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Der Freundeskreis im Gespräch mit Antonia Jacobsen und Joy Lohmann

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Antonia Jacobsen und Joy Lohmann


Stellt euch zum Einstieg bitte kurz selbst vor …

JL: Joy ist eigentlich ein Künstlername. Meine Eltern haben mich Jörg genannt, aber bei internationalen Kulturprojekten funktionierte das nie – irgendwann nannten mich alle von selbst Joy, und ich dachte: gut, dann ist das jetzt mein Name. Künstler war ich schon immer, also habe ich lieber etwas studiert, womit man Geld verdient: visuelle Kommunikation, hier in Hannover. Ich bin aus Hildesheim hergezogen – und geblieben. Ich hatte lange eine Agentur für Kino, Ballett, Industrie, öffentlichen Dienst, dazu Kulturprojekte, von der Bühnenshow bis zur Kröpcke-Uhr. Am liebsten mache ich Social Art, nach der sozialen Plastik von Joseph Beuys. Man arbeitet zu einem Thema, das einem am Herzen liegt, und schafft Räume, die öffentliche Diskussion stimulieren. Da sind alle Teil des Kunstwerks – auch die Verwaltung, sogar die Katastrophe, wenn mal eine passiert. Mein Boot ist so eine soziale Skulptur, ein schwimmendes, begehbares Kunstwerk. Ich entwickle und baue seit der EXPO2000 schwimmende Inseln, das ist mein Geschenk an die Welt.

AJ: Ich komme auch aus Hildesheim, und Joys und meine Eltern haben zusammen im Collegium Musicum gespielt. Ich wurde mit klassischer Musik überfrachtet und habe jahrelang pausiert – jetzt singe ich wieder. Ich habe Grafikdesign studiert, eigentlich wollte ich malen. Aber erst musste ich raus aus dem zu engen Hildesheim: Paris als Au-pair, Bewerbungen in Berlin und Hamburg – gelandet bin ich ausgerechnet in Hannover, für das ich mich lange fast geschämt habe. Heute trage ich stolz ein T-Shirt mit dem Namen. Wasser, Grün, gutes Kulturangebot, noch bezahlbare Mieten, hoffentlich noch lange. Hannover ist schon eine lebenswerte Stadt. Nach dem Studium bin ich für ein paar Monate nach Barcelona – eine bittere Erfahrung, sich in der aufregendsten Stadt nach der langweiligsten zu sehnen. Also zurück nach Hannover, kurz nach dem Mauerfall. Ich habe Kräuter für eine Naturkosmetikfirma gezeichnet, bin zwanzig Jahre geblieben, mit Firmenwagen und gutem Essen, richtig verwöhnt. Aber irgendwann hat mir vor allem eines Spaß gemacht: Praktikant*innen etwas beizubringen – so sehr, dass die Lehrer*innen unterstellt haben, ich hätte deren Arbeiten gezeichnet. Sie haben das aber immer selbst hinbekommen. Das geht. Und das ist bis heute mein Motto: Es ist schon alles da, man muss es nur herausholen. Direkt nach dem Studium habe ich noch beim Schädelspalter in der Dunkelkammer gearbeitet, eine herrliche, lustige Zeit, bis die Computer kamen. Die Digitalisierung macht mir bis heute Sorgen, auch wenn ich selbst ein bisschen süchtig bin. Heute mache ich vor allem Kunstvermittlung – mit Vierjährigen, mit Achtzigjährigen im Hospiz, an Grundschulen, dazu Porträtfotografie – und ich bin Wildnislotsin, bringe Menschen die Natur nahe, male aber selbst auch in Knallfarben.

Wie arbeitet ihr künstlerisch?

AJ: Ich sehe etwas und denke: Daraus könnte man Kunst machen. Oder es gibt ein Thema, dann habe ich gleich fünf Ideen. Ob sie umsetzbar sind, weiß ich erstmal nicht. Frei arbeite ich eher fotografisch: Ich sehe etwas Ungewöhnliches, und das macht mich glücklich, dann halte ich es fest. Ich orientiere mich nicht daran, ob es anderen gefällt. Ich bin sehr visuell, das wusste ich früher nicht. Aber ich habe schon in der Schule aus dem Fenster geguckt, statt zu lesen. Erst durch meine Coachingausbildung habe ich verstanden, dass es auch auditive und haptische Menschen gibt. Mit künstlerischem Blick sieht man überall Kunst – das ist manchmal auch anstrengend.

JL: Ich bin permanent auf Empfang: Menschen, Situationen, Architektur, ein abgerissenes Plakat an der Litfaßsäule – alles Impulse, die im Speicher landen, dagegen kann man sich kaum wehren. Eine Zeit lang bin ich deshalb kaum noch zu Kulturveranstaltungen gegangen, weil sofort tausend Ideen kamen. Wichtig ist mir, dass Kunst sinnlich erlebbar ist, nicht nur an der Wand hängt. Ich will Menschen bewegen, zu Gedanken, zu Emotion. Dann kommt das Marketing, und der Realitätscheck: Was hält auch Vandalismus und Wetter aus? Manchmal fühlt sich das an wie Surfen: eine Welle von links, ein Regenschauer von oben, ein Stein im See – und dazwischen ein schwimmendes Kunstwerk mit Vision .

Woran arbeitet ihr gerade?

JL: Ich plane gerade mit Dietmar Althof ein Happening im November: der Gebäudekomplex am Café Kröpcke wird im November fünfzig Jahre alt und wird danach umgebaut, dieses Jubiläum soll künstlerisch gefeiert werden und das darf ich inszenieren 

AJ: Ich habe gerade ein Angebot geschrieben, worüber ich noch nicht sprechen darf – anstrengend, mit Zahlen zu jonglieren, nicht zu viel, nicht zu wenig. Aber noch kurz dazu, wie Kunst Menschen bewegt: Meine erste Naturaktion war im Rittergut Edelhof, mit Brennnesseln, die niemand mag. Unterm Mikroskop habe ich ihre Stacheln fotografiert und war total high. Und die Leute haben sich am Ende glücklich auf mein Brennnesselbett gelegt – einer, der eigentlich nur ungeduldig auf seinen Bruder gewartet hat, kam erst nach einer ganzen Weile wie weggetreten zurück.

JL: Das ist das Schöne: Findet man die richtige Sprache, den richtigen Moment, kann man Menschen manchmal aus ihrer engen Welt herauslocken. Wir leben nämlich eigentlich gar nicht in einer kommerziellen Gesellschaft, auch wenn das überall plakatiert wird – neunzig Prozent unseres Lebens haben mit anderem zu tun als mit Geld. Kunst kann die Leute daran erinnern.

Die Freiheit der Kunst gerät gerade wieder unter Druck. Wie viel Sorge macht euch die Politik?

JL: Bei den Theatern läuft gerade eine Riesendiskussion mit Blick auf Sachsen-Anhalt – Freunde wissen nicht, ob sie besser wegziehen sollen. Ich mache mir eigentlich weniger Sorgen um die Politik als um Medien und Bildung, denn Politik ist ja nur das Ergebnis davon. Für meine Arbeit im öffentlichen Raum ist das auch relevant: Vandalismus ist immer nur einen Steinwurf entfernt, und es gibt immer mehr Idioten, die sich zu Unsinn ermächtigt fühlen. Und in den Medien klickt sich sowas dann immer schneller, als das viele Gute, das ja auch überall passiert. Mit Social Media wird Wahrheit beliebig und Meinung käuflich.

AJ: Da kann ich nur zustimmen. Ich kenne Leute aus Mecklenburg, die nach Schweden gezogen sind: Egal wie demnächst gewählt wird, es fühlt sich schon jetzt falsch an.

JL: Hannover ist da fast eine Insel der Glückseligkeit, politisch mache ich mir hier keine Sorgen. Das eigentliche Problem ist die Überbürokratisierung und Risikoangst. Ich fange größere Projekte immer gerne ohne Geld an, dann sind nur diejenigen dabei, die wirklich für die Sache brennen – money follows content, das Geld kommt schon hinterher.

AJ: Bei Freunden erlebe ich, dass die Eltern grün wählen und die Kinder zur AfD gehen – die Diskussionen gehen heiß her. Das erschreckt mich.

JL: Es ist traurig, und man steht ratlos davor. Interessant ist: Der AfD gelingt es, auf einfachstem Niveau Gemeinschaft zu erzeugen – einen Ort für Menschen, die sich sonst abgehängt fühlen. Da sollte man fragen, warum es das woanders nicht genügend gibt: Kirchen, Jugendzentren, Schulen, die halbtags leer sind? Es ist eben bequemer, sich einfach vor Netflix zu setzen.

AJ: Durch die Digitalisierung muss niemand mehr rausgehen. Und dann wird nichts erlebt, nicht mehr richtig kommuniziert. In meinen Workshops versuche ich Kindern zu zeigen, wie schön es ist, erst mal etwas zu erleben – die Internetwelt ist spannend, aber sie ist nicht die eigentliche Welt. Ich selbst bin in einem sehr kulturaffinen Haus aufgewachsen, aber zwischen fünfzehn und zwanzig hat mich das kaum interessiert, da ging es nur ums Äußere. Erst danach habe ich mich der Welt wieder geöffnet. Eine Chance gibt es immer.

Muss Kunst aktuell politisch sein und Haltung transportieren?

AJ: Finde ich schon, aber ich mag es nicht, wenn Kunst erziehen will, mit erhobenem Zeigefinger. Damit fängst du vielleicht ein paar Leute ein, aber die meisten vertreibst du.

JL: Kunst muss nicht per se politisch sein, ästhetisch ist völlig ausreichend – die Sinne ansprechen, auch das Denken ist ein Sinn. Aber wer, wenn nicht die Kunst, kann über das bestehende System hinausdenken und -fühlen? Das formt eigenständiges Denken, und Kultur macht uns seit Beginn der Menschheitsgeschichte als soziale Wesen aus, darum ist unsere Spezies ja so erfolgreich…

AJ: Und vielleicht ein bisschen zu erfolgreich für diesen Planeten. Mich interessiert, den Menschen die Augen für das Banale zu öffnen, für kleine Dinge mit besonderer Schönheit.

Ihr lebt und arbeitet vor allem in Hannover. Ein gutes Pflaster für Kunst?

JL: Ich war Anfang September beim Atelierspaziergang Zinnober und war wieder überrascht, wie unglaublich groß die Kunstproduktion in Hannover ist! Leben können davon aber nur wenige – die meisten Künstlerexistenzen sind Patchwork.

AJ: Ich war auch beim Zinnober unterwegs, anderthalb Tage, aber irgendwann war ich völlig überfordert. Wahnsinnig viele Menschen malen einfach nur für sich, auch angebliche Hobbymalerinnen und Hobbymaler, bei denen wirklich beeindruckende, vielschichtige Sachen entstehen – nur fehlen die Orte, an denen sie damit sichtbar werden könnten.

JL: Muss Kunst eigentlich unbedingt ausgestellt werden?

AJ: Nein, aber Feedback zu bekommen ist schön. Also nicht nur für sich zu arbeiten.

