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Literarisches: Matthias Brodowy

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Literarisches: Matthias Brodowy


Matthias Brodowy, obwohl in Braunschweig geboren und bundesweit bekannt und geschätzt, ist ohne Zweifel ein echtes Stadtkind Hannovers! Richtig gut und trotzdem bescheiden! Egal wo er in Hannover auftritt, der große Saal oder die kleine Konzertstube sind immer voll. Bei seinem übervollen Terminkalender und seiner Familienverbundenheit hätte er es nicht nötig, auf den zahlreichen kleinen Bühnen der Region aufzutreten, aber da spielt sein menschenfreundliches und auch soziales Herz nicht mit. Er ist nun mal eben nicht nur der gefragte Kabarettist, Komiker, Conférencier, Sänger, Pianist, Komponist und Sozialaktivist, er will mit seinen feinsinnigen, nie unter der Gürtellinie angesiedelten Texten und seinen nie mit unmenschlichen persönlichen Herabwürdigungen verbundenen satirischen Auslassungen den Menschen (und auch den kleinen Spielstätten) einfach eine Freude machen. Keine Spur von Agitation wie bei Dietrich Kittner, dafür viel weiser, heiterer Humanismus à la Hanns-Dieter Hüsch. Jetzt wird er auch noch literarisch aktiv und man fragt sich automatisch: Wann und wie schafft dieses umtriebige Multitalent das alles.

„Der Leuchtturmhüter“, eine Co-Produktion mit dem Maler Ole West war 2017 der Anfang. Dann erschienen 2023 im zu Klampen Verlag die satirisch-phantastischen Miniaturen „Klappstuhl und ich!“ und jetzt ebenfalls bei zu Klampen „Erinnerungen, die noch nicht stattgefunden haben, sind umgehend nachzuholen“. Es ist kein Roman, keine Novelle, es ist – in aller brodowyschen Bescheidenheit – „nur“ eine ziemlich „verrückte“ satirische Erzählung. Dafür mit genial und ganz nebenbei verstecktem Tief- und Hintersinn und alles in allem ein ausgesprochener, in dem Fall aufgeschriebener Lesespaß.

Sorry, dieser letzte Satz müsste eigentlich am Ende dieser Buchvorstellung stehen, aber diese unübliche Vorgehensweise lässt mich hoffen, dass meine Rezension zu Ende gelesen wird: Das Buch beginnt und endet mit einem verflixten Zauberwürfel. Dazwischen liest man ebenso skurrile wie wortspielerische, ironische, satirische, echte und erfundene Begebenheiten, Beobachtungen, Reflexionen, Absurditäten, witzige Dialoge, nachdenkliche, beklemmende Erinnerungen, verblüffende Einsichten, aktuelle Zeiterscheinungen und Zufälle, die keine sind. Das hört sich alles wie ein wilder Mix an, ist es aber nicht, denn alles ist ganz logisch und lesefreundlich in den höchst originellen Frage-Rahmen „verpackt“, was in diesem Büchlein eigentlich alles stehen soll. Was das Lesevergnügen noch erhöht, ist ein nicht hochgestochener Schreibstil, sondern die Kunst, sich mit einer einfachen, jedoch feinen Sprache glasklar auszudrücken. Und was für mich dieses Büchlein geradezu wertvoll macht, sind zum einen die nachdenklichen „Sätze für die Ewigkeit“ sowie seine ganz altmodisch per Füllhalter notierten Einträge in sein „Sudelbuch“. Das sind ohne Frage originäre literarische Perlen! So ganz nebenbei wird darüber hinaus eine brandheiße, höchst aktuelle Frage mit all‘ ihren Sichtweisen ins Spiel gebracht. Ohne besserwisserischen Zeigefinger und ohne konkrete Antwort. Um welche Frage es sich dabei handelt, sei an dieser Stelle nicht verraten. Schließlich sollen Sie das Büchlein ja lesen und die aufgeworfene Frage selbst beantworten. Aus meiner Sicht: Unbedingt!

