Matthias Brodowy, obwohl in Braunschweig geboren und bundesweit bekannt und geschätzt, ist ohne Zweifel ein echtes Stadtkind Hannovers! Richtig gut und trotzdem bescheiden! Egal wo er in Hannover auftritt, der große Saal oder die kleine Konzertstube sind immer voll. Bei seinem übervollen Terminkalender und seiner Familienverbundenheit hätte er es nicht nötig, auf den zahlreichen kleinen Bühnen der Region aufzutreten, aber da spielt sein menschenfreundliches und auch soziales Herz nicht mit. Er ist nun mal eben nicht nur der gefragte Kabarettist, Komiker, Conférencier, Sänger, Pianist, Komponist und Sozialaktivist, er will mit seinen feinsinnigen, nie unter der Gürtellinie angesiedelten Texten und seinen nie mit unmenschlichen persönlichen Herabwürdigungen verbundenen satirischen Auslassungen den Menschen (und auch den kleinen Spielstätten) einfach eine Freude machen. Keine Spur von Agitation wie bei Dietrich Kittner, dafür viel weiser, heiterer Humanismus à la Hanns-Dieter Hüsch. Jetzt wird er auch noch literarisch aktiv und man fragt sich automatisch: Wann und wie schafft dieses umtriebige Multitalent das alles.
„Der Leuchtturmhüter“, eine Co-Produktion mit dem Maler Ole West war 2017 der Anfang. Dann erschienen 2023 im zu Klampen Verlag die satirisch-phantastischen Miniaturen „Klappstuhl und ich!“ und jetzt ebenfalls bei zu Klampen „Erinnerungen, die noch nicht stattgefunden haben, sind umgehend nachzuholen“. Es ist kein Roman, keine Novelle, es ist – in aller brodowyschen Bescheidenheit – „nur“ eine ziemlich „verrückte“ satirische Erzählung. Dafür mit genial und ganz nebenbei verstecktem Tief- und Hintersinn und alles in allem ein ausgesprochener, in dem Fall aufgeschriebener Lesespaß.
Sorry, dieser letzte Satz müsste eigentlich am Ende dieser Buchvorstellung stehen, aber diese unübliche Vorgehensweise lässt mich hoffen, dass meine Rezension zu Ende gelesen wird: Das Buch beginnt und endet mit einem verflixten Zauberwürfel. Dazwischen liest man ebenso skurrile wie wortspielerische, ironische, satirische, echte und erfundene Begebenheiten, Beobachtungen, Reflexionen, Absurditäten, witzige Dialoge, nachdenkliche, beklemmende Erinnerungen, verblüffende Einsichten, aktuelle Zeiterscheinungen und Zufälle, die keine sind. Das hört sich alles wie ein wilder Mix an, ist es aber nicht, denn alles ist ganz logisch und lesefreundlich in den höchst originellen Frage-Rahmen „verpackt“, was in diesem Büchlein eigentlich alles stehen soll. Was das Lesevergnügen noch erhöht, ist ein nicht hochgestochener Schreibstil, sondern die Kunst, sich mit einer einfachen, jedoch feinen Sprache glasklar auszudrücken. Und was für mich dieses Büchlein geradezu wertvoll macht, sind zum einen die nachdenklichen „Sätze für die Ewigkeit“ sowie seine ganz altmodisch per Füllhalter notierten Einträge in sein „Sudelbuch“. Das sind ohne Frage originäre literarische Perlen! So ganz nebenbei wird darüber hinaus eine brandheiße, höchst aktuelle Frage mit all‘ ihren Sichtweisen ins Spiel gebracht. Ohne besserwisserischen Zeigefinger und ohne konkrete Antwort. Um welche Frage es sich dabei handelt, sei an dieser Stelle nicht verraten. Schließlich sollen Sie das Büchlein ja lesen und die aufgeworfene Frage selbst beantworten. Aus meiner Sicht: Unbedingt!
Erwin Schütterle

