Editorial 01-2026

Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe erste Ausgabe im Jahr habe ich Maike Bielfeldt getroffen, die Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer Hannover. Und ich habe sie zum Einstieg gefragt, ob sie ihren ersten Arbeitstag in Hannover noch vor Augen hat. Sie hat nicht lange überlegen müssen. Sommer 2020, zwischen den Lockdowns, unfassbare Hitze, ein Start unter Bedingungen, die man heute schon fast wieder verdrängt hat: Hybrid-Veranstaltungen, Stühle mit einigen Metern Abstand und eine Welt im Ausnahmezustand. Kein leichter Start, eher mit angezogener Handbremse. Aber sie erzählt, dass es Hannover ihr trotzdem leicht gemacht hat. Offen, zugewandt. Eine Stadt, in der man sich immer wieder begegnet – Dezernentin neben Minister, Kommunalpolitik neben Landespolitik, kurze Wege. Für jemanden, der vermitteln, verhandeln, verbinden muss, ist das ein Pfund. Und es ist ein Standortfaktor.

Maike Bielfeldt hat früh gewusst, in welche Richtung es gehen sollte. Sie ist noch während der Schulzeit in einem Artikel zu Berufen über die „Wirtschaftsprüferin“ gestolpert und hat dann angefangen zu recherchieren, wie man das wird. Sie hat nach dem Abitur zunächst eine Banklehre gemacht, dann Volkswirtschaft studiert, sie ist nach Valencia gegangen und hat sich mit rudimentärem Spanisch durch BWL gekämpft. Und sie hat nebenbei gearbeitet. Beim NDR, im Hemdenladen, im Feinkostgeschäft, in Restaurants. Als Kind hat sie Kirschen im Alten Land gepflückt – und gelernt, wie lange es dauert, bis so ein Eimer endlich voll ist.

Das alles hat sie geprägt: Arbeit, Zahlen, Tempo, Pragmatismus – und ganz viel Lust auf Menschen und Gespräche. Sie ist zufrieden mit ihrer jetzigen Position, sie ist genau da angekommen, wo sie hinwollte. Sie vertritt die Interessen von rund 190.000 Unternehmen. Und ja, das ist natürlich herausfordernd. Aber sie achtet auf den Ausgleich. Keine Grübelschleifen, Sie nimmt nichts mit in die Nacht. Und falls es mal ein echtes Wochenende gibt, dann nimmt sie auch nichts mit ins Wochenende. Außer eine große Kanne Tee und ein gutes Buch. Dazu ist Sport ihre Geheimwaffe gegen Stress. Sie hat immer ihre Laufsachen dabei.

Natürlich haben wir auch über Gleichberechtigung gesprochen. Über Frauen in Führungspositionen. Maike Bielfeldt blickt momentan ziemlich besorgt auf einen Kipppunkt, sie sieht einen Trend zum Rückzug ins Häusliche. Es ist ein Rollback. Gleichzeitig erzählt sie, wie aus einem IHK-Frauennetzwerk mit 30 Teilnehmerinnen inzwischen über 600 geworden sind. Wie aus Sichtbarkeit Selbstbewusstsein entsteht – und aus Selbstbewusstsein Veränderung in den Gremien. „Ich werde Chefin“ heißt eine Kampagne, bei der Unternehmerinnen und auch Bielfeldt selbst Mädchen einen Tag lang mitnehmen. Es geht darum, Role Model zu sein.

Und dann kommt der harte Teil: Die Wirtschaft 2025 und die Aussichten auf 2026. „Schlecht“, sagt sie kurz und knapp. Und die Stimmung sei noch einmal deutlich nach unten gerutscht, nach dem ausgebliebenen Herbst der Reformen. So würde die Politik Investitionen ausbremsen. Dass viele Unternehmungen über Verlagerungen ins Ausland nachdenken, sei im Grunde logisch. Zentral ist für Maike Bielfeldt Verlässlichkeit. Keine Endlosdebatten, keine unstete Politik, keine Regeländerungen im Monatsrhythmus plus Bürokratie und Misstrauenskultur. Was sie neben schnellen Reformen einfordert, ist ein grundsätzlich anderer Blick auf die Unternehmer*innen im Land, weil die sich engagieren, sich einsetzen, etwas in Bewegung bringen und Arbeitsplätze schaffen. Maike Bielfeldt hat eine ziemlich klare Vorstellung davon, was passieren müsste: mehr Vertrauen, mehr Entschlossenheit, mehr Mut zum Pragmatismus. Und hin und wieder ein lohnender Blick über den Tellerrand, der uns in Deutschland oft fehlt. Dänemark sei zum Beispiel digital und effizient – und trotzdem erreiche man die europäischen Datenschutz-Standards. Mehr im Interview ab Seite xx.

Und ja, in dieser Ausgabe geht es weiter mit Stephan Weil auf der letzten Seite. Wir haben einfach festgestellt, dass uns das noch eine Weile Spaß machen könnte. Die 201 dreht sich um die neue Sicherheitsstrategie der USA. Dass es mit Stephan Weil weitergeht, heißt aber nicht, dass mir das Gespräch mit Olaf Lies keinen Spaß gemacht hat. Im Gegenteil. Das scheint mir ein ganz sympathischer Mensch zu sein. Und das macht mir tatsächlich ein bisschen Hoffnung. Ich treffe immer wieder Menschen mit politischen Ämtern, die tatsächlich eine Agenda und einen Kompass haben, die etwas besser machen wollen, und die mir darum sympathisch sind. Leider dünnt sich das Richtung Berlin dann sehr aus, aber daran könnte man ja mal arbeiten. Vielleicht schaffen es die Parteien künftig, nicht mehr die eitlen Selbstdarsteller und wandelnden Profilneurosen in die erste Reihe zu stellen. Das ist doch mal für CDU, SPD und Co. ein guter Vorsatz für 2026, oder?

2026 ist ganz bestimmt ein Jahr, auf das man eigentlich nur mit großer Sorge blicken kann, angesichts irrlichternder Staatenlenker und der vielen Krisen, die diese Herrschaften uns bescheren. Es ist wirklich seltsam, dass wir Menschen ganz offensichtlich die Tendenz haben, sich die schlechtesten, die empathielosesten, die skrupellosesten Exemplare als Führungspersonal auszusuchen. Ein Rätsel. Warum machen wir das? Wer mir das erklären kann, soll mich bitte mal anrufen.

Viel Spaß trotzdem mit dieser Ausgabe!


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