JL: Feedback ja, aber nicht zwingend auf der ganz großen Bühne. Vielleicht reichen manchmal kleinere Bühnen. Es gibt genug Leerstand in der Innenstadt, und das Projekt Zwischenraumnutzung lädt ja immer wieder Künstlerinnen und Künstler ein. Vielleicht könnte sich sogar der Freundeskreis einbringen? – alle reden vom Innenstadtsterben, dabei gibt es tausend Ateliers, die gern etwas zeigen würden.

Was könnte besser sein in Hannover für die Kunst?

AJ: Mehr Aktionen, bei denen Menschen mitgestalten können. So etwas wie Rudelsingen. Vielleicht Rudelmalen – gibt es auf Instagram schon, kostet aber Geld. Menschen einfach zum Malen zu bewegen, das fände ich schön.

JL: Ich würde auf Schnittstellen achten. Angeblich kulturferne Institutionen, Unternehmen, Behörden mit künstlerischen Impulsen verbinden – eine echte Win-win-Situation, in Bildung, Marketing, Mitarbeitermotivation. Es braucht jemanden, der das initiiert. Auch die Medien dürften neugieriger werden, was in Hannover wirklich passiert.

AJ: Für mich ist Kunstvermittlung zentral. In Barsinghausen kommen bei mir gerade Schulklassen mit Muffelgesichtern, sie malen – und gehen mit strahlenden Gesichtern wieder raus, weil sie etwas Eigenes geschaffen haben. Das könnte viel mehr gefördert werden. Aber die Anträge dafür sind mühsam.

JL: Ich würde gern mal einen Vergleich sehen, wie viel von der Kulturförderung tatsächlich bei der Kunst ankommt – und wie viel davon für die Verwaltung der Gelder verschwindet ausgegeben wird.

AJ: Oder wie viel Zeit Kulturschaffende für Administration statt fürs eigentliche Kunstschaffen aufbringen.

Was wünscht ihr euch, außer weniger Anträge?

JL: Man könnte mal mit Verwaltungsleuten einen kreativen Projektworkshop machen.

AJ: Sie könnten uns beim Anträge schreiben über die Schulter gucken und selbst einen verfassen.

JL: Wobei es in der Verwaltung viele gibt, die mit Mut und Vertrauen wirklich gute Arbeit leisten. Bei der Bürokratie wünsche ich mir aber trotzdem eine Verbesserung. Die Freiheit von Kunstschaffenden muss man vielleicht auch erst mal verstehen: ein maximaler Freiraum und gleichzeitig ein knallharter Job, der viele Schattenseiten hat.

AJ: Aber es ist auch gut, dass die Welt nicht nur aus Künstlerinnen und Künstlern besteht, sondern auch aus denen, die so etwas verwalten können. Ich wünsche mir einen Gleichklang, wie Yin und Yang – jede Aufgabe hat ihren Platz, keine darf die andere unterdrücken.

JL: Mir hat irgendwann die Erkenntnis geholfen, dass wir eigentlich an derselben Sache arbeiten. Früher habe ich in Anträgen anonyme Menschen um Geld für Kunst gebeten…, damit macht man sich nur selbst klein. Denn die Verwaltung soll ja mit dem Geld die Kunst und Kultur fördern – ohne Kunstschaffende könnte sie ihren Job also gar nicht machen. Wenn man das verinnerlicht, kann man auf Augenhöhe gemeinsam viel Kultur aus wenig Geld machen. Die einen haben die Mittel, die anderen Ideen und Umsetzungskompetenz – let’s do it together.

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Kerstin Tack und Julius Matuschik

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Kerstin Tack und Julius Matuschik


Für diese Ausgabe haben wir mit Kerstin Tack (KT), Vorsitzende des Paritätischen Niedersachsen, und Julius Matuschik (JM) vom Cameo Kollektiv gesprochen, stellvertretend für zwei Organisationen, die beide auf ihre Art an derselben Frage arbeiten: Wie könnte eine gerechtere Zukunft aussehen, auch speziell in Hannover? Während das Cameo Kollektiv mit kreativen Mitteln Räume für Begegnung und Teilhabe schafft, kümmert sich der Paritätische als Dachverband um die strukturellen und sozialpolitischen Bedingungen.

Stellt euch zum Einstieg bitte kurz vor …

KT: Der Paritätische Niedersachsen ist ein Dachverband für rund 880 gemeinnützige Organisationen und Einrichtungen. Die arbeiten in ganz unterschiedlichen Bereichen, zum Beispiel in der Pflege, der Behindertenhilfe, der Kinder- und Jugendhilfe oder der Migrationsberatung. Hinzu kommen unsere eigenen paritätischen Dienste in der Selbsthilfe, der Schulbegleitung, der Suchtberatung oder Essen auf Rädern und viele mehr. Als Paritätische Familie arbeiten damit in ganz Niedersachsen rund 90.000 Menschen. Was uns verbindet, ist der Anspruch, Menschen zu unterstützen und gleichzeitig die Bedingungen zu verändern, unter denen Menschen leben. Ich bin Vorsitzende des Paritätischen Niedersachsen. Mich beschäftigt vor allem die Frage: Unter welchen Bedingungen können Menschen wirklich selbstbestimmt leben – und was müssen wir gesellschaftlich und politisch dafür verändern?

JM: Ich bin Teil des Cameo Kollektivs, einer von ungefähr 30 Vereinsmitgliedern und einer von dreien, die in der Geschäftsstelle arbeiten. Wir vom Cameo Kollektiv versuchen, Methoden aus Kunst und Design zu nutzen, um gesellschaftspolitische Themen zu bearbeiten. Das können Begegnungsprojekte sein, das können Ausstellungen sein, das können Publikationen sein. Die Projekte sind vielfältig.

Das Cameo Kollektiv nennt sein Grundprinzip „UPGRATION – Upgrade durch Migration“. Was bedeutet das ganz konkret, und wie übersetzt sich diese Haltung in eure Projekte?

JM: Upgrade durch Migration ist ein Teil unserer Geschichte und beschreibt unsere Arbeit heute vielleicht gar nicht mehr vollumfänglich. Wir haben damals ein großes Projekt zum Thema Flucht und Migration gemacht. Wir wollten die Menschen in den Mittelpunkt rücken, wir wollten sensibilisieren für ihre Schicksale und Geschichten. Und vor allem wollten wir zeigen, dass Migration nicht nur eine Herausforderung ist, sondern dass Vielfalt eine Innovationsressource ist. Dass die Gesellschaft extrem gewinnt durch Vielfalt. Darum Upgrade durch Migration. Inzwischen hat es sich bei uns erweitert, weil wir ganz generell eine gerechtere Zukunft für alle Menschen fordern und wünschen. Wir machen sichtbar, dass unsere Gesellschaft eben noch nicht gerecht ist, und versuchen gleichzeitig, Prozesse zu initiieren und zu fördern, die positiv wirken. Begegnung finden wir extrem wertvoll. Wir sprechen immer von der Magie der Begegnung. Von diesen Begegnungen erhoffen wir uns mehr Empathie oder auch Verständnis füreinander.

Der Paritätische steht für die klassische Wohlfahrtsarbeit – Beratung, Unterstützung, Interessenvertretung. Wie hat sich diese Arbeit in den letzten Jahren verändert, und was beschäftigt euch aktuell am meisten?

KT: Die soziale Arbeit ist in den letzten Jahren deutlich komplexer geworden. Viele Probleme kommen inzwischen zusammen: steigende Lebenshaltungskosten, fehlender Wohnraum, Personalmangel und mehr Menschen, die Unterstützung brauchen. Was uns aktuell besonders beschäftigt, ist die Frage, wie wir verhindern, dass soziale Angebote weggekürzt werden. Wenn bei Beratung, Jugendhilfe, Pflege, Wohnungslosenhilfe oder Integration gekürzt wird, trifft das Menschen ganz konkret. Und wir erleben einen politischen Rechtsruck. Da muss man aus meiner Sicht sehr klar sein: Wenn Menschen das Gefühl haben, dass ihre Probleme nicht gesehen werden, dürfen wir das nicht denjenigen überlassen, die einfache Antworten anbieten. Soziale Sicherheit und Demokratie gehören zusammen. Wo Menschen Unterstützung bekommen, sich beteiligen und erfahren, dass ihre Stimme zählt, wird Demokratie konkret. Auch aus einer ökonomischen Perspektive brauchen wir eher mehr, als weniger Sozialstaat. Das gilt gerade für Phasen der wirtschaftlichen Stagnation: Investitionen in die soziale Infrastruktur bzw. eine Stärkung der Sozialpolitik können in Krisenzeiten als produktiver und stabilisierender Faktor die wirtschaftliche Lage verbessern.

Was würdet ihr sagen verbindet euch als Organisationen?

KT: Ich glaube, uns verbindet zunächst einmal der Blick auf die Menschen. Wir wollen Menschen nicht auf ihre Probleme oder Defizite reduzieren. Und wir teilen die Überzeugung, dass Teilhabe nicht einfach von allein entsteht. Man braucht Räume, Zugänge und Strukturen. Und natürlich verbindet uns auch der Blick auf Vielfalt. Eine Gesellschaft ist nicht dann gerecht, wenn alle gleich sind, sondern wenn unterschiedliche Menschen mit ihren unterschiedlichen Lebensgeschichten und Bedürfnissen selbstverständlich dazugehören.

JM: Wir arbeiten auf jeden Fall an denselben Themen. Uns geht es darum, Teilhabe zu schaffen und mit der eigenen Arbeit den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Wir sind also ein größeres und ein kleineres Rädchen im gleichen großen Dampfer Demokratie.

Was bedeutet Gerechtigkeit für euch ganz konkret – nicht als großes Wort, sondern im Alltag eurer Arbeit?

JM: Wir denken, dass Gerechtigkeit entsteht, wenn Menschen nicht nur mitreden dürfen, sondern auch mitgestalten können. Und dass dafür viel zu oft die Räume fehlen. Wir glauben, dass Menschen sehr gerne Verantwortung übernehmen, wenn nicht für das große Ganze, so doch im Kleinen, in der Nachbarschaft. Dafür wollen wir Möglichkeiten schaffen. Orte, an denen Menschen ihre Ideen ausprobieren können, wo sie sich und ihre Meinungen und ihre Herausforderungen einbringen können, wo wir gemeinsam Lösungen suchen und finden.

KT: Für mich beginnt Gerechtigkeit ganz grundsätzlich bei der Frage: Kann ich mir mein Leben leisten? Habe ich eine Wohnung? Kann ich meine Miete bezahlen? Bekomme ich die Unterstützung, die ich brauche? Und dann gehört für mich auch ganz klar Geschlechtergerechtigkeit dazu. Wir wissen, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer. Gleichzeitig übernehmen Frauen nach wie vor deutlich mehr unbezahlte Sorgearbeit. Das ist der Gender Care Gap. Gerechtigkeit bedeutet für mich, diese Arbeit sichtbar zu machen und fairer zu verteilen.

Kreativarbeit und klassische Sozialarbeit gelten oft als getrennte Welten. Wo könnt ihr voneinander lernen oder euch gegenseitig stärken?

