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Randgruppenbeleidigung: Verbal-Nahkämpfer

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Randgruppenbeleidigung: Verbal-Nahkämpfer


Es gibt Menschen, mit denen kann man wunderbar streiten. Sie hören zu, denken nach, bringen Gegenargumente und sagen gelegentlich den gefährlichen Satz: „Da könnte was dran sein.“

Eine aussterbende Spezies, die man mit der Lupe suchen muss, denn: Die meisten Menschen diskutieren nicht. Sie kämpfen. Und wie bei jedem anständigen Kampf gibt es auch hier eine Art Martial Arts, hier sorgfältig nach Kernkompetenzen aufgeschlüsselt.

Da wäre der Argumentum-ad-hominem-Typ, der sachliche Argumente für eine unnötige Verzögerung hält. Er möchte einfach persönlich werden. Erwähnen wir, dass man besser aufs Klima achten sollte, haut er uns um die Ohren, dass wir doch gar keine Experten auf diesem Gebiet seien. Also könnten wir das ja gar nicht wissen. Ob unsere These trotz mangelndem Expertenstatus weniger richtig ist, interessiert ihn nicht. Generell, die These interessiert ihn nicht, nur, wer sie aufgestellt hat. Mit dem Argumentum-ad-hominem-Typ wird jede Diskussion über Kernenergie zu einer vergnüglichen Charakterstudie des Gesprächspartners machen. Er diskutiert nicht die Meinung, sondern die Geburtsurkunde desjenigen, der sie vertritt und argumentiert am allerliebsten mit „Ausgerechnet du!“.

Noch charmanter ist der Reductio-ad-Hitlerum-Typ. Er betrachtet jede Meinungsverschiedenheit als eine Art historischen Flipperautomaten, bei dem früher oder später die Kugel des Gesprächspartners bei Hitler landet. Aus einfachen Regeln wird direkt „Zensur“, nicht ohne den Hinweis, dass es 1933 schon mal so angefangen habe. Außerdem, da Valerie ja jetzt schon seit Jahrzehnten Vegetarierin ist… wie Hitler!… wird mit der gleich überhaupt nicht diskutiert.

Das Stichwort „Hitler“ beendet jede Debatte sofort, eine Art semantische Uno-Karte. Sobald der Führer auf dem Tisch liegt, ist jede weitere Argumentation historisch unangemessen.

Aus der Nummer kommt man nur raus, wenn man radikal das Thema wechselt. Für so was gibt es ja die Whataboutisten, die mit der geistigen Rauchgranate.

„Apropos Hitler! Du hast letzten Dienstag meinen Geburtstag vergessen.“

Der Whataboutist verwechselt da was: Er hält Gegenbeispiele für Gegenargumente. Wenn man ihm nachweist, dass er bei Rot über die Ampel gefahren ist, erklärt er einem die Korruption im Bundestag. Wenn man ihn beim Abschreiben erwischt, beginnt er über Plagiate in der Wissenschaft zu reden. Wenn man ihn fragt, warum er zu spät kommt, steht plötzlich Stalin vor Gericht.

Seine größte Leistung besteht darin, einen Streit innerhalb von sechs Minuten so weit vom ursprünglichen Thema zu entfernen, dass selbst Google Maps sagt: „Route nicht mehr verfügbar.“ Oder, wie es unter den Aufsätzen in der Schule gerne stand: Thema verfehlt, aber sehr anschaulich erklärt. Wo dann auch direkt der Semantik-Scharfschütze ins Spiel kommt. Er wartet nicht auf Argumente, sondern auf Formulierungsfehler, für die er einen dann bluten lassen kann.

„Das war eine schlechte Entscheidung.“

„Du behauptest also, ich treffe grundsätzlich schlechte Entscheidungen?“

Der Semantik-Scharfschütze weiß: Je genauer man spricht, desto größer die Chance, dass irgendwo ein Wort steht, das man missverstehen kann. Er diskutiert deshalb am liebsten über die Diskussion. Nach zwanzig Minuten ist die ursprüngliche Frage vergessen, aber man hat immerhin geklärt, ob „ziemlich“ stärker ist als „relativ“.

