Musikerinnenporträt August 2026: Madlen Wittenstein

„Ich möchte, dass meine Musik in jeder Person etwas Individuelles auslöst, sodass jede*r eine eigene, persönliche Message darin finden kann.“ Durch die Künstlerin Madlen Wittenstein fließt durch und durch Musik: aufbrechende Konzepte, verschiedene, ineinander verwobene Einflüsse und Stilbrüche, alles getragen von einem großen Hauptinstrument: ihrer unverwechselbaren Stimme. Mit ihrem neuen Album „ego“ kreiert sie den nächsten Schritt einer Selbstreise und erschafft den Anfang ihres musikalischen Universums.

Der Grundstein von Madlen Wittensteins musikalischem Weg wurde bereits in ihrer Kindheit gesetzt. Seit sie sich erinnern kann, ist sie immer und überall von Musik umgeben. „Meine Familie mütterlicherseits ist seit vielen Generationen von Musiker*innen geprägt. Die letzte Station vor mir ist meine Mutter, sie ist Jazzsängerin“, erzählt sie. Schon als Kind begann sie zu singen. Auf der Bühne fühle sie sich schon immer wie zu Hause. Später folgte eine klassische Gesangausbildung, während sie bereits früh die ersten Grundlagen für ihre solistische Arbeit legte. Dass sie selbst einmal Künstlerin würde, stand für Madlen seither außer Frage: „Musik ist schon immer ein Teil, vielmehr ein Charakterzug von mir. Es war weniger eine Entscheidung als vollkommen selbstverständlich für mich, dass ich meine eigene Musik produzieren werde.“

Improvisation prägt den kreative Prozess von der Idee bis zum fertigen Song. „Das liegt sicher auch daran, dass ich, vor allem durch meine Mutter, stark vom Jazz geprägt wurde. Der Jazz hat mir beigebracht, mich von bestimmten Ideen zu lösen, mich von Strukturen zu befreien und mich einfach zu trauen, die Musik in den Moment fließen zu lassen.“ Was es dann noch brauche, sei ein impulsiver, emotionaler Moment, der sie richtig abhole. „Aus dieser Empfindung kann ich wiederum im nächsten Schritt ein Konzept strukturell aufbauen, weiterentwickeln und dann einen Text schreiben“, erklärt sie. Für Madlen ist alles mit Emotionen verknüpft. Sie könne nicht einfach nur Musik schreiben, die sie in der Theorie gut fände, sondern brauche immer auch einen emotionalen Verknüpfungspunkt.

Die bewusste Auseinandersetzung um die Frage nach dem Selbst war die Inspiration für ihr Album „ego“. Während des gesamten Prozesses hat sie sich stark mit Gedanken rund um „dem Selbst im Spannungsfeld von Wahrnehmung, Veränderung, Fluidität und innerem Konflikt“ beschäftigt. „Ich habe auch viel in mich hineingefühlt. Wer bin ich? Was steckt in mir? Wie bauen sich vermeintliche Wiedersprüche auf und wie dekonstruieren sie sich selbst?“, verrät Madlen. Was im Abstrakten begann, habe sich musikalisch festgesetzt. Der Vergleich zu ihren ersten beiden Veröffentlichungen „CAPRICE EP VOL01“ (2024) und „CAPRICE EP VOL02“ (2025) zeigt ihre persönliche, musikalische Reise und Entwicklung. Die ersten EPs seien in einem kapriziösen Einfall entstanden. „Die Idee war, mir ein Fundament zu schaffen, von dem ich mich dann ausbreiten kann. Diese Erstlingswerke haben fast etwas Rohes an sich und sind stilistisch von verschiedenen Einflüssen geprägt.“ Ego sei im Gegensatz dazu sehr viel konzeptueller entstanden. Natürlich hat sie sich dabei nicht von ihrer Art Musik zu erschaffen entfernt, doch die Songs und das Konzept des Albums unterliegen einer zusammenhängenden Struktur. Das war für Madlen der nächste logische Schritt, denn ein Teil von ihr sei definitiv analytisch theoretisch verkopft. „ego“ ist für sie unter anderem aus dem Wunsch entsprungen, konzeptueller und ein Stück weit gebundener zu arbeiten als bei den CAPRICE EPs.

Geschrieben und aufgenommen wurde „ego“ in der glühenden Hitze der Provence. „Auf meinen Demos, die ich im letzten Sommer aufgenommen habe, hört man überall die Zikaden“, lacht sie. Abgekoppelt von der Außenwelt und mit wenig Berührungspunkten sei sie im Moment am kreativsten. Die Synthesizer, Keyboards, Drum-Maschinen und Live-Instrumente, die in ihren Songs zu hören sind, spielt Madlen selbst. Aber ihre Stimme ist dabei ihr Hauptinstrument und essentiell für ihre Musik und ihre Wiedererkennung. Das Cover wurde in Zusammenarbeit mit Künstler und Grafikdesigner Nikolai Dobreff aus Hamburg entwickelt, mit dem bereits das Artwork für „CAPRICE VOL01“ und „VOL02“ entstanden ist. Auf die Frage, wie sie das „ego-Universum“ visuell passend darstellen könnte, kam ihr ein Headshot in den Sinn, denn einerseits sei das Ego, das Selbst, doch extrem facettenreich, abstrakt und groß und andererseits total intim und gebündelt. „Ein simpler Headshot war ausreichend, aber dieser sollte noch abstrahiert werden und das hat Nikolai dann umgesetzt“. Madlen Wittenstein verortet sich selbst als Kunstfigur im Abstrakten und Unnahbaren, dem zugleich eine gewisse Mystik innewohnt. So verfolgt ihre Musik keine vordergründige Botschaft. „Mir ist bewusst, dass am Ende des Tages jede Kunst, jeder Mensch und alles, was wir tun mit Politik verknüpft ist, aber ich möchte, dass meine Musik für sich steht, sodass sie in jeder Person etwas Eigenes, Individuelles auslöst. Jede*r soll eine eigene Message darin finden können.“

Zum Abschluss verrät Madlen ihre musikalischen Zukunftspläne. Im Herbst wird der zweite Teil des Albums erscheinen: „ego+“. Sie schwärmt: „Als kunstschaffende Person brennt es einem unter den Nägeln, man möchte in Bewegung bleiben und es gibt so vieles das ausprobiert und erkundet werden kann. Ich möchte immerzu neue Klänge in mir aufnehmen und sie für mich übersetzen“ Für das kommende Jahr plant Madlen außerdem mehr Liveauftritte. Dieses Jahr habe sie sich voll und ganz auf ihr neues Album konzentriert. Und das hat sich definitiv gelohnt: „ego“ sollte man sich nicht entgehen lassen.

» Lilly Struckmeier

Mehr Infos auf madlenwittenstein.com und auf Instagram @madlenwittenstein.


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