KT: Soziale Arbeit ist eigentlich viel kreativer, als man manchmal denkt. Man muss jeden Tag neue Lösungen finden und schauen, was für einen Menschen konkret funktioniert. Von kreativen Projekten können wir aber sicher lernen, dass Menschen ganz unterschiedliche Zugänge brauchen. Nicht jeder Mensch wird über ein Beratungsgespräch oder ein Formular erreicht. Viele marginalisierte Gruppen, für die wir das sozialpolitische Sprachrohr sind, erreichen wir nicht immer über unsere Medienarbeit. Für sie funktioniert der Zugang über Musik, Kunst, Film oder gemeinsames Gestalten besser. Aber solche Angebote finden sich tatsächlich in unseren Mitgliedsorganisationen wieder.

JM: Ich denke, dass wir mit unserem interdisziplinären Background, also diesem Haufen aus Sozialwissenschaftler*innen und Gestalter*innen und der Art und Weise, wie wir arbeiten, nämlich mit Methoden aus Kunst und Design, eine besondere Herangehensweise einbringen. Wir nutzen zum Beispiel sehr oft Methoden des Social Design. Wir haben gerade wieder einen Raum eröffnet, in dem Menschen ihre Ideen für Hannover einbringen können, aber in dem sie auch sagen können, was sie in Hannover stört. Wir versuchen dann, das in die Praxis zu bringen. Vielleicht wären solche Projekte auch gemeinsam mit dem Paritätischen möglich. Und was wir lernen können: Wir sind meistens an die klassische Projektarbeit gebunden. Unsere Arbeit wird projektbezogen gefördert, das heißt, es steht für ein Projekt Geld zur Verfügung, vom Start bis zum Ende. Was dann oft fehlt, ist die Perspektive oder die Möglichkeit, das in eine Nachhaltigkeit zu bringen. Ich denke, dass der Paritätische viele Strategien und auch Erfahrungen hat, die eigene Arbeit nachhaltig wirksam zu machen.

Gibt es einen Moment aus eurer Arbeit, der euch besonders in Erinnerung geblieben ist – wo ihr gemerkt habt, dass sich etwas wirklich bewegt?

KT: Solche Momente gibt es viele. Und oft sind es gar nicht die großen politischen Erfolge. Zum Beispiel, wenn jemand, der lange keine Wohnung hatte, durch Housing First wieder einen eigenen Schlüssel in der Hand hält. Oder wenn jemand, der lange nicht gehört wurde, plötzlich selbstbewusst für die eigenen Interessen eintritt. Was mich immer wieder beeindruckt, ist, wie viele Menschen sich jeden Tag dafür einsetzen, dass andere nicht durchs Raster fallen. Das gilt auch für die vielen Menschen, die sich vor Ort für Demokratie engagieren. Gerade angesichts des Rechtsrucks ist es wichtig, dass wir nicht nur sagen: Demokratie ist wichtig. Wir müssen Demokratie erlebbar machen. Genau das kommunizieren wir aktuell auch mit unserer Kampagne „Du bist Demokratie.“ Nur wenn Menschen erfahren, dass ihre Stimme zählt und dass sie etwas bewegen können, dann ist das ein wichtiger Schutz gegen demokratiefeindliche Kräfte.

JM: Ich finde, der alltägliche Austausch mit immer neuen Menschen ist generell großartig. Von den neuen Perspektiven lernen zu können. Momentan steht bei mir unser aktuelles Projekt, der offene Raum, im Vordergrund.

Wie müsste Hannover in zehn Jahren aussehen, damit ihr sagen würdet: Wir sind auf dem richtigen Weg?

KT: Ich wünsche mir ein Hannover, in dem niemand aufgrund seines Einkommens von Teilhabe ausgeschlossen ist. Ich wünsche mir gute und erreichbare soziale Angebote – für Kinder und Jugendliche, für ältere Menschen, für Menschen mit Behinderungen und für Menschen, die in Deutschland ankommen. Ich hoffe außerdem, dass wir in zehn Jahren bei der Pflege weiter sind. Wir brauchen eine Pflegevollversicherung, die die tatsächlichen Pflegekosten absichert und Menschen nicht in die Armut führt. Entscheidend dafür ist, dass alle solidarisch einzahlen. Und ich wünsche mir eine Stadtgesellschaft, in der Vielfalt selbstverständlich ist und in der Demokratie nicht nur als politisches System verstanden wird, sondern als etwas, das im Alltag stattfindet.

JM: Was in anderen Städten bereits massiv passiert und auch bei uns schon passiert ist, das sind Kürzungen in den Bereichen Kultur, Bildung und Soziales. Und ich denke, das ist ein Riesenfehler. Gerade in diesen drei Bereichen liegen ja immense Chancen. Eine Gesellschaft kann nur dann zukunftsfähig werden, wenn sie miteinander lernt. Durch eine gemeinsame Bildung baut sich Vertrauen auf. Und die Kultur trägt mit ihrer Kreativität dazu bei, neue Lösungen zu entwickeln. Darum sollten wir hier auf gar keinen Fall den Rotstift ansetzen. Ich wünsche mir für Hannover, dass diese Potenziale bewahrt und sogar noch einmal neu entdeckt werden.

KT: Das sehe ich ganz ähnlich. Wir müssen uns als Gesellschaft entscheiden: Was ist uns wichtig? Wo setzen wir Prioritäten? Ich finde, wir müssen aufpassen, dass soziale Fragen nicht immer nur unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden, was gerade noch finanzierbar ist. Wenn wir soziale Angebote schwächen, schwächen wir auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt und letztlich unsere Demokratie. Die soziale Infrastruktur ist das Rückgrat unserer Gesellschaft.

» LAK

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Naomi Peter und André Lawiszus

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Naomi Peter und André Lawiszus


Naomi Peter ist seit zehn Jahren in der Veranstaltungsbranche unterwegs und hat seit letztem Sommer die Projektleitung für das Maschseefest. André Lawiszus, Geschäftsführer der Hannover Veranstaltungs GmbH (HVG), ist seit der Neuausrichtung 2011 dabei und hat das Konzept mitentwickelt, später als Prokurist, seit September 2024 als Geschäftsführer. Wir treffen die beiden wenige Wochen vor dem Startschuss. Am 22. Juli öffnet das Maschseefest zum 38. Mal – in diesem Jahr zeitgleich mit den Finals mit 24 Deutschen Meisterschaften. Die Tage sind lang, die To-do-Listen länger, und ein Gespräch ist eigentlich gar nicht drin. Trotzdem nehmen sie sich Zeit.

Naomi, du hast die Projektleitung beim Maschseefest. Was genau landet auf deinem Schreibtisch? Was ist dein Job?

NP: Alles, ehrlich gesagt (lacht). Die Gesamtorganisation teilt sich in viele Bereiche auf: Verkehr, Gastronomie, Programm, Infrastruktur, Sicherheit – Letzteres in enger Abstimmung mit unserem Veranstaltungsmeister Olli Schulte. Dazu kommen interne Absprachen, Genehmigungsverfahren mit der Stadt, die Kommunikation mit allen Partnern und Dienstleistern. Jedes Thema hat seine eigene Dynamik, eigene Beteiligte, eigene Tücken. Es ist umfangreich, ich könnte hier jetzt noch eine ganze Weile sitzen und weitererzählen.

Wie lang sind deine Tage gerade?

NP: Im Durchschnitt elf Stunden – seit einigen Wochen. Aber danach habe ich bestimmt auch irgendwann mal frei (lacht). Oder, André?

AL: Bestimmt.

Kannst du die Frage noch hören, wie das ist, als Frau in diesem harten Geschäft?

NP: Ich kann sie noch hören – und ich finde sie auch berechtigt. Für mich persönlich ist das intern bei der HVG kein Thema. Der Umgang ist fair, meine Expertise ist anerkannt. Draußen sieht das aber noch häufig ganz anders aus. Die meisten Ansprechpartner sind männlich. Man gewöhnt sich über die Jahre eine bestimmte Art an, damit umzugehen. Ein dickes Fell ist hilfreich – das gilt für diese Branche aber generell. Und es gibt natürlich auch jede Menge positive Erfahrungen, was den Umgang betrifft. Ich bin jetzt bald 33 und habe schon einige Jahre in der Veranstaltungsbranche hinter mir – ich komme mit meiner Rolle inzwischen gut zurecht. Aber ich würde mir natürlich insgesamt wünschen, dass das kein Thema mehr wäre und diese Frage sich irgendwann erledigt.

Das Fest gibt es seit 1986 – dieses Jahr zum 38. Mal. André, was ist das Erfolgsgeheimnis?

AL: Die entscheidende Wende kam 2011, als wir die HVG gegründet und das Fest von Grund auf neu aufgestellt haben. Vorher war das Maschseefest irgendwie einfach da – aber ohne das Konzept, das es heute trägt. Wir haben das Motto „In 19 Tagen um die Welt“ entwickelt, strukturierte Ausschreibungsverfahren eingeführt, Transparenz und Klarheit reingebracht. Für viele Gastronomen war es anfangs befremdlich, plötzlich 80- bis 100-seitige PDFs zu bekommen. Aber dadurch entstand Raum für neue Gesichter und mehr Qualität – und eine Chance für Gastronomen, die vorher noch nie dabei gewesen waren. Wir haben im Laufe der Jahre viele Dinge verändert, ohne dass die Gäste das so bewusst wahrgenommen haben. Wir haben zum Beispiel den Schwerlastboden erweitert, die Standgestaltung weiterentwickelt. Die Professionalisierung über mehr als zehn Jahre – das ist, glaube ich, der eigentliche Kern der Erfolgsgeschichte.

Du hast die Geschäftsführung im September 2024 von Hans Nolte übernommen. Wie hat sich das angefühlt, plötzlich Chef zu sein?

AL: Das Verantwortungsgefühl ist natürlich ein anderes. Früher gab es immer noch Hans. Wenn etwas brannte, hat Hans das geregelt. Heute muss ich es regeln. Und das gilt nicht nur für das Maschseefest, dazu kommt der Feuerwerkswettbewerb, die Glitterbox und vieles mehr. Das ist schon eine spannende und herausfordernde Aufgabe. Aber nach all den Jahren ja auch gelernt. Das Maschseefest war 2011 zuerst noch ein Halbjahresjob, heute ist es längst ein echter Ganzjahresjob. Als Naomi Anfang 2024 zu uns kam, haben wir das Fest dann gemeinsam organisiert – mit dem klaren Plan, dass ich später die Gesamtverantwortung für die HVG übernehme und das Maschseefest wirklich in ihre Hände übergeht.

Der Druck auf euch wächst wahrscheinlich mit jedem Tag bis zur Eröffnung.

NP: Der mediale Druck ist im Grunde permanent da. Viele Menschen schauen drauf, das Presseinteresse ist groß – nicht ganzjährig, aber doch auch schon im Vorfeld eine ganze Weile, und rund ums Fest natürlich so richtig. Aber für mich ist der eigentliche Druck, dass ich den Gästen etwas Besonderes bieten möchte. Die Leute nehmen ja teilweise einen sehr weiten Weg in Kauf und kommen mit einer gewissen Erwartungshaltung. Was sich dazu wirklich stark verändert hat, ist die sicherheitstechnische Dimension. Die Verantwortung, die Veranstalter heute tragen müssen, ist enorm – das gilt für die gesamte Branche, nicht nur für uns. Sicherheitskonzepte sind inzwischen eine Wissenschaft für sich.