Eine besonders unangenehme Unterart ist Wortknecht Habichdich. Er interessiert sich nicht dafür, was jemand meint. Er interessiert sich dafür, ob er ihn bei einem Widerspruch erwischen kann.

„Du hast vorhin gesagt, A.“

„Ja.“

„Und jetzt sagst du B.“

„Weil ich mich auf deinen Einwand bezogen habe.“

„Aha!“

Dieses „Aha!“ ist die zutiefst befriedigte Interjektion eines Menschen, der glaubt, gerade Watergate aufgedeckt zu haben.

Und dann kommt irgendwann der natürliche Endzustand jeder Online-Diskussion: der Schwanzvergleich. Plötzlich geht es nicht mehr darum, wer ein besseres Argument hat. Es geht darum, wer den anderen öffentlich stärker zerlegt. Quellen werden nicht mehr gelesen, sondern als Munition geladen. Jeder Absatz wird länger, jeder Tonfall giftiger, jeder Tippfehler zum Beweis geistiger Unterlegenheit, es wird lauter und ruppiger und wer bei 10 noch steht, hat Recht. Wobei es darum in Wahrheit ja gar nicht geht, sondern darum, wer von beiden es weniger nötig hat, Recht zu behalten und sich deshalb Großzügigkeit leisten kann. Fast vernünftig eigentlich, diese Einsicht. Bis sie einer von Beiden ausspricht und der andere dann antwortet: „Aha.“

IH

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El Kurdis Kolumne im August: Mehr Licht!

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El Kurdis Kolumne im August: Mehr Licht!


Ich weiß nicht, wann zum ersten Mal fehlendes Licht mit dem Adjektiv „gemütlich“ assoziiert wurde. Aber diese gedankliche Verbindung hat sich offensichtlich flächendeckend durchgesetzt. Googelt man „Gemütlichkeit“ oder vergleichbare Wörter in anderen Sprachen – „cosiness“, „hygge“ – und lässt sich dazu Bilder anzeigen, sieht man neben fluffigen Kissen, Wolldecken, Strickstrümpfen und dampfenden Teetassen vor allem: Kerzen jeder Größe. Oder schummrige Zimmer, in denen mehrere Lampen mit Watt-Zahlen unter der Wahrnehmungsgrenze verteilt wurden. Oder einen Kamin, der nicht nur als Wärme-, sondern offensichtlich auch als einzige Lichtquelle dient. Kurzum: Man sieht saumäßig schlecht beleuchtete Räume!

Ich selbst empfinde allerdings helles Licht als angenehm und behaglich. So definiert übrigens der Duden das Wort „gemütlich“: „Eine angenehme, behagliche Atmosphäre schaffend“. Aber kaum genieße ich einen solchermaßen hell beleuchteten Raum, fühlt sich stets irgendjemand befleißigt, das zu ändern. Ich höre dann Sätze, die für mich wie Drohungen klingen. Zum Beispiel: „Das ist ja wie auf’m OP-Tisch. Ich mach’s uns mal ein bisschen netter“. Und schwupps wird die mein Gemüt auf- und den Raum erhellende Deckenlampe ausgeschaltet und vier bis fünf kleine, oft hinter Sofas versteckte oder gegen die Wand gerichtete Leuchten, sogenannte „indirekte Lichtquellen“, werden angeknipst. Und auch in meinem Herzen wird es dann augenblicklich stockdunkel.

Ich sehe mich diesbezüglich durchaus im Einklang mit der Biologie. Und der Evolution beziehungsweise der Menschheitsgeschichte. Früher, also ganz früher, vor der Erfindung des Feuers, als wir uns noch von Beeren, Knollen, Wurzeln und gelegentlichem rohem Fleisch ernährten, bedeutete Dunkelheit: Schlafen! Und bis heute will unsere Körper dementsprechend reagieren. Möchte man sich aber gegen diese Bevormundung durch die Natur wehren und im Winter nicht schon um 16:00 Uhr ins Bett gehen, muss man es eben hell machen. Richtig hell. Die technischen Möglichkeiten dazu wurden ja inzwischen erfunden. Dieses dustere und düstere „Ich zünde uns eine Kerze an und mach uns noch ’ne Flasche Rotwein auf“ ist so gesehen halbgarer Quatsch.

