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Der Freundeskreis im Gespräch mit Sabine Busmann und Dr. Benedikt Poensgen

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Sabine Busmann und Dr. Benedikt Poensgen


Für diese Ausgabe haben wir mit Sabine Busmann (SB), Geschäftsführerin des MusikZentrums Hannover, und Dr. Benedikt Poensgen (BP), der den Veranstaltungsbereich der Herrenhäuser Gärten leitet, gesprochen, stellvertretend für zwei Orte, die Hannovers Musikleben auf ganz unterschiedlichen Ebenen prägen: Während das MusikZentrum Nachwuchs fördert und niedrigschwellige Teilhabe ermöglicht, bringt Herrenhausen Musik auf die große, historische Bühne.

Skizziert zum Einstieg am besten kurz ein bisschen euren Werdegang …

SB: Ich bin vor 29 Jahren über eine Zeitungsannonce im MusikZentrum gelandet und habe seitdem fast alle Bereiche mit aufgebaut, vom Ausbildungs- und Projektbereich bis zum Veranstaltungsbetrieb. Ursprünglich komme ich als Geografin und biologisch-technische Assistentin aus den Naturwissenschaften – ein klassischer Quereinstieg in die Kultur.

BP: Und ich bin promovierter Musikwissenschaftler, war zwölf Jahre geschäftsführender Intendant der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen und habe dann 2010 das städtische Kulturbüro Hannover geleitet. 2021/22 war ich ein Jahr Geschäftsführer für die Musikkultur Rheinsberg GmbH und seit 2022 leite ich nun den Veranstaltungsbereich der Herrenhäuser Gärten.

Sabine, was macht das MusikZentrum Hannover eigentlich genau – und für wen?

SB: Wir sind eine gemeinnützige Einrichtung, die Musikkultur fördert und dabei soziale Ziele verfolgt. Soziales, Wirtschaft, Migration und Jugend – das ist bei uns sehr vielfältig. Ziel ist, dass möglichst viele Menschen aktiv Musik machen und niedrigschwellig teilhaben können. Wir sind Ausbildungsbetrieb der Stadt, mittlerweile in sechs Musikberufen. Unsere Veranstaltungshalle und unser Tonstudio sind wichtige Infrastruktur – für Nachwuchs und Ausbildung, aber auch für unseren eigenen Geschäftsbetrieb.

Benedikt, wie viele Veranstaltungen laufen im Jahr durch die Herrenhäuser Gärten, und was für Anfragen bekommst du, bzw. was ist dein Anspruch?

BP: Wir haben jährlich eine Vielzahl an Veranstaltungen in Herrenhausen – Eigenveranstaltungen wie das Kleine Fest, die Sommernächte im Gartentheater oder Herrenhausen Barock, dazu Kooperationen und Vermietungen wie das Wintervarieté oder die Kammermusikreihe, sowie eigene Vermittlungsprojekte wie die Akademie der Spiele oder die Early Birds für Schulklassen. Wichtig ist uns, dass eine Veranstaltung atmosphärisch zu uns passt – unabhängig vom Genre. 2023 haben wir etwa mit dem Asambura Ensemble ein Benefizkonzert für die Erdbebenopfer in Syrien und der Türkei veranstaltet, mit Musikern aus den betroffenen Ländern. Viele im Publikum haben die Galerie zum ersten Mal gesehen. Auch die jährliche Klubnacht im Gartentheater im August hat sich inzwischen weit herumgesprochen und lockt Menschen in den Garten, die sonst ohne einen solchen Anlass nie kämen – und die sich bei uns frei und wie in eine andere Welt entführt fühlen.

Was ist das Schönste an eurer Arbeit?

BP: Immer wieder zu erleben, wie sich Menschen aller Generationen und jeglicher Herkunft im Garten wohlfühlen. Sich durch das bei uns Erlebte anregen lassen und darüber hinaus nicht nur etwas gemeinsam erleben, sondern häufig sogar miteinander ins Gespräch kommen. Der Garten und seine historischen Gebäude bieten eine Atmosphäre, die zum Nachdenken, zur Begegnung, zum Austausch und zum Feiern einlädt – genau dafür wurde dieser Garten mit seinen Gebäuden einst gebaut und konzipiert.

SB: Kein Tag ist wie der andere, die Arbeit im MusikZentrum ist unfassbar facettenreich. Wir arbeiten in vielen Kooperationen und meist dezentral, dabei lernt man viele Menschen aus Hannover kennen. Gemeinsame Ideen mit unterschiedlichen Akteur*innen zu entwickeln, macht bessere und tragfähigere Lösungen möglich. Und durch die Ausbildung haben wir immer junge Menschen im Team, die frische Perspektiven mitbringen – für mich ist das MusikZentrum lebenslanges Lernen, und das macht mir große Freude.

Und auf was könntet ihr verzichten?

BP: Auf extremes Wetter bei Open-Air-Veranstaltungen. Die Sommer werden heißer, Gewitter heftiger – diesen Sommer mussten wir erstmals sogar Indoor-Termine wegen der Hitze absagen, denn die historischen Räume lassen sich nicht klimatisieren.

SB: Wir müssen immer wiederkehrend neue Anträge stellen, um insbesondere unsere Projektarbeit gewährleisten zu können. Eine langfristige Zukunftssicherung und Planbarkeit ist nie gegeben. Betrachtet man den Jahreshaushalt, begleitet einen da schon eine gewisse Angespanntheit im Hinblick auf mögliche Zukunftsszenarien – Planungssicherheit würde vieles erleichtern. Lange Wege innerhalb bürokratischer Verwaltungsvorgänge gehören auch dazu: Die Kulturszene arbeitet überwiegend mit kreativen Lösungsansätzen, die leider oftmals langwierig geprüft und am Ende nicht genehmigt werden, weil die Gesetzesgrundlage zu wenig Ermessensspielraum lässt.

Wie würdet ihr die Musik- bzw. Kulturszene Hannovers von eurem jeweiligen Blickwinkel aus beschreiben?

SB: Für mich ist die Musik- und Kulturszene Hannovers kein fertiges Produkt, sondern ein lebendiges, spartenübergreifendes Netzwerk. Als UNESCO City of Music ist Hannover weniger eine repräsentative „Musikstadt“ als eine Stadt vieler musikalischer Mikroszenen – vielfältig, oft selbstorganisiert. Die freie Szene ist dabei kein Gegenmodell zur etablierten Kultur, sondern ein eigener Produktionsapparat. Sie bringt neue Künstler*innen hervor, schafft Räume und Publika und sorgt für kulturelle Erneuerung – und sie ist damit auch politisch relevant, weil sie Fragen nach Räumen, Finanzierung, Sichtbarkeit, Teilhabe und Arbeitsbedingungen aufwirft. BP: Hannovers große Stärke ist die gleichzeitig vorhandene Vielfalt und Qualität über viele Genres hinweg – kombiniert mit Infrastruktur in Ausbildung und Örtlichkeiten sowie großer Bereitschaft zur Zusammenarbeit quer durch die Szenen. Genau diese Kombination gibt jungen Künstler*innen die Möglichkeit, zu wachsen.

Wo überschneiden sich eure Welten – Nachwuchsförderung auf der einen, große historische Bühne auf der anderen Seite?

SB: Ich glaube, wir überschneiden uns in der kulturellen Wertschöpfungskette: Wir fördern und unterstützen Künstler*innen und Formate, während die Herrenhäuser Gärten die Möglichkeit haben, diese auf eine größere, öffentliche Bühne zu bringen. Auch im Bereich der elektronischen Musik haben wir zuletzt neue Ideen initiieren können, und in Bezug auf Schulen ergibt sich mit den Gärten eine riesige Spielwiese – ich merke gerade, dass diese Überschneidungen auf jeden Fall ausbaufähig wären. BP: Herrenhausen ist Teil dieses Musik-Kosmos: Bühne für Konzerte der HMTMH-Studierenden bei Herrenhausen Barock oder den Chortagen, Ort für das Jubiläumskonzert der Musikschule Hannover und für das Schulkulturfestival, bei dem bis zu 4.000 Schüler*innen den Garten mit eigenen Produktionen bereichern. Ich bin mir sicher, Kurfürstin Sophie freut sich hierüber.

Gibt es einen Punkt, an dem eure Arbeit sich schon einmal berührt hat?

BP: Beim Kleinen Fest hatten wir dieses Jahr erstmals eine UNESCO City of Music Bühne, auf der Musiker*innen des Hidden Kollektiv mit Gästen aus Partnerstädten gejammt haben – ein Format, das auch ins MusikZentrum passen würde. Wir kennen uns ja noch aus meiner Kulturbüro-Zeit, auch über die Idee, Azubis des MusikZentrums beim Kleinen Fest Open-Air-Erfahrung sammeln zu lassen. Das greifen wir sicher noch mal auf, oder Sabine?!

SB: Wir begleiten seit Jahren das Schulprojekt „Akademie der Spiele“ in den Gärten, organisatorisch wie inhaltlich, und waren früher an einem Programmpunkt der Kunstfestspiele beteiligt. Das Gesprächsangebot zur Nachwuchsförderung greife ich sehr gerne auf.

Wie hat sich euer Bereich in den letzten Jahren verändert?

SB: Corona wirkt spürbar nach. Planbare Ticketkalkulationen gibt es kaum noch, Entscheidungen fallen spontan und kurzfristig, während der Getränkeverkauf zurückgeht. Man geht ins wirtschaftliche Risiko, ohne zu wissen, wie lange man das tragen kann. Viele Formate bekommen Eventcharakter, was Clubkultur und Nachwuchsförderung zusätzlich erschwert – das Publikum bleibt aus, und ich frage mich oft, ob niemand mehr neugierig auf neue Künstler*innen ist?

BP: Ich bin erst seit vier Jahren in Herrenhausen. Die größte Veränderung war 2024 die Übernahme der Veranstalterrolle für das Kleine Fest – zunächst mit Casper de Vries. Und dann der kurzfristige Wechsel zu Desimo, dessen Konzept unter ziemlichen Zeitdruck umgesetzt werden musste – eine echte Herausforderung für uns alle. Zudem galt es, die nötigen personellen Ressourcen aufzubauen, denn es gab keinerlei personelle Kontinuität aus der Böhlmann-Ära. Ein solches Großevent in die vorhandenen Strukturen zu integrieren, war und ist nicht ohne.

Was beschäftigt euch aktuell am meisten – wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturpolitisch?

BP: Vor allem das Kleine Fest: Es bringt ganz Hannover zusammen, oft über drei Generationen, in diesem Jahr wieder mit 60.000 Besucher*innen. Meine Aufgabe ist, dass es sich gut entwickeln kann und auch wirtschaftlich in ruhigem Fahrwasser bleibt. Daneben arbeite ich am Programm für das Steffani-Jahr 2028: Agostino Steffani wirkte in Hannover und Herrenhausen, vermittelte Händel an den Hof und trug zur Kurwürde des Welfenhauses bei – Grundlage der späteren Personalunion mit England. Seine Musik ist bis heute teils unaufgeführt geblieben. Das hoffen wir in 2028 in Kooperation mit anderen Kulturinstitutionen der Stadt ändern zu können. Genau diese Bandbreite an Themen macht mir auch besondere Freude.