AL: Als wir 2011 angefangen haben, war das Druckgefühl für mich noch ein anderes, ein schwereres. Weil sehr viel noch nicht klar und gelernt war. Inzwischen gehört der Druck für mich zum Alltag. Man wächst ja mit den Situationen, mit den Krisensitzungen, den Erfahrungen. Dieses heftige Druckgefühl hat sich also mit der Zeit relativiert. Wir entwickeln das Fest täglich weiter, wir geben unser Bestes, für die Gäste ein schönes Sommererlebnis zu bieten. Und unseren Gastronomen wünschen wir 19 Tage Sonnenschein und gute Umsätze. Das Wetter können wir nicht beeinflussen. Ich denke, was wir geschaffen haben, ist ja durchaus vorzeigbar. Ein tolles Aushängeschild für die Stadt, ein echter Mehrwert für unser Image und einfach eine schöne Veranstaltung.

Schlaft ihr eigentlich gut und tief?

AL: Man träumt schon mal lebhaft. Je näher der Starttermin rückt, desto mehr nimmst du das Fest mit nach Hause. Was ist morgen dran? Kriegen wir das rechtzeitig hin? Wie wird das Wetter? Dann rufen Gastronomen an, die ihr Konzept noch leicht tunen wollen. Mit diesen Gedanken schläfst du ein und wachst damit auch wieder auf. Das hat sich aber mit den Jahren bei mir auch verändert. Ich schlafe heute sehr viel besser. Man weiß irgendwann einfach, dass man alle Situationen schon einmal gemeistert hat. Und dass man das wieder hinbekommt. Man bekommt auch einfach ein dickeres Fell.

NP: Ich habe mir zum Glück angewöhnt, auch unter Druck gut zu schlafen. Ich habe mir das in den Jahren im Privatsektor bei großen Events antrainiert. Aber nervös und angespannt bin ich natürlich durchaus. Und ich finde das auch okay. Es braucht ja eine gewissen Spannung. Wenn mir etwas wichtig ist, kommt das automatisch. Und ich möchte ja das Beste erreiche. Mein eigener Anspruch ist hoch, das wirkt sich schon aus.

Über 200 Acts, 35 Gastronomien, 20.000 Quadratmeter – wie plant man das, ohne den Überblick zu verlieren?

NP: Den Überblick behält man einfach durch klare Strukturen, eine enge Kommunikation mit allen Beteiligten und vor allem die physische Präsenz. Ich bin 19 Tage durchgehend vor Ort und gehe mehrfach um den See – auch zur Kontrolle bei den Gastronomen.

AL: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist notwendig. Wir haben Brauereiverträge, die eingehalten werden müssen. Wenn jemand das falsche Bier im Kühlschrank hat, stehen die Brauereivertreter sofort auf der Matte. Dann müssen wir eingreifen, reden, eine Lösung finden. Gastronomen wollen ihren Gewinn maximieren – das verstehe ich. Aber das Gesamtkonstrukt muss funktionieren, und da sind wir manchmal gezwungen, den Zeigefinger zu heben.

Wie entscheidet ihr, welche Gastronomen dabei sind?

NP: Wir haben 2025 die Ausschreibungsperiode für drei Jahre gestartet – das heißt, bei den Hauptstandorten gibt es in diesem Jahr keine grundlegend neuen Konzepte. Das Grundprinzip bleibt das Motto „19 Tage um die Welt“: Alle Gastronomen entwickeln ein Länderkonzept, das sich gastronomisch und im Standbau widerspiegeln soll. Die Foodmeile schreiben wir jedes Jahr neu aus. Inzwischen kommen die Betreiberinnen und Betreiber aus ganz Deutschland, zum Teil auch aus dem europäischen Ausland. Es ist eine europaweite Ausschreibung und wer gut ist, gewinnt. Das bringt frischen Wind und spornt auch die alteingesessenen Gastronomen an. Keine Position ist sicher, nur weil man schon lange dabei ist. Man muss sich entwickeln. Vegane Speisen sind inzwischen zum Beispiel Pflicht – jeder Stand muss sie anbieten. Auf der Foodmeile gibt es außerdem eine Location, die nur veggie und vegan anbietet. Das hat sich inzwischen sehr gut etabliert.

AL: Es gibt ja immer diese Idee, dass möglichst alles aus Hannover kommen muss. Aber wenn sich jemand aus München oder Hamburg mit einem guten Konzept und überzeugenden Produkten präsentiert, dann ist das für mich einfach eine Bereicherung. Das belebt das Fest, das bringt Qualität, und Hannover profitiert. Ein Wettbewerb ist hier auf jeden Fall sinnvoll.

In diesem Jahr startet das Fest eine Woche früher wegen der Finals. Sport und Feiern direkt nebeneinander – wie koordiniert man das?

AL: Die Finals laufen vom 23. bis 26. Juli, Kanu und Rudern haben wir direkt auf dem Maschsee. Und ich finde, die Finals sind eine echte Chance, für das Fest und für Hannover insgesamt. Wir werden bundesweit im Fernsehen gezeigt, unsere Gastronomen haben in den ersten vier Tagen potenziell deutlich mehr Gäste, und die Sportlerinnen und Sportler haben plötzlich Publikum und Atmosphäre bei ihren Wettkämpfen. Abends treffen sich die Verbände auf dem Maschseefest – tagsüber Sport, abends Fest. Das ist ein schönes Zusammenkommen. Wir gehen auch gemeinsam nach draußen. Das Maschseefest erscheint auf den Finals-Plakaten, die Finals bei uns. Hand in Hand – Hannover zeigt, dass es Großveranstaltungen kann.

NP: Natürlich braucht das viel Kommunikation. Zwei Großveranstaltungen, zwei Einzelinteressen, da gibt es auch mal Reibungspunkte. Aber das ist völlig normal und ehrlich gesagt auch ganz gesund. Jede Seite versucht, ihre Veranstaltung bestmöglich zu vertreten. Wir haben inzwischen einen guten, regelmäßigen Austausch aufgebaut und planen eine gemeinsame Pressekonferenz am 29. Juni. Wir verantworten dann den Eröffnungsempfang im Courtyard. Die Eröffnungsshow liegt in der Hand der Finals, gemeinsam mit Hannover Concerts und der Stadt. Es gibt eine eigene Bühne am Eröffnungsmittwoch mit Acts, die beim regulären Maschseefest sonst nicht auftreten würden – die Details verraten wir aber noch nicht.

Was ist euer persönlicher Lieblingsmoment beim Fest?

NP: Der letzte Festsonntag. Nicht weil es dann vorbei ist – sondern weil es ruhiger wird und wir als Team selbst einmal kurz wirklich teilnehmen können, ohne gleichzeitig alles steuern zu müssen. Dann ist das Fest durchgeführt, und man kann kurz durchatmen. Aber auch die stillen Momente unter der Woche gefallen mir. Wenn wir um 14 Uhr öffnen, es noch ruhig ist und ich Zeit habe, in Ruhe mit den Gastronomen zu reden oder einfach mal am See entlangzugehen. Leute zu treffen. Das Maschseefest hat intern ja ein winziges Kernteam, aber das Gesamtteam ist riesig, alle, die dort arbeiten, sind Teil davon. Und diese Momente der Verbindung zu spüren, das mag ich sehr.

AL: Bei mir setzt so eine Erleichterung ein, wenn der Eröffnungsabend gut gelaufen ist. Die ersten zwei Tage – dann atmet man durch. Danach fliegt das Fest regelrecht, und plötzlich ist man fast am Ende und wundert sich, dass es schon wieder vorbei ist Und dann ist man ein bisschen traurig, weil man wieder ein Jahr warten muss. Kopfmäßig ist man da aber schon beim Abbau, bei der Übergabe der Flächen zurück an die Stadt. Und dann dreht sich das Rad sofort wieder von vorne.

André, was kann Naomi, was du nicht so gut kannst? Was schätzt du besonders an ihrer Arbeit?

AL: Mich beeindruckt Naomis gründliche Arbeitsweise. Und sie schreckt vor nichts zurück, sie macht auch die unangenehmen Dinge. Einfach so, sie zieht das gnadenlos durch. Das verschafft mir natürlich Luft und hält mir den Rücken frei.

Und umgekehrt?

NP: Was ich sehr schätze, ist das Vertrauen und der Freiraum. Das Maschseefest ist kein normales Event – es ist ein Wildwuchs mit unzähligen Beteiligten. Dass ich diesen Übergang gemeinsam mit André gestalten durfte und jetzt wirklich den Raum bekomme, eigene Entscheidungen zu treffen, auch wenn André es vielleicht manchmal anders sieht, das ist nicht selbstverständlich. Der Umgang ist sehr fair.

» Lars Kompa

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Alexandra Dzaack und Rainer Müller-Brandes

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Alexandra Dzaack und Rainer Müller-Brandes


Für diese Ausgabe haben wir uns mit der Vizepräsidentin der Special Olympics Hannover Alexandra Dzaack (AD) und dem Stadtsuperintendanten des Kirchenkreises Hannover Rainer Müller-Brandes (RMB) getroffen. Was die beiden zum Thema Inklusion zu sagen haben, warum ihre Werte-DNA eigentlich die gleiche ist und welchen Weg Hannover beim Thema „Barrierefreiheit & gesamtgesellschaftliche Teilhabe“ noch zu bestreiten hat, darüber mehr im Interview …

Stellt euch zum Einstieg bitte kurz vor und erzählt, wie ihr ins Vereinsleben gekommen seid.

AD: Ich bin seit drei Jahren ehrenamtliche Vizepräsidentin von Special Olympics Niedersachsen. Meine primäre Aufgabe besteht in der Begleitung unseres Athletinnenrats, der über 1.500 Sportlerinnen in ganz Niedersachsen vertritt. Es geht also um Teilhabe, Sichtbarkeit und vor allem darum, Menschen Räume zu geben, in die sie gehören. Dem etwas entgegenzusetzen, macht mein Ehrenamt als Vizepräsidentin von Special Olympics Niedersachsen aus.

RMB: Ich vertrete den Kirchenkreis Hannover. Das umfasst circa 50 Kirchengemeinden und 70 Kindergärten. Dazu eine ganze Menge anderer Einrichtungen. Das nennt sich dann formal Stadtsuperintendent. Außerdem bin ich der Pastor der Kirche nebenan, der Marktkirche.

Kirchenkreis und Special Olympics – das klingt ja auf den ersten Blick nach zwei verschiedenen Welten. Was verbindet euch?

AD: Was uns verbindet, sind die Menschen, nicht die Grenzen.

RMB: Genau, nicht auf Grenzen schauen wir, sondern auf das Potenzial der Menschen. Dieses Potenzial wird nicht nur durch Sport erlebbar, wir versuchen das auch im Kirchenalltag umzusetzen. Ob in der Kita, in der Gemeinde oder der Diakonie. In der Bibel heißt es schließlich „Ein Leib, viele Glieder“. Das ist zwar ein uraltes biblisches Bild, aber gleichzeitig auch unsere DNA: alle haben verschiedene Fähigkeiten. Schaut man dabei nicht nur defizitorientiert, kann dann in der Gemeinschaft etwas Gutes geschaffen werden.

