Editorial 10-2026

Liebe Leser*innen,

„Man kann. Es geht. Alles geht.“ Das ist der Slogan, den Ronald Clark am Ende unseres Gesprächs für Hannover vorschlägt. Und das hat mich ein bisschen nachdenklich gemacht. Was ist eigentlich aus meinem Optimismus geworden? Ich frage mich schon recht lange bei jeder guten Idee zuerst, woran sie scheitern wird. Wir haben uns für diese Ausgabe auf dem Parkhaus Schmiedestraße getroffen, im neuen Dachgarten. Vor uns schaukelte eine Kindergruppe, auf den Bänken saßen Leute mit mitgebrachten Getränken, und dazu die Kirchtürme der Innenstadt, ein außergewöhnliches Panorama. Ein Ort, an dem man sich einfach hinsetzen kann, ohne etwas kaufen zu müssen. Das gibt es in der City sonst kaum noch. Ronald Clark, 17 Jahre lang Direktor der Herrenhäuser Gärten und inzwischen im Unruhestand, hatte vor rund zehn Jahren die Idee zum Roofwalk. Die Flachdächer der Innenstadt begrünen, verbinden, beleben. Gegen die Hitze, gegen den Starkregen, für die Artenvielfalt und für die Menschen. Ich habe damals über diese Idee in der HAZ gelesen und gedacht: Coole Idee, woran wird das scheitern?

Jetzt ist der erste Garten Wirklichkeit. 2018 ist die Idee im Rahmen der Kulturhauptstadt-Bewerbung konkretisiert worden, 2020 kamen fast zwei Millionen Euro Bundesförderung. Und dann kamen eine Machbarkeitsstudie, Ratsbeschlüsse, eine Bürgerbeteiligung und Corona. Gebaut wurde erst in diesem Jahr, in einem halben Jahr? Zehn Jahre von der Idee bis zur Eröffnung, davon sechs Monate Bauzeit. Das ist ein Verhältnis, über das man in Hannover mal ernsthaft nachdenken sollte.

Was mich an Ronald Clark am meisten beeindruckt, ist sein Gleichmut. Ich habe keinen Groll bemerkt, darüber, dass alles so lange dauert und bisher nur ein erster kleiner Teil umgesetzt ist. Kein Nachtreten gegen die Bürokratie, er lobt stattdessen die Leute im Fachbereich, die das Projekt aus Leidenschaft durchgezogen haben. Er mag das Prinzip Wasser: Wenn irgendwo ein Hindernis ist, fließt man einfach drumherum. Und er sagt Sätze wie diesen: „Ich fange immer ganz groß an – kleiner wird es sowieso von allein.“ Wie nennt man das? Vielleicht subversiven Optimismus.

Aber Optimismus allein kann nicht die Strategie einer Stadt sein. Dass so ein Projekt zehn Jahre braucht, das geht nicht, das darf Hannover sich nicht leisten. Genau hier sehe ich die zentrale Aufgabe für den nächsten Oberbürgermeister, wer auch immer das am Ende sein wird (wir gehen ein paar Tage vor der Stichwahl in den Druck). Ronald Clark macht im Interview einen konkreten Vorschlag. Er wünscht sich eine kleine Taskforce, die Wissen bündelt, die vernetzt und vermittelt. Ich würde noch einen Schritt weiter gehen. Hannover braucht dazu auch einen Thinktank. Einen Ort, an dem Ideen gesammelt, geprüft und dann schnell auf den Weg gebracht werden. Eine Art Labor, das Dinge ausprobieren darf. Und bei der Umsetzung müssen die Bürgerinnen und Bürger ins Boot. Ronald Clark erzählt von einer Pflanzaktion für die Villa Seligmann. Er hatte auf fünf Leute gehofft, die mit anpacken. Es kamen fünfzehn. Die Lust, sich einzubringen, ist in dieser Stadt riesig. Man muss die Menschen nur fragen und sie dann auch machen lassen. Der erste Dachgarten in der Schmiedestraße ist ein wunderbares Referenzprojekt. Weitere solche Projekte sollten nun zügig folgen. Vielleicht wird der Garten über den Dächern Hannovers ja tatsächlich irgendwann Wirklichkeit. Man kann. Es geht. Alles geht. Mehr im Interview ab Seite 54.

PS: So, und jetzt habe ich hier gar kein Wort über die Wahlen in Sachsen-Anhalt, in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin verloren. Vielleicht, weil mir immer noch die Worte fehlen. Und ich fassungslos auf die „Erkenntnisse“ blicke, die nun aus diesen Wahlen abgeleitet werden. Wie gut, dass ich gerade erst von Ronald Clark eine Menge über Optimismus gelernt habe – ich würde sonst allmählich ziemlich schwarzsehen.


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