Die Biologie erklärt das übrigens so: Zufrieden, ausgeglichen und wach fühlen wir uns, wenn das Hormon Serotonin in unserem Körper ausreichend vorhanden ist. Und was regt die Serotoninproduktion an? Licht. Am besten helles Sonnenlicht. Zur Not tut es aber auch eine Tageslichtlampe. Solche oft 10.000 bis 20.000 Lux starke Leuchtkörper werden mittlerweile sogar in der Depressionsbehandlung eingesetzt und wirken – so verschiedenen Studien – bei leichten und mittelschweren Depressionen genau so gut wie moderne Psychopharmaka. Diese SSRI („Selective Serotonin Reuptake Inhibitors“ auf deutsch: „Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer“) arbeiten, wie der Name schon sagt, ebenfalls mit dem Gute-Laune-Hormon. Nur kurbeln sie nicht dessen Produktion an, sondern sorgen dafür, dass das vorhandene Serotonin länger im Körper verfügbar ist.

Der Titel dieser Kolumne bezieht sich übrigens auf die angeblich letzten Worte Goethes, der kurz vor seinem Tod nach „Mehr Licht!“ verlangt haben soll. Wobei die Nachwelt bis heute darüber diskutiert, ob er nur wollte, dass sein Diener den zweiten Fensterladen öffnet oder ob es sich dabei um einen metaphorischen Wunsch nach mehr geistiger Erhellung und Aufklärung handelte. Als Hesse komme ich selbstverständlich auch nicht umhin, die – sorry, aber es muss sein – kalauernde Dialekt-Erklärung zu diesen letzten Worten zu liefern: Der Frankfurter Goethe soll demnach nicht nach „Mehr Licht!“ verlangt, sondern auf Hessisch die Bequemlichkeit seines (Sterbe-)Bettes kommentiert haben: „Mä lischt hier so schlescht!“

Apropos Kultur: Auch im Theater hängen Regisseur*innen und das von ihnen gedungene Beleuchtungspersonal gerne dem Irrglauben an, fehlendes Licht auf der Bühne schaffe „Atmosphäre“ oder eine sogenannte „Stimmung“. Die spezifische Einstellung der Scheinwerfer in einer bestimmten Szene wird ja auch tatsächlich als „Lichtstimmung“ bezeichnet. Kann ich aber nicht richtig erkennen, was die Theatercharaktere machen, stellt sich bei mir nur eine Stimmung ein: Schlechte Laune. Ich habe schon Stücke gesehen, in denen ich größtenteils raten musste, wer grade redet. Dabei lautet die meiner Meinung nach wichtigste und deswegen auch gereimte Theaterregel: Wer spricht, kriegt Licht! Schöner, poetischer und apodiktischer kann man es nicht sagen …

» Hartmut El Kurdi

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Zur guten Nacht: Die nubische Akazien-Hornisse

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Zur guten Nacht: Die nubische Akazien-Hornisse