SB: Das MusikZentrum muss wirtschaftlich arbeiten, darf als gGmbH aber primär nicht wirtschaftlich handeln – kostendeckende Veranstaltungen stehen oft gegen kulturelle Teilhabe. Besonders beschäftigt uns momentan der Investitionsbedarf. Seit dem 1. Januar 2026 sind wir Erbpachtnehmer, und unsere Gebäude weisen einen hohen Sanierungsstau auf, da müssen wir neue Wege finden. Kulturpolitisch passen wir meines Erachtens gut in die von der Stadt entwickelte Musikstrategie. Interessant wird die Frage, wer am Ende verantwortlich ist, wenn die Haushaltslage in eine Schieflage gerät.

Was braucht es, damit junge Musiker*innen in Hannover eine Zukunft haben?

BP: Raum und Möglichkeiten, sich auszuprobieren – niederschwellige Infrastruktur, Veranstaltungsreihen, die junge Musiker*innen einbinden, offene Türen bei Förderern und Ausbildungsstrukturen, die sich mit der Stadt vernetzen. Die Chorszene ist dafür ein großartiges Beispiel: Viele studieren hier Chorleitung oder singen zumindest im Rahmen ihrer Ausbildung, singen in städtischen Chören oder gründen eigene Ensembles und bringen neues Repertoire und Impulse mit. Bei den letzten Chortagen gab es sogar ein Konzert nur mit Chorleiter*innen, quer durch alle Generationen und Stilrichtungen – da entsteht viel Kollegialität und gemeinsame Verantwortung für die Szene. SB: Eigentlich alles, was Benedikt gerade genannt hat. Dazu könnte es noch mehr Synergien zwischen Hochkultur und Subkultur geben – die eine steht für Repräsentation und Sichtbarkeit, die andere für Nachwuchs, Teilhabe und Mut zur Innovation. Rücken beide enger zusammen, entsteht eine wirklich zukunftsfähige Perspektive für junge Musiker*innen.

Was ist euer persönlicher Lieblingsort in Hannover, wenn es um Musik oder Kultur geht?

SB: Natürlich liebe ich das MusikZentrum, aber ich gehe auch gerne in die Faust oder ins Lux – meist kommt es darauf an, wo gerade eine Künstlerin oder ein Künstler spielt, die oder den ich entdecken will. Der Ort selbst ist da zweitrangig, jede Spielstätte hat ihren eigenen Reiz.

BP: Wenig überraschend, auch wenn es langweilig klingen mag: Die Herrenhäuser Gärten in all Ihren Facetten. Ob beim Open Air mit dem Jugend Symphonie Orchester im Georgengarten – wieder junge Leute! –, bei Konzerten mit Elektro-, Jazz-, Klub- oder Bigband-Sounds im Gartentheater oder bei feiner und manchmal bombastischer Barockmusik im historischen Galeriegebäude.

Was wünscht ihr euch von der Stadt für die Kulturszene?

BP: Ein Bewusstsein für die Qualität, Vielfalt und Bedeutung der Kulturszene. Sie ist zentral für Lebensqualität, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Identifikation mit der Stadt – und bietet Raum für Reflexion und Kreativität. Natürlich muss sich diese Szene verändern dürfen, aber es gilt auch, Strukturen zu erhalten und finanziell angemessen auszustatten, damit Entwicklung stattfinden und Qualität erhalten bleiben kann, während gleichzeitig Neues entsteht.

SB: Ich sehe die Kulturszene wie Benedikt als Gradmesser für die Lebensqualität einer Stadt und als Treiber des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Ich wünsche mir, dass Räume nicht einfach nur erhalten, sondern als Kulturinfrastruktur verstanden werden und die freie Szene stärker als Partner behandelt wird. Erste Wege dahin gibt es bereits mit der Vereinten Kultur, die aber sicherlich noch ausbaufähig sind. Entscheidungen für die Kulturszene sollten gemeinsam mit Akteur*innen aus Kultur, Politik und Verwaltung getroffen werden – vielleicht muss man das Rathaus dafür neu denken, etwa über Kulturbeiräte.

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Ariane Jablonka und Assunta Verone

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Ariane Jablonka und Assunta Verone


Wir treffen uns heute im Klavierhaus Döll im Lister Pelikanviertel mit der Geschäftsführerin Ariane Jablonka (AJ) und der Künstlerin Assunta Verrone (AV). Beide sind Mitglieder im Freundeskreis und teilen eine Leidenschaft: die Liebe zur Kultur. Seit Jahren engagieren sie sich in Hannovers Kulturszene.

Stellt euch zum Einstieg einfach kurz selbst vor.

AV: Ich bin Künstlerin, komme aus Italien und habe dort Politikwissenschaften studiert. Als ich dann nach München gezogen bin, habe ich gemerkt, dass Sprachbarrieren mich zu sehr einschränkten. Ich konnte nicht so arbeiten wie in Italien und habe mich darum neu orientiert. Was folgte, war eine Bewerbung an der Akademie der Bildenden Künste. Ich habe mich also für die Kunst entschieden. Und gleichzeitig meine Leidenschaft für die Philosophie entdeckt, die ich mit meinem Mann teile. Er ist Philosoph. Gemeinsam betreiben wir seit 25 Jahren den Treffpunkt Ästhetik in Hannover und verbinden dort Philosophie mit Kunst und Musik. Außerdem organisieren wir noch das Festival der Philosophie.

Was ist das für ein Festival?

AV: Die Idee stammt aus Modena, Italien, von Michelina Borsari. Sie wollte ein Netzwerk in ganz Europa aufbauen, ein Netzwerk der Festivals. In Köln ist sie zuerst auf Ablehnung gestoßen, aber wir hier in Hannover fanden die Idee großartig und haben sie umgesetzt, wie auch St. Emillion in Frankreich, St. Andrews in England und Velke Mezerici in Tchechien. Inzwischen haben sich die Festivals der Philosophie vermehrt. Wir sind in Kontakt mit Tschechien. Der Austausch mit anderen Ländern ist wichtig und immer inspirierend.

Was erwartet die Besucher*innen beim Festival der Philosophie?

AV: Wir möchten die klassische Kontinentalphilosophie lebendig halten und servierfertig anbieten. An Universitäten dominieren heute ja eher die Wissenschaftsphilosophie und Linguistik, oft mit Fokus auf Logik. Wir hingegen wollen eine Philosophie, die im Dialog mit der Gesellschaft steht. Sie soll Frieden, vor allem sozialen Frieden, Demokratie und den Austausch fördern. Unser Ziel ist, dass Menschen wieder miteinander reden. Das ist die Basis. Philosophie war immer der Anfang von allem. Sie inspiriert Kunst und Musik und steht vor allen anderen Künsten. Diese Synergie bereichert alle Disziplinen. Philosophie setzt wichtige Impulse.

Ariane, du kennst das, Kunst erlebbar zu machen, oder?

AJ: Ja, das stimmt. Ich bin Ariane Jablonka, Geschäftsführerin vom Klavierhause Döll. Wir sind vor zwei Jahren hier ins Pelikanviertel gezogen und haben damit einen lebendigen neuen Ort für Musik geschaffen. Unser Geschäft ist eine Art Concept Store mit dem Fokus auf dem Verkauf von Klavieren und Flügeln. Gleichzeitig bieten wir aber Raum für Bildende Kunst. Wir haben bereits Werke von Künstlern wie Wolfgang Kessler über unsere Kooperation mit dem Kunsthaus Hannover und Portraits im Rahmen des Heros Charity Projektes von Michael Strogies gezeigt. Nachdem wir 20 Jahre lang das Festival Klassik in der Altstadt veranstalten durften, haben wir uns gedacht, dass es eine schöne Idee ist, dieses Festival als KLASSIK IM PELIKANVIERTEL nun hier zu etablieren, wo ja auch viele unserer Unterstützer sind.

Und hat dieser Umzug funktioniert?

AJ: Es hat super funktioniert. Es war ohnehin schwierig, die Spielstätten in der Altstadt zu erhalten. Die Innenstadt hat sich hinsichtlich der Bedingungen stark verändert. Also war der Schritt hierher ins Pelikanviertel sehr logisch. Wir haben mit sehr wenig Vorlaufzeit ein wirklich großes Festival organisiert mit 25 Konzerten an zwei Wochenenden im September und an drei Tagen im Oktober. Das war klasse, aber auch sehr sportlich. Es gab große und kleine Bühnen, viele unterschiedliche Spielstätten und ein vielfältiges Programm.

Also nicht nur Klassik?

AJ: Genau, wir wollten mehr Cross over präsentieren von Klassik über Jazz bis Pop und Boogie Woogie war alles dabei. Ein künstlerisches Potpourri, von alter barocker Musik bis zu modernem Jazz. Wir hatten zum Beispiel Lutz Krajenski hier mit einer Sängerin aus Berlin. Wir haben das Programm dazu mit kleinen, neuen Formaten ergänzt, etwa einem Yoga-Klavierkonzert in der N-Bank und einem Inklusionskonzert. Solche Kooperationen sind großartig. Auch das Tandure gegenüber hat eine Bühne für Open-Air-Konzerte angeboten. Hier im Klavierhaus hatten wir ebenfalls ausverkaufte Veranstaltungen. Das Festival hatte eine unglaubliche Bandbreite und entsprechend hatten wir ein bunt gemischtes Publikum, von Kindern bis zum gängigen Klassikliebhaberpublikum.

Also ein voller Erfolg trotz neuem Standort?

AJ: Absolut. Bei manchen Konzerten standen 300 Leute bis zur Tür hinaus. Insgesamt hatten wir rund 5.000 Besucher*innen an sechs Tagen. Wir werden darum das Festival unbedingt fortsetzen, diesmal aber im Sommer, um eine noch schönere, sommerliche Atmosphäre zu haben. Geplant ist das nächste Festival KLASSIK IM PELIKANVIERTEL vom 21.- 30. August. Ich wünsche mir eine noch stärkere Verbindung zu anderen Künsten, etwa zum Tanz oder auch zur Philosophie. Beim ersten Anlauf ist so etwas schwer umsetzbar, aber es bleibt ein Ziel für die Zukunft.

Dann passt es ja perfekt, dass Assunta hier ist. Ist bei euch ebenfalls die Tür auf für Kooperationen?