AD: Die Kernaussage ist ein gesellschaftliches Miteinander. Dafür stehen wir beide, auch wenn unsere Arbeit unterschiedlich aussieht. Es geht im Grunde um Begegnung, Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung. Egal wo man herkommt, egal wer man ist. Das brauchen wir ja momentan mehr denn je.

RMB: Gleichzeitig ist das auch ein Lernprozess. Auch bei uns in der Kirche ist noch Luft nach oben, was Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe angeht. Klar bieten wir Möglichkeiten für Schwerhörige beim Gottesdienst und natürlich sind wir teils barrierefrei. Aber eben längst nicht immer. Von unserer christlichen Theologie aus haben wir Inklusion dagegen längst verstanden. Gott macht keine Beschränkungen. Menschen mit Behinderung sagen mir zum Beispiel ganz selbstverständlich, dass sie ein Ebenbild Gottes sind. Wunderbar.

Der Begriff Inklusion ist ja seit einigen Jahren in aller Munde. Was bedeutet für euch Inklusion ganz konkret?

AD: Inklusion bedeutet auf jeden Fall nicht, einmal im Jahr eine schöne Veranstaltung zu machen und dann ist wieder gut. Für uns bei Special Olympics muss sich Inklusion im Alltag zeigen. Wer entscheidet mit? Wer sitzt mit am Tisch? Wer darf mitmachen? Menschen mit Behinderung nicht auszuschließen, ist unsere Kernaufgabe. Da gibt es immer noch ganz viele Hürden und Barrieren. Das Wichtige ist, dass Menschen mit Behinderung in Entscheidungsprozesse geholt werden. Es wird viel über Menschen mit Behinderung gesprochen, aber selten mit ihnen. Deshalb ist Inklusion für mich immer auch eine Haltung.

RMB: Haltung ist das Stichwort. Inklusion ist für mich kein Konzept, sondern dass man Dinge von Anfang an gemeinsam für alle mitdenkt. Ehrlich gesagt, gelingt uns das auch nicht immer. Trotzdem versucht die Kirche Barrieren aufzubrechen. Viele unserer Kitas arbeiten inklusiv und für Kinder ist es dann ganz selbstverständlich, zusammen zu spielen und aufzuwachsen. Auch im Jugendbereich versuchen wir etwas zu bewegen. So gibt es den inklusiven Jugendtreff FREI!RAUM, der übrigens das einzige inklusive Jugendzentrum in Hannover ist. Konzepte sind immer schön und gut, aber es müssen auch Taten folgen. So etwas auch immer wieder finanziell auszuhandeln, ist nicht einfach, aber das Wichtigste ist Haltung mit Herzblut beim Thema Inklusion.

Alexandra, bei den Special Olympics kann man erleben, wie Sport etwas in Menschen freisetzt, das sonst oft unsichtbar bleibt …

AD: Das stimmt. Da werden unglaubliche Energien freigesetzt. Rainer, du warst ja auch bei unseren Spielen letztes Jahr und hast das live erleben dürfen. Auch wenn das Regelwerk für Menschen mit Behiderung angepasst ist, steht doch wie bei anderen Sportevents Wettkampf, Teamgeist und vor allem Leidenschaft an erste Stelle. Schließlich machen auch die Athletinnen der hannoverschen Special Olympics das nicht nur „just for Fun“, sondern das sind immer auch Qualifizierungsspiele. Das spielt sich nicht nur auf Landesebene ab, sondern auch national. Bis zur Weltmeisterschaft nächstes Jahr in Chile. Aber auch, wenn es bei den Wettkämpfen der Sportlerinnen um Qualifizierungen geht, habe ich noch nie Sportevents mit so viel guter Laune erlebt. Leidenschaft pur. Diese Freude ist natürlich noch einmal größer, wenn wir im Verein tolle Erfolge feiern können. Unsere Helena Klintschar, Para-Skiläuferin, ist jetzt grade überraschenderweise als Behindertensportlerin des Jahres gekürt worden.

RMB: Auch der Glaube setzt natürlich Energien frei. Glaube hat dieses Credo: „Wir schaffen das zusammen.“ Da gibt es immer wieder schöne Begegnungen, auch im Kirchenalltag. Wir haben zum Beispiel mal Wohnungslosen eine kirchliche Hochzeit ermöglicht. Das Brautkleid haben wir von der Oper geliehen. Und dann diesen beiden Menschen vorm Altar diesen Augenblick zu schenken, das war wunderbar. Genauso merke ich diese Energien, wenn wir den „Konfi-Cup“ veranstalten die in gemischten Mannschaften gegeneinander antreten. Klar geht es um den Sieg, aber vor allem um das Miteinander, die Gemeinschaft. Auch die integrativen Turniere von unserem FREI!RAUM-Projekt sind immer beides: Energie und Gemeinschaft. Und das mittlerweile seit 12 Jahren.

Hannover positioniert sich selbst ja als sehr inklusive Stadt, was meint ihr: wie inklusiv ist Hannover wirklich?

RMB: Ich finde, Hannover ist schon sehr engagiert und auch auf dem richtigen Weg, aber es ist eben ein langer Weg. Der auch viel Geld kostet. Zum Beispiel der Ausbau der Hochbahnsteige. Ich habe mal bei der Aktion „Ein Tag im Rollstuhl“ mitgemacht – da bemerkt man erst viele der Hilfsmittel in der städtischen Infrastruktur, also Ampelhilfen, Fahrstühle, behindertengerechte Toiletten. Aber eben auch, dass da noch Luft nach oben ist. Da kommt die Stadt immer wieder an ihre Grenzen. Inklusion soll dafür sorgen, dass alle in der Stadt zusammenkommen können.

AD: Ich glaube schon, dass wir uns als Stadt schon gut positioniert haben, was die Barrierefreiheit angeht. Dazu gehört für mich auch noch viel mehr. Ich denke zum Beispiel gerade an den CSD. Zu einer inklusiven Stadt gehört, dass wir alle unter einem Dach gemeinsam feiern können. Schaut man auf die anderen inklusiven Angebote, besonders in den Schulen und im Sport, tut sich schon etwas. Zum Beispiel machen wir zusammen mit dem Hockeyverein Hannover 78 seit 2024 das Special Hockey. Sportler*innen mit und ohne Behinderung spielen gemeinsam. Das wird super angenommen. Wir von den Special Olympics machen oft Schnupper-Angebote mit Vereinen, unterstützen Trainer*innen in der inklusiven Arbeit und das Beispiel mit Hannover 78 zeigt eben auch, dass es möglich ist, eine inklusive Sportgesellschaft in Hannover zu schaffen. Dass die Stadt das auch will und uns unterstützen möchte, merken wir. Als wir die Länderspiele hatten, wollten wir nicht in abgelegene Sportstätten, sondern mitten in die Stadt vors Rathaus. Die Stadt war sofort bereit, das umzusetzen und uns Support zu geben.

Wo scheitert Inklusion noch? Und woran liegt das? Am Geld, an Haltungen, an Strukturen?

RMB: Am guten Willen scheitert es nicht, sondern an Strukturen und Ressourcen. Aber ich versuche das immer auch positiv zu sehen, dass wir nicht scheitern, sondern dass wir einfach noch nicht am Ziel sind.

AD: Ich bin in meinen Urteil ein wenig härter, vor allem, wenn ich mir die Frage auf bundespolitischer Ebene anschaue. Ich glaube, es scheitert an allem ein bisschen. An Haltung, Struktur und auch finanziellen Mitteln. Doch am meisten scheitert es an falschen Priorisierungen. Auf Bundesebene merkt man ja gerade sehr deutlich, wo Gelder eingespart werden. Da gibt es keine Priorisierung für Menschen mit Behinderung, keine Priorisierung für Inklusion. Barrierefreiheit wird immer noch als Zusatz gewertet, dabei sollte das eine Selbstverständlichkeit sein. Da müssen wir hinkommen.

Während die Special Olympics immer mehr an Sichtbarkeit gewinnen, verliert die Kirche gegenwärtig immer mehr Mitglieder. Was kann die Kirche von einer Bewegung wie den Special Olympics lernen?

RMB: Die Special Olympics machen deutlich, dass alle Menschen einzigartig sind. Das ist auch unsere Kirchen-DNA. Und daran halten wir fest. Trotz der gesellschaftlichen Entwicklung sind unsere Inhalte nicht schlechter, sondern immer noch genauso wichtig. Jeder Mensch ist gleich viel wert. Dass die Kirche für alle anschlussfähig bleibt, das haben wir offensichtlich dennoch verpasst. Man merkt aber gerade einen Generationswandel. Unsere Kirche wird immer anschlussfähiger für Menschen aus aller Welt. Viele junge Kolleg*innen kommen nicht aus Deutschland. Es folgt jetzt eine nächste Generation. Und unsere Aufgabe ist es jetzt, die Weichen zu stellen für eine kleinere und spirituelle Kirche. Dabei bleibt die Einzigartigkeit des Menschen als Grundidee bestehen. Die ist schon ziemlich alt, und deshalb auch so gut.

Ihr arbeitet beide mit sehr viel ehrenamtlichen Engagement. Was hält Menschen bei der Stange – und was treibt sie weg?

AD: Menschen bleiben, wenn sie merken, dass sie etwas bewegen mit dem, was sie tun. Und sie gehen, wenn sie gegen Mauern laufen, nicht das Gefühl haben, sich wirklich einbringen zu können. Das vertreibt. Egal ob im Sportverein oder in der Kirche. Menschen die ehrenamtlich arbeiten, brauchen neben der Selbstwirksamkeit auch Anerkennung. Unsere Gesellschaft ist sowieso unglaublich leistungsorientiert und lobt viel zu selten. Vor allem im Ehrenamt muss die Arbeit wahrgenommen und geschätzt werden.

RMB: Das kann ich zu 100 % unterstreichen. Vor allem bei Gläubigen – zum Glück nicht nur – gibt es diesen inneren Impuls, die Welt besser zu machen. Das motiviert. Aber es braucht auch Zuspruch von außen. Wir als Kirche sind beim Thema Ehrenamt weit vorne. Unsere Strukturen sind sehr auf das Ehrenamt ausgelegt und wir sind an dieser Stelle auch selbstbewusst. Den Urlaub des Bischofs genehmigt eine Ehrenamtliche. Auch in Kirchenkreisvorständen ist die Arbeit der Ehrenamtlichen von großem Gewicht. Gleichzeitig hat die Kirche aber immer noch Strukturen, die das fluide gemeinsame Arbeiten verlangsamen. Da sind wir noch nicht am Ziel angekommen. Aber das Grundprinzip im Ehrenamt bleibt: Ich bin dabei, weil ich etwas bewegen kann.

Kurz zum Schluss: Wie könnte eine Zusammenarbeit zwischen Special Olympics und dem Kirchenkreis konkret aussehen?

AD: Wir hatten schon schöne Begegnungen. Zum Beispiel letztes Jahr beim Evangelischen Kirchentag. Es gab eine kleine Sportmeile hinter dem Rathaus, bei der wir von den Special Olympics vertreten waren. Das war klasse. Die Menschen hatten keine Berührungsängste und die Athletinnen sind mit den Besucherinnen ins Gespräch gekommen. Wir haben uns beim Kirchentag unglaublich gut aufgenommen gefühlt. Das war sehr schön, auch weil es mal eine andere Art der Begegnung war. Und ich würde mich freuen, wenn so etwas in Zukunft mehr etabliert werden kann.

