Tag Archive | "2019-05"

Europa hat die Wahl!

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Europa hat die Wahl!


Liebe Stadtkinder,

ja, doch, der Mai steht vor der Tür und lockt mit seinen Wonnen – Blümchen, Wiesenschaumkraut, Sumpfdotterblumen, kurze Röcke, eng sitzende Herrenshorts, lackierte Fingernägel und so weiter.

Politisch wird es auch. Am ersten Mai ist der internationale Feiertag der Arbeiterbewegung – und das groß gefeiert. Was in diesem Jahr allerdings noch viel wichtiger ist: Am 26. Mai wird bei uns zum neunten Mal das europäische Parlament gewählt. Jeder, der sich Sorgen um den prognostizierten Rechtsruck und populistische Tendenzen macht, sollte bei der Europawahl dabei sein, meinen wir beim STADTKIND und greifen das Thema auf: Wir haben zehn bekannte Frauen und Männer aus Hannover gefragt, warum sie Europa für eine gute Idee halten. Ihre spannenden Antworten findet ihr in unserer aktuellen Mai-Ausgabe!

Auch sonst geht es zur Sache, erst ernst, dann heiter und so weiter.

Leser erfahren zum Beispiel von Hartmut El Kurdi, was er als 14-Jähriger beim Austragen der BamS so alles erlebt hat, warum Theresa May einen offenen Brief von uns erhält, wie gut es im Restaurant il piccolo nero schmeckt, warum dem Ehrenamtlichen Hursit Kalis der Nachwuchs am Herzen liegen, was Kirsten Dohmeier, die Vorsitzende des Vereins Help for Congo Kids, alles auf die Beine stellt, welche Art von Theater Sonja Anders, neue Intendantin am Schauspiel Hannover, besonders gut gefällt und was für verschrobene Spielchen im Ihme-Zentrum laufen …

Das und noch viel mehr findet ihr im neuen STADTKIND!

 

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Kinder-Schwimmen beim Miet-Hai

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Kinder-Schwimmen beim Miet-Hai


Aus der Rubrik „UNBEKANNT VERZOGEN – Das Elterntagebuch“

Vor kurzem lieferte mir eine Freundin dieses Kolumnenthema frei Haus: Sie hatte sich eine Wohnung angeschaut und wollte diese gern mieten. Als der Eigentümer erfuhr, dass sie gern mit Freund und Kind einziehen wollte, war die Sache jedoch erledigt. Es scheint, als seien nicht nur dunkle Hautfarbe und komplizierte Nachnamen ein Hindernis bei der Wohnungssuche – Nachwuchs ist das neue Trend-Stigma im Immobilienmarkt.

Zunächst mache ich mich mal unbeliebt: Ich kann jeden Vermieter ein bisschen verstehen. Mit Kindern ziehen immer auch Lärm, Ärger und Zerstörung ein. Eine Wohnung sieht nach fünf Jahren Familienleben anders aus, als nach fünf Jahren Yuppie-Pärchen. Die häufigsten Lärmquellen in Mietshäusern sind auch nicht, wie in Filmen häufig suggeriert, lautstark stöhnende Rammler, sondern lebensfroher Nachwuchs. Ob Hüpfen auf dem Parkett, Fußball gegen die Fassade oder Amoklauf vor dem Schlafengehen – das Repertoire an akustischer Folter ist vielfältig.

Neben, über oder unter einer mehrköpfigen Familie zu wohnen, ist kein Ponyhof. Aber: Das muss man aushalten. Kinderlärm und Kinderdreck sind die Kollateralschäden jeder Gesellschaft, die eine Zukunft haben will. Wer später eine Rente sehen möchte, muss jugendliche Stepptanz-Übungen ebenso akzeptieren wie nächtliches Babykreischen. Das steht im Generationenvertrag – zwischen den Zeilen.

Das scheint jedoch nicht selbstverständlich zu sein. Unter dem Stichwort „Familie findet keine Wohnung“ stößt man bei Google auf jede Menge Horrorgeschichten über jahrelange Suchen, böse Absagen und unmoralische Angebote. Dies passt in eine Zeit, in der die Knappheit von Wohnraum vielen als eine der zentralen sozialen Fragen dieses Landes gilt. In der Politik herrscht, wie üblich, hysterischer Aktionismus. Statt neue Wohnungen zu bauen oder dieses zu erleichtern, denkt man sogar über Enteignungen nach. Kein Wunder, dass die Chaos-Stadt Berlin hier voranschreitet – eine Metropole, die ohne das Business libanesischer Großclans wahrscheinlich gar keine volkswirtschaftliche Aktivität verzeichnen würde.