Erwin Schütterle

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Literarisches: Heike Wolpert

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Literarisches: Heike Wolpert


Heike Wolpert ist im Pool hiesiger Lokal-Autor*innen längst fest etabliert. Mit bekannten Kolleginnen wie Bettina Reimann, Sibylle Narberhaus oder Claudia Rimkus war sie schon häufiger Teil gemeinschaftlicher Projekte, ihre Katzenkrimi-Reihe um Kater Socke ist bereits in die fünfte Runde gegangen – bzw. in die sechste Runde, wenn man ihr Weihnachtsbuch „Vier Pfoten für ein Wunder“ mitzählt – und Lesungen hält Wolpert auch immer wieder ab, demnächst etwa am 17. April im Theater der Nacht in Northeim. Bei ihnen zeigt sich dann nicht nur immer wieder, dass die Leser*innenschaft ihrer Katzenkrimis vornehmlich weiblich ist, sondern dass diese Romane, die ja stets auch Hannover-Romane sind, weniger die Regionalkrimi-Fans begeistert, sondern eben vor allem die Katzenroman-Liebhaber*innen – aus welcher Region sie auch stammen mögen …

Den Boom der in den letzten Jahren merklich angewachsenen Katzenromane kann Wolpert gut nachvollziehen: „Katzenkrimis anderer Autor*innen gibt es einige – und die sind alle klasse. Gerade habe ich für mich die Krimis von Martina Hancke neu entdeckt: ,The Pussycat Poisener‘ und ,The Dog Racing Dealer‘ – Cosy-Crime mit Kater, Hund und viel Humor.“ Ähnlich dürften auch andere Leser*innen über Wolperts Katzenkrimis denken, denn inzwischen erhält Wolpert „Rückmeldungen von Katzen-Fans aus ganz Deutschland und darüber hinaus, was mich sehr freut!“ Darunter befand sich sogar „eine Postkarte des Bürgermeisters von Bad Harzburg, der mich nach der Lektüre von ,Schönheitsfehler‘ sogar spontan in den Harz eingeladen hat.“

Im Februar darf ihr vierbeiniger Ermittler Kater Socke nun sein erstes Schnapszahl-Jubiläum feiern und – während Wolpert selbst Ende Februar ihren 60. Geburtstag begeht – auf elf Jahre erfolgreichen Ermittlerdaseins zurückblicken, denn Wolperts Debütroman „Schönheitsfehler“ kam Anfang Februar 2015 auf den Buchmarkt. Ausgesetzt in einer Katzenbox stieß Kater Socke damals auf einen Leichnam und ging der Angelegenheit neben dem Hauptkommissar Peter Flott auf den Grund. Schon im Folgejahr ließ Wolpert „Schlüsselreiz“ folgen: Darin geht Socke zunächst auf der hannoverschen Heimtiermesse eigenen Verwandtschaftsverhältnissen auf den Grund, ehe plötzlich ein toter Wachmann gefunden wird und Flott und Socke wieder alle Hände respektive Pfoten zu tun haben.

Seitdem ist Socke immer wieder aktiv: in „Katertrunk“ (2018), in „Katergericht“ (2019) und in „Katzenrausch und Katertausch“ (2023) sowie dem erwähnten, liebevoll illustrierten Weihnachtsbuch, das im August des letzten Jahres herauskam – und worin es Kater Socke samt Tigerkatze Clooney mit einem verschwundenen Mädchen und dem süßen Hund Fiete aus dem Tierheim zu tun bekommt.