RMB: Von meiner Seite sehr gerne. Der Kirchentag war auch für mich ein Symbol, wie es eben auch anders geht. Dass ein Miteinander inklusiv und genauso gut funktionieren kann. Wir hatten viele Besprechungen im Voraus mit der Stadt bezüglich der Sicherheit, der Polizeipräsenz und so weiter. Die Tage selber selbst war dann so ruhig wie nie. Das hat gezeigt, dass so etwas wunderbar funktioniert. Ansonsten gibt es von uns viele kleine Aktionen. Nur ein kleines Bespiel: So spielt die Bronzegewinnern der Special Olympics in unserer Jugendkirche mit vielen anderen Tischtennis.

AD: Wer übrigens die diesjährigen nationalen Spiele der Special Olympics live erleben will, kann im gesamten Saarland dabei sein. Es kommen Athlet*innen aus ganz Deutschland zusammen und zeigen, wie Sport und Gesellschaft eigentlich funktionieren könnten, wenn man Menschen nicht zuerst nach ihren Einschränkungen bewerten würde.

» Lars Kompa

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Günter Evert und Hajo Rosenbrock

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Günter Evert und Hajo Rosenbrock


Wir treffen uns heute mit zwei Mitgliedern im Freundeskreis, die den Vereinssport in Hannover von innen kennen wie kaum jemand sonst. Günter Evert ist Vizepräsident beim VfL-Eintracht Hannover, einem der größten Fußball- und Mehrspartenvereine der Stadt. Er ist erst seit zwei Jahren im Ehrenamt – nach einer langen Karriere in leitenden Positionen bei der Mediengruppe Madsack, zuletzt verantwortlich für HAZ und Hannoversche Presse. Hajo Rosenbrock ist Vorsitzender des Turn-Klubb zu Hannover – mit rund 9.500 Mitgliedern einer der größten Vereine Hannovers überhaupt, hauptberuflich geführt, tief in der Südstadt verankert. Beide kennen die Stadt und ihre Vereinslandschaft seit Jahrzehnten. Und beide haben gelernt: Was Vereine am Leben erhält, sind Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen – ehrenamtlich oder hauptberuflich, mit 25 oder mit 60.

Stellt euch zum Einstieg bitte kurz vor und erzählt, wie ihr ins Vereinsleben gekommen seid?

GE: Ich bin in Hannover aufgewachsen – fünf Generationen meiner Familie kommen aus derselben Straße. Mein Vater war leidenschaftlicher Fußballer, und so habe ich das runde Leder früh entdeckt. Ich habe bei Arminia Hannover gespielt, in Ramlingen Ehlershausen, beim TSV Havelse und der Eintracht – immer Amateur, aber mit viel Leidenschaft. Was mich gehalten hat, war dieser Geruch der Kabine, das Teamspiel, das Gemeinschaftsgefühl. Der Sport hat mich nie losgelassen. Dann habe ich 25 Jahre bei Madsack gearbeitet – und als ich aufgehört habe, war für mich klar: Jetzt machst du etwas Ehrenamtliches. Eintracht war naheliegend. Mein Vater war dort 40 Jahre im Vorstand, meine Tochter Carlotta spielt dort Fußball, und ich kenne die Stadt und ihre Netzwerke. Seit zwei Jahren bin ich Vizepräsident. Und ich merke jeden Tag, wie anders das ist als in einem Unternehmen. Da habe ich im Zweifel gesagt, jetzt machen wir das so. Heute frage ich. Das lernt man schnell – und es ist eigentlich das Schönere, weil man am Ende wirklich gemeinsam etwas bewegt hat.

HR: Ich bin über den CVJM ins Ehrenamt gerutscht. Mit 15 wurde ich Basketballtrainer, mit 16 Jugendleiter – und ich habe schnell gemerkt: Es hängt alles am Menschen, nicht am Inhalt. Wenn du die Gruppe mitreißt, geht sie mit. Das war meine erste wirklich wichtige Lektion. Ich habe bis Mitte des Studiums als Trainer, Spieler und Kümmerer alles Mögliche gemacht, habe nebenbei für ein Stadtmagazin geschrieben und irgendwann gemerkt, dass man das, was Günter heute ehrenamtlich erledigt, auch hauptberuflich machen kann. Nach dem Studium in Göttingen haben die vom Turn-Klubb angerufen – die suchten jemanden. „Da ist einer, der ist knapp unter 30 und will auf die Wiese“, hieß es. So bin ich 2009 hierher gekommen. Es war ein Zufall – aber spätestens nach einem Jahr war klar, dass das total passt. Es gibt wenig attraktivere Jobs. Du kannst etwas für die Gesellschaft tun, damit Geld verdienen und andere Menschen glücklich machen – und du siehst die Ergebnisse: mal an Menschen, mal an Gebäuden und Einrichtungen, mal einfach durch ein Feedback.

Beide Vereine tragen stolze Namen mit einer langen Geschichte. Wie wichtig sind sie heute für den Sport in Hannover?

GE: Der Turn-Klubb ist eine Institution – nicht nur für die Südstadt, sondern für die ganze Stadt. Bei Eintracht sind wir mit rund 1.000 Fußballerinnen und Fußballern der größte Jugend-Fußballverein der Stadt. Vereine sind das Herz der Gesellschaft.

HR: Was funktioniert auf dem Dorf noch? Vielleicht die Feuerwehr – wenn genug Leute da sind. Der Sportverein ist der Ort, wo du einfach hinläufst und etwas machst. Wenn die Menschen nett sind, bleibst du. Wenn die Bedingungen stimmen, kann Sport weit mehr sein als Bewegung: Er leistet Prävention, schafft Begegnung, hält die Gesellschaft zusammen.

GE: Das erlebe ich täglich. Familien, die nie etwas mit Sport zu tun hatten, stehen plötzlich am Spielfeldrand und backen Kuchen – weil ihr Kind Fußball spielt. Und sie stellen fest: Da sind ganz nette Menschen. Das ist Integration, nicht als Programm, sondern als gelebte Praxis. Auf dem Platz sind alle gleich. Der Sparkassendirektor kickt neben dem Maler, und der Automechaniker sagt dir geradeheraus, wo es langgeht. Diese Mischung ist politisch wertvoll – vielleicht heute mehr denn je. Und ich glaube, auch diese Stammtischmentalität hat sich verändert. Wenn heute jemand abwertend über andere redet, gehen sofort Leute dazwischen. Das war vor 20 Jahren noch anders.

Was ist Sport für euch persönlich – und hat sich das im Laufe der Jahre verändert?

HR: Sport war für mich immer vor allem Gemeinschaft. Ich war beim Basketball nie der Beste, aber ich durfte immer in der ersten Fünf mitspielen – das sagt vielleicht alles. Das Getränk hinterher war manchmal wichtiger als das Spiel selbst. Heute bedeutet Sport für mich auch Integration im stadtgesellschaftlichen Sinne: Egal ob jemand hierher geflüchtet ist, ob er viel oder wenig Geld hat – im Sportverein treffen sich alle. Mein eigener Freundeskreis besteht fast ausschließlich aus Lehrerinnen und Lehrern. Im Verein treffe ich den Handwerker, den Maler, den Mechaniker. Der sagt mir auch mal klipp und klar, was er denkt. Das ist gut so. Das braucht eine Gesellschaft. Und ich glaube, dass der Sport gerade in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung wichtiger ist denn je – weil er Begegnung erzwingt, die sonst nicht stattfindet.

GE: Ich habe früh für den Profibereich trainiert – bei Arminia Hannover, mit der Hoffnung, irgendwann den Sprung zu schaffen. Den habe ich nicht geschafft – dafür habe ich mit 28 beim TSV Havelse noch mal gespielt, und da sind wir im Pokal auf den Karlsruher SC getroffen. Ich wurde in der 60. Minute eingewechselt, lief aufs Tor – und Oliver Kahn hält den Ball. Aus Spaß erzähle ich immer: Wäre der reingegangen, hätte meine Karriere vielleicht doch noch begonnen. Aber er hat gehalten, wir haben drei zu null verloren. Heute spiele ich Golf und gehe zweimal die Woche zur Krankengymnastik. Und ich beobachte die Leute über 80, die sich morgens bei Regen auf dem Golfplatz treffen. Neun Loch, zwei Stunden. Das finde ich großartig. Sport so lange wie möglich, in Gemeinschaft – das ist das Ideal.

Gibt es einen Moment in eurer Vereinsarbeit, den ihr so schnell nicht vergessen werdet?

HR: Es ist kein einmaliger Moment, sondern ein wiederkehrendes Bild. Wenn ich am Freitagnachmittag in die Turnhalle schaue und da doppelt so viele Eltern mit Kindern drin sind, wie eigentlich reinpassen sollten. Oder wenn wir in Schulen Turniere ausrichten und ich die Siegerehrung moderiere – und dann rufe ich 150 Kindern zu: „War Alex, unser Koordinator, der Coolste?“ Und 150 Kehlen antworten aus tiefster Seele. In dem Moment denke ich: Die haben alle alles richtig gemacht. Das bewegt mich mehr als jede Gebäudeeinweihung, und das bleibt.

GE: Mein Moment war, als die Zusage aus Berlin kam: Wir sind bei der SportMilliarde dabei. Zwei Jahre Hausaufgaben, Anträge, Architektengutachten – das Aufstellen des Förderantrags hat allein 20.000 Euro gekostet. Dann die Zusage. Jetzt können wir endlich unsere Umkleidekabinen sanieren – die stammen von 1975. Wir haben elf Frauenmannschaften und keine einzige Umkleide für Frauen. Das ist unhaltbar. Wenn das jetzt besser wird, ist das für mich der Moment. Und gleich daneben: unsere Abrissparty. Unser Clubhaus von 1954 wird modernisiert – und vorher darf sich jeder mit Sprühfarbe verewigen. Das ist auch ein Moment.

Mitgliederzahlen, Nachwuchs, Ehrenamt – das beschäftigt viele Vereine. Wo drückt bei euch der Schuh am meisten?

GE: Das größte Problem, das kaum einer laut ausspricht: Wir haben in Hannover zu wenig Sportstätten. Nicht Old-School-Turnhallen, sondern moderne, nutzungsoffene Sportflächen. Und wenn wir bauen wollen, werden uns so viele Steine in den Weg gelegt, dass das Geld nicht das größte Hindernis ist – sondern die Bürokratie. Die Steine aus dem Weg zu räumen dauert länger, als sie aufeinanderzustapeln. Hinzu kommt: Rund 500 Kinder in Hannover stehen auf Wartelisten, weil sie keinen Fußballverein finden. Nicht weil der Wille fehlt – sondern weil uns Trainer und Plätze fehlen. Das ist ein strukturelles Problem, das wir allein nicht lösen können.

