Es war einmal ein Truthahngeier namens Fred. Er lebte auf den Falklandinseln und das auch recht gerne. Seine Großeltern hatten ihm erzählt, dass einmal eine Frau, die seiner Gattung nicht unähnlich sah, angeblich aber eine englische Lady gewesen sei, einen Krieg um sein Zuhause angezettelt habe, aber das juckte ihn nicht weiter, denn das war lange her. Auch sollte nämliche Lady Miterfinderin des Softeises gewesen sein, das juckte Fred aber genau so wenig, denn er aß lieber Fleisch. Besonders gern Aas, denn wenn er es sich eingestand, war er im Jagen eine ziemliche Niete. Mal eine Maus, ja, das konnte er bewältigen, aber alles, was größer war? Puh, nee. Mit seinen Jagdskills nicht machbar. Da verließ er sich lieber darauf, dass irgend so ein dämlicher Pinguin vor ein Auto watschelte. Das passierte quasi ständig. Und weil er gut riechen konnte, fand Fred die armen Opfer immer als Erstes. Allerdings wurde er stets verfolgt: Eine Gruppe von Rabengeiern hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihm zu folgen. Deren Geruchssinn war weniger gut, aber dafür waren sie fies, richtige Mobster. Und wann immer Fred einen schönen frischen Kadaver fand, konnte er drei bis vier Bissen nehmen, ehe die Gang ihn verjagte. Elende Milchgeldräuber, dachte Fred jedes Mal, wollte aber keinen Stress und gab nach. Ein ums andere Mal überließ er seinen Fund den Rabengeiern und machte sich seufzend auf die Suche nach alternativen Futterquellen. Fred war einfach zu harmoniebedürftig und, wie gesagt, seine Kampfskills waren nicht der Rede wert. Bis zu einem gewissen Mittwoch im Mai. Mit seinem typisch schaukelnden Gang watschelte Fred am Strand entlang. Gerade hatte er sich zwei dicke, nicht mehr ganz frische aber dennoch schmackhafte Möwen schmecken lassen, die an der Küste verendet waren. Satt und vergnügt darüber, dieses Mal nicht von den Mobstern gestört worden zu sein, unternahm er einen Verdauungsspaziergang, als er etwas hörte. Sie kamen. Die Gang. Mann, waren die sauer. „He, Fred, du hast uns unser Frühstück weggefressen!“, riefen sie. „Ist ja gar nicht wahr, ich hab‘s gefunden!“. Aber sie näherten sich ihm bedrohlich, Fred musste ein bisschen an Anthony Burgess‘ „Uhrwerk Orange“ denken (Fred war sehr belesen), nur eben mit schwarz gekleideten Protagonisten. Plötzlich tauchte eine Gruppe Eselpinguine auf und ätzte: „Fred – gefräßig und hässlich! Ha, ha!“ Hässlich! Er! Die hatten wohl noch nie den Präsidenten der USA gesehen! Schon wälzten sich zwei Seelöwen zu ihm herum und dröhnten mit ihren tiefen Stimmen Schmähungen in seine Richtung. Drei hübsche Albatrosdamen kicherten albern über das Schauspiel, während ein Rudel Füchse ihn seltsam knatternd auslachte.
In Freds Kopf legte sich nun ein Schalter um. Es reichte! Der Punkt war erreicht, an dem er all das nicht mehr hinnehmen wollte. Er checkte seine Optionen. Na, allzu viele gab es nicht gerade. Er erinnerte sich, mal eine Novelle von Stephen King gelesen zu haben. Sie hieß „The Body“ und Fred hatte fälschlicherweise angenommen, es gehe um etwas zu essen. In dieser Geschichte gab es aber noch eine Mini-Geschichte, in der ein dicker Junge, der von allen nur „Schmalzarsch Hogan“ genannt wurde, Rache an seinen Peinigern nimmt, indem er sie alle mit Blaubeertörtchen vollkotzt. Mit Törtchen konnte er nicht dienen, wohl aber mit Möwen-Aas. Außerdem hatten ihm seine Eltern immer wieder gesagt, dass es alte Truthahngeier-Sitte sei, in Krisensituationen erst mal schön abzureihern, bzw., zu -geiern, denn wer weniger wiegt, kann schneller flüchten. So erhob sich Fred nun in die Lüfte, würgte und: Flatsch! – kotzte er der Rabengeiergang ordentlich das Gefieder voll. Die quiekten angeekelt und mussten direkt selbst speien. Von dem Geruch wurde den eitlen Albatrosdamen so übel, dass sie hinter vorgehaltenem Flügel in den Sand göbelten. Die Seelöwen sahen das und erbrachen einen Schwall Fischreste über die Eselspinguine, die nun ihrerseits einen Strahl aus Krill und Oktopus in Richtung der Füchse kotzten. Eine unverdaute Tentakel landete direkt über der Schnauze des Rudelführers, woraufhin der ebenfalls brechen musste und der Rest des Rudels kotzte aus Solidarität heraus mit. Fred war begeistert! Es war, wie Stephen King es beschrieben hatte: ein gigantisches Kotze-Rama! Glücklich, wenn auch mit leerem Bauch, flatterte er davon – und hatte fortan seine Ruhe.