Dabei gibt es vernünftige Ideen: mehr staatliches Bauland, mehr sozialen Wohnungsbau, vereinfachte Vorschriften zur Senkung der Baukos­ten. Da diese Maßnahmen jedoch eher langsam wirken, hier noch ein paar Spontanideen, um die Wohnungssuche für Familien zu vereinfachen:

1. Jeder Politiker, der das Wort „Enteignung“ in den Mund nimmt, muss seine Wohnung augenblicklich verlassen und sie einer Familie zur Verfügung stellen.

2. Vermieter, die Familien eine Wohnung verweigern, müssen zur Strafe ein Jahr Zivildienst in einer KITA leisten.

3. Jeder SPD-Politiker, der „Mietpreisbremse“ sagt, muss 10 Euro spenden. Vom gesammelten Geld wird das größte Wohnungsbauprogramm der deutschen Geschichte finanziert.

4. Im LEGO-Land werden Notunterkünfte für besonders bedürftige Familien errichtet.

5. Der Berliner Flughafen BER wird in ein Vielfamilienhaus mit Loft-Wohnungen umgewandelt. Von dort kann man dann zwar nicht fliegen, aber die Wohngegend hat einen guten S-Bahn-Anschluss.

6. Es gibt genug Wohnraum – er steht nur an der falschen Stelle. Deshalb: go east! In Ostdeutschland gibt es über eine Million leerstehende Wohnungen. Wir brauchen eine neue Völkerwanderung. Junge Familien in die neuen Bundesländer. Vielleicht müsste dort vorher Gold gefunden werden? Bitte mal jemand buddeln!

7. Viele Züge der Deutschen Bahn fahren ohnehin nicht. Warum lässt man sie nicht gleich stehen und nutzt sie in Metropolen als Wohnung – zumindest auf dem Papier mit Küche, Bad und Klimaanlage.

Zuletzt noch ein Tipp, frei nach Marie Antoinettes kleinem Kuchen-Ratschlag, der die aktuelle Untätigkeit der politisch Verantwortlichen perfekt zusammenfasst: Wenn die Familien keine Wohnungen finden, sollen sie doch in Ferienhäuser ziehen.

Martin Kontzog

Martin Kontzog ist staatlich anerkannter Vater –  ansonsten gilt seine Fürsorge dem Satire-Blog Pingu-Mania (http://pingumania.wordpress.com/)

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Neu in der Stadt im Mai

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Neu in der Stadt im Mai


NicezeitNicezeit Lindener Eiskonzept    
Direkt am Schmuckplatz hat das Nicezeit Lindener Eiskonzept eröffnet. Mit einem neuen (Eis-)Konzept wird der Platz um eine weitere Facette bereichert: Der minimalistische Einrichtungsstil aus Blau- und Grautönen in Verbindung mit klassischen oder auch veganen Eisspezialitäten passt perfekt nach Linden-Mitte. Inhaber Michael Kronlage, der weiterhin als Radiologe am Nordstadt-Klinikum tätig ist, will so das klassische Milchspeiseeis revolutionieren. In Eigenherstellung entwickelt er in seinem Eislabor Sorten wie weißer Honig oder Lakritz-Himbeer. Je Kugel zahlt man 1,30 Euro, denn Bio-Qualität hat ihren Preis. Zu der modernen Ausstattung zählt auch ein Coldstone. Auf dem Minus 13 Grad kalten Stein werden Eissorten in Handarbeit kombiniert und auf Wunsch um Zutaten wie Oreo oder Kinder-Riegel ergänzt. Wer`s lieber flüssig mag, kann auch zu einer eiskalten Limo oder einem frischgemixten Milchshake, mit dem Geschmack seiner Wahl greifen. Der Kassenschlager ist das vegane Schokoladensorbet – unbedingt probieren! Täglich geöffnet von 13-19 Uhr, außer montags. Nicezeit Lindener Eiskonzept, Velberstraße 15, Inhaber: Michael Kronlage.