Inspiration aller Kater-Socke-Romane ist Wolperts eigener Kater Socke, der ihr und ihrem Mann im Jahr 2009 zugelaufen ist. Damals lebte die gebürtige Bad Mergentheimerin bereits seit 19 Jahren in Hannover – bei der Norddeutschen Landesbank unter anderem für Programmierung und Businessanalyse zuständig. Der Vierbeiner machte aus der Krimi-Liebhaberin zunächst auch einen Fan von Katzenromanen – und schließlich eine Katzenkrimi-Autorin, die selbstverständlich, etwa mit ihren „Taubertal“-Bänden, auch ohne tierische Protagonist*innen auskommt. Der Plan eines eigenen Katzenkrimis reifte Anfang 2013 heran, das Manuskript war dann Anfang 2014 fertig. Für Wolpert ist „Schönheitsfehler“ als erster eigener Roman freilich etwas ganz besonderes; zugleich hält sie „Katzenrausch und Katertausch“ aufgrund der eigenen Weiterentwicklung für ihren gelungensten Katzenkrimi.

Und weitgehen soll es auf jeden Fall: Da wäre zunächst Wolperts bzw. Kater Sockes „Kolumne in einer Katzenzeitschrift, die auch 2026 fortgeführt wird“, wie Wolpert verrät. Im Frühjahr wird sie zudem bei der Anthologie „Mord auf Norddeutsch“ mit dabei sein, gegen Jahresende voraussichtlich auch in einem dritten Band der Reihe „Plätzchen, Diebe, Fest der Liebe“. Und neue Romanprojekte? „Da habe ich viele. Ob mit oder ohne Katze, vielleicht sogar zusammen mit einer Co-Autorin? Da geht mir einiges durch den Kopf. Auf jeden Fall wird es etwas mit viel (schwarzem) Humor werden.“ Man darf also gespannt sein …

CK

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Literarisches: Markus Brunner

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Literarisches: Markus Brunner


Der Autoritarismus erlebt in den letzten Jahren einen merklichen Aufschwung; mit rechtspopulistischen Parteien, mit Protestszenen … In diesem Zuge rückt auch die Autoritarismusforschung mehr in den Blick, um Hintergründe und Dynamiken dieser Entwicklung besser zu verstehen – und die Studien, Analysen und Thesen zum Autoritarismus aus der Kritischen Theorie des Instituts für Sozialforschung erhalten größere Aufmerksamkeit. Die Aneignung dieser Forschungen von Max Horkheimer, Erich Fromm, Theodor W. Adorno oder Leo Löwenthal aus den 30er- und 40er-Jahren für die Gegenwart verläuft dabei vielfältig. Der Soziologe Markus Brunner hat nun den Band „Sozialpsychologie des Autoritären. Zur Aktualität der Autoritarismusforschung der Frankfurter Schule“ veröffentlicht, der sowohl einen systematischen Überblick über die Forschungsergebnisse des Instituts für Sozialforschung bietet als auch die darauf Bezug nehmenden, bis in die Gegenwart reichenden Debatten nachzeichnet. Brunner positioniert sich dabei auch mit eigenen Ansätzen, die der Massenpsychologie mehr Aufmerksamkeit widmen und die Psychoanalytikerin Melanie Klein für sich fruchtbar machen …

Als wissenschaftlicher Leiter des Schwerpunktes „Sozialpsychologie & Klinische Psychologie“ arbeitet Brunner, der 2014 in Klagenfurt promovierte, an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien. Dass er als Wahl-Österreicher – und gebürtiger Schweizer – dennoch auf dieser Seite als Autor vorgestellt wird, liegt freilich nicht am Schwitters-Motiv auf seinem Buchcover, sondern an Brunners besonderem Hannover-Bezug: Von 2001 bis 2008 studierte er nämlich – nach zwei Jahren in Zürich – Sozialpsychologie und Soziologie in Hannover.

Und die hiesige Sozialpsychologie besaß lange Zeit international großes Renommee: Gegründet wurde sie immerhin von Peter Brückner, der 1967 seinen Lehrstuhl in Hannover bekam – und als linksorientierter Dozent aus politischen Gründen zweimalig suspendiert wurde, wobei sich u. a. Michel Foucault für ihn stark