du recht, durch den Generationswechsel hat sich viel geändert, auch die Musikfarben. Und das Theaterprogramm bildet jetzt viel mehr zeitgenössische Strömungen ab. Interessant finde ich: Die Älteren fragen immer, wo unsere jüngeren Gäste seien. Sie nehmen dabei gar nicht wahr, dass sie sich natürlich genau die Veranstaltungen aussuchen, die von Gleichaltrigen besucht werden. Es gibt nicht viele Veranstaltungen, die alle Zielgruppen vereinen. Balkan Beat vielleicht, da kommen verschiedene Altersgruppen. Zu Dota geht eben nur eine Altersgruppe. Ich finde es gut, wenn das nebeneinander existiert.
DL – Dota ist ein schönes Beispiel. Sie hat auf der Straße ihre ersten Konzerte gegeben, dann konnte ich sie ins Béi Chéz Heinz einladen, jetzt spielt sie im Pavillon. Dabei hat sie ihr Publikum mitgenommen. So mischen sich die Menschen, die sonst vielleicht ein bisschen eingleisig unterwegs wären und kommen wieder mit neuen Orten in Kontakt.
SMJ – Vor dem Umbau konnten wir immer nur eine Veranstaltung am Abend durchführen, weil die Säle akustisch nicht voneinander getrennt waren. Danach hatten wir auf einmal vier Säle, die wir parallel bespielen konnten. Dadurch hat sich unser Programm wahnsinnig verbreitert. Die Belegschaft hat sich seit der Sanierung verdoppelt und das Programm bestimmt vervierfacht. Jetzt vermieten wir auch Räume an andere Veranstaltende, zum Beispiel an Faust, wenn die ihre Konzerte upgraden. Aber natürlich haben wir den Anspruch, den Löwenanteil des Programms selbst zu generieren.

Schwierig stelle ich mir jetzt den Übergang von Streaming zurück auf vollen Bühnenbetrieb vor. Wird das ein langsames „Hochfahren”?    
SMJ –  Ein paar Veranstaltungen stehen noch auf Warteposition. Wir hatten hier das „Theater für Hannover”, wo wir kleineren Veranstaltenden wie Desimo oder dem Theater am Küchengarten unsere Räume zur Verfügung stellten, weil in unserem großen Saal ein Hygienekonzept für 200 Leute umsetzbar ist. Das geht dank der Corona-Förderung des Bundes, über die wir unsere Infrastruktur finanzieren. Ab Herbst können wir hoffentlich vieles realisieren, was verschoben wurde. Sobald es wieder erlaubt ist, im Innenraum zu veranstalten, werden die Räume sich allein durch Vermietungen schnell wieder füllen. Zum Übergang: Bei Theater geht das recht problemlos, kurzfristig vom Stream auf Live umzustellen. Bei Konzerten hängen oft Tourneen daran, da ist es komplizierter.
Ebenso die Gastronomie bei uns im Haus, das Café Mezzo, die unsere Pächter sind, kann nicht von heute auf morgen öffnen. Die planen jetzt, den Außenbereich nach Pfingsten zu öffnen. Wie ist es denn im KlubNetz?
DL – Ich freue mich zu hören, dass ihr da kurzfristige Perspektiven habt. Die Situation unserer Mitglieder ist aktuell desaströs. Die Festivals zum Beispiel, deren Planungsvorlauf normalerweise ein halbes bis ein Jahr beträgt, stehen komplett im Regen. Die können nicht kurzfristig auf einen Inzidenzwert reagieren und zwei Wochen später loslegen, das geht einfach nicht. Bei den Klubs ist einfach die wirtschaftliche Grenze erreicht. Und wenn wir für Öffnungen über Zahlen wie „pro zehn Quadratmeter eine Person” sprechen, dann müsste diese Person für 200 Euro konsumieren, damit es rentabel ist, die Tür überhaupt aufzumachen. Und ein Riesenproblem ist jetzt das Personal. Ganz viele der 450 Euro-Kräfte mussten sich inzwischen umorientieren, und die werden fehlen.
SMJ – Werden viele Klubs verschwinden?
DL – Aktuell hängen sie am Tropf der staatlichen Förderungen, die aber noch greifen. Richtig schwierig wird der Moment, wenn dieser Tropf versiegt. Werden die erlaubten Kapazitäten für einen wirtschaftlichen Betrieb reichen? Haben die Menschen es vielleicht verlernt und gehen gar nicht mehr aus?
SMJ – Ich war gerade in einer Stream-Konferenz der UNESCO City of Music, wo Leute aus Australien und Neuseeland zugeschaltet waren. Die haben berichtet, dass ihnen verfügbare Tickets aus der Hand gerissen wurden. Sie hatten einen regelrechten Boom.
DL – Das berichten uns die großen Veranstaltenden auch. Ich fürchte eher um die subkulturelle Szene. Dort wächst durch gemeinsame Formate und Veranstaltungen gemeinsam mit dem Publikum immer wieder eine neue Generation heran. Da sind viele Kontakte verloren gegangen, so etwas kann man nicht durch Streamings auffangen.