An einem warmen Juliustage saß die Großherzogin des Großherzogtums Klein-Unterniedern auf ihrer Veranda, eingepfercht zwischen Sahnetorten, Teekännchen und -tässchen sowie einer launigen Lektüre, mit der sie sich schon seit Tagen ihre Zeit vertrieb. Gerade wollte sie ihre Gabel wieder in besagte Torte versenken, als mit lautem Klatschen ein gefiedertes, faustgroßes Vogelvieh in selbige hineinschoss. Mit offener Kinnlade schaute die Großherzogin empört auf den bemerkenswert hässlichen Vogel, der mit aufgerissenem Schnabel, wie irrsinnig kullernden Augen und krampfartig zuckenden Flügeln und Beinchen in der großherzoglichen Torte ruderte und zu allem großherzoglichen Überdruss auch noch unkontrolliert Ausscheidungen in die besudelte Creme de la creme hineinschiss. „Pfui Spinne!“, entfuhr es der Großherzogin, die sich ein Herz nahm und nach ihrem Mediziner läutete, der als Hofgelehrter auch ein kundiger Ornithologe und Veterinär war. Dieser erschien auch kurz darauf und blickte bekümmert auf seine Herzogin und regelrecht bestürzt auf die Torte, in der das Vogeltier einen regelrechten Veitstanz aufführte. „Was“, wollte die Herzogin wissen, „ist denn nur in diesen garstigen Vogel gefahren, Johann?“ Es schwang eine Sorge in ihrer Stimme, die weniger der sich windenden und zuckenden Kreatur galt als vielmehr dem großherzoglichen Vogelbestand, dem eine elendige Seuche natürlich nicht gut zu Gesicht gestanden hätte. Johann, der Gelehrte, zückte sein Monokel, beugte sich dicht über das Tier im Sahnehaufen und strich ihm vorsichtig mit seinem Zeigefinger durchs Gefieder. Dann, mit durchaus triumphierenden, aber noch beherrschtem „Aha!“ blickte er wieder empor, hob schulmeisterlich einen Finger in die Höhe und sprach: „Vespa acaciae nubensis! Die nubische Akazien-Hornisse!“ Die Herzogin hatte ihre zu entgleisen drohenden Gesichtszüge gerade noch so im Griff. „Hornisse?“, fragte sie latent entgeistert. „Gewiss“, erläuterte der Gelehrte betont zustimmend. „Die nubische Akazien-Hornisse ähnelt ein bisschen der orientalischen Mörtelwespe, befällt allerdings auch Vögel und Säugetiere.“ Ein großherzogliches Auge verengte sich skeptisch, während Johann fortfuhr: „Im Grunde ganz einfach: Das Insekt sucht sich einen Wirt, fliegt ihn an, sticht und lähmt ihn. Dann befestigt die Hornisse ein Ei in Nähe der Tränendrüse und aus selbigem schlüpft alsbald eine Larve, die sich fortan in den Kopf des Wirtes vorarbeitet, um selbigen auszusaugen und sich zu nähren. Der Wirt neigt, wenn das Gift nachlässt, gelegentlich zu starken Muskelzuckungen und -krämpfen, die im Laufe der Zeit bloß noch peristaltischen Bewegungen weichen, ehe der Tod eintritt.“

„Pfui“, ekelte sich die Großherzogin, „pfui, pfui, pfui!“ Sie schnappte sich den Tortenheber und katapultierte das noch immer zuckende Bündel aus Federn und Sahne in die äußerste Ecke der Veranda. „Kümmern sie sich darum, Johann!“, trug sie dem Hofgelehrten auf, der sich souverän umwandte, die große Heilige Schrift vom Bücherstapel nahm und das auf den Verandafliesen herumhüpfende Tier – Klatsch! – zerschmetterte. Dann hob er die Heilige Schrift, wischte das tote Tier über die Verandabrüstung, reinigte den Ledereinband mit seinem Ärmel und machte sich daran, die Großherzogin zu beruhigen, die sich ängstigte, dass das scheußliche Insekt die schönsten Singvögel des Großherzogtums befallen könnte. Die Angst nahm ihr Johann geschickt und wortgewandt, sprach von invasiven Arten und Gegenmaßnahmen und stieß auf großes Gehör bei seiner Zuhörerin. Aber von Tag zu Tag und von Sahnetorte zu Sahnetorte fand sich das bizarre Schauspiel weniger und weniger in den Erinnerungen der Großherzogin, derweil die Belehrungen Johanns auf sie immer enervierender und dreister wirkten. Schließlich sprach er davon, dass es auf lange Sicht vonnöten sei, den großherzoglichen Reisedrang zu drosseln, die Holzöfen im Winter weniger zu nutzen und bei den großherzoglichen Forstgeschäften mehr Rücksicht auf natürliche Lebensräume zu nehmen. So ging das Tag für Tag, Woche für Woche: Johann redete sich immer mehr in Rage – und die Großherzogin bewegte sich zunehmend von Zustimmung zu Ablehnung, was aber Johann nur umso mehr anstachelte. Und schließlich kam der Tag, an dem der Großherzogin die nubische Akazien-Hornisse das kleinste aller Übel zu sein schien. So läutete sie an besagtem Tag, wieder eingepfercht zwischen Sahnetorte, Teekännchen und -tassen, nach Johann und setzte ihm bei sich bietender Gelegenheit eine zuvor eingefangene Vespa acaciae nubensis in den Nacken. Damit war ihr Problem dank der hilfreichen neuen Hornissenart gelöst und die Großherzogin aß Tag für Tag auf ihrer Veranda Sahnetorten, während Johann halb auf der Verandabrüstung hängend von Tag zu Tag weniger und weniger zuckte und ruderte. Und er würde wohl noch heute so zucken, hätte sich die Vespa acaciae nubensis nicht so restlos und gründlich gelabt.