 

Foto: Frank Rohnedreiundreißig    
Ein Hybrid aus Weinhandel, Bar und Galerie – das dreiundreißig. „Das müssen die Leute selber entscheiden wenn sie herkommen. Das lassen wir bewusst offen“, antwortet Besitzer Hauke Esch auf die Frage, was man sein wolle. Hier in Linden-Nord wird die Tradition des Vaters fortgesetzt. Aber eben in einem neuen Gewand, mit modernen Events: Alle zwei Wochen, immer Samstags, legt ein DJ auf. An der Galerie-Wand wird lokale Kunst präsentiert und ganzwöchig laden aktuelle Weine im Ausschank zum Probieren ein. Größtenteils in Bio-Qualität und selbstverständlich mit persönlichem Kontakt zu den Winzern. „Wir wollen Wein zugänglicher machen – für junge Leute. Man braucht diese ganze Attitüde drumherum eigentlich nicht“. Dieses Selbstverständnis spiegelt sich auch im Laden wieder. Angefangen bei 5,90 Euro pro Flasche, sind nach oben keine Grenzen gesetzt. In Verbindung mit dem alten Holzfußboden und der gemütlichen Couch entsteht eine vollkommen ungezwungene Atmosphäre. Die moderne Interpretation des Weintrinken eben. Kötnerholzweg 33, 30451 Hannover, dreiunddreissig.weine@gmail.com.  Text: Tido David, Foto: Frank Rohne

 

Foto: zoom ClubZoom Club    
Hannovers Partylandschaft ist um eine Location reicher: Keine zwei Minuten vom Hauptbahnhof entfernt, in Fußnähe zur Baggi, dem Dax und dem Palo Palo hat sich auf der unteren Ebene des Raschplatzes der Zoom Club eingenistet. Mit seiner geräumigen Tanzfläche und wöchentlichen Rabatt-Aktionen will der Club nun jeden Samstag und Sonntag zur Anlaufstelle für die Partyhungrigen der Stadt werden. Das Motto: Black Music, Free Shots und Happy Hour bis 1 Uhr. Zur Eröffnung am 23. März legte schon einmal DJ Shoko einen Mix aus Deutschrap, HipHop, R‘N‘B und Dancehall vor. Die vergangenen Wochenenden haben bereits einen Vorgeschmack auf zukünftige Veranstaltungen gegeben: Am Zoom Saturday zum Beispiel locken Cocktail-Angebote und Drink Specials, Urban Zoom verspricht einen international versierten DJ und an den Girls Night Out Abenden genießen Frauen freien Eintritt. Achtung: Um nicht durch einen Einlassstop ausgebremst zu werden, sollte man frühzeitig da sein! Zoom Club, Raschplatz 6, 30161 Hannover, Einlass freitags und samstags ab 23 Uhr, Eintritt 7 Euro. Instagram: @zoom_club_hannover, www.zoom-club.eu

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Ein letztes Wort im Mai…

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Ein letztes Wort im Mai…


Herr Weil, schon bei unserem Treffen vergangenen Monat haben wir festgestellt, dass Europa uns beiden am Herzen liegt. Machen sie darum ruhig mal ein bisschen Wahlkampf für Europa und für alle proeuropäischen Parteien. Wer ernsthaft zweifelt, ob er für Europa sein soll, der darf gerne mal Richtung Großbritannien gucken. Was dort gerade passiert, sollte Europagegner sehr, sehr nachdenklich machen. Jetzt erst erkennen viele Briten, wie wichtig beispielsweise Europa für Ihre Wirtschaft ist. Wenn es etwas Positives gibt, was man dem Brexit abgewinnen kann, dann, dass er hoffentlich diese Nachdenklichkeit fördert. Es gibt sehr gute und harte Argumente für Europa. Von der Europäischen Gemeinschaft hängt ein Großteil unseres Wohlstands ab. Und Menschen meiner Generation kennen noch einen ganz anderen Zustand, ohne offene Grenzen und gemeinsame Währung. Europa hat uns ein hohes Maß an persönlicher Freiheit gebracht. Und fragen Sie mal einen Historiker, wann es seit der Besiedelung der norddeutschen Tiefebene bei uns eine Phase gegeben hat, in der über siebzig Jahre lang ununterbrochen Frieden und politische Stabilität geherrscht hat? Der Historiker wird ihnen antworten, dass es so eine Zeit zuvor noch nie gegeben hat. Genau das verdanken wir unter anderem der EU. Es ist darum ein Muss, zur Europawahl zu gehen und die eigene Stimme bitte einer klar proeuropäischen Partei zu geben.

