Der Freundeskreis im Gespräch mit Antonia Jacobsen und Joy Lohmann

Stellt euch zum Einstieg bitte kurz selbst vor …

JL: Joy ist eigentlich ein Künstlername. Meine Eltern haben mich Jörg genannt, aber bei internationalen Kulturprojekten funktionierte das nie – irgendwann nannten mich alle von selbst Joy, und ich dachte: gut, dann ist das jetzt mein Name. Künstler war ich schon immer, also habe ich lieber etwas studiert, womit man Geld verdient: visuelle Kommunikation, hier in Hannover. Ich bin aus Hildesheim hergezogen – und geblieben. Ich hatte lange eine Agentur für Kino, Ballett, Industrie, öffentlichen Dienst, dazu Kulturprojekte, von der Bühnenshow bis zur Kröpcke-Uhr. Am liebsten mache ich Social Art, nach der sozialen Plastik von Joseph Beuys. Man arbeitet zu einem Thema, das einem am Herzen liegt, und schafft Räume, die öffentliche Diskussion stimulieren. Da sind alle Teil des Kunstwerks – auch die Verwaltung, sogar die Katastrophe, wenn mal eine passiert. Mein Boot ist so eine soziale Skulptur, ein schwimmendes, begehbares Kunstwerk. Ich entwickle und baue seit der EXPO2000 schwimmende Inseln, das ist mein Geschenk an die Welt.

AJ: Ich komme auch aus Hildesheim, und Joys und meine Eltern haben zusammen im Collegium Musicum gespielt. Ich wurde mit klassischer Musik überfrachtet und habe jahrelang pausiert – jetzt singe ich wieder. Ich habe Grafikdesign studiert, eigentlich wollte ich malen. Aber erst musste ich raus aus dem zu engen Hildesheim: Paris als Au-pair, Bewerbungen in Berlin und Hamburg – gelandet bin ich ausgerechnet in Hannover, für das ich mich lange fast geschämt habe. Heute trage ich stolz ein T-Shirt mit dem Namen. Wasser, Grün, gutes Kulturangebot, noch bezahlbare Mieten, hoffentlich noch lange. Hannover ist schon eine lebenswerte Stadt. Nach dem Studium bin ich für ein paar Monate nach Barcelona – eine bittere Erfahrung, sich in der aufregendsten Stadt nach der langweiligsten zu sehnen. Also zurück nach Hannover, kurz nach dem Mauerfall. Ich habe Kräuter für eine Naturkosmetikfirma gezeichnet, bin zwanzig Jahre geblieben, mit Firmenwagen und gutem Essen, richtig verwöhnt. Aber irgendwann hat mir vor allem eines Spaß gemacht: Praktikant*innen etwas beizubringen – so sehr, dass die Lehrer*innen unterstellt haben, ich hätte deren Arbeiten gezeichnet. Sie haben das aber immer selbst hinbekommen. Das geht. Und das ist bis heute mein Motto: Es ist schon alles da, man muss es nur herausholen. Direkt nach dem Studium habe ich noch beim Schädelspalter in der Dunkelkammer gearbeitet, eine herrliche, lustige Zeit, bis die Computer kamen. Die Digitalisierung macht mir bis heute Sorgen, auch wenn ich selbst ein bisschen süchtig bin. Heute mache ich vor allem Kunstvermittlung – mit Vierjährigen, mit Achtzigjährigen im Hospiz, an Grundschulen, dazu Porträtfotografie – und ich bin Wildnislotsin, bringe Menschen die Natur nahe, male aber selbst auch in Knallfarben.

Wie arbeitet ihr künstlerisch?

AJ: Ich sehe etwas und denke: Daraus könnte man Kunst machen. Oder es gibt ein Thema, dann habe ich gleich fünf Ideen. Ob sie umsetzbar sind, weiß ich erstmal nicht. Frei arbeite ich eher fotografisch: Ich sehe etwas Ungewöhnliches, und das macht mich glücklich, dann halte ich es fest. Ich orientiere mich nicht daran, ob es anderen gefällt. Ich bin sehr visuell, das wusste ich früher nicht. Aber ich habe schon in der Schule aus dem Fenster geguckt, statt zu lesen. Erst durch meine Coachingausbildung habe ich verstanden, dass es auch auditive und haptische Menschen gibt. Mit künstlerischem Blick sieht man überall Kunst – das ist manchmal auch anstrengend.

JL: Ich bin permanent auf Empfang: Menschen, Situationen, Architektur, ein abgerissenes Plakat an der Litfaßsäule – alles Impulse, die im Speicher landen, dagegen kann man sich kaum wehren. Eine Zeit lang bin ich deshalb kaum noch zu Kulturveranstaltungen gegangen, weil sofort tausend Ideen kamen. Wichtig ist mir, dass Kunst sinnlich erlebbar ist, nicht nur an der Wand hängt. Ich will Menschen bewegen, zu Gedanken, zu Emotion. Dann kommt das Marketing, und der Realitätscheck: Was hält auch Vandalismus und Wetter aus? Manchmal fühlt sich das an wie Surfen: eine Welle von links, ein Regenschauer von oben, ein Stein im See – und dazwischen ein schwimmendes Kunstwerk mit Vision .

