Stadtkinder haben Töne: Was man so singt

Vor ein paar Jahren war ich zu Gast in einem Podcast, bereitgestellt von einem privaten deutschlandweiten Radionetzwerk, wo ich meine Expertise zu einer gewissen Band zum Besten gab. Der Moderator dieses Podcasts ist ein feiner Kerl mit angenehmer Stimme und weil ich ausgesprochen loyal bin, habe ich mir auch noch einen anderen Podcast angehört, den er moderiert. Voll mein Ding! Es geht nämlich um Musik und Verbrechen in Kombination (Hörempfehlung an dieser Stelle: „True Crime Tracklist“ mit Nina Loges und André Dostal). Eine der letzten Folgen drehte sich um die Story hinter einem der größten Hits meiner Jugend, „Teenage Dirtbag“ von Wheatus. Wheatus’ Frontmann Brendan B. Brown ist eine ziemlich tragische Figur der Rockmusik – er hat’s großflächig verkackt. Das selbstbetitelte Album der Band, das im Jahr 2000 herauskam, ist wirklich gut und macht immer noch Spaß zu hören. Es ist ein Jammer, dass Tracks wie „Sunshine“ oder „Leroy“ nicht denselben Impact wie „Teenage Dirtbag“ hatten, denn das hätte die Band nicht als One Hit Wonder gebrandmarkt. Den Sophomore wollte Brown gerne selbst produzieren, Sony war dagegen und ließ Wheatus fallen. Brown stand dumm da, fluchte wild und verpasste seinem zweiten Album aus Rache den Untertitel „Suck Fony“, man kann sich ausrechnen, dass das der Karriere nicht förderlich war. Seither dümpeln Wheatus in wechselnder Besetzung im Hades der Bedeutungslosigkeit herum. Aber was eben kaum jemand weiß: Der fröhliche Song mit dem drolligen Video (und der wunderschönen Mena Suvari und Jason Biggs, dem zu groß geratenen 5-Jährigen aus „American Pie“), hat einen sinistren Hintergrund. Als Brendan B. Brown 10 war, passierte bei ihm um die Ecke ein ziemlich schockierender Mord. Ein 17jähriger, obdachloser und drogensüchtiger Metalfan wurde von einem Exemplar gleichem Kalibers um die Ecke gebracht. Die ersten Wochen interessierte sich buchstäblich niemand dafür, obwohl sich der Täter damit brüstete und Kumpels zu dem im Wald versteckten Leichnam führte, um ordentlich anzugeben. Aber das Opfer, Gary Lauwers, war nur ein „Dirtbag“ gewesen, am Rand, wenn denn überhaupt, der Gesellschaft lebend. Dieser Vorfall im Jahr 1984 raubte Brown nach eigener Aussage eine normale Pubertät, weshalb er sich einfach eine ausdachte und sie mit „Teenage Dirtbag“ vertonte. Tragisch – aber unsereins singt fröhlich mit.

Bei einem anderen Song singt man auch fröhlich mit – bis man dann merkt, was man da singt! Der „Independent Love Song“ aus 1994 von dem aus Hull stammenden Popduo „Scarlet“ ist eine wörtliche Aufforderung zu gut gemachtem Cunnilingus. Gar nicht groß verhohlen, und betrachtet man das Video, könnte man auf den Gedanken kommen, es ginge sogar um lesbische Liebe. Ist mir recht. Nur frag ich mich: Warum genau wurde das Mitte der 90er kein Skandal? Wieso sind da keine Muttchen schockstarr von den Kirchenbänken gekippt? Wieso hat keiner beim damaligen Tory-Premier John Major angeklopft und die unmittelbare Hinrichtung, zumindest aber ein Verbot der satanischen Lesbierinnen (Lesben = Satanismus. Immer.) gefordert? Wie viele Eltern haben ihre Kinder das Lied hören und mitträllern lassen, ohne was zu merken, oder, noch spannender: Wie viele haben in sich reingegrinst und gedacht „wenn du wüsstest!“? Aber es war ein Hit! Und nicht nur für Scarlet, sondern auch für eine deutsche Band. Die qualitativ eher unterdurchschnittliche Band „The Bates“ aus Nordhessen landete nur drei Jahre nach Originalrelease einen Hit damit. Deren Sänger Zimbl starb 2006 an Herz-Kreislauf-Versagen, das auf seinen Drogenkonsum zurückzuführen war und gewissermaßen war auch er eine Art Dirtbag. So schließt sich der Kreis dieser Kolumne. Also ehrlich. Man sollte sich viel öfter zuhören, was man so singt.


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