AV: Auf jeden Fall. Unser nächstes Festival der Philosophie ist aber erst für 2027 geplant. Wobei wir natürlich schon jetzt planen. Jedes Festival bekommt immer ein Thema, etwa Seele, Nachhaltigkeit, Schönheit oder Freiheit. Diese Themenfindung ist nicht so schwer, sie sollte nur in zwei Jahren noch aktuell sein. Seit der Pandemie zeichnen wir übrigens alles auf, sodass man das Festival online nacherleben kann. Und außerdem veröffentlichen wir begleitend immer ein Buch mit den Manuskripten, so bleibt etwas für alle erhalten. Es ist ein Beitrag zur Philosophie insgesamt, denn viele Impulse, die wir während unseres Festivals geben, fehlen an den Universitäten. Viele Masterstudiengänge sind zum Beispiel inzwischen auf Englisch, aber die deutsche Sprache ist viel reicher an Wortvielfalt und -akrobatik. Bei Übersetzungen geht oft etwas verloren. August Schlegel hat gesagt, die deutsche Sprache können fast alle Gedanken ausdrücken. Darum finde ich es schade, wenn Philosophie an Universitäten nur auf Englisch gelehrt wird. Das schafft eine Distanz zwischen Philosophie und Gesellschaft. Ich stelle mir immer die Frage, wie wir verhindern, dass die Philosophie im Elfenbeinturm bleibt.

Eine sehr gute und wichtige Frage.

AJ: Als ich im letzten Jahr das Festival der Philosophie besucht habe, war ich begeistert von der Vielfalt und von der Faszination der Leute für das Thema. Die Eröffnungsveranstaltung in der Marktkirche war anspruchsvoll und beeindruckend. Bernhard Taureck hat einen Vortrag gehalten, der mich wirklich mitgerissen hat. Ein großer Philosoph. Sehr komplexe Gedankengänge, aber ganz klar strukturiert. Es hat sich angefühlt, als hätte man ein philosophisches Hörbuch in Expressform inhaliert. In einer Stunde war da unglaublich viel drin, ohne dass man den roten Faden vermisst hätte.

Also herausfordernd und bereichernd zugleich?

AJ: Genau. Es ist diese moderne Art zu denken, die mich fasziniert. Man muss sich trauen, neue Interpretationen zu wagen. Das Festival regt dazu an, sich auf solche Gedanken einzulassen. Letztes Jahr lautete die zentrale Frage: Was ist dir heilig? Spontan habe ich zu meinem Partner gesagt: Meine Familie. Aber dann begann das Nachdenken: Was bedeutet heilig wirklich? Wie definieren andere das? Plötzlich eröffnen sich neue Ebenen, die im Alltag oft verborgen bleiben. Dafür braucht es Zeit und den Mut, sich auf Neues einzulassen.

Gedanken austauschen, um ins Gespräch zu kommen, mit sich selbst oder anderen. Das klingt nach Philosophie!

AJ: Ja, und in der Kulturszene ist das essenziell. Letztes Jahr haben wir mit dem NDR RedakteurInnen das Format „Talk und Talente“ entwickelt. Junge Künstler*innen stellen sich vor und sprechen über ihre Arbeit: Wie entstehen Ideen? Wie setzt man sie um? Welche Rolle spielen soziale Medien? Es war ein inspirierender Austausch. Zudem hatten wir ein Konzertformat „Junge Leidenschaften“ bei dem die Young Artists aufgetreten sind. Das sind talentierte Musiker*innen, noch keine Profis, die auf hohem Niveau musizieren. Von Filmmusik bis zu eigenen Kompositionen war alles dabei. Diese Vielfalt verbindet Assunta und mich: die Faszination für Kunst und Kultur. Ich selbst male zwar nicht so gut wie Assunta, aber ich genieße es, Kunst zu erleben. Solche Erlebnisse bringen Menschen zusammen. Nur so entsteht gemeinsames Denken, ein gemeinsames Erleben.

Philosophie heißt ja „Die Liebe zum Denken“. Klingt eigentlich ganz leicht, sobald man sich mal darauf eingelassen hat.

AV: Das ist nicht immer so einfach. Beim letzten Festivalthema „Was ist dir heilig?“ musste ich mich gegenüber der taz verteidigen für so ein Gedankenthema. Ich musste erklären, dass unser Festival kein zweiter Kirchentag ist. Das Heilige ist eine eigene Kategorie. Rudolf Otto, ein berühmter Religionsphilosoph aus Peine, hat das beschrieben. Oder Mircea Eliade aus Rumänien. Heute fehlt uns oft das Gefühl für das Heilige. Eine Frau auf dem Festival hat gesagt, Kinder seien das Heiligste. Das fand ich sehr schön. Kinder brauchen deshalb besonderen Schutz und Räume, doch genau das fehlt ihnen oft.

Euer Festival ist offen für alle und kein elitärer Zirkel?

AV: Das ist unsere Grundidee, inspiriert von Modena. In Italien gibt es jedes Jahr das Festival mit sehr viel mehr Besucher*innen und einem festen Budget, unterstützt von Banken und der Region. In Hannover fehlt uns dieses finanzielle Fundament. Wir arbeiten mit Spenden und versuchen so, die Philosophie zurück auf den Marktplatz zu bringen. Also dorthin, wo sie entstanden ist.

Wie steht es denn generell um die Unterstützung in Hannover?

AV: Wir haben kein festes Budget und sind tatsächlich sehr auf Spenden angewiesen. Förderungen sind schwierig, weil Philosophie weder als Wissenschaft noch als Kunst gilt. Sie hinterlässt kein greifbares Ergebnis, man kann sie nicht anfassen, sondern sie zeigt sich im Kopf und im Herzen. Das macht es im kapitalistischen System schwer.

AJ: Wir haben glücklicherweise traditionell sehr starke Supporter wie das Kulturbüro der Landeshauptstadt und dies Stiftung Sparda-Bank Hannover. Wir sind Partner von UNESCO City of Music. Letztes Jahr haben haben wir neue Unterstützer wie das Porsche Zentrum, Sheraton Hannover Pelikan Hotel und N- Bank bekommen. Und manchmal helfen auch Sachleistungen, etwa eine kostenlose Saalnutzung. Jede kleine Spende zählt. Wenn jede und jeder nach seinen Möglichkeiten etwas beiträgt, hilft das enorm. Vielleicht müssen wir auch noch neue Ideen entwickeln. Ich denke etwa an ein Mentoring-Programm: Familien könnten Künstler*innen ein Gästezimmeranbieten. Solche Ansätze könnten eine Art kulturelle Börse schaffen, die Menschen und Projekte verbindet.

Kultur also mal wieder als Brückenbauer einer entfremdeten Gesellschaft?

AJ: Genau. Kultur kann Plattformen schaffen, auf denen sich Menschen begegnen und austauschen. Ein Zettelboard für kulturelle Projekte wäre eine schöne Idee. Suche Gastgeber für Künstler*innen! Wer unterstützt ein Orchester? Solche Netzwerke könnten viel bewegen.

Wie kann die Philosophie sich aktiv einmischen?

AV: In Wien gibt es zum Beispiel einmalig den Studiengang „philosophische Praxis“, der den Menschen Orientierung bietet. Auch Hannover bräuchte solche Ansätze. Philosophie kann als Lebensbegleitung helfen, besonders bei jungen Menschen, die ihren Weg oft noch finden müssen. Das würde die Gesellschaft bereichern.

Macht ihr euch momentan Sorgen um unsere Gesellschaft?

AV: Wir müssen uns keine Sorgen machen, wenn wir in Bewegung bleiben. Das Festivalthema 2026 in Velke Mezerici ist „Brücken und Abgründe“. Wenn man etwas tut, baut man Brücken. Angst entsteht dagegen in der Stille, wenn nichts geschieht. Wir müssen Menschen ermutigen, sich nicht zu verstecken und ihre Gedanken zu teilen. Nur so können wir Brücken bauen. Und wir brauchen das Regionale, das Lokale. Wirtschaft und Kultur sind aus meiner Sicht sehr eng verbunden. Der lokale Handel ist ein Beispiel. Online-Shopping zerstört den Sinn für den Standort. Dabei gibt es vor Ort großartige Geschäfte. Dieser Sinn für den Standort, das muss neu gefühlt werden. Das ist auch Kultur.

AJ: Handel ist vor allem auch immer Kommunikation. Nicht jedes Gespräch im Laden ist ein Verkaufsgespräch. Oft geht es um Ideen, um Austausch. Die Frage ist: Wie bringen wir Menschen dazu, sich einzubringen? Zeit, Kreativität und Ideen sind so wertvoll. Nur im Dialog können wir eine lebenswertere Gesellschaft schaffen.

Also nach vorne durch Begegnung?

AJ: Genau. Begegnung bedeutet aber auch, Widerspruch zuzulassen. Unterschiedliche Meinungen fördern die Entwicklung und halten die Neugier wach. Das macht das Leben spannender.

AV: Es gibt das Konzept der Reziprozität und das bedeutet mehr als ein einfaches Geben und Nehmen zwischen zwei Menschen. Es schließt Dritte, Vierte und viele andere ein. Ich muss nicht demjenigen etwas zurückgeben, der mir etwas gegeben hat. Stattdessen geht es um ein größeres Prinzip: Ich gebe der Gemeinschaft etwas und erhalte von jemand anderem etwas zurück. Und das nicht unbedingt von dem, dem ich geholfen habe. Wir müssen wieder lernen, dieses größere Ganze in Bewegung zu setzen. Dieses enge Denken im direktem Geben und Nehmen bringt keine Gesellschaft zum Blühen.

Interview: Annika Spohn, Lars Kompa

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Norbert Schlote, Karsten Pilz und Jürgen Maaß

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Norbert Schlote, Karsten Pilz und Jürgen Maaß


In dieser Ausgabe haben wir uns mit Norbert Schlote (Vorstand der Hannöverschen AIDS-Hilfe e.V.), Karsten Pilz (Vorstand der Hannöverschen AIDS-Hilfe e.V.) und Jürgen Maaß (Geschäftsführung, CheckPoint) getroffen. Mit ihnen haben wir über die Entwicklung der AIDS-Hilfe-Arbeit in Hannover gesprochen, über Aufklärung, Prävention, Testangebote und Antidiskriminierungsarbeit und darüber, dass Menschen mit HIV unter Therapie ein ganz normales Leben führen können.

Starten wir mit einer Vorstellungsrunde.

Norbert: Mein Name ist Norbert Schlote, ich bin seit 2019 im Vorstand der hannöverschen AIDS-Hilfe. Ich bin von Haus aus niedergelassener Urologe und betreue das Testprogramm von uns. Wir machen regelmäßige Tests auf sexuell übertragbare Infektionen.

Karsten: Ich bin Karsten Pilz. Ich bin seit vielen Jahren im Vorstand der hannöverschen AIDS-Hilfe. Ich bin der Nachfolger von Bernd Weste, unserem Ehrenvorsitzenden, der maßgeblich die hannöversche AIDS-Hilfe mit aufgebaut hat. Im Hauptberuf bin ich eigentlich Finanzbeamter.

Jürgen: Ich bin Jürgen Maas und arbeite seit 2006 für die hannöversche AIDS-Hilfe. Ich bin für das Projektmanagement zuständig und u. a. auch für die Testangebote, die sich unter dem Stichpunkt CheckPoint zusammenfügen – aber auch für die Organisation des CheckPoint untenrum, unser Gesundheitsbegegnungszentrum.