» CK

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El Kurdis Kolumne im Juni: Kurz-Manifest für eine irre Randale-Kultur

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El Kurdis Kolumne im Juni: Kurz-Manifest für eine irre Randale-Kultur


Wenn man im Kulturbetrieb arbeitet, stellt man früher oder später fest, dass man der einzige – oder wie es spätestens in fünf Jahren sogar im Duden stehen wird: der einzigste – Mensch in diesem Berufsfeld ist, der keinen Dachschaden hat. Die Grunderfahrung ist, frei nach Jean-Paul Sartre: Die Irren, das sind die anderen. Nur man selbst ist normal. Und klar, alle Menschen um einen herum denken das selbstverständlich genauso. Seit Jahren frage ich mich deswegen immer wieder, ob ich beruflich nicht etwas anderes machen sollte: Profi-Killer oder Englischlehrer. Osteopath, Hebamme, irgendwas mit Holz oder harten Drogen…

Denn als Kulturschaffender hat es man unter anderem zu tun mit: Unerträglich eitlen Autoren, gleichzeitig von Hybris und Minderwertigkeitskomplexen geplagten Regisseurinnen, um sich selbst kreiselnden Schauspielern, klugscheißernden Lektorinnen und ihr Gegenüber ins Wachkoma labernden Dramaturgen… Aber wenn ich ehrlich bin: Trotz aller anstrengenden Extrovertiertheit und Klischee-Exzentrik der richtigen Kunst-Irren, sind mir diese tausendmal lieber als die technokratischen Mutanten, die zunehmend die Schlüsselpositionen in dieser Branche besetzen. Denn unter denen ist die Egomanie – in Form von Karriere-Orientiertheit – ebenfalls extrem verbreitet, nur fehlen diesen Menschen die kreativen, mutigen und wirr-aktionistischen Aspekte der richtigen Kulturgestörten. Diese Funktionäre und Verwalter agieren eben nicht künstlerisch, sondern vor allem taktisch-politisch. Und nebenbei rationalisieren und ökonomisieren sie die Institutionen.

Es ist absurd und eklig, aus der Kultur einen beherrschbaren, braven Wirtschaftszweig machen zu wollen. Nicht, dass das nicht funktionierte, aber auf der sogenannten Hochkulturseite produziert man so eine Art geistige Mittelschichts-Wellness, Kultur als sprudelndes Entspannungsbad oder für die, die es richtig „deep“ haben wollen: Kunst als sinnstiftenden Religionsersatz. Auf der anderen, der angeblich unterhaltenden Seite entstehen realitätsfremde Scripted-Reality-Shows fürs Prekariat. Oder zynisch-oberflächlicher Selbstoptimierungs-Käse. Damit lassen sich in dem einen Fall ordentlich Subventionen abgreifen und im anderen fette Werbe-Millionen verdienen. Ist aber leider beides stinkelangweilig.