Trotzdem muss sich die EU in ihrem jetzigen Zustand durchaus sehr viel Kritik gefallen lassen. Wie sich die einzelnen Mitgliedsländer verhalten, ist teils sehr fragwürdig und mit demokratischen Grundprinzipien fast nicht mehr vereinbar. Man verweigert beispielsweise die Solidarität, wenn es um die Aufnahme von Flüchtlingen geht. Man exportiert Waffen in irgendwelche brisanten Gegenden. Man ist weit entfernt, für einen fairen Handel zum Beispiel mit Afrika zu sorgen. Man ist weit entfernt, genug für den Klimaschutz zu tun. Die Liste ist lang. Und vor allem junge Menschen sehen das alles zunehmend kritisch. Warum soll ich also mit meiner Stimme ein Konstrukt unterstützen, das sich derart in Schieflage befindet. Damit es einfach so weitergeht? Natürlich ist Europa nicht perfekt. Es geht in einer Demokratie immer darum, etwas zum Positiven zu verändern. Das ist für mich das Wesen der Demokratie. Dass man sich die unterschiedlichen Ideen und Vorschläge der Parteien anschaut. Wer möchte Europa wie in eine für alle Menschen positive Richtung lenken? Dann kann man je nach den eigenen politischen Vorstellungen sein Kreuz machen. Nicht zur Wahl zu gehen würde bedeuten, das Feld in Gänze den destruktiven Kräften zu überlassen, die den Euro abschaffen und sich am liebsten in ihren Nationalstaaten einmauern wollen. Ich verstehe viele Kritikpunkte an der EU wirklich sehr gut. Aber was würde ich erreichen, wen ich nicht zur Wahl ginge? Geht es darum, als Nichtwähler seinen Protest an den herrschenden Zuständen auszudrücken? Entschuldigung, aber das halte ich für komplett falsch. Es muss darum gehen, sein Kreuzchen konstruktiv zu setzen.

Dann geht man also hin und wählt das kleinste Übel? Ich würde immer vom relativ Besten sprechen. Demokratie bedeutet Kompromiss. Es gibt unterschiedliche Interessen, die Politik muss für einen Ausgleich sorgen. Für mich ist das Glas halb voll und nicht halb leer. Und sein Inhalt ist wertvoll, wir dürfen es nicht einfach zerschlagen. Die Briten führen dieses schlechte Theaterstück nun seit einer Weile auf. Man muss in einer Demokratie genau hinsehen, sich Parteien und Programme ansehen, den eigenen Verstand bemühen und dann die Partei wählen, die den eigenen Vorstellungen am nächsten kommt. Sich ganz abzuwenden, weil es nirgends hundertprozentig passt, ist Nonsens. Das. Macht. Keinen. Sinn.

Europa besser zu machen, das scheint momentan ein bisschen schwierig zu sein. Da kommt ein Macron mit Vorschlägen, die teilweise auch von der Europäischen Kommission als sehr konstruktiv aufgenommen werden, und er streckt die Hand aus Richtung Deutschland, aber niemand greift wirklich zu. Zumindest nicht Frau Merkel oder Frau Kramp-Karrenbauer. Ich finde, Europa muss sich stärker auf wesentliche Punkte konzentrieren und in anderen Bereichen weniger reglementieren. Zur Hannover Messe hat mich hier der italienische Botschafter besucht und mir von der unglaublich hohen Jugendarbeitslosigkeit in Italien berichtet. Da findet eine ganze Generation keinen Job. Dass diese Generation von Europa nicht gerade begeistert ist, finde ich sehr nachvollziehbar. Um diese jungen Menschen müssen wir uns schleunigst kümmern. Die Europäische Union hat nach der Weltfinanzkrise den ganz großen Fehler gemacht, nicht entschieden genug für Investitionsanreize zu sorgen. Auch Deutschland hat viel zu wenig um die Interessen der Gemeinschaft gekümmert, sondern die eigenen, nationalen Interessen in den Vordergrund gestellt. Man war in erster Linie auf den eigenen Vorteil bedacht. Das ist dann wie in einer Fußballmannschaft, in der alle versuchen, möglichst nur selbst gut auszusehen. So eine Mannschaft wird keinen Erfolg haben.