Unterscheiden sich die hannöversche AIDS-Hilfe und der CheckPoint Hannover?

Norbert: Also tendenziell firmieren wir jetzt nur noch unter dem Namen CheckPoint Hannover, beziehungsweise CheckPoint der hannöverschen AIDS-Hilfe. Wir haben den Namen hannöversche AIDS-Hilfe ein bisschen in den Hintergrund gerückt. Es ist immer noch der Name des Trägervereins, aber da klassische AIDS-Hilfe-Arbeit so – zum Glück – gar nicht mehr geleistet werden muss, ist es zum Teil auch ein bundesweiter Trend, dass sich die AIDS-Hilfen alle umbenennen.

Was ist eure Verbindung zum Freundeskreis Hannover?

Karsten: Ich bin begeistertes Mitglied im Freundeskreis und freue mich, dass es den gibt – und ich bin auch begeisterter Hannoveraner. Das ist die Verbindung.

Wie seid ihr zu euren Positionen, zu euren Tätigkeiten gekommen?

Karsten: Mein Vater war Anwalt und Bernd Weste – unser Ehrenvorsitzender – mehr oder weniger Teil unserer Familie. Ich kenne Bernd also beinahe von Kindesbeinen an. Als dann eine Stelle im Vorstand vakant wurde, hat mich Bernd gefragt, ob ich das machen möchte. Das war für mich eine willkommene Gelegenheit, mal etwas Gemeinnütziges zu machen. Ich hatte mich bisher nicht besonders sozial oder gemeinnützig engagiert und ich musste mich auch erst einmal reindenken, bin aber gerne hier.

Norbert: Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass ich von meiner ärztlichen Expertise irgendwie ein bisschen was in die Community geben kann. Dann habe ich hier als Testarzt angefangen und bin auch von Bernd Weste irgendwann mal angesprochen worden, ob ich mir nicht vorstellen kann, mehr zu machen. 2019 bin ich dann in den Vorstand gewählt worden.

Jürgen: Ich habe schon mein ganzes Leben lang Verbindungen zur AIDS-Hilfe-Szene gehabt. Ich hatte damals mein Coming-out als schwuler Mann in Oldenburg. Als ich irgendwann mit meinem Studium fertig war, war hier eine Stelle frei und die habe ich bekommen. Am Anfang war Präventionsarbeit meine Aufgabe; das habe ich zehn Jahre lang gemacht. Dann bin ich erst stellvertretender Geschäftsführer gewesen und irgendwann in die Geschäftsführung gewechselt. Jetzt bin ich für Teamleitung, Finanzaufsicht, das Beschaffen der Gelder und das Projektmanagement zuständig.

Wie sehr sind Infektionen wie AIDS noch ein Thema – auch in Hannover?

Norbert: Die Erkrankung AIDS ist in Hannover – und ich denke mal auch in Deutschland und Europa – zum Glück nicht mehr zwingend. Das mag in anderen Ländern ganz anders sein. Wir haben hier zum Glück Zugang zu einer sehr guten Therapie, sodass wir zwar Personen haben, die HIV-infiziert sind, aber im Prinzip mit ihrer Infektion ein unproblematisches Leben führen können und unter Therapie – das ist ganz wichtig – nicht mehr infektiös sind. Daher ist AIDS nicht mehr unbedingt ein Thema – aber sexuell übertragbare Infektionen natürlich schon. Überall da, wo Menschen Sex haben, gibt es sexuell übertragbare Infektionen, und unser Ansinnen mit dem CheckPoint ist, über solche sexuell übertragbaren Infektionen zu informieren und Personen zu testen und entsprechend in Therapie zu bringen.

Wie sieht die Arbeit des CheckPoint Hannover aus?

Jürgen: Unsere Arbeit hat verschiedene Ebenen: klassische Aufklärung, z. B. durch Ehrenamtliche in Schulen – aber ohne erhobenen Zeigefinger, eher locker und positiv. Dann die Fürsorge für Menschen mit HIV. Das war früher viel Sterbebegleitung, heute ist es mehr Antidiskriminierungsarbeit, etwa durch Schulungen in Pflegeberufen oder im Justizvollzug. Öffentlichkeitsarbeit gehört ebenso dazu wie Tests, die vor allem für vulnerable Gruppen wichtig sind, weil eine HIV-Infektion, früh erkannt, gut behandelbar ist. Vor zwei Jahren haben wir uns mit dem Gesundheits- und Begegnungszentrum CheckPoint untenrum einen Traum erfüllt. Dort gibt es Beratung, Tests, kulturelle und queere Angebote sowie Diskussionsreihen, etwa für queere Geflüchtete. Es ist ein offener Ort, an dem Menschen zusammenkommen – vom Info-Café bis hin zu Talkabenden. Dadurch erreichen wir die Zielgruppen viel besser: Tests sind inzwischen Wochen im Voraus ausgebucht, und auch die Workshops laufen gut.

Gibt es ähnliche Angebote?

Jürgen: Es gibt in Hannover die Beratungsstelle für sexuelle Gesundheit der Region Hannover, die gute Arbeit leisten, da kann man nicht meckern. Aber es ist am Ende eine Behörde. Und dann gibt es noch Pro Familia, wobei die eher in Richtung Verhütung von ungewollten Schwangerschaften gehen. Prävention war von Anfang an vor allem eine Aufgabe der Zivilgesellschaft. Die AIDS-Hilfen entstanden ursprünglich als Selbsthilfe, weil irgendwie alle weggestorben sind wie die Fliegen, weil es keine Therapien gab. Unsere Stärke war der Zugang zur Szene, den Behörden nicht hatten. Deshalb bekamen wir auch Förderung und den Auftrag, zielgruppenspezifische Aufklärung zu leisten – also vor allem für Männer, die Sex mit Männern haben, aber auch für Drogengebraucher*innen, Migrant*innen und Frauen in der Sexarbeit.

Wie haben sich der Umgang mit HIV und die Behandlung in den vergangenen Jahren verändert – von den 80er-, 90er-Jahren bis heute?

Jürgen: Es gibt Medikamente, mit denen man heutzutage ganz normal mit HIV leben und alt werden kann. Norbert sagte es schon: Wenn man ein Leben lang ab Infektion oder Diagnosezeitpunkt diese Medikamente einnimmt, kann man niemanden mehr anstecken. Das heißt, das Ganze bleibt eine chronische Erkrankung. Die Medikamente sind durch mehrere Phasen gegangen. Es gab massive Nebenwirkungen: Übelkeit, Durchfall. Nächtelang. Das hörte gar nicht mehr auf. Es war wirklich massiv, lebenseinschränkend. Heute merkt man allenfalls in den ersten zwei Wochen ein Magengrummeln. Das, was bleibt, ist das Stigma. Die Leute haben immer noch panische Angst davor. Wir erleben, dass Menschen selbst in medizinischen Einrichtungen nicht oder nur unter völlig wilden Schutzmaßnahmen behandelt werden. Wir müssen das Gegenteil erzählen. Das ist schwierig.

Wie wichtig ist Aufklärungsarbeit dahingehend an Schulen?

Karsten: Über sexuell übertragbare Krankheiten kann und sollte man immer sprechen! AIDS ist, glaube ich, aber keine Gefahr für Schüler. Da kann mich Norbert sicher korrigieren. Trotzdem: Syphilis und andere sexuell übertragbare Krankheiten gibt es noch. Und dass junge Menschen damit von Anfang an verantwortlich umgehen, halte ich für eine wichtige Botschaft. Da zeigt sich auch die Veränderung unserer Tätigkeit. AIDS gibt es nicht mehr, dafür aber immer noch sexuell übertragbare Krankheiten – und dafür öffnen wir auch unser Testangebot.

Norbert: Man muss aber auch sehen, dass wir Schüler nicht als unsere primäre Ansprechgruppe sehen. Da gibt es andere Player wie Pro Familia, andere Einrichtungen oder Vereine, die eher Aufklärung für jüngere Altersklassen machen. Die ist extrem wichtig, das muss gemacht werden. In dieser Altersgruppe ist es auch extrem wichtig, Antistigmatisierungsarbeit zu leisten, auch gegen Homosexualität insgesamt.

Jürgen: Man muss halt einfach sehen, welcher Mensch welches Risiko hat. Für heterosexuelle Schüler ist das Risiko einer Geschlechtskrankheit minimal. Das steigt eben, sobald man mehr männliche Sexualkontakte hat. Und das ist auch in Migrationskreisen sehr stark. Wir haben z. B. eine hohe Prävalenz in afrikanischen Ländern, in Russland und der Ukraine – wo viele Flüchtlinge herkommen, die dann hier getestet werden.

Beobachtet ihr eine Leichtfertigkeit unter der jüngeren Generation, was Infektionen angeht?

Norbert: Würde ich nicht sagen.

Jürgen: Ich glaube, man muss auch gucken, dass man den Leuten ihre Sorglosigkeit ein bisschen lässt. In der Schule ist zunächst wichtig, dass man das Thema Schwangerschaftsvorsorge behandelt. Da kann man Geschlechtskrankheiten mal erwähnen, muss aber gucken, dass man keine Phobien setzt. Das ist ja immer so dieser Moralhammer: „Poppt nicht durch die Gegend, sonst kriegt ihr Geschlechtskrankheiten.“ Das funktioniert so nicht. Das ist auch nicht die Realität. Man muss immer schauen, dass man den Leuten irgendwo in den Kopf pflanzt: „Passt mal auf, aber lasst euch damit nicht die Sexualität vermiesen.”

Warum sind Menschen mit Migrationshintergrund besonders betroffen?

Jürgen: In vielen Herkunftsländern, etwa in Afrika oder Asien, ist die HIV-Prävalenz deutlich höher als hier. Oft fehlen dort gute – oder überhaupt – Test- und Versorgungsstrukturen, gerade außerhalb der Städte. Auch in Ländern wie Russland oder der Ukraine ist HIV weit verbreitet; oft durch Drogengebrauch. Viele bringen die Infektion also schon mit oder erfahren erst hier davon. Dazu kommen queere Geflüchtete oder junge schwule Männer aus sehr restriktiven, homophoben Gesellschaften, die sich endlich ausleben wollen, aber null aufgeklärt sind. Weil dort, wo solch eine Moral herrscht, keine Aufklärung stattfindet. Und dann ist natürlich auch der Schutz erst einmal sekundär und HIV oder andere Infektionen treten gehäuft auf.

Mit welchen Themen oder Problemen kommen die Menschen am häufigsten zu euch?

Jürgen: Mit ganz viel Angst. Wir haben ein Beratungstelefon, bei dem Menschen am Montag nach dem Wochenende im Steintor anrufen und sagen: „Das ist passiert, kann ich mich da mit HIV infiziert haben?“ Aber es kommen auch Menschen mit HIV, die mit sozialen Problemen hierherkommen. Wir haben eine Sozialberatung. Und auch eine Migrationsberatung. Im Moment beobachten wir, dass wieder massiv Leute in ihre Herkunftsländer zurückgewiesen werden, wo es eine sehr unsichere HIV-Versorgungslage gibt. Das ist auch ein wichtiges Thema.