HR: Und beim Ehrenamt hat sich etwas grundlegend verschoben. Das alte Modell – einer sitzt 30 Jahre im Vorstand, weil er schon immer da war – funktioniert nicht mehr. Was wir brauchen, sind Menschen, die Erfahrung mitbringen und sich aktiv entscheiden, noch mal etwas zu tun. So wie Günter das gemacht hat. Und wir brauchen eine gesunde Mischung aus Ehrenamt und Hauptberuf. Das hohe Lied des „reinen Ehrenamts“, ich kann es ehrlich gesagt nicht mehr hören. Das Bürgerschaftliche Engagement an sich ist wichtig, mir ist egal, ob und in welcher Höhe das vergütet wird. Es geht ums Ermöglichen und um ein echtes Dankeschön. Es wäre schön, wenn das Ehrenamt finanziell besser ausgestattet wäre.

Wenn ihr einen jungen Menschen davon überzeugen müsstet, heute Verantwortung in einem Verein zu übernehmen – was würdet ihr sagen?

HR: Ich würde sagen: Engagement lohnt sich – du kriegst Liebe zurück. Die wichtigsten Kompetenzen, die ich beruflich brauche – Durchsetzungsfähigkeit, Leidenschaft, Durchhaltevermögen –, habe ich nicht im Studium gelernt, sondern zwischen 14 und 25 als Ehrenamtlicher. Du organisierst ein Turnier, und es funktioniert nicht. Niemand räumt auf. Du räumst allein auf. Das passiert dir kein zweites Mal. Und wenn du ein FSJ bei uns machst, weißt du nach drei Monaten, ob das dein Weg ist – zu hundert Prozent. Dieses Reinschnuppern, diese echte Verantwortung früh zu übernehmen – das formt einen Menschen mehr als jedes Seminar. Und es macht Spaß.

GE: Wir setzen stark auf FSJ und Bundesfreiwilligendienst – junge Leute, die bei uns reinschnuppern, Trainerscheine machen, Verantwortung übernehmen. Man muss nicht die oder der Beste im Sport sein, man muss Menschen mögen und das wollen. Meine Nichte spielt in der dritten Frauenmannschaft Fußball und hat gar nicht vor, in die Spitze zu kommen. Aber sie trainiert zusätzlich Mädchen mit einer Begeisterung, die ansteckend ist. Das ist genau das, was Vereine brauchen: Menschen, die brennen.

Was schätzt ihr aneinander – und was könnten eure Vereine voneinander lernen?

GE: Wir haben uns bei Madsack kennengelernt – Hajo war überall, wo ich war. Wir haben schnell gemerkt: gleiche Wellenlänge. Er hat mir gezeigt, wie man als Vorsitzender Präsenz zeigt – als Mensch, nicht als Institution. Ich schätze, dass bei ihm alles entspannt ist, ohne Vorbehalte. Wir haben noch keinen einzigen Vertrag miteinander geschrieben – aber wenn ich eine Mail von ihm kriege, steht drin, was ich selbst gedacht habe. Das ist selten. Was ich von ihm lerne: wie man einen Verein führt, ohne selbst im Mittelpunkt zu stehen. Wir wollen weg vom präsidial geführten Verein – hin zu einer starken Geschäftsführung, die wirklich lenkt. Dafür schaue ich gerne auf den Turn-Klubb.

HR: Günter unterlegt alles mit Humor und schafft damit sofort eine besondere Atmosphäre im Raum. Ich bewundere die Bereitschaft, jetzt noch einmal voll einzusteigen – er hätte auch einfach Schiffsreisen machen können. Stattdessen sitzt er hier und kämpft für Fußballplätze und Umkleidekabinen. Das verdient Respekt. Was ich von Eintracht lerne: den Blick fürs Kleine zu bewahren. Bei uns laufen 9.500 Mitglieder, alles funktioniert im Großen. Aber wenn ich sehe, mit welcher Liebe bei Eintracht ein Feriencamp organisiert wird, erinnert mich das daran, wie das war, als wir noch ein oder zwei Camps hatten. Diese Rückbesinnung ist wertvoll – und sie schärft den Blick dafür, was wirklich zählt.

Was wünscht ihr euch für den Vereinssport in Hannover in zehn Jahren?

HR: Dass wir weniger mit Neid umgehen müssen. Wenn ein Verein Fördergeld bekommt, erzählt keiner, dass das Projekt 20 Millionen kostet und der Förderanteil davon nur drei Millionen sind. Am Wochenende wurde ich angesprochen: Ihr kriegt ja so viel Geld! Ich habe gefragt: Weißt du, dass das Projekt 20 Millionen kostet? Danach kam kein Wort mehr. Ich wünsche mir, dass die Vereine – die großen und die kleinen – mehr kooperieren, statt zu konkurrieren. Wir alle sitzen im gleichen Boot, kämpfen um die gleichen Talente, die gleichen Ehrenamtlichen, die gleichen Fördertöpfe. Das sollte verbinden, nicht trennen. Und für den Turn-Klubb: dass unser Bauprojekt gelingt, dass wir wachsen – nicht unbedingt in Mitgliedszahlen, sondern gesellschaftlich. Dass die Menschen, die hier sind, Freude daran haben.

GE: Ich wünsche mir, dass die kleinen Vereine viele Verwaltungsaufgaben loswerden – damit sie sich ums Wesentliche kümmern können: den Sport. Am Maschsee gibt es Paddel- und Rudervereine, die keinen Vorstand mehr finden, weil die Bürokratie sie erdrückt. Das ist tragisch. Und ich wünsche mir, dass die Verbände die Basis endlich mehr hören. Wenn unsere Kapitänin beim Frauenfußball ihre Armbinde vergisst, zahlen wir fünf Euro Strafe. Das sagt alles über den Zustand der Verbandspolitik. Es gibt für alles eine Regelung, und die hat irgendwann mal jemand mit bestem Willen aufgeschrieben – aber die Realität hat sich weitergedreht. Für Eintracht selbst: sanierte Umkleidekabinen, eine funktionierende Gastronomie, eine echte Kooperation mit dem Turn-Klubb im Jugendbereich. Und dass wir aufhören, den anderen mit Argusaugen zu beäugen.

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Stefan und Markus Becker

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Stefan und Markus Becker


Wir treffen uns heute mit zwei Brüdern, die unterschiedlicher kaum wirken könnten – und doch eine gemeinsame Leidenschaft teilen: die Kultur. Markus Becker ist Pianist und Professor für Klavier und Kammermusik an der HMTMH. Stefan Becker leitet den Bereich Kommunikation und Stiftungen der Sparkasse Hannover. Beide sind in Osnabrück geboren, in Hannover aufgewachsen und gerne geblieben.

Zum Einstieg haben wir immer unsere kleine Vorstellungsrunde …

Markus Becker: Ich werde so alt, wie mein Jahrgang heißt – 63. Und ich lebe seit Grundschulzeiten in Hannover. Es gab viele Zufälle und Fügungen, die dazu geführt haben, dass ich diese Stadt nie verlassen habe – obwohl ich als Musiker natürlich viel unterwegs bin. Ich habe hier Klavier studiert und im Anschluss eine Professur an derselben Hochschule bekommen. Meine Schwerpunkte sind klassische Musik, Neues und Experimentelles, Jazz und Improvisation – und in der Lehre vor allem Kammermusik. Ich habe eine wunderbare Frau, fünf tolle Kinder und einen sehr netten Hund. Wir wohnen mitten in der Stadt, was in Hannover trotzdem mit einem hohen Erholungswert verbunden sein kann.

Stefan Becker: Ich bin – wer hätte das gedacht – ebenfalls in Osnabrück geboren, vor annähernd 62 Jahren. Die gesamte Schulzeit habe ich in Hannover verbracht, dann bin ich zum Studium ein bisschen unterwegs gewesen. Philosophie und Kunstgeschichte in Trier, Berlin und Heidelberg. Nach einer Zeit in einer Berliner Kommunikationsagentur bin ich 1999 samt Frau und zwei Kindern nach Hannover zurückgekehrt und habe bei der damaligen Kreissparkasse die Medien- und Öffentlichkeitsarbeit übernommen. Und seitdem bin ich im Sparkassenumfeld aktiv und leite heute den Bereich Kommunikation und Stiftungen. Das bringt neben der klassischen Kommunikationsarbeit viel Einblick in die Förderlandschaft mit sich – und ich kann sagen: Hannover hat eine sehr lebendige Vereinskultur und viele engagierte Initiatorinnen und Initiatoren. Ehrenamtlich bin ich seit 2010 Vorsitzender des Vereins der Freunde des Sprengel Museums.

Der eine Musiker, der andere bei der Sparkasse – das klingt auf den ersten Blick sehr unterschiedlich. Was verbindet Sie beide?

Stefan Becker: Die Kultur. Über meinen Bildungsweg bin ich eher auf der Seite der Bildenden Kunst gelandet, aber auch der Musik bin ich sehr zugewandt. Meine beklagenswerte Instrumentalkarriere lassen wir hier aber lieber beiseite. Aber auch ein guter Zuhörer ist viel wert. Das war mein Diktum in einer sehr musikalisch aktiven Familie. Unsere Eltern waren beide Musikpädagogen, unser Vater auch an der hiesigen Musikhochschule – und sie haben natürlich darauf geachtet, dass ihre Kinder eine vernünftige musikalische Ausbildung an Instrumenten und im Knabenchor Hannover bekommen. Das hat mich geprägt, keine Frage. Zwischen zwei musikalisch begabten Brüdern aufzuwachsen und selbst eher Mittelmaß zu sein – das hat mich irgendwann zur bildenden Kunst geführt.

Markus Becker: Ich erinnere mich noch, als Stefan anfing zu fotografieren. Das hat mich damals sehr beeindruckt – auch weil es so viel Aufwand bedeutete. Er hatte eine Dunkelkammer unterm Dach, wie im Film. Er hat das von Anfang an unheimlich professionell und phantasievoll gemacht.

Haben Sie sich gegenseitig beeinflusst?

Markus Becker: Mein Musikstudium war keine Entscheidung, die ich kurz vor dem Abitur getroffen habe – das war spätestens im Gymnasium klar. Und davon hat Stefan mich auch nicht abbringen können. Aber ja, Geschwister erziehen sich gegenseitig stärker als Eltern das je könnten.

Stefan Becker: Was ich immer bewundert habe, war die Struktur seines Studiums. Ein geisteswissenschaftliches Studium ist ja sehr offen – man könnte sagen, es steht einem alles offen, man kann aber auch sagen, es führt auf nur sehr wenige spezialisierte Aufgaben hin. Markus‘ Musikstudium hingegen hatte von Anfang an diese unglaubliche Disziplin: Praxis, Üben, Auftreten. Das ist bei einem Geisteswissenschaftler anders – da kommen irgendwann Prüfungen, aber man zieht sich vieles selbst aus Bücherwelten und Diskussionsrunden zusammen.

Diese Disziplin, dieses tägliche Üben – wie fühlt sich das an?