Die Italiener fühlen sich auch mit den Flüchtlingen sehr alleine gelassen.
Das ist leider ein weiteres Beispiel für ein echtes Desaster innerhalb der EU. Viele Italiener fühlen sich vollkommen zu recht total im Stich gelassen von Europa in der Flüchtlingsfrage. Und eigentlich müssten wir das in Deutschland sehr gut nachvollziehen können, uns ist es nämlich im Herbst 2015 und im Winter 2015/16 auch so gegangen. Aber Europa hat bis heute noch immer kein Konzept, gemeinsam vernünftig auf die Lage zu reagieren. Das ist ein großer Fehler und wenn einige Akteure weiter auf der Bremse stehen, so wie zum Beispiel Herr Orbán aus Ungarn, dann müssen einzelne Länder vorangehen, beispielsweise Deutschland und Frankreich. Wir dürfen angesichts der Not der Menschen und der schwierigen Lage Italiens nicht so lange warten, bis auch beim Letzten der Groschen gefallen ist.

Braucht es jetzt eine Politik der kleinen Bündnisse? Ja. Wir brauchen ein Europa der zwei Geschwindigkeiten. Das kann nur ein Zwischenschritt sein und nicht das Ziel der gesamten Veranstaltung. Aber wir dürfen es nicht zulassen, dass die ganze Europäischen Gemeinschaft ins Stocken gerät, weil einige Beteiligte sich nur die positiven Effekte der EU herauspicken und Verpflichtungen ablehnen. Also brauchen wir kleine Bündnisse zwischen möglichst vielen Staaten, die vorangehen – immer mit der Einladung an alle anderen, den eingeschlagenen Weg mitzugehen. Das wird die Realität in den kommenden Jahren sein. Es gibt momentan einfach zu große, ja teils sehr extreme Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten. Wenn wir zu lange auf gemeinsame, einstimmige Beschlüsse warten, verliert die EU ihre Dynamik und ihre Glaubwürdigkeit.

Um welche Themen muss es bei so einem Aufbruch zuerst gehen? Zwei der Hauptthemen habe ich ja schon angesprochen. Es muss um die Sicherstellung wesentlicher sozialstaatlicher Elemente in Europa gehen und um einen fairen Umgang mit Geflüchteten. Und es geht um die ökonomische und ökologische Entwicklung Europas. Wir stehen als Europäische Gemeinschaft in einem weltweiten Wettbewerb. Die Chinesen sprechen gar nicht über Deutschland, mit unseren 80 Millionen Menschen werden wir kaum wahrgenommen. 500 Millionen Menschen in Europa haben dagegen schon mehr Gewicht.

Was ist mit der Haltung? Wie geht Europa mit der Armut in der Welt um? Viele vermissen Antworten auf diese Fragen. An Worten fehlt es bei diesen Themen meist nicht, konkret wird es seltener. Es ist absurd, dass in Berlin immer mal wieder laut darüber nachgedacht wird, die Ent-wicklungshilfe zu kürzen. Noch wichtiger aber wäre es, den Menschen in ärmeren Regionen dabei zu helfen, die eigene Wirtschaft aufzubauen statt dort zu Ausbeutung und Umweltzerstörung beizutragen. Wir müssen uns beispielsweise sehr viel stärker für fairen Handel einsetzen, verbindliche unternehmerische Sorgfaltspflichten einfordern und nachhaltigen Pro-dukten einen vorrangigen Marktzugang gewähren.

Braucht es für Europa mehr Obama, mehr Pathos und Vision? Es braucht jedenfalls häufiger den Blick auf den gesamten Wald. Wir arbeiten uns manchmal sehr an den einzelnen Bäumen ab und sehen nicht das Große und Ganze. Aber es braucht immer auch einen klaren Blick auf das Machbare. Ich sag es mal mit Wilhelm Raabe: „Blick auf zu den Sternen und gib acht auf die Gassen.“

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Silke Jaworr

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Silke Jaworr


Silke JaworrPaper Art | Grafikdesign | Illustration

Silke Jaworr hat sich dem Grafikdesign verschrieben und zaubert bildsprachgewandte grafische Lösungen von der klassischen und digitalen Illustration über das Plakat bis zum Corporate Design. Neben dem speziellen Grafikauge hat die studierte Grafikdesignerin aber noch ein ganz besonderes Händchen für ästhetische Aufträge jenseits der Bildschirmarbeit; die sogenannte Paper Art. Cover- und Editorialillustrationen, Set Designs und vieles mehr fertigt sie komplett per Hand aus Papier und verleiht deren Botschaft mit Dreidimensionalität und ganz eigenem Stil mehr Nachdruck.