Woran arbeitet ihr gerade?

JL: Ich plane gerade mit Dietmar Althof ein Happening im November: der Gebäudekomplex am Café Kröpcke wird im November fünfzig Jahre alt und wird danach umgebaut, dieses Jubiläum soll künstlerisch gefeiert werden und das darf ich inszenieren 

AJ: Ich habe gerade ein Angebot geschrieben, worüber ich noch nicht sprechen darf – anstrengend, mit Zahlen zu jonglieren, nicht zu viel, nicht zu wenig. Aber noch kurz dazu, wie Kunst Menschen bewegt: Meine erste Naturaktion war im Rittergut Edelhof, mit Brennnesseln, die niemand mag. Unterm Mikroskop habe ich ihre Stacheln fotografiert und war total high. Und die Leute haben sich am Ende glücklich auf mein Brennnesselbett gelegt – einer, der eigentlich nur ungeduldig auf seinen Bruder gewartet hat, kam erst nach einer ganzen Weile wie weggetreten zurück.

JL: Das ist das Schöne: Findet man die richtige Sprache, den richtigen Moment, kann man Menschen manchmal aus ihrer engen Welt herauslocken. Wir leben nämlich eigentlich gar nicht in einer kommerziellen Gesellschaft, auch wenn das überall plakatiert wird – neunzig Prozent unseres Lebens haben mit anderem zu tun als mit Geld. Kunst kann die Leute daran erinnern.

Die Freiheit der Kunst gerät gerade wieder unter Druck. Wie viel Sorge macht euch die Politik?

JL: Bei den Theatern läuft gerade eine Riesendiskussion mit Blick auf Sachsen-Anhalt – Freunde wissen nicht, ob sie besser wegziehen sollen. Ich mache mir eigentlich weniger Sorgen um die Politik als um Medien und Bildung, denn Politik ist ja nur das Ergebnis davon. Für meine Arbeit im öffentlichen Raum ist das auch relevant: Vandalismus ist immer nur einen Steinwurf entfernt, und es gibt immer mehr Idioten, die sich zu Unsinn ermächtigt fühlen. Und in den Medien klickt sich sowas dann immer schneller, als das viele Gute, das ja auch überall passiert. Mit Social Media wird Wahrheit beliebig und Meinung käuflich.

AJ: Da kann ich nur zustimmen. Ich kenne Leute aus Mecklenburg, die nach Schweden gezogen sind: Egal wie demnächst gewählt wird, es fühlt sich schon jetzt falsch an.

JL: Hannover ist da fast eine Insel der Glückseligkeit, politisch mache ich mir hier keine Sorgen. Das eigentliche Problem ist die Überbürokratisierung und Risikoangst. Ich fange größere Projekte immer gerne ohne Geld an, dann sind nur diejenigen dabei, die wirklich für die Sache brennen – money follows content, das Geld kommt schon hinterher.

AJ: Bei Freunden erlebe ich, dass die Eltern grün wählen und die Kinder zur AfD gehen – die Diskussionen gehen heiß her. Das erschreckt mich.

JL: Es ist traurig, und man steht ratlos davor. Interessant ist: Der AfD gelingt es, auf einfachstem Niveau Gemeinschaft zu erzeugen – einen Ort für Menschen, die sich sonst abgehängt fühlen. Da sollte man fragen, warum es das woanders nicht genügend gibt: Kirchen, Jugendzentren, Schulen, die halbtags leer sind? Es ist eben bequemer, sich einfach vor Netflix zu setzen.

AJ: Durch die Digitalisierung muss niemand mehr rausgehen. Und dann wird nichts erlebt, nicht mehr richtig kommuniziert. In meinen Workshops versuche ich Kindern zu zeigen, wie schön es ist, erst mal etwas zu erleben – die Internetwelt ist spannend, aber sie ist nicht die eigentliche Welt. Ich selbst bin in einem sehr kulturaffinen Haus aufgewachsen, aber zwischen fünfzehn und zwanzig hat mich das kaum interessiert, da ging es nur ums Äußere. Erst danach habe ich mich der Welt wieder geöffnet. Eine Chance gibt es immer.

Muss Kunst aktuell politisch sein und Haltung transportieren?

AJ: Finde ich schon, aber ich mag es nicht, wenn Kunst erziehen will, mit erhobenem Zeigefinger. Damit fängst du vielleicht ein paar Leute ein, aber die meisten vertreibst du.