Markus Becker: Das Schöne daran ist, dass man mit allem, was man tut, auch an sich selbst arbeitet. Man verbessert das Stück und sich selbst gleichermaßen. Aber klar, das ist zeitintensiv. Und wenn ich mal pausiere, denke ich: Mein Gott, hat ein Tag viel Zeit ohne Klavierüben! Momentan sind es mindestens drei Stunden täglich, eher vier bis fünf. Man bekommt im Studium so einen Qualitätsanspruch mit und ist dann nicht mehr damit zufrieden, etwas auf der Bühne irgendwie hinzubiegen. Aber es ist eben nicht nur Arbeit, sondern auch Passion, in der man sich wunderbar verlieren kann. Beim Improvisieren, beim Jazz, spielt Zeit überhaupt keine Rolle – man wundert sich wirklich, dass vier Stunden vergangen sind. Aber es gibt auch die strukturierte Arbeit, bei der man sich sagen muss: Für diese Beethovensonate nimmst du dir jetzt zwei Stunden, nicht den ganzen Tag, sonst kommst du zu nichts. Musik ist immer Umgang mit Zeit. Aber auch ein Abtauchen in eine andere Welt. Und in dieser ganzen getriebenen Social-Media-Zeit ist es wunderbar, sich in dieser Welt zu verlieren.

Klingt fast wie ein Privileg. Kommen wir mal zum leidigen Thema Geld und Kultur. In Lessings Emilia Galotti fragt der Prinz: „Was macht die Kunst?“ Und der Hofmaler Conti sagt: „Prinz, die Kunst geht nach Brot.“ Wie abhängig ist Kultur vom Geld?

Stefan Becker: Sehr abhängig, weil die Menschen, die das professionell machen, von etwas leben müssen. Es gibt eine öffentliche Förderstruktur, die bestimmte Institutionen regelmäßig ausstattet – in Niedersachsen allerdings nicht ganz so großzügig wie in anderen Bundesländern. Doch selbst in den öffentlich geförderten Häusern herrscht kein Überfluss, das wissen wir. Und das Geld steht im Grunde nie an erster Stelle. Meistens ist eine künstlerische Idee der Ausgangspunkt, und dann wird versucht, dafür eine öffentliche Förderung zu gewinnen. Da sind manche geschickter im Antragstellen als andere. Und die Professionalität dabei nimmt zu – immer mehr Ensembles und Initiativen haben das gelernt. Was ich gut finde: Immer mehr Ensembles sagen, wir produzieren selbst, statt auf ein Engagement zu warten. Und sie entdecken dabei auch ganz neue Spielorte.

Markus Becker: Und der Wert origineller Programme ist heute viel höher als noch vor 20, 30 Jahren. Wenn ich als Kammermusikgemeinde zu potenziellen Förderern gehe, interessieren die sich immer für die nächste Generation, für junge Künstlerinnen und Künstler – und für Programme, die nicht einfach Mozart, Schubert, Beethoven aneinanderreihen. Dass Neue Musik, Brüche, Kontraste als positiv wahrgenommen werden – das finde ich schön, dass sich das durchgesetzt hat.

Wird das auch an der Hochschule gelehrt – Selbstmanagement, Förderanträge?

Markus Becker: Immer mehr. Förderanträge eher nicht, aber Selbstmanagement und Marketing sind inzwischen Themen, dafür gibt es Seminare. Und was vielleicht noch wichtiger ist: In meinem Kammermusik-Master üben die Studierenden Gesprächskonzerte – also das eigene Projekt so weit zu distanzieren, dass man es klar und knapp darstellen kann. Das schärft den Blick: Warum sollte dieses Projekt gefördert werden? Was sagt Mozart uns heute als Gesellschaft? Klassische Musik will ja mehr sein als klingende Fototapete. Sie hat einen Herausforderungscharakter – etwas Widerborstiges und gleichzeitig Einladendes. Diese Polarität finde ich großartig. Zu diesen Formaten werden auch Journalisten und Intendantinnen eingeladen, damit die Studierenden spüren, welche Luft da weht. Der Bruch zwischen Ausbildung und Realität wäre sonst einfach zu groß.

Wenn man die nicht öffentliche Förderung aus der Kulturlandschaft herausnehmen würde – was bliebe?

Stefan Becker: Ein Grundbestand bliebe – die großen Klangkörper werden ja im Wesentlichen aus öffentlichen Mitteln getragen, ebenso musikalische Bildungsprojekte, Musikschulen. Aber in der Aufführungs- und Ausstellungspraxis gäbe es einen riesigen Bereich, der ohne Wirtschaftsunternehmen schlicht nicht machbar wäre. Da muss man auch unsere föderale Struktur erwähnen: Sparkassen sind regional verwurzelt, flächendeckend präsent und sie tragen zusammen mit ihren Stiftungen große Projekte aber auch viel Kleinteiliges. Dietrich Hoppenstedt, früherer Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, hat mal gesagt, was früher die Fürsten in Deutschland waren, das seien jetzt die Sparkassen – sie kümmern sich auch darum, dass gute Projekte in ihren jeweiligen Geschäftsgebieten auf die Beine gestellt werden. Ob das im Bereich der Kultur die Ausrichtung des „Jugend musiziert“-Wettbewerbs in Neustadt am Rübenberge für 2.000 Euro ist oder ein großes Leuchtturmprojekt, dieses netzwerkartige Unterstützen ist unverzichtbar.

Ich finde diesen breiten Förderansatz sehr sinnvoll. Und habe immer ein bisschen Angst vor dem reinen Fokus auf Leuchttürme. Man investiert alles in den einen großen Leuchtturm, und unten gehen die kleinen Lampen aus – ohne dass man es bemerkt. Wenn der Leuchtturm dann irgendwann erlischt, liegt alles im Dunkeln.

Stefan Becker: Auf der anderen Seite braucht es aber auch diese Leuchttürme, weil sie eine Treiberfunktion haben können. Die Kunstfestspiele etwa ermöglichen Dinge, die man sonst hier gar nicht zu hören und zu sehen bekommen würde. Beides ist wichtig: die Lichterketten und die Leuchttürme. Und Stiftungen dürfen sich dabei nicht als Lückenbüßer für rückläufige öffentliche Mittel verstehen. Wenn die öffentliche Hand sich zurückzieht und darauf hofft, dass jemand einspringt – das wäre der falsche Weg.

Hannover ist als Kulturstandort bekannt – hat aber auch ein Selbstdarstellungsproblem. Ist Hannover ein gutes Pflaster für Pianisten?

Markus Becker: Hannover ist bekannt als Klavierstadt, die Hochschule hat eine ganz prominente Klavierabteilung – das geht zurück auf Walter Gieseking, einen der ganz großen Pianisten des 20. Jahrhunderts. Und dann gilt: Gut holt Gut. Diese Tradition setzt sich fort über Kämmerlings Generationen bis zu Igor Levit oder Lars Vogt. Als Pianist lebt man nicht in einer Stadt, weil man dort besonders viel spielt – ich spiele ab und zu in Hannover, aber natürlich viel mehr woanders. Geographisch liegt Hannover wunderbar zentral: Köln, Berlin, München – alles gut zu erreichen. Und durch den Ruf der Hochschule spaziert die Klavierwelt hier regelmäßig vorbei.

Wie steht es um den Nachwuchs – in den Hochschulen und beim Publikum?

Markus Becker: Beides ist ein Riesenthema. Wenn man schaut, wer heute an der Hochschule studiert, stellt man fest: Je weiter man an die Spitze der Ausbildung kommt, desto geringer ist der Anteil deutscher Studierender. Als ich in den 80er Jahren bei Kämmerling studierte, war die Klasse fast ausschließlich deutschsprachig besetzt. Heute ist es genau umgekehrt – vor allem Studierende aus Fernost, Russland und Amerika. Der Nachwuchs, der ganz selbstverständlich im Elternhaus mit Musik aufgewachsen ist, wird schmaler. Ich habe trotzdem Hoffnung: Die deutschen Studierenden, die kommen, sind oft wirklich außergewöhnlich gut und denken weit über die Musik hinaus. Beim Publikum machen wir uns ähnliche Sorgen. Wobei wir das seit 50 Jahren tun – und auch die Älteren wachsen ja nach. Aber neue Formate sind wichtig, die für junge Menschen wirklich attraktiv sind. Und gleichzeitig muss auch mal vermittelt werden, was es bedeutet, Musik zu hören, die einen Weg geht – die nicht nur einen Momentzustand beschreibt, sondern einen von hier nach dort bringt. Das ist anstrengend. Und das ist vielleicht gerade das Wertvolle.

Stefan Becker: Unser Bruder Michael hat als Intendant der Düsseldorfer Tonhalle einen interessanten Weg eingeschlagen: Er hat Menschen mit großer Reichweite in sozialen Netzwerken – Influencerinnen und Influencer, die aber auch einen echten Bezug zur klassischen Musik haben – als Moderatoren für Konzerte gewonnen. Die bringen ihre Community mit. Die Konzerte sind anders moderiert als klassische Konzerte, aber die musikalische Aufführung steht kompromisslos im Mittelpunkt. Ich glaube, das ist der richtige Weg: nicht die Performance antasten, aber das Setting und die Vermittlung so gestalten, dass die Hürde sinkt.

Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt – auch abseits von Konzerten. Spüren Sie das?

Markus Becker: Absolut. Musik hören ist ein aktiver Vorgang – man kann sich aussuchen, mit welcher Konzentration man zuhört. Aber die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, das länger dauert als dreieinhalb Minuten, wird immer geringer. Wir versuchen etwas am Leben zu erhalten, das fast nach 19. Jahrhundert klingt. Und trotzdem – oder gerade deshalb – ist es so wichtig. In den sozialen Medien schaltet man nach sechs Sekunden ab, wenn nichts passiert. Im Konzert entwickelt sich alles, und das dauert oft ein bisschen. Das ist für manchen schlicht unerträglich. Aber genau diese Fähigkeit zur Konzentration, dieses langsame Sacken, das tiefe Anwachsen von Gedanken – das ist es, was verloren geht, wenn alles nur noch in Fünf-Minuten-Blöcken passiert.

Stefan Becker: Das gilt auch für die Bildende Kunst. Ein Bild, das sich sofort erschließt, ist ein anderes Erlebnis als eines, bei dem man seinen Horizont mitbringen muss, um überhaupt erst etwas daraus zu machen. Das ist eine Zumutung – im besten Sinne. Und genau das fehlt immer mehr.

Zum Schluss: Was bedeutet Kultur für Hannover als Stadt?

Markus Becker: Hannover hat ein bekanntes Problem mit der Selbstdarstellung – was inzwischen so ein Selbstläufer geworden ist, dass egal was die Stadt macht, es es zerredet wird und fast nach hinten losgeht. Dabei finde ich das irgendwie auch sympathisch. Lustig ist: Wenn ich gefragt werde, wo ich lebe, sage ich nicht einfach „Hannover“ – ich erkläre es sofort. „Hannover – übrigens eine tolle Stadt.“ Als müsste ich das rechtfertigen. Das müssen wir uns alle abgewöhnen.

Stefan Becker: Hannover ist letztlich die Summe eines wirklich guten Angebots auf hohem Niveau, das echte Lebensqualität schafft. Was Großstädte haben – aber ohne diesen stressigen Puls. Wenn man in Berlin ist, muss man den Berlin-Puls mitmachen. In Hannover kann man ungehetzt atmen. Ich finde übrigens, der Freundeskreis verkörpert genau das: entspannt, engagiert, verbindend. Eine gute Unterstützung für das, was diese Stadt ausmacht.

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