Seit 2012 arbeitet die junge Selbstständige freiberuflich für verschiedene kleine und große Unternehmen, Privatkunden und Agenturen in Hannover und darüber hinaus. Ihr Hauptgeschäft macht sie mit Corporate Design, also mit Logo-Gestaltung, dazugehörigen Visitenkarten, Geschäftspapieren, Flyern, Plakaten, Broschüren, außerdem Webseiten Design (die Programmierung übernimmt ein Programmierer, den sie kennt). Silkes Stil ist sehr minimalistisch, mit seinen ein bis zwei Farben und seinen einfachen Formen ganz clean, und der passt wiederum auch zu ihren Papierillustrationen, in denen Silke zwar viele Details, aber hauptsächlich klare Kanten ohne Schnörkel zeigt.

Illustration: Silke JaworrDie Paper Art ist eine tolle Ergänzung zur digitalen Optik, in der sich flache Elemente super mit 3-D-Objekten kombinieren lassen und ganz eigene Effekte entstehen. Deutschland ist auf diesem Gebiet ziemlich hinterher, in anderen Ländern wie Italien, Spanien oder England nutzen selbst große Unternehmen zunehmend diese Art der Illustration. Viele Zeitschriften werden damit illustriert, Geschäftsberichte und Infografiken bebildert, Firmen wie Hermès gestalten ganze Schaufenster detailversessen mit Riesenfiguren, die aus winzigen Papierschnipseln bestehen. Silke hat schon tolle Papier-Sachen gemacht wie ein großes Aufmacher-Bild und vier kleine Zusatzillustrationen passend zum Artikel „Briefe schreiben” in der Frauenzeitschrift Freundin und ein Set Design für Natur-Kosmetik (das Endprodukt war ein Plakat). Nach der Anfrage entwickelt Silke die Idee, macht eine grobe Bleistift-Skizze und bei Gefallen anschließend genauere Feinskizzen mit Farben, bevor es schließlich ans Schnippeln geht. Das Ausschneiden macht sie allerdings nicht mit der Schere sondern mit dem Skalpell, was laut Silke viel intuitiver, flüssiger funktioniert, fast als würde man zeichnen. Am Ende wird das Papierwerk abfotografiert und das Foto retuschiert. Aus einem privaten Faible heraus hat Silke schon eine Illustration zu einem Songtext von Helge Schneider gemacht, ansonsten für verschiedene Anlässe Grußkarten designt und Logos in jahreszeitentypische oder Feiertags-Papier-Kostüme gesteckt. In der Bürogemeinschaft in Linden steht sogar eine kleine Büropflanze aus Papier – die ultimative Idee für Menschen ohne grünen Daumen und genauso praktisch und floral-schön wie ihre Immergrün-Blumensträuße zum An-die-Wand-Hängen. Silke ist zudem Co-publisher von pssst! HANNOVER, dem Shopping-, Kaffee- und Kulturguide mit Gutscheinen, den sie mit Corinna Lorenz und Shantala Gajek illustriert, designt  und herausgegeben hat. Ein weiteres Herzensprojekt ist ein Kinder-Bilderbuch, das sie mit einer Freundin zusammen angefangen hat: mit Text in Reimform und Papier-Illustrationen von Silke. Hierfür suchen die beiden momentan einen Verlag.