JL: Kunst muss nicht per se politisch sein, ästhetisch ist völlig ausreichend – die Sinne ansprechen, auch das Denken ist ein Sinn. Aber wer, wenn nicht die Kunst, kann über das bestehende System hinausdenken und -fühlen? Das formt eigenständiges Denken, und Kultur macht uns seit Beginn der Menschheitsgeschichte als soziale Wesen aus, darum ist unsere Spezies ja so erfolgreich…

AJ: Und vielleicht ein bisschen zu erfolgreich für diesen Planeten. Mich interessiert, den Menschen die Augen für das Banale zu öffnen, für kleine Dinge mit besonderer Schönheit.

Ihr lebt und arbeitet vor allem in Hannover. Ein gutes Pflaster für Kunst?

JL: Ich war Anfang September beim Atelierspaziergang Zinnober und war wieder überrascht, wie unglaublich groß die Kunstproduktion in Hannover ist! Leben können davon aber nur wenige – die meisten Künstlerexistenzen sind Patchwork.

AJ: Ich war auch beim Zinnober unterwegs, anderthalb Tage, aber irgendwann war ich völlig überfordert. Wahnsinnig viele Menschen malen einfach nur für sich, auch angebliche Hobbymalerinnen und Hobbymaler, bei denen wirklich beeindruckende, vielschichtige Sachen entstehen – nur fehlen die Orte, an denen sie damit sichtbar werden könnten.

JL: Muss Kunst eigentlich unbedingt ausgestellt werden?

AJ: Nein, aber Feedback zu bekommen ist schön. Also nicht nur für sich zu arbeiten.

JL: Feedback ja, aber nicht zwingend auf der ganz großen Bühne. Vielleicht reichen manchmal kleinere Bühnen. Es gibt genug Leerstand in der Innenstadt, und das Projekt Zwischenraumnutzung lädt ja immer wieder Künstlerinnen und Künstler ein. Vielleicht könnte sich sogar der Freundeskreis einbringen? – alle reden vom Innenstadtsterben, dabei gibt es tausend Ateliers, die gern etwas zeigen würden.

Was könnte besser sein in Hannover für die Kunst?

AJ: Mehr Aktionen, bei denen Menschen mitgestalten können. So etwas wie Rudelsingen. Vielleicht Rudelmalen – gibt es auf Instagram schon, kostet aber Geld. Menschen einfach zum Malen zu bewegen, das fände ich schön.

JL: Ich würde auf Schnittstellen achten. Angeblich kulturferne Institutionen, Unternehmen, Behörden mit künstlerischen Impulsen verbinden – eine echte Win-win-Situation, in Bildung, Marketing, Mitarbeitermotivation. Es braucht jemanden, der das initiiert. Auch die Medien dürften neugieriger werden, was in Hannover wirklich passiert.

AJ: Für mich ist Kunstvermittlung zentral. In Barsinghausen kommen bei mir gerade Schulklassen mit Muffelgesichtern, sie malen – und gehen mit strahlenden Gesichtern wieder raus, weil sie etwas Eigenes geschaffen haben. Das könnte viel mehr gefördert werden. Aber die Anträge dafür sind mühsam.

JL: Ich würde gern mal einen Vergleich sehen, wie viel von der Kulturförderung tatsächlich bei der Kunst ankommt – und wie viel davon für die Verwaltung der Gelder verschwindet ausgegeben wird.

AJ: Oder wie viel Zeit Kulturschaffende für Administration statt fürs eigentliche Kunstschaffen aufbringen.

Was wünscht ihr euch, außer weniger Anträge?

JL: Man könnte mal mit Verwaltungsleuten einen kreativen Projektworkshop machen.

AJ: Sie könnten uns beim Anträge schreiben über die Schulter gucken und selbst einen verfassen.

JL: Wobei es in der Verwaltung viele gibt, die mit Mut und Vertrauen wirklich gute Arbeit leisten. Bei der Bürokratie wünsche ich mir aber trotzdem eine Verbesserung. Die Freiheit von Kunstschaffenden muss man vielleicht auch erst mal verstehen: ein maximaler Freiraum und gleichzeitig ein knallharter Job, der viele Schattenseiten hat.

AJ: Aber es ist auch gut, dass die Welt nicht nur aus Künstlerinnen und Künstlern besteht, sondern auch aus denen, die so etwas verwalten können. Ich wünsche mir einen Gleichklang, wie Yin und Yang – jede Aufgabe hat ihren Platz, keine darf die andere unterdrücken.

JL: Mir hat irgendwann die Erkenntnis geholfen, dass wir eigentlich an derselben Sache arbeiten. Früher habe ich in Anträgen anonyme Menschen um Geld für Kunst gebeten…, damit macht man sich nur selbst klein. Denn die Verwaltung soll ja mit dem Geld die Kunst und Kultur fördern – ohne Kunstschaffende könnte sie ihren Job also gar nicht machen. Wenn man das verinnerlicht, kann man auf Augenhöhe gemeinsam viel Kultur aus wenig Geld machen. Die einen haben die Mittel, die anderen Ideen und Umsetzungskompetenz – let’s do it together.


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