Wie finanziert ihr eure Arbeit und Testangebote?

Karsten: Wir leben von öffentlichen Zuwendungen der Region und des Landes. Wir haben unsere Geschäftsstelle in der Langen Laube aufgegeben und damit natürlich Mieten eingespart, die wir hier wieder einsetzen können. Und wir gehen auch sorgsam mit diesem Geld um. Die Tests kosten zum Teil etwas, aber wir verdienen dadurch nichts. Auch öffentliche Finanzierung ist wichtig und das müssen wir auch immer im Bewusstsein der Politiker halten. Daher war es auch wichtig, dass wir uns von der AIDS-Hilfe weg zum CheckPoint verändert haben und auch andere Gruppen ansprechen.

Norbert: Und die Tests werden zum Teil aus Eigenmitteln finanziert. Es kommt ein bisschen darauf an: Wir bieten zwei unterschiedliche Tests an: zum einen einen Schnelltest, der im Prinzip auf HIV und Syphilis testet. Dabei wird aus der Fingerbeere eine kleine Blutprobe entnommen und man bekommt sofort ein Ergebnis. Dieser Test ist kostenfrei.

Jürgen: Die wurden bis zum 1. Januar vom Land finanziert. Jetzt kommt die Spende von der Pharmafirma Gilead.

Norbert: Genau. Und dann gibt es ein erweitertes Testprogramm, das sich überwiegend an Männer, die Sex mit Männern haben, wendet. Aber grundsätzlich allen mit entsprechendem Risikoprofil offensteht. Dabei wird nicht nur ein Schnelltest gemacht, sondern auch Blut abgenommen. Zusätzlich prüfen wir z. B. den Hepatitis-Impfschutz oder machen Abstriche, um Erreger direkt nachzuweisen. Die Kosten liegen aktuell bei 25 Euro. Ein Teil der Tests wird zudem vom Land finanziert, indem wir sie über das Niedersächsische Landesgesundheitsamt laufen lassen, das günstiger arbeitet als private Labore. So entsteht eine Mischfinanzierung.

Jürgen: Bedürftige kriegen diesen Test auch kostenlos.

Welche Botschaft oder welchen Wunsch möchtet ihr den Menschen in Hannover in Sachen sexuelle Gesundheit mitgeben?

Norbert: Habt Sex und habt keine Angst davor! (lacht)

Jürgen: Das ist gut! Also, wir haben für den CheckPoint dieses Logo: „Eure Experten für sorgenfreien Sex“. Dabei steckt natürlich auch ein bisschen Moral mit drin, aber genau darum geht es: Je mehr Sorgen man sich macht, desto riskanter wird es, weil alles tabuisiert wird und nicht offen über Schutz gesprochen wird – auch an der Bettkante nicht. Deshalb sind wir da die Schmuddelkinder, die sagen: „Kommt, Leute, habt Spaß, redet darüber, macht es vernünftig. Und meldet euch einfach, wenn ihr Fragen habt.“

Karsten: Mir ist es wichtig, dass man die Leute so leben lässt, wie sie sind, und tolerant ist; dass man immer versucht, eigene Vorurteile, von denen man ja nie frei ist, zu überwinden.

Norbert: Ich möchte auch noch ergänzen, dass es mir ein Herzenswunsch ist, mit dieser Stigmatisierung von HIV-infizierten Personen zu brechen. Unter Therapie sind nicht infektiös und können ein ganz normales Leben führen! Leider ranken immer noch völlige Mythen um diese Infektion.

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Anika Brehme und Olaf Jähner

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Anika Brehme und Olaf Jähner


Heute haben wir mit Anika Brehme und Olaf Jähner zwei echte Ehrenamtsexpert*innen im Gespräch. Beide sind Mitglieder im Freundeskreis, im Sport ehrenamtlich engagiert und organisieren zudem beruflich das Freiwilligenmanagement. Anika Brehme ist stellvertretende Geschäftsführerin des Stadtsportbundes, Olaf Jähner Geschäftsführer des Niedersächsischen Turner-Bundes. Außerdem haben sie gemeinsam die Zukunftswerkstatt des Freundeskreises moderiert.

1. Ehrenamt = Leidenschaft – was heißt das für euch?

Olaf Jähner:
Es macht einfach viel Freude, für andere da zu sein. Ich trage in meinen Ehrenämtern dazu bei, dass das Leben für andere lebenswerter wird. Und das bereichert wiederum mein Leben – es bekommt Sinn. Genau das ist pure Leidenschaft.

Anika Brehme:
Ehrenamt ist für mich gelebte Selbstwirksamkeit. Ich freue mich, wenn meine Ideen umgesetzt werden und ich Raum zur Mitgestaltung habe. In meinem eigenen Engagement im Sport liegt mir besonders die Begleitung junger Menschen bei der Übernahme von Verantwortung am Herzen. Ich versuche, dafür gute Rahmenbedingungen zu schaffen.

2. Warum ist ehrenamtliches Engagement für unsere Gesellschaft – und für Hannover – so wichtig?

Olaf Jähner:
Unsere Stadtgesellschaft – und Gesellschaft überhaupt – wird schnell langweilig, wenn alle Aktivitäten staatlich organisiert sind. Warum? Weil es die Menschen sind, die mit Kreativität und Leidenschaft gestalten – besonders dann, wenn sie sich frei entfalten können. So entsteht eine unglaubliche Vielfalt an Aktionen, Initiativen und Projekten, die uns zusammenbringen und Gemeinschaft erlebbar machen.

Anika Brehme:
Ehrenamtliches Engagement schafft Verbindung zwischen Menschen, die sich in anderen Kontexten vielleicht nie begegnen würden. Es bringt unterschiedliche Kulturen und Generationen mit einem gemeinsamen Ziel zusammen. Hannover ist eine bunte, vielfältige Stadt – das wird über die vielen ehrenamtlichen Organisationen auch sichtbar.

3. Kennt ihr vorbildliche Projekte in Hannover?

Olaf Jähner:
Da ich aus dem Sport komme, fasziniert mich immer wieder der Verein handicap-kickers.de. Dort wird inklusiv Fußball gespielt.

Anika Brehme:
Und dort wird nicht nur Sport getrieben, sondern auch das Engagement inklusiv gedacht – bis hin zur Qualifizierung! Ja, wir durften dort lernen, was alles möglich ist, wenn ein Verein mutig Neues ausprobiert und daran glaubt, dass sich der Einsatz lohnt.

4. Wie müssen Vereine sich aufstellen, um ehrenamtliche Mitarbeitende zu finden?

Olaf Jähner:
Kurz gesagt: Vereine brauchen eine engagementfreundliche Kultur.
Sie müssen in der Lage sein, Aufgaben anzubieten, die zu den Fähigkeiten, Kompetenzen und Leidenschaften der Menschen passen. Dazu brauchen sie ein auf freiwilliges Engagement angepasstes „Personalmanagement“ – also eine Begleitung vom Einstieg bis zum Ausscheiden.

Anika Brehme:
Im Idealfall müssen Vereine gar nicht aktiv suchen, sondern zeigen, dass sie Orte sind, an denen man eigene Ideen einbringen und umsetzen kann. Dann entstehen tolle Beispiele – wie bei einem traditionellen Ruderverein, der durch eine Blühwiese mit mehreren Bienenvölkern jetzt eigenen Honig produziert. Einfach, weil es Mitglieder gab, die Lust hatten, das auszuprobieren. Diesen Mut wünsche ich vielen traditionellen Vereinen. Denn zufriedene Engagierte ziehen weitere Mitstreiter*innen an.

5. Ihr habt die Zukunftswerkstatt des Freundeskreises moderiert – was macht diesen Verein aus eurer Sicht besonders?

Olaf Jähner:
Der Freundeskreis vereint bürgerschaftliches Engagement mit gesellschaftlich relevanten Initiativen. Er stärkt die Bindung seiner Mitglieder durch exklusive Aktionen und tritt nach außen als sichtbarer Akteur der Stadtgesellschaft auf. Ein Verein, in dem es sich lohnt, Mitglied zu sein.

Anika Brehme:
Mich hat die Vielfältigkeit der Themen begeistert – und die Leidenschaft, mit der sich die Mitglieder für die Stadtgesellschaft einsetzen. Ich habe eine große und langjährige Verbundenheit erlebt. Vom Vorstand bis zur Mitgliedschaft ist spürbar: Alle eint die Liebe zu Hannover und der Wunsch, sie mit anderen zu teilen.

6. Welche Chancen hat der Freundeskreis Hannover in Zukunft?

Olaf Jähner:
Sehr gute – wenn es gelingt, die Balance zu halten: zwischen dem Nutzen für die Mitglieder und dem öffentlichen Auftreten durch gezielte Initiativen in der Stadtgesellschaft.

Anika Brehme:
Ich bin sicher, dass es dem Freundeskreis auch künftig gelingt, viele relevante Organisationen und Menschen in Hannover zusammenzubringen – und damit eine gefragte Stimme der Stadt zu bleiben. Die Demonstration auf dem Opernplatz im Januar 2024 hat gezeigt, welche Kraft in diesem Verein steckt, Menschen in Bewegung zu bringen.

7. Warum sollten sich Menschen in Hannover im Freundeskreis engagieren?

Anika Brehme:
Im Freundeskreis gibt es die unterschiedlichsten Möglichkeiten für Engagement – ob projektbezogen oder langfristig, thematisch breit gefächert. Wer Austausch und Mitgestaltung sucht für das, was Hannover lebenswert macht, ist hier genau richtig.

8. Euer Wunsch für den Freundeskreis Hannover e.V.?

Olaf Jähner:
Lasst nicht nach in eurem Tun. Ihr bereichert das Stadtleben und seid ein unverzichtbarer Teil einer lebenswerten Landeshauptstadt.

Anika Brehme:
Bitte nutzt weiterhin die Leidenschaft eurer Mitglieder, um eine starke Stimme für Hannover zu bleiben. Diese Engagementgemeinschaft aus Kultur, Politik, Sport, Wirtschaft, Wissenschaft und Religion schafft im Rahmen eines Bürgervereins einen großen Mehrwert für ein liebens- und lebenswertes Hannover.

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Sina Hensel und Andreas Burkhardt

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Der Freundeskreis im Gespräch mit Sina Hensel und Andreas Burkhardt


Wer seid ihr und was macht ihr?

Sina Hensel: Ich bin Sina Hensel, 31 Jahre, und die Leitung von Musikland Niedersachsen, einer 16 Jahre alten Service- und Netzwerkstelle für das professionelle Musikleben in Niedersachsen. Wir sitzen in Hannover, sind aber natürlich für das ganze Bundesland zuständig. Ich bin seit 2019 dabei, habe mit einem Volontariat angefangen und bin nun seit zwei Jahren in der Leitung. Wir bilden seit 2019 mit der Landesmusikakademie in Wolfenbüttel eine gemeinsame Firma, unser Träger ist der Landesmusikrat. Unsere Aufgabe ist es, die professionellen Musikszenen und Akteur*innen genreübergreifend zu vernetzen, zu qualifizieren und, mit ihnen die Rahmenbedingungen für professionelles Musikschaffen zu verbessern.