Nicht langweilig ist es, nachzudenken, zu analysieren und dann dazwischen zu funken, ins Regal zu pissen und dabei ästhetisch etwas zu wagen: komisch, gut gelaunt oder meinetwegen auch todernst und bitter. Immer dann, wenn man die Zumutung, die man hier als Welt angeboten bekommt nicht mehr erträgt. Extrem langweilig ist es hingegen, nur den Mund aufzumachen, wenn mal wieder eine Theater- oder Museums-Etat-Kürzung ansteht.

Sobald irgendwo der Satz fällt „Nee, das können wir nicht machen“, sollte man es unbedingt tun. Wenn jemand meint, etwas wäre zu schwierig – machen! Wenn jemand meint, etwas wäre zu schlicht – machen! Zu komplex – machen! Zu verständlich – machen! Zu politisch – machen! Zu unpolitisch – machen! Zu experimentell – machen! Zu sehr Mainstream – machen!

Und das nur nebenbei: Ich habe keine Ahnung, wer die Stuhlkreis-Idee aufgebracht hat, Kritik müsse „konstruktiv“ sein. Kritik muss vor allem kritisch sein. Mir geht es dabei auch gar nicht um „meine“ Meinungen oder Inhalte; mir geht es darum, dass Kultur sich was traut, sich anlegt, sich streitet, einsteckt, selbst voll auf die Zwölf gibt – und nicht reinfällt auf diese öde Ausgewogenheitsideologie. Verwahren sollte man sich dabei gegen jede Einmischung, egal aus welchem politischen Lager. Auch aus dem eigenen. Politikerinnen und Aktivisten haben Künstlern und Künstlerinnen nichts vorzuschreiben. Grundgesetz, Artikel 5, Absatz 3: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Punkt. Nur eine sich gegen alle Versuche der Einflussnahme – ob vom Staat, von Religionen, einer Partei oder einer NGO – wehrende tatsächlich freie Kunst sorgt dafür, dass etwas passiert, dass es scheppert, dass es weiter geht.

Wer das nicht will, wer Ruhe, Konsens und Kontemplation braucht – wofür ich durchaus Verständnis habe –, der sollte mit der Kultur aufhören und sich zurückziehen. Da gibt es bekanntlich viele Möglichkeiten: Kloster, evangelische Jugendbildungsstätte, ein Studio für Alexander-Technik … Ich selbst stehe, wie gesagt, jeden Tag mindestens drei Mal kurz vor dem Ausstieg. Aber solange man den Absprung nicht wirklich schafft, sollte man einfach tapfer weiterrandalieren. Auch auf die Gefahr hin, für irre gehalten zu werden.

» Hartmut El Kurdi

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Stadtkinder bewältigen den Alltag: Ich gegen Jesus

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Stadtkinder bewältigen den Alltag: Ich gegen Jesus


Jetzt war ja wieder dieses Ostern. Immer wenn Ostern ist, krieg ich was auf den Deckel, weil ich gerne Jesus-Witze mache. Jesus-Witze sind eben ein saisonales Hobby von mir und ich werde mich dafür nicht entschuldigen, denn ich halte jede Art von Monotheismus für einen Scherz. Ich kann das nicht ernst nehmen, erst recht nicht, wenn darum so ein Riesenbohai gemacht wird.

„Hi, ich bin’s Gott. Ich hätte Lust, ein Kind zu zeugen. Das soll aber kein schönes Leben haben, sondern ein möglichst entbehrungsreiches. Vollkommen fein für mich, wenn es auf grausame Weise stirbt. Jung. Und damit sein Leben auch gleich richtig kacke anfängt, habe ich das perfekte Elternpaar ausgesucht: Zwei Obdachlose. Vertraut mir, das wird spitze!“ Als ob.

Wer glaubt denn an solch einen Kokolores? Und warum?

Und was daran ist es wert, nachgeeifert zu werden?

Kirche: „Sei wie Jesus!“

Mensch: „Wein trinken, Leute als Heuchler entblößen und mächtige Männer in Bedrängnis bringen?“

Kirche: „Nein, so nun auch wieder nicht. Mehr so anderen Leuten die Füße waschen – mit deinen Tränen! Wenn du nur ordentlich leidest, fließen die ganz von selbst.“

Ein Mensch kann sich gar nicht wie Jesus verhalten. Ich zum Beispiel weiß genau, wer meine Eltern sind. Das sieht man nämlich. Als ich meine Mutter fragte, wo die Babys herkommen, gefiel ihr das Thema nicht, aber sie konnte ohne zu stottern antworten. Jetzt stell ich mir vor, Jesus stellt seiner Mutter die gleiche Frage, Joseph kommt um die Ecke und sagt: „Ja, Maria, das würde mich in der Tat auch interessieren.“ Unwahrscheinlich.

Dann: Jesus und seine Kumpels. Insgesamt 13 Leute und nur ein Arschloch dabei? Ist doch schon stochastisch gar nicht möglich.

Und erst recht dieser Hokuspokus mit seiner Houdini-Show an Ostern. Na klar. Jesus ist für unsere Sünden gestorben, gleich vorsorglich für alle Sünden der nächsten paar tausende Jahre mit. Immer, wenn ich nachts ein Stückchen Schokolade esse, strecke ich es zuvor in die Luft und sage dankbar: „Damit’s nicht umsonst war, Brudi.“ Das Ding dabei ist aber, dass der ja nicht tot geblieben ist. Wir reden über lumpige drei Tage. „Danke, dass du dein Wochenende für unsere Sünden geopfert hast, Jesus, du alter Weltenretter! Dafür, dass ich nachts Schokolade essen kann, ohne vom Blitz erschlagen zu werden!“ Drei Tage, jetzt echt? Als sich meine beste Freundin von ihrem Ehemann getrennt hat, habe ich mehr Zeit geopfert, um ihre Welt zu retten.

A propos Welt retten: Wenn die Kirche behauptet, Jesus käme eines Tages zurück, dann wär der Moment doch so langsam mal erreicht, dass er sich die Sandalen schnürt und los latscht, oder nicht? Oder denkt Gott sich: „Lass die mal machen. Letztes Mal hat’s ne Woche gedauert, aber jetzt weiß ich ja wie’s geht, da schaffe ich das in 5 Tagen.“? Und wenn dem so ist: Sollte man einer solchen Person wirklich huldigen? In seinem Namen Kriege führen oder zumindest missionieren gehen? Wer an meine Tür klopft, um mit mir über sein Hobby zu reden, muss theoretisch damit rechnen, dass ich auch was über meins erzähle. Das bedeutet, dass bald ein paar Zeugen Jehovas mit Empfehlungen für oxidativ ausgebauten Weißwein und Bastelprojekten im Kopf herumlaufen könnten. Nur, dass ich das nicht tun werde. Das ist nämlich privat. Geht keinen was an. Genau wie Glaube. Man holt ja auch nicht ungebeten seine Geschlechtsteile raus, wedelt damit rum und präsentiert sie aller Welt. Wobei das vielleicht nützlich wäre, zu Aufklärungszwecken. Bevor wieder irgendjemand eine hanebüchene Geschichte erfindet, in der eine andere obdachlose Jungfrau schwanger wird.

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Stadtkinder haben Töne: Was man so singt

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Stadtkinder haben Töne: Was man so singt


Vor ein paar Jahren war ich zu Gast in einem Podcast, bereitgestellt von einem privaten deutschlandweiten Radionetzwerk, wo ich meine Expertise zu einer gewissen Band zum Besten gab. Der Moderator dieses Podcasts ist ein feiner Kerl mit angenehmer Stimme und weil ich ausgesprochen loyal bin, habe ich mir auch noch einen anderen Podcast angehört, den er moderiert. Voll mein Ding! Es geht nämlich um Musik und Verbrechen in Kombination (Hörempfehlung an dieser Stelle: „True Crime Tracklist“ mit Nina Loges und André Dostal). Eine der letzten Folgen drehte sich um die Story hinter einem der größten Hits meiner Jugend, „Teenage Dirtbag“ von Wheatus. Wheatus’ Frontmann Brendan B. Brown ist eine ziemlich tragische Figur der Rockmusik – er hat’s großflächig verkackt. Das selbstbetitelte Album der Band, das im Jahr 2000 herauskam, ist wirklich gut und macht immer noch Spaß zu hören. Es ist ein Jammer, dass Tracks wie „Sunshine“ oder „Leroy“ nicht denselben Impact wie „Teenage Dirtbag“ hatten, denn das hätte die Band nicht als One Hit Wonder gebrandmarkt. Den Sophomore wollte Brown gerne selbst produzieren, Sony war dagegen und ließ Wheatus fallen. Brown stand dumm da, fluchte wild und verpasste seinem zweiten Album aus Rache den Untertitel „Suck Fony“, man kann sich ausrechnen, dass das der Karriere nicht förderlich war. Seither dümpeln Wheatus in wechselnder Besetzung im Hades der Bedeutungslosigkeit herum. Aber was eben kaum jemand weiß: Der fröhliche Song mit dem drolligen Video (und der wunderschönen Mena Suvari und Jason Biggs, dem zu groß geratenen 5-Jährigen aus „American Pie“), hat einen sinistren Hintergrund. Als Brendan B. Brown 10 war, passierte bei ihm um die Ecke ein ziemlich schockierender Mord. Ein 17jähriger, obdachloser und drogensüchtiger Metalfan wurde von einem Exemplar gleichem Kalibers um die Ecke gebracht. Die ersten Wochen interessierte sich buchstäblich niemand dafür, obwohl sich der Täter damit brüstete und Kumpels zu dem im Wald versteckten Leichnam führte, um ordentlich anzugeben. Aber das Opfer, Gary Lauwers, war nur ein „Dirtbag“ gewesen, am Rand, wenn denn überhaupt, der Gesellschaft lebend. Dieser Vorfall im Jahr 1984 raubte Brown nach eigener Aussage eine normale Pubertät, weshalb er sich einfach eine ausdachte und sie mit „Teenage Dirtbag“ vertonte. Tragisch – aber unsereins singt fröhlich mit.

Bei einem anderen Song singt man auch fröhlich mit – bis man dann merkt, was man da singt! Der „Independent Love Song“ aus 1994 von dem aus Hull stammenden Popduo „Scarlet“ ist eine wörtliche Aufforderung zu gut gemachtem Cunnilingus. Gar nicht groß verhohlen, und betrachtet man das Video, könnte man auf den Gedanken kommen, es ginge sogar um lesbische Liebe. Ist mir recht. Nur frag ich mich: Warum genau wurde das Mitte der 90er kein Skandal? Wieso sind da keine Muttchen schockstarr von den Kirchenbänken gekippt? Wieso hat keiner beim damaligen Tory-Premier John Major angeklopft und die unmittelbare Hinrichtung, zumindest aber ein Verbot der satanischen Lesbierinnen (Lesben = Satanismus. Immer.) gefordert? Wie viele Eltern haben ihre Kinder das Lied hören und mitträllern lassen, ohne was zu merken, oder, noch spannender: Wie viele haben in sich reingegrinst und gedacht „wenn du wüsstest!“? Aber es war ein Hit! Und nicht nur für Scarlet, sondern auch für eine deutsche Band. Die qualitativ eher unterdurchschnittliche Band „The Bates“ aus Nordhessen landete nur drei Jahre nach Originalrelease einen Hit damit. Deren Sänger Zimbl starb 2006 an Herz-Kreislauf-Versagen, das auf seinen Drogenkonsum zurückzuführen war und gewissermaßen war auch er eine Art Dirtbag. So schließt sich der Kreis dieser Kolumne. Also ehrlich. Man sollte sich viel öfter zuhören, was man so singt.

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