Illustration: Silke JaworrText: Anke Wittkopp

Marienwerderstraße 1, 30449 Hannover
Tel. (0511) 22 80 18 42
kontakt@silkejaworr.de
www.silkejaworr.de
www.behance.net/SilkeJaworr (Portfolio)

Öffnungszeiten:  Mo bis Fr 9-15 Uhr

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il piccolo nero

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il piccolo nero


Klein, zum Glück aber nicht schwarz sondern in satten Farbtönen gehalten, präsentiert sich das schmucke Ecklokal von Cati Privitera. Das ehemalige Ristorante Mamma Raffaele wurde von ihr in ein schickes neues Gewand gesteckt und lädt zu spanischen Vorspeisen-Neuerungen, aber auch weiterhin zu italienischen Spezialitäten sowie zu edlen Tropfen aus dem Weinregal ein.

il piccolo neroWarm und exklusiv gemütlich ist es hier, man lässt den Straßenzug draußen hinter schweren Samtvorhängen in Pfauen-Blau. Auch einige Wände und samtene Cocktailsessel-Stühle greifen den gleichen Farbton auf, andere Sitzgelegenheiten kontrastieren in Altrosa. Messinggoldene und grafische Elemente wiederholen sich im Wand- und Säulendekor, ein originelles Lampenkonzept und ein Kaminfeuer vom Bildschirm an der Schieferwand spenden heimeliges Licht, es kommt Wohnzimmer-Atmosphäre auf. Das mag auch daran liegen, dass man sich hier kennt; viele Tischnachbarn grüßen sich oder plaudern beim Aperitif und zwischen den Gängen über die schmalen Tellertaxistraßen hinweg. Es lassen sich unschwer lange Abende in fröhlicher Runde an den Bartischen vorstellen, wo sich zu den flüssigen Favoriten der Vinoteca wie dem beschwingten Alceo Primtivo gerne das Bruschetta Linden (für 4 Euro) mit seinem lohnenden Basilikum-Pesto gesellen darf.
Wir wenden uns weiteren Gerichten des argentinischen Kochs aus Barcelona zu, der für die  spanische Schlagseite der Speisekarte verantwortlich ist und mit einer ganzen Reihe typischer Tapas wie Tortilla und Co. aufwartet, die wir heute aber zugunsten unbekannterer Kreationen links liegenlassen. Der „betrunkene“ Ensalada Boracha (für 10,50 Euro) besteht aus forsch würzigem Rucola und schüchtern süßer Birne, die nur allzu gerne mit dem Lolo Bianco muntere Trinkspielchen spielen würden, wenn ihnen doch bloß die starken Parmesan-Blätter etwas von der sensationellen Prosecco-Mayo abgeben wollten – die Blattsalate wären ohne unsere (Ein-) Mischung glatt ohne einen Tropfen davon verdurstet, daran hätten auch die spritzigen Cocktailtomätchen nichts mehr ändern können.

il piccolo neroNächstes Mal lieber gerührt statt geschichtet! Die Ravioli überzeugen in einer Limetten-frischen Salbei-Butter geschwenkt mit Honigtupfern in der dezent nussigen Füllung – für 12,60 Euro hätten es aber ein paar mehr sein dürfen. Ein überschwängliches Lob können wir dagegen für das Tagesgericht Solomillo de cerdo mit manzana a la parrilada und Dijon-Senfsauce (für 15 Euro) aussprechen, das uns von Beginn an neugierig gemacht hat: Saftiges Fleisch und Bratapfelscheiben passen hervorragend zusammen und zur Sauce, die Fruchtsäure und -zucker sowie Senfschärfe galant zu balancieren weiß. Der leichte, perfekt aufgeschäumte Traum verdient, wenn selbst montiert, das vollste Entzücken von Saucen-Fans wie uns. Insgesamt stecken hier nur noch manche Teufel im Detail (wie das Fauxpas mit dem Salatdressing, fehlendem Salz – am Essen wie am Tisch – oder dass die Bestecktaschen aus Papier nicht zum Inhalt oder zu den hübschen Flaschenkühlern passen), die nach der Startphase bestimmt ausgeräumt sind. Die Voraussetzungen dafür bringen die quirlige Besitzerin des Ristorante, der Koch an ihrer Seite und ihre liebevoll gestalteten Räumlichkeiten allemal mit, sodass man sich schon jetzt wohlfühlen kann und dabei gut verpflegt und sympathisch umsorgt wird.

 

Text: Anke Wittkopp

Viktoriastraße 37
30451 Hannover
Tel. (0511) 450 187 80
www.ilpiccolonero.de
Öffnungszeiten:
Mo – Do 17-23 Uhr
Fr & Sa 17 Uhr – open end
Sonntag Ruhetag

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