Ihr unterteilt euer Angebote ja u. a. in Handlungsfelder wie Basiswissen oder kulturpolitisches Handeln. Was kann man sich darunter vorstellen?

SH: Zum Bereich Basiswissen: Gehen wir einmal vom Fall „Musiker“ aus. Das umfasst ja mehr, als nur Musik zu machen. Du hast viele andere Jobs, die vereint werden müssen. Finanzen, Social Media, Steuern, Website-Aufbau: Vieles muss aus finanziellen Gründen DIY-mäßig passieren. Wir versuchen, genau dabei zu unterstützen. Mit Workshops, mit Beratung per Telefon oder E-Mail, zu Themen wie Steuerrecht, Musikrecht, Gründung als Musiker etc. Man kann uns immer kontaktieren, wir helfen auch bei Fragen rund um GEMA, KSK, Förderung … Und zum Feld kulturpolitisches Handeln: Wir sind eine gGmbH, also erst einmal keine Interessenvertretung. Unser Träger, der Landesmusikrat, ist der Interessensverband für Musikkultur in ganz Niedersachsen. Und dann gibt es viele andere Verbände, die LAG Jazz, die LAG Rock, KlubNetz für die Clubs und Spielstätten, den Landesverband der Freien Klassik-Szene u. s. w., mit denen wir eng zusammenarbeiten, weil deren Mitglieder auch unsere Zielgruppe sind. Mit denen arbeiten wir häufig an politischen Themen.

Andreas Burkhardt: Ich bin Andreas Burkhardt, 66 Jahre alt. Ich bin 1985 für das Jazzstudium nach Hannover gekommen. Da gab es den ersten Studiengang „Jazz, Rock, Pop“ an der Musikhochschule – ganz kurzfristig aus dem Boden gestampft. Heute bin ich der Leiter der Tonhalle Hannover: ein ca. 70 m² großes musikalisches Trainingszentrum mit eigenem pädagogischen Konzept, denn ich übe gemeinsam mit den Leuten. Deswegen nenne ich es Training. Acht Gruppen, acht Kurse pro Woche, 1½ Stunden Üben unter professioneller Anleitung. Es muss diese Wiederholungsraten geben, damit man automatisiert, das ist wie beim Sport. Die Idee war auch, mit dem Verhörer zu spielen, zu dem es immer wieder kommt: Ton- und Turnhalle. Ich nenne es nicht Musikschule, weil das Konzept anders und immer noch ein Alleinstellungsmerkmal ist. Normalerweise werden ja alle alleine nach Hause geschickt – und alleine zu Hause ist doof. In der Gemeinschaft es hingegen nicht einmal ein Problem, 30-fach dasselbe zu spielen; und alle sind begeistert dabei. Und über die Jahre ergab sich, dass die Tonhalle auch noch ein Ort für modernen Jazz geworden ist. Sonntags um 18 Uhr gibt es Konzerte in der Tonhalle. Wir haben auch schon mehrfach den Spielstättenpreis Applaus für das Konzertprogramm erhalten. Das organisiert Felix Petry, der einen großartigen Job macht. Das Ganze wird getragen durch einen Verein und die Leute, die an den Kursen teilnehmen und den Mitgliedsbeitrag zahlen. Es hat sich also großartig entwickelt, ich bin heute Chef, konnte mich selber anstellen, die Dozenten verdienen da Geld, Musiker verdienen Geld …

SH: Und lustigerweise verdanke ich quasi Andreas meinen Arbeitsplatz: Ich habe mein Masterstudium in Hannover gemacht, Medien und Musikmanagement am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung. Und wir hatten 2018 bei der Jahreskonferenz von Musikland Niedersachsen im Pavillon ein Austauschformat im Rahmen eines Forschungsseminars. Es ging um Musikstädte … In dem Workshop saß auch Andreas und hinterher sagte er: „Mensch, du bist also neu in Hannover, interessierst dich offenbar für Musik und willst dich engagieren? Wir haben da so eine Arbeitsgruppe und wollen, dass in Hannover ein großes House of Music entsteht, das sich an alle Bedarfe professionellen Musikschaffens richtet.“ Das klang spannend, also haben wir uns jeden Montag in der Tonhalle getroffen und an diesem Konzept gearbeitet. Entstanden ist daraus die Rampe – und für mich auch ein großes Netzwerk an Menschen, darunter Gunnar Gessner und Arne Pünter. Über das Netzwerk bin ich dann zum Musikland gekommen.

Mit der Rampe hattest du dann nicht direkt zu tun?

SH: Wir arbeiten ziemlich eng zusammen. Ich bin Vereinsmitglied in der Rampe und war von Anfang an dabei. Wir haben ähnliche Zielsetzungen und machen einigen Veranstaltungen und Projekte in Kooperation. Es gibt viele Schnittstellen.

Du hast ein Seminar über Musikstädte erwähnt. Was macht denn eine Stadt zur Musikstadt?

SH: Also es gibt tatsächlich ja diesen offiziellen Titel UNESCO City of Music (UCOM). Es gibt heute über 70 Städte weltweit, die diesen Titel tragen. Es gibt aber noch weit mehr Städte, die sich als Musikstadt bezeichnen, ohne den Titel zu tragen. Da scheint es mir auf den Moment anzukommen, in dem man erkennt, dass Musik aus ganz vielen Perspektiven für die Entwicklung einer Stadt und für das Leben in einer Stadt eine große Rolle spielt … und darauf, dass man dann auch politisch so priorisiert.

Welche Rolle spielt denn die Musik eures Erachtens für eine Gesellschaft? Ist das einfach nur Entertainment oder just for fun …

SH: Es ist nicht nur Entertainment – wobei es gerade in diesen Zeiten auch wichtig ist, dass man auch Räume hat, in denen man dem Tagesgeschehen entfliehen kann, einfach Gemeinschaft erleben und neue Energie tanken kann. Das kann Musik. Gleichzeitig kann Musik aber auch den Raum aufmachen, über aktuelle Frage zu reflektieren und sich kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen.

In jedem Fall spielt Musik eine wichtige Rolle für Zusammenhalt und Zusammenkommen der Menschen. Wer Musik macht, lernt aufeinander zu hören, sich zu artikulieren, die eigene Stimme zu finden: eben Demokratie-Kompetenzen. Das sehe ich auch als auch Dozentin am Center for World Music in Hildesheim: Da kommen Menschen aus der ganzen Welt zusammen. Die kennen sich nicht, Musik ist der gemeinsame Nenner. Ob das gesellschaftlich so gesehen wird, ist eine andere Frage. Ich glaube, dieser Wert ist vielen Menschen kaum bewusst. Das ist etwas, woran wir mit all unseren Initiativen auch arbeiten: sichtbar zu machen, wie Musik Menschen zusammenbringen kann.

AB: Wir hatten vorhin ein Meeting in der Rampe, da habe ich jeden gefragt: Wofür ist Kultur gut? Das ist nicht so einfach zu beantworten …

SH: Ja, aber wenn sie nicht mehr da wäre, würden das alle merken.

AB: Ja. Und es gibt ja ein Bedürfnis. Es geht um das Zauberwort „Gemeinschaft“. Es gibt Studien: Wenn ein Mensch sein Leben als verbunden erlebt hat, dann hatte er mehr das Gefühl, ein erfülltes Leben zu führen.

SH: Jeder, der in einem Chor gesungen hat oder einfach auf einem Konzert in der Masse singt, kennt dieses Gefühl, wenn Stimmen zusammen klingen. Das ist eine sehr besondere Erfahrung von Gemeinschaft.

AB: Das ist entzückend menschlich. Und das fehlt: die Verbindung, sich verbunden fühlen mit was auch immer …Musik ist halt schon besonders: Kunst in der Zeit. Beim Musikmachen passiert etwas jetzt und ist dann weg. Gerade die Improvisation zeigt das. Sina hat es schon gesagt: Da stecken viele tolle Qualitäten drin, Zuhören, Reagieren … Viele Leute erzählen ja, dass Musik mit ihnen was gemacht hat: Neben dem Akustischen geht es irgendwie in die Seele rein.

Wirkung ist ja im Guten wie im Schlechten verwendbar. Weidel bringt sich beim Fotoshooting mit Musik in Stimmung, auf Sylt eignen sich Rechte Musikstücke an … Steht Musik so sehr für Demokratie ein oder kann das auch einfach von innen her zerbröseln, wenn sie durchsetzt wird von Leuten, die daran gar kein Interesse haben?

AB: Von den Menschen ist schon alles im Schlimmen benutzt worden. Das ist leider so eine „schlechte Qualität“ der Menschheit. Irgendwas ist immer zu missbrauchen für andere Zwecke …

SH: Natürlich gibt es diese Gefahr. Wir hatten neulich erst einen Workshop, in dem es darum ging, wie ich beim Booking recherchiere, welche Bands rechte Strömungen vertreten. Aber wenn man es sich historisch anguckt, ist Kultur, ist insbesondere Musik besonders häufig Teil von positiver Veränderung. Und man kann aktuell in Deutschland sehen, auch in den USA, dass es häufig kulturelle Akteure sind, die als erste – auf ihre Art und Weise – protestieren bzw. für Demokratie und Vielfalt einstehen. Es gibt immer Menschen, die Dinge auch im Negativen nutzen – aber ich glaube, die Stärke, die Musik hat, um Dinge positiv zu verändern, ist deutlich größer.

AB: Die Gefahr geht eigentlich, so finde ich, mehr von KI aus. Inzwischen ist auf der Musikebene KI so perfekt, dass man irgendwann nicht mehr unterscheiden kann, ob das von Menschen gemacht ist oder nicht. Und dann ist diese Frage irgendwann egal, dann wird da irgendwas rausgehauen und es ist völlig beliebig. Es bleibt also noch das unmittelbare Musizieren miteinander. Das ist eine Qualität, auf die man setzen muss.

Wie sieht deine Einschätzung dieser Entwicklung aus?

SH: Die Technologie entwickelt sich schneller als rechtliche Rahmenbedingungen. Da müssen wir uns gesamtgesellschaftlich und politisch so aufstellen, dass es solche Rahmenbedingungen zur KI-Nutzung gibt: In welchem Zusammenhang steht KI mit Urheberrechten? Da muss man schon hinschauen. Auf der anderen Seite muss man sich auch fragen: Ab wann fängt KI eigentlich an? Musikproduktion basiert ganz viel auf KI-basierten Technologien. Man kann also auch künstlerisch mit KI spielen. Ich glaube, es hat zwei Seiten, denn ich merke ja auch in der in der täglichen Arbeit, dass KI in Teilen eine extreme Hilfestellung ist.

