Der Freundeskreis im Gespräch mit Stefan und Markus Becker

Wir treffen uns heute mit zwei Brüdern, die unterschiedlicher kaum wirken könnten – und doch eine gemeinsame Leidenschaft teilen: die Kultur. Markus Becker ist Pianist und Professor für Klavier und Kammermusik an der HMTMH. Stefan Becker leitet den Bereich Kommunikation und Stiftungen der Sparkasse Hannover. Beide sind in Osnabrück geboren, in Hannover aufgewachsen und gerne geblieben.

Zum Einstieg haben wir immer unsere kleine Vorstellungsrunde …

Markus Becker: Ich werde so alt, wie mein Jahrgang heißt – 63. Und ich lebe seit Grundschulzeiten in Hannover. Es gab viele Zufälle und Fügungen, die dazu geführt haben, dass ich diese Stadt nie verlassen habe – obwohl ich als Musiker natürlich viel unterwegs bin. Ich habe hier Klavier studiert und im Anschluss eine Professur an derselben Hochschule bekommen. Meine Schwerpunkte sind klassische Musik, Neues und Experimentelles, Jazz und Improvisation – und in der Lehre vor allem Kammermusik. Ich habe eine wunderbare Frau, fünf tolle Kinder und einen sehr netten Hund. Wir wohnen mitten in der Stadt, was in Hannover trotzdem mit einem hohen Erholungswert verbunden sein kann.

Stefan Becker: Ich bin – wer hätte das gedacht – ebenfalls in Osnabrück geboren, vor annähernd 62 Jahren. Die gesamte Schulzeit habe ich in Hannover verbracht, dann bin ich zum Studium ein bisschen unterwegs gewesen. Philosophie und Kunstgeschichte in Trier, Berlin und Heidelberg. Nach einer Zeit in einer Berliner Kommunikationsagentur bin ich 1999 samt Frau und zwei Kindern nach Hannover zurückgekehrt und habe bei der damaligen Kreissparkasse die Medien- und Öffentlichkeitsarbeit übernommen. Und seitdem bin ich im Sparkassenumfeld aktiv und leite heute den Bereich Kommunikation und Stiftungen. Das bringt neben der klassischen Kommunikationsarbeit viel Einblick in die Förderlandschaft mit sich – und ich kann sagen: Hannover hat eine sehr lebendige Vereinskultur und viele engagierte Initiatorinnen und Initiatoren. Ehrenamtlich bin ich seit 2010 Vorsitzender des Vereins der Freunde des Sprengel Museums.

Der eine Musiker, der andere bei der Sparkasse – das klingt auf den ersten Blick sehr unterschiedlich. Was verbindet Sie beide?

Stefan Becker: Die Kultur. Über meinen Bildungsweg bin ich eher auf der Seite der Bildenden Kunst gelandet, aber auch der Musik bin ich sehr zugewandt. Meine beklagenswerte Instrumentalkarriere lassen wir hier aber lieber beiseite. Aber auch ein guter Zuhörer ist viel wert. Das war mein Diktum in einer sehr musikalisch aktiven Familie. Unsere Eltern waren beide Musikpädagogen, unser Vater auch an der hiesigen Musikhochschule – und sie haben natürlich darauf geachtet, dass ihre Kinder eine vernünftige musikalische Ausbildung an Instrumenten und im Knabenchor Hannover bekommen. Das hat mich geprägt, keine Frage. Zwischen zwei musikalisch begabten Brüdern aufzuwachsen und selbst eher Mittelmaß zu sein – das hat mich irgendwann zur bildenden Kunst geführt.

Markus Becker: Ich erinnere mich noch, als Stefan anfing zu fotografieren. Das hat mich damals sehr beeindruckt – auch weil es so viel Aufwand bedeutete. Er hatte eine Dunkelkammer unterm Dach, wie im Film. Er hat das von Anfang an unheimlich professionell und phantasievoll gemacht.

Haben Sie sich gegenseitig beeinflusst?

Markus Becker: Mein Musikstudium war keine Entscheidung, die ich kurz vor dem Abitur getroffen habe – das war spätestens im Gymnasium klar. Und davon hat Stefan mich auch nicht abbringen können. Aber ja, Geschwister erziehen sich gegenseitig stärker als Eltern das je könnten.