Siehst du diese Entwicklung auch in deinem Job als Dozent für Veranstaltungsmanagement?   
DL – Die Zahl der Bewerbungen für den Studiengang ist rapide runtergegangen. Was mich aber noch mehr bewegt, ist, dass die Studierenden, die bereits dabei waren, mit der Situation so allein gelassen wurden. Ihre Jobs in der Gastronomie zum Beispiel waren von heute auf morgen weg, Praktikumsplätze standen nicht mehr zur Verfügung und die Studierenden müssen das jetzt alles irgendwie aufholen.
SMJ – Wir haben normalerweise über 100 Bewerbungen für unsere Ausbildungen für Veranstaltungskaufleute. Dieses Jahr hatten wir 30. Eine deutliche Tendenz, dass sich viele von einer Ausbildung im kulturellen Bereich nicht mehr viel versprechen.  Für die Veranstaltungstechnik oder fürs Bundesfreiwilligenjahr hatten wir gleichfalls deutlich weniger Anfragen.

Ist die zukünftige Einstufung von Klubs als Kulturorte, die gerade politisch durchgesetzt wird, ein kleiner Lichtblick?
DL – Das ist ein Meilenstein! Das bedeutet, dass in städtebaulichen Konzepten die Verdrängungsprozesse von Klubs durch Gentrifizierung und „Aufwertung von Flächen” so nicht mehr stattfinden können. Zuvor muss unsere Landespolitik dies aber auch in das niedersächsische Baurecht überführen. Hier kann man direkt weiterdenken, Stichwort: Verödung der Innenstädte. Was passiert mit den ungenutzten Einkaufsmeilen?

Womit sich der Kreis schließt zum Pavillon, der ja auch mal ein Kaufhaus war.
SMJ – Ja! Ich habe gerade am neu gegründeten Innenstadt-Beirat teilgenommen, wo genau diese Fragen diskutiert werden. Die Innenstädte können nicht weiter als reine Konsum-Orte definiert werden, sondern vielmehr als Orte zum Leben, zum Arbeiten und als Orte der Kultur. In der zweiten Jahreshälfte wird es ein Modellprojekt geben, in dessen Rahmen die Innenstadt bespielt wird. Das wäre eine interessante Transformation. Wir sind am Rand der Innenstadt und könnten uns zum Beispiel gut vorstellen, dass die Raschplatz-Hochstraße eine „Green Line” ohne Autoverkehr wird. Die Verkehrswende, ein Thema, dass von Belit Onay sehr vorangetrieben wird, kann damit Hand in Hand gehen. Wir möchten uns als Plattform der gesellschaftlichen Diskussion hier beteiligen.
DL – Das ist auch für das KlubNetz ein großes Thema. Wir kommen, offen gesagt, als ehrenamtlich getragener Verband gerade an den Rand unserer Leistungsfähigkeit und sind froh, dass unser Bundesverband Livekomm uns mit politischer Arbeit zur Seite steht.

Hat die Pandemie zu diesem Prozess beigetragen?
DL – Ja. Auf jeden Fall hat sie dazu beigetragen, dass Kulturschaffende jetzt eher gemeinsame Interessen sehen als den Wettbewerb. Die Kultur- und Kreativwirtschaft hat sich in dieser Zeit gut vernetzt, auch auf Landesebene. Das lag natürlich auch daran, dass seitens der Politik dringend kompetente AnsprechpartnerInnen gesucht wurden.

Und die wirtschaftliche Bedeutung der Veranstaltungsbranche war vorher eher kein Thema.  
DL – In vielen Köpfen nicht. Diese Branche hat eben neben der wirtschaftlichen eine große gesellschaftliche Bedeutung. Dass Räume da sind für Menschen, um zu interagieren und sich live zu treffen. Und dass das so viel mehr ist als der reine Konsum von Kunst. Wie viele Beziehungen sind aufgrund von Veranstaltungen entstanden? Wie viele Kooperationen wurden gestartet, weil man auf ein Getränk zusammensitzt und merkt, dass man gemeinsame Ideen hat? Das alles kann man nicht digital substituieren.
SMJ – Kultur als Begegnungsort! In ein Haus zu kommen und zu gucken, wer auch noch da ist. Diese Atmosphäre, wenn wildfremde Leute zusammenkommen und an diesem Abend ein Interesse, eine Vorliebe teilen. Das ist ein Lebenselixier. Das ganze Drumherum ist oft genauso inspirierend wie die Veranstaltung selbst! Darauf freue ich mich schon sehr.
Ich habe neulich schon gesagt, all diesen Mehrwert, den wir durch die Pandemie generiert haben, die tolle EDV-Ausstattung, die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, was wir ja in Zukunft sicher weiterhin tun werden … Wir hatten Zeit, an unseren Strukturen zu arbeiten und haben da vieles verbessert. Aber ich würde gern auf all das verzichten, wenn es die Pandemie nicht gegeben hätte.
DL – Was mich auch bekümmert, ist die Frage, welche Folge die Auszahlung der ganzen Fördermittel noch haben werden: Wie stehen wir in fünf Jahren da? Wird irgendwann eine Quittung kommen? Allen ist die gesellschaftliche Bedeutung von Kultur während der Pandemie klar geworden, wie sichern wir sie für die Zukunft?
SMJ – Der Freundeskreis könnte hier einen wertvollen Beitrag leisten, gemeinsam die Erfahrung der Pandemie zu verarbeiten. Angebote schaffen, gemeinsam Kulturorte zu besuchen und der Gefahr begegnen, dass manche Menschen vielleicht wirklich verlernt haben auszugehen. Gerade Ältere haben jetzt möglicherweise eine Hemmschwelle.
DL – Da schließe ich mich an! Gerade der Freundeskreis hat die Möglichkeit, Leute zusammenzubringen, die sonst nichts miteinander zu tun hätten. Und solche Angebote können auch schon jetzt Pandemie-konform funktionieren.

  ● Annika Bachem 

Foto David Lampe: Dimi Anastassakis, Foto Susanne Müller-Jantsch: Thomas Langreder


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