AB: Den Unterschied macht der Mensch: Live ist die Antwort auf KI. Natürlich kann man auch über Produktionen noch probieren, mit Musik, sage ich mal, Geld zu verdienen. Aber das ist heute für Musiker*innen schwieriger denn je. Und jetzt wird es mit KI noch schwieriger. Also setze ich auf „Live“. Da spielen echte Menschen, die gerade in dem Moment Musik machen. Das gilt es nach vorne zu bringen.

Du hattest KI als die eigentliche Gefahr erwähnt. Man hätte da jetzt auch die Kulturkürzungen erwarten können … Wie seht ihr die?

AB: Ach, es ist immer das gleiche Spiel. Es ist zu wenig Geld da. Dann geht man zu den entsprechenden Behörden und Institutionen und kriegt einen sehr wohlwollenden Gesichtsausdruck und den Hinweis: „Ja, wir verstehen das. Das ist ja auch echt toll, was ihr macht. Aber leider ist nicht mehr Geld da.“ Was will man da machen? Dann ist das eine, zu sagen: „Ja, ich mobilisiere politische Kräfte.“ Da ist ja auch Sina immer dabei, Allianzen zu schmieden und mehr Druck auszuüben auf die Kulturpolitik. Aber es dauert meist unfassbar lange, bis dann – vielleicht – etwas passiert. Kann man also anders wirksam werden, ohne die aus der Verantwortung zu nehmen? Etwa aus einem Verbund von Leuten aus Hannover, den ganz normalen Bürgern, die für die Kultur investieren und „Das ist es mir wert“ sagen. Eine Kulturlotterie oder Kulturfonds gründen. Geld ist im Prinzip da.

Hilft der UCOM-Status, um zu argumentieren, dass man mehr Budget erzielen will?

AB: UCOM hatte nie etwas mit Geld zu tun. Das war einfach nur ein Titel, der verliehen wurde. Der Rest war dann Sache von Hannover. Dieses Label aufzufüllen mit irgendwas. Man könnte es natürlich mehr nutzen, finde ich auch. Aber die Frage ist immer: Wer gibt Geld? Wer unterstützt – nicht nur mit Geld, sondern in irgendeiner Form? Es endete immer bei dieser Frage: Wer fühlt sich dafür verantwortlich und übernimmt Verantwortung? Und da gilt es zu schauen und ein Bündnis zu bilden, von ganz verschiedenen Institutionen in Hannover bis hin zu den gängigen Firmen – was die Kulturstadt jetzt auch schon vorhat.

SH: Ob der UCOM-Titel der hilft: Ich glaube, das ist genau das, was jetzt gerade mit dem Jubiläum versucht wird, das ja u. a. mit dem Musik Kiosk sehr präsent ist. Nicht ohne Grund lautet das Motto „Gesellschaftlicher Zusammenhalt durch Musik“: Man versucht deutlich zu machen, welche Relevanz Musik für eine Stadtgesellschaft hat. Die Stadt plant ja, das Thema weiterzuentwickeln, um diesen Titel dann wieder mit mehr Geld unterfüttern zu können. Man muss das Thema halt erst einmal politisch bespielen – dann kann dieser Titel perspektivisch schon auch ein Hebel sein. Je nachdem, wie Politik am Ende priorisiert. Da sind wir gerade in einer schwierigen Situation. Es wurde schon immer gesagt, dass es kein Geld gibt. Gerade scheint die Situation aber besonders schwierig zu sein. Eine Möglichkeit, damit umzugehen, ist, wie Andreas sagte, irgendwie zu gucken, dass wir andere Allianzen und Wege finden, Mittel für Kultur zu akquirieren – und zu derdeutlichen, wofür Kultur relevant ist. Ich würde aber immer sagen: Man darf trotzdem die politische Ebene nicht aus der Pflicht nehmen.

Was unterscheidet eine Hannover von von anderen Städten?

SH: Also aus so einer Innenperspektive der Musikszene in Hannover würde ich betonen, dass Hannover musikalisch irgendwie Raum für alle bietet. Es gibt für alles irgendwie so eine Nische und das zeichnet Hannover aus. Und Hannover hat im Gegensatz zu Berlin oder Hamburg sehr kurze Wege. Also wenn man einmal drin ist in dieser Szene, dann lernt man sehr schnell viele andere Leute kennen und begegnet sich immer wieder. Und gerade erlebe ich, dass immer mehr Verbindungen entstehen, auch über Genres hinweg, weil viele Menschen besorgniserregenden Kulturkürzungen irgendwie entgegentreten wollen. Das kann nicht jeder für sich machen.

AB: Da kann ich absolut beipflichten. Hannover ist gefühlt sehr familiär, sehr unterstützend, wenig Konkurrenz oder Neid … Und Hannover hat ja zum Teil den Titel bekommen, weil eine Studie zeigte, dass prozentual die meisten Leute von Musik leben. Ich weiß aber nicht, ob auch die Musikindustrie einbezogen wurde …

SH: Hannover hat natürlich musikwirtschaftsmäßig gesehen tatsächlich eine spannende Vergangenheit

AB: Alle Audio-Erfindungen wurden in Hannover gemacht oder umgesetzt. Hannover wird da immer unterschätzt …

Der Schallplattenspieler …?

SH: Das MP3 auch …

AB: Die ersten CDs wurden auch hier in Langenhagen gefertigt.

Noch ein Abschlusswort?

SH: Auf Konzerte gehen …?

AB: Ja. Lokal Leute unterstützen, Neues ausprobieren, gucken, wer in Hannover unterwegs ist, und die noch mehr nach vorne bringen … Denn es gibt jede Menge tolle Leute in Hannover; eine grandiose Vielfalt von Musik! CK

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Der Freundeskreis im Gespräch

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Der Freundeskreis im Gespräch



Im Theater „die hinterbuehne“ treffen an diesem Abend Thommi Baake, Cody Stone, Maria vom ZauberSalon und Julia und Christina vom Verein Flunderboll e.V. aufeinander. Sie alle eint das Leben im Theater und die Liebe zur Bühne – vor allem zur hinterbuehne.

Stellt euch alle einmal vor – wer seid ihr und was macht ihr so?

die hinterbuehne: Wir sind Julia und Christina. Wir sind Teil der hinterbuehne auf der Hildesheimer Straße – ein Veranstaltungsort für regionale und überregionale kleinere Theaterbesetzungen, Comedy, Zauberei. Alles, was auf die Bühne möchte, kann sich hier bei uns versuchen. Getragen wird das Ganze von dem von uns personenidentisch geführten Verein Flunderboll e. V. 2005 haben wir uns entschlossen ein eigenes Haus zu gründen und 2006 haben wir das Ganze fertiggestellt. Früher war das hier eine alte Lichtpausfabrik, die wir umgebaut haben …

Tommi Baake: … Die ihr selbst umgebaut habt …

HB: … die wir selbst komplett in Eigenarbeit umgebaut haben. Zu einer Bühne, die komplett unabhängig und frei ist. Wir nehmen keinerlei öffentliche Gelder in Anspruch und alle Arbeiten werden ehrenamtlich übernommen. Nur die Künstler bekommen eine Gage. Deswegen sind wir auch immer darauf angewiesen, dass sich neue Leute für uns interessieren und Lust haben, Hand anzulegen – was auch immer im Verlauf daraus wird. Das Ganze läuft sehr auf einer Vertrauens- und freundschaftlichen Basis. Wir sind ein 85-Plätze-Theater und in der Theatersaison finden bei uns 2-3 Vorstellungen in der Woche statt, es können auch mal vier sein. Wir haben hier komplett wechselnde Programme und bewährte Darsteller. Wir freuen uns über die gute Zusammenarbeit, gerade mit denen, die uns schon jahrelang begleiten – wie Cody mit seiner Zaubershow, Thommi und der ZauberSalon im Zwo, unserer zweiten Bühne.

Cody Stone: Mein Name ist Cody Stone und ich bin Zauberkünstler. Die hinterbuehne ist quasi mein zweites Zuhause. Schon seit 2005 bin ich mit Flunderboll verbunden. Bei der Eröffnungsshow 2006 bin ich auch gleich dabei gewesen. Und dann ging das so weiter. Inzwischen habe ich hier sogar mein eigenes Lager, um Requisiten parken zu können.

HB: „Stonehenge.“ (Lacht.)

CS: Genau. Hier habe ich über die Jahre hinweg immer wieder diverse Shows präsentiert. Seit 2021 präsentiere ich hier meine monatliche Show immer donnerstags, und seit 2024 donnerstags und freitags. Mein zweites Zuhause, denn wenn ich nicht gerade eine Show präsentiere, dann bin ich hier am Proben. Ich bin hier wirklich ständig, alle paar Tage. Ich fühle mich hier einfach sehr wohl – das höre ich auch immer von meinen Zuschauern: was das für eine schöne Atmosphäre hier sei, wie familiär und gemütlich es sei. Man merkt von vorne bis hinten, wie liebevoll das hier alles gestaltet ist. Man hat mir in den letzten Jahren hier so viel anvertraut, ich habe einen eigenen Schlüssel und darf hier immer rein. Das ist echt großartig, als Künstler sowas zu haben. Also das ist fast wie ein Sechser im Lotto. Die hinterbuehne ist bei mir im Leben ein sehr wesentlicher Anlaufpunkt, neben meinem Zuhause.

Maria vom ZauberSalon: Ich bin Maria, eine von drei Orga-Personen aus dem ZauberSalon, der eigentlich nicht in der hinterbuehne stattfindet, sondern im Béi Chéz Heinz. Wir sind eine Ausprobierbühne für alle möglichen Zauberkünstler, von Hobby bis super professionell hat man da alles. Jeder darf gerne kommen und sich bei uns auf die Bühne stellen.Und wir haben ebeneine Kooperation mit der hinterbuehne seit 2016 und machen dort die Close-Up-Lounge im Zwo, die Heiko Wiese hier eröffnet hat. Das ist ein ganz kleines Theater, 25-30 Plätze – man sitzt also ganz nah am Zauberkünstler und kann dem die ganze Zeit auf die Finger gucken. Die Art Theater gibt es – ich habe mir das hoffentlich richtig gemerkt – nur acht Mal in Deutschland. Es ist sehr, sehr selten. Im Zwo findet das einmal im Monat statt. Und auch bei uns läuft alles ehrenamtlich, nur die Zauberkünstler in der Close-Up-Lounge erhalten eine Gage.

TB: Ichbin Thommi Baake und auch einmal im Monat hier mit der„Super 8 Show.“ Dafür habe ich zwei alte Projektoren, die ich hier auch abstellen darf – aber zu einem eigenen Schlüssel hat es nicht gereicht (lacht). Mit zwei alten Projektoren zeige ich fünf Kurzfilme auf altem Filmmaterial – skurril, trashig, schön, aus den 50er- bis 70er-Jahren. Dazu mache ich Kleinkunst. Also sprich, ich schreibe intellektuelle Filmkritiken zu Filmen, die heißen: „Udo bekommt einen neuen Anorak“ oder singe Beatles auf Niederländisch zu Beatles-Filmen. Diese Show mache ich seit 2001 mit bundesweit 340 Vorstellungen. Ich habe wirklich viele Theater durch – Haus der Jugend, Theater in der List, das Künstlerhaus. Die anderen Orte waren auch sehr schön, allerdings ist es hier wie ein zweites Zuhause. Nun wohne ich ja in der Südstadt und kann fast hierher laufen. Würde ich nicht als Künstler so unheimlich viel damit zu tun haben, zu überleben, dann würde ich hier wahrscheinlich auch ehrenamtlich arbeiten. Es ist ein wunderschöner Ort. Die Leute, die hier schon mal waren, kommen im Durchschnitt auch wieder, weil das einfach so ein warmer, schöner Ort ist.