Stefan Becker: Was ich immer bewundert habe, war die Struktur seines Studiums. Ein geisteswissenschaftliches Studium ist ja sehr offen – man könnte sagen, es steht einem alles offen, man kann aber auch sagen, es führt auf nur sehr wenige spezialisierte Aufgaben hin. Markus‘ Musikstudium hingegen hatte von Anfang an diese unglaubliche Disziplin: Praxis, Üben, Auftreten. Das ist bei einem Geisteswissenschaftler anders – da kommen irgendwann Prüfungen, aber man zieht sich vieles selbst aus Bücherwelten und Diskussionsrunden zusammen.

Diese Disziplin, dieses tägliche Üben – wie fühlt sich das an?

Markus Becker: Das Schöne daran ist, dass man mit allem, was man tut, auch an sich selbst arbeitet. Man verbessert das Stück und sich selbst gleichermaßen. Aber klar, das ist zeitintensiv. Und wenn ich mal pausiere, denke ich: Mein Gott, hat ein Tag viel Zeit ohne Klavierüben! Momentan sind es mindestens drei Stunden täglich, eher vier bis fünf. Man bekommt im Studium so einen Qualitätsanspruch mit und ist dann nicht mehr damit zufrieden, etwas auf der Bühne irgendwie hinzubiegen. Aber es ist eben nicht nur Arbeit, sondern auch Passion, in der man sich wunderbar verlieren kann. Beim Improvisieren, beim Jazz, spielt Zeit überhaupt keine Rolle – man wundert sich wirklich, dass vier Stunden vergangen sind. Aber es gibt auch die strukturierte Arbeit, bei der man sich sagen muss: Für diese Beethovensonate nimmst du dir jetzt zwei Stunden, nicht den ganzen Tag, sonst kommst du zu nichts. Musik ist immer Umgang mit Zeit. Aber auch ein Abtauchen in eine andere Welt. Und in dieser ganzen getriebenen Social-Media-Zeit ist es wunderbar, sich in dieser Welt zu verlieren.

Klingt fast wie ein Privileg. Kommen wir mal zum leidigen Thema Geld und Kultur. In Lessings Emilia Galotti fragt der Prinz: „Was macht die Kunst?“ Und der Hofmaler Conti sagt: „Prinz, die Kunst geht nach Brot.“ Wie abhängig ist Kultur vom Geld?

Stefan Becker: Sehr abhängig, weil die Menschen, die das professionell machen, von etwas leben müssen. Es gibt eine öffentliche Förderstruktur, die bestimmte Institutionen regelmäßig ausstattet – in Niedersachsen allerdings nicht ganz so großzügig wie in anderen Bundesländern. Doch selbst in den öffentlich geförderten Häusern herrscht kein Überfluss, das wissen wir. Und das Geld steht im Grunde nie an erster Stelle. Meistens ist eine künstlerische Idee der Ausgangspunkt, und dann wird versucht, dafür eine öffentliche Förderung zu gewinnen. Da sind manche geschickter im Antragstellen als andere. Und die Professionalität dabei nimmt zu – immer mehr Ensembles und Initiativen haben das gelernt. Was ich gut finde: Immer mehr Ensembles sagen, wir produzieren selbst, statt auf ein Engagement zu warten. Und sie entdecken dabei auch ganz neue Spielorte.

Markus Becker: Und der Wert origineller Programme ist heute viel höher als noch vor 20, 30 Jahren. Wenn ich als Kammermusikgemeinde zu potenziellen Förderern gehe, interessieren die sich immer für die nächste Generation, für junge Künstlerinnen und Künstler – und für Programme, die nicht einfach Mozart, Schubert, Beethoven aneinanderreihen. Dass Neue Musik, Brüche, Kontraste als positiv wahrgenommen werden – das finde ich schön, dass sich das durchgesetzt hat.

Wird das auch an der Hochschule gelehrt – Selbstmanagement, Förderanträge?

Markus Becker: Immer mehr. Förderanträge eher nicht, aber Selbstmanagement und Marketing sind inzwischen Themen, dafür gibt es Seminare. Und was vielleicht noch wichtiger ist: In meinem Kammermusik-Master üben die Studierenden Gesprächskonzerte – also das eigene Projekt so weit zu distanzieren, dass man es klar und knapp darstellen kann. Das schärft den Blick: Warum sollte dieses Projekt gefördert werden? Was sagt Mozart uns heute als Gesellschaft? Klassische Musik will ja mehr sein als klingende Fototapete. Sie hat einen Herausforderungscharakter – etwas Widerborstiges und gleichzeitig Einladendes. Diese Polarität finde ich großartig. Zu diesen Formaten werden auch Journalisten und Intendantinnen eingeladen, damit die Studierenden spüren, welche Luft da weht. Der Bruch zwischen Ausbildung und Realität wäre sonst einfach zu groß.

Wenn man die nicht öffentliche Förderung aus der Kulturlandschaft herausnehmen würde – was bliebe?

Stefan Becker: Ein Grundbestand bliebe – die großen Klangkörper werden ja im Wesentlichen aus öffentlichen Mitteln getragen, ebenso musikalische Bildungsprojekte, Musikschulen. Aber in der Aufführungs- und Ausstellungspraxis gäbe es einen riesigen Bereich, der ohne Wirtschaftsunternehmen schlicht nicht machbar wäre. Da muss man auch unsere föderale Struktur erwähnen: Sparkassen sind regional verwurzelt, flächendeckend präsent und sie tragen zusammen mit ihren Stiftungen große Projekte aber auch viel Kleinteiliges. Dietrich Hoppenstedt, früherer Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, hat mal gesagt, was früher die Fürsten in Deutschland waren, das seien jetzt die Sparkassen – sie kümmern sich auch darum, dass gute Projekte in ihren jeweiligen Geschäftsgebieten auf die Beine gestellt werden. Ob das im Bereich der Kultur die Ausrichtung des „Jugend musiziert“-Wettbewerbs in Neustadt am Rübenberge für 2.000 Euro ist oder ein großes Leuchtturmprojekt, dieses netzwerkartige Unterstützen ist unverzichtbar.

Ich finde diesen breiten Förderansatz sehr sinnvoll. Und habe immer ein bisschen Angst vor dem reinen Fokus auf Leuchttürme. Man investiert alles in den einen großen Leuchtturm, und unten gehen die kleinen Lampen aus – ohne dass man es bemerkt. Wenn der Leuchtturm dann irgendwann erlischt, liegt alles im Dunkeln.

Stefan Becker: Auf der anderen Seite braucht es aber auch diese Leuchttürme, weil sie eine Treiberfunktion haben können. Die Kunstfestspiele etwa ermöglichen Dinge, die man sonst hier gar nicht zu hören und zu sehen bekommen würde. Beides ist wichtig: die Lichterketten und die Leuchttürme. Und Stiftungen dürfen sich dabei nicht als Lückenbüßer für rückläufige öffentliche Mittel verstehen. Wenn die öffentliche Hand sich zurückzieht und darauf hofft, dass jemand einspringt – das wäre der falsche Weg.

Hannover ist als Kulturstandort bekannt – hat aber auch ein Selbstdarstellungsproblem. Ist Hannover ein gutes Pflaster für Pianisten?

Markus Becker: Hannover ist bekannt als Klavierstadt, die Hochschule hat eine ganz prominente Klavierabteilung – das geht zurück auf Walter Gieseking, einen der ganz großen Pianisten des 20. Jahrhunderts. Und dann gilt: Gut holt Gut. Diese Tradition setzt sich fort über Kämmerlings Generationen bis zu Igor Levit oder Lars Vogt. Als Pianist lebt man nicht in einer Stadt, weil man dort besonders viel spielt – ich spiele ab und zu in Hannover, aber natürlich viel mehr woanders. Geographisch liegt Hannover wunderbar zentral: Köln, Berlin, München – alles gut zu erreichen. Und durch den Ruf der Hochschule spaziert die Klavierwelt hier regelmäßig vorbei.

Wie steht es um den Nachwuchs – in den Hochschulen und beim Publikum?

Markus Becker: Beides ist ein Riesenthema. Wenn man schaut, wer heute an der Hochschule studiert, stellt man fest: Je weiter man an die Spitze der Ausbildung kommt, desto geringer ist der Anteil deutscher Studierender. Als ich in den 80er Jahren bei Kämmerling studierte, war die Klasse fast ausschließlich deutschsprachig besetzt. Heute ist es genau umgekehrt – vor allem Studierende aus Fernost, Russland und Amerika. Der Nachwuchs, der ganz selbstverständlich im Elternhaus mit Musik aufgewachsen ist, wird schmaler. Ich habe trotzdem Hoffnung: Die deutschen Studierenden, die kommen, sind oft wirklich außergewöhnlich gut und denken weit über die Musik hinaus. Beim Publikum machen wir uns ähnliche Sorgen. Wobei wir das seit 50 Jahren tun – und auch die Älteren wachsen ja nach. Aber neue Formate sind wichtig, die für junge Menschen wirklich attraktiv sind. Und gleichzeitig muss auch mal vermittelt werden, was es bedeutet, Musik zu hören, die einen Weg geht – die nicht nur einen Momentzustand beschreibt, sondern einen von hier nach dort bringt. Das ist anstrengend. Und das ist vielleicht gerade das Wertvolle.

Stefan Becker: Unser Bruder Michael hat als Intendant der Düsseldorfer Tonhalle einen interessanten Weg eingeschlagen: Er hat Menschen mit großer Reichweite in sozialen Netzwerken – Influencerinnen und Influencer, die aber auch einen echten Bezug zur klassischen Musik haben – als Moderatoren für Konzerte gewonnen. Die bringen ihre Community mit. Die Konzerte sind anders moderiert als klassische Konzerte, aber die musikalische Aufführung steht kompromisslos im Mittelpunkt. Ich glaube, das ist der richtige Weg: nicht die Performance antasten, aber das Setting und die Vermittlung so gestalten, dass die Hürde sinkt.

Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt – auch abseits von Konzerten. Spüren Sie das?

Markus Becker: Absolut. Musik hören ist ein aktiver Vorgang – man kann sich aussuchen, mit welcher Konzentration man zuhört. Aber die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, das länger dauert als dreieinhalb Minuten, wird immer geringer. Wir versuchen etwas am Leben zu erhalten, das fast nach 19. Jahrhundert klingt. Und trotzdem – oder gerade deshalb – ist es so wichtig. In den sozialen Medien schaltet man nach sechs Sekunden ab, wenn nichts passiert. Im Konzert entwickelt sich alles, und das dauert oft ein bisschen. Das ist für manchen schlicht unerträglich. Aber genau diese Fähigkeit zur Konzentration, dieses langsame Sacken, das tiefe Anwachsen von Gedanken – das ist es, was verloren geht, wenn alles nur noch in Fünf-Minuten-Blöcken passiert.

Stefan Becker: Das gilt auch für die Bildende Kunst. Ein Bild, das sich sofort erschließt, ist ein anderes Erlebnis als eines, bei dem man seinen Horizont mitbringen muss, um überhaupt erst etwas daraus zu machen. Das ist eine Zumutung – im besten Sinne. Und genau das fehlt immer mehr.

Zum Schluss: Was bedeutet Kultur für Hannover als Stadt?

Markus Becker: Hannover hat ein bekanntes Problem mit der Selbstdarstellung – was inzwischen so ein Selbstläufer geworden ist, dass egal was die Stadt macht, es es zerredet wird und fast nach hinten losgeht. Dabei finde ich das irgendwie auch sympathisch. Lustig ist: Wenn ich gefragt werde, wo ich lebe, sage ich nicht einfach „Hannover“ – ich erkläre es sofort. „Hannover – übrigens eine tolle Stadt.“ Als müsste ich das rechtfertigen. Das müssen wir uns alle abgewöhnen.

Stefan Becker: Hannover ist letztlich die Summe eines wirklich guten Angebots auf hohem Niveau, das echte Lebensqualität schafft. Was Großstädte haben – aber ohne diesen stressigen Puls. Wenn man in Berlin ist, muss man den Berlin-Puls mitmachen. In Hannover kann man ungehetzt atmen. Ich finde übrigens, der Freundeskreis verkörpert genau das: entspannt, engagiert, verbindend. Eine gute Unterstützung für das, was diese Stadt ausmacht.


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