Cody, wie kommt man denn auf die Idee, mit dem Zaubern Geld zu verdienen?

CS: Am Anfang war es nicht das Geld verdienen als solches, sondern einfach, dass aus meinem Hobby eine Leidenschaft wurde. Ich habe angefangen mit dem Zauberkasten, den ich zu Weihnachten bekommen habe, da war ich sechs Jahre alt. Dann habe ich die ganzen großen Magier im Fernsehen gesehen – Siegfried und Roy, David Copperfield und so weiter, die in Las Vegas und sonst wo aufgetreten sind. Ich erfülle mir jetzt mehr und mehr diese ganzen Träume, die dieser Junge, der Sechsjährige, hatte, weil er die großen Magier gesehen hat. Der sich sagte: Okay, sowas will ich auch mal machen. Das war dann auch immer das große Thema zwischen meinen Eltern und mir. Die Eltern, die sagen, du sollst erstmal was Vernünftiges lernen. Und dann der kleine Bub, der Zauberkünstler werden will. Ich wollte schon immer einen Beruf, der mir Spaß macht. Das Schöne ist einfach, wenn man dann damit auch noch Geld verdienen kann. Das ist natürlich großartig. Ich kann mir nichts anderes vorstellen.

Zauberei spielt ja auch bei dir, Maria, eine große Rolle. Wie bist du zum ZauberSalon gekommen?

MZS: Ich bin selber hobbymäßig Zauberkünstlerin. Ich habe nicht mit sechs, sondern irgendwie mit Ende zwanzig damit angefangen. Als ich 2012 nach Hannover gezogen bin, bin ich durch einen Zufall tatsächlich direkt zum ZauberSalon gekommen. Mich hat jemand mitgenommen, der meinte: Du zauberst doch selber, hier gibt es so eine coole Veranstaltung. Lustigerweise stand ich doof am Tresen rum und Heiko Wiese, der Gründer vom ZauberSalon hat mich angesprochen: Mensch, ich habe dich noch gar nicht hier gesehen, zauberst du eigentlich auch? Dann hat sich das sehr schnell ergeben, dass Heiko mich zum Ortszirkel vom Magischen Zirkel von Deutschland mitgenommen hat. So war ich dann in der Zauberszene. Als Heiko vor zwei Jahren meinte, er möchte nur noch die Close-Up-Lounge machen und mit dem ZauberSalon aufhören, habe ich gesagt: Das geht nicht! Das ist meine Stammbühne. Dann habe ich zum Glück noch zwei Mitstreiter*innen gefunden, die gar nichts mit Zauberei am Hut haben. Seitdem übernehmen wir das zu Dritt. Vorletztes Jahr im Oktober konnten wir im Béi Chéz Heinz den ZauberSalon nicht machen und dann haben wir mit Utz gesprochen und der hat uns ermöglicht, die Show hier auf der Bühne zu veranstalten. Oder in Corona haben wir hier Shows aufgezeichnet. Von daher ist Utz ein wichtiger Name, weil er eigentlich immer der Ansprechpartner ist.

HB: Im organisatorischen Zentrum, der Künstlerauswahl, die Kulissen, das Licht – Utz Rathmann ist hier ein Name, der fallen muss.

TB: Wir segnen ihn. Der Mann, der alles möglich macht.

HB: Das ist der, der den Laden hier zusammenhält. Wir sind heute nur hier, damit Utz endlich mal einen freien Abend hat.

Thommi, du hast mit der Zauberkunst erstmal nichts zu tun – nur in der Sesamstraße hast du einmal einen Zauberer gespielt – worin liegt der Zauber in deinen Shows?

TB: Ich habe mal ein Riesenkompliment bekommen von Wolfgang Grieger, der gesagt hat: Das Spiel mit dem Publikum, die Improvisation, hätte ich zur Perfektion getrieben. Und das ist das, was mich unter anderem ausmacht. Daneben spreche ich vier, fünf Dialekte, schlüpfe in verschiedene Rollen. Wenn keiner was reinruft, bin ich unglücklich. Das Spiel mit dem Publikum reizt mich total. Und das ist so über die Jahre entstanden. Ich gehe jetzt mal einen Schritt zurück: Ich war beim Wandervogel, der ältesten Jugendbewegung Deutschlands. Und da habe ich zum ersten Mal Theater gespielt. Dann wollte ich Schauspieler werden, habe mich zehnmal an der Schauspielschule beworben – und wurde zehnmal abgelehnt. Seitdem habe ich x Soloprogramme gespielt, habe mit anderen Leuten zusammengearbeitet – Thema ist immer Improvisation, Musik, Singen, Quiz, alles Mögliche. Es ist immer ganz vielfältig. Was mein größtes Pfund ist, ist auch meine größte Tragik. Ich mache alles bis auf Ballett und bildende Kunst. Ich bin aber nicht greifbar. Ich mache Walk-Acts, schreibe Kinderbücher, lese in Grundschulen, mache Theater, Comedy, Musik, Filme seit neustem. Es macht so einen Riesenspaß, so viel zu machen.

Euch alle eint dieser Ort, die hinterbuehne und das ZWO. Was ist das besondere an diesem Theater?

HB: Als sich die Athanasius Gemeinde veränderte – dort in der Kirche hatten wir vorher veranstaltet –, gingen wir mit dem Theater raus. Ich denke, es färbt bis heute auf die hinterbuehne ab, dass wir dann mit sieben, acht Leuten bei uns im Wohnzimmer gesessen haben und gesagt haben: Was machen wir denn jetzt? Weil wir eigentlich ein freies Theater waren und insofern aus der Rolle fielen, dass wir nicht die klassischen Stücke gespielt haben. Unsere Autor*innen leben noch alle. Es war unheimlich viel Kunst dabei, und die Leute gingen raus, waren immer etwas verwirrt, aber doch kulturell bereichert. Was können wir jetzt Blödsinniges machen? Das Blödsinnigste, das uns einfiel, war: Wir wissen zwar nicht, wie das geht, wir machen jetzt mal ein eigenes Haus! Das hier ist unser Baby, keine Konzeptgestalt, die irgendwo durchgeprüft wurde. Wir staunen immer noch, dass das geklappt hat und ich staune noch mehr, dass wir nächstes Jahr 20 mit der hinterbuehne werden. Wir möchten, dass dieses Staunen weitergeht – auch deswegen brauchen wir weiter Hilfe. Wir müssen uns, wenn man uns ansieht, verjüngen (lacht).

TB: Man fühlt, dass das hier wirklich eine Herzenssache ist. Ich trete jetzt seit 1988 bundesweit auf – was für Gurken ich schon erlebt habe. Keine Anlage, kein Licht, unfreundliche Typen. Aber hier: ich sag’ einfach nur mal das Wort „Wärme“. Die Wärme, das Menschliche. Gerade erlebe ich schon viele Oberflächlichkeiten. Und hier kommst du her, kriegst immer eine Umarmung, professionelle Technik. Alles super!

CS: Alles herzlich! Und das merkt man von vorneherein. Das hat einen ganz tollen Flair! Wie gesagt, das höre ich auch immer wieder von meinen Zuschauern: Wie gemütlich es hier einfach ist, wie ein zweites Wohnzimmer. Das macht sehr viel aus!

HB: Und die sensationellen Preise an der Bar …

TB: Tee ein Euro, hallo?

HB: Was wirnatürlich auch nur dadurch halten können, dass wir mit Ehrenamtlichen arbeiten.

MSZ: Aber genau das ist ja auch ein Wohlfühlfaktor! Dass Zuschauer keine 50 Euro für drei Getränke ausgeben müssen. Das macht einfach ein gutes Gefühl, wenn ich weiß, ich habe einen schönen Abend und habe noch drei Euro mehr im Portemonnaie. Hier geht es, gerade weil hier viel Ehrenamt dahintersteckt, immer um die Kunst. Es geht nicht darum, ganz viel Geld zu verdienen und sich daran zu bereichern, sondern eben darum, vielseitige, coole Kunst anzubieten.

HB: Außer den Künstlern verdient hier keiner was.

TB: Und wir müssen …

Maria: Ja, klar! Aber das macht es aus. Der Fokus liegt hier wirklich auf der Kunst und eben auch auf Kunstformen, die oft gar nicht so super präsent sind in der Gesellschaft. Und auch bei den Zuschauern liegt der Fokus nicht auf dem Geld. Klar, die wissen, dass die Künstler damit was verdienen und trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Leute das nicht so empfinden, als wäre das hier ein steifer Opernabend. Die Zuschauer empfinde ich hier als deutlich lockerer als bei vielen anderen Bühnen, weil sich das natürlich überträgt.

HB: Die dürfen auch die Gläser mit reinnehmen. Und die Jacken. Ich denke schon, dass es diese Mischung ist. Es ist professionell, die Künstler sollen und müssen was verdienen. Aber den ganzen Rest, das wollen wir bereitstellen. Das ist einfach unser Ding. Das leisten wir uns.

MSZ: Ja, und das funktioniert nur, weil ihr daran Spaß habt.

Warum ist ein Ort wieder dieser, gerade aktuell, so wichtig?

CS: Heutzutage werden die Leute bombardiert mit negativen Nachrichten überall, ob Social Media, Fernsehen oder sonst wo. Da ist ein Ort gut, wo man die Menschen abholen und ablenken kann, damit die das andere auch mal ausblenden. Und wenn es dann auch noch so liebevoll ist … Ich merke das, wenn ich dann hier nach der Show stehe und die Leute mit einem so positiven Gefühl und Lächeln rausgehen – was will man denn mehr?

MZS: Auch, dass man zusammenkommt, das ist total wichtig. Wie viele Leute vereinsamen heute? Gerade im Zwo, weil das so klein ist, kommen die Leute super schnell ins Gespräch, quatschen in der Pause miteinander. Es ist ja auch ein Begegnungsort – und zwar nicht nur mit dem Künstler auf der Bühne, sondern auch die Zuschauer begegnen sich, die Leute am Tresen, man unterhält sich. Das hat durchaus einen Einfluss auf die Menschen, die vielleicht sonst nicht so viel Sozialleben haben. Das ist ganz wichtig: Dieses Eintauchen in eine komplett andere Welt, die Realität einmal ausblenden für zwei Stunden und einfach mal genießen – ohne an irgendwas anderes denken zu müssen.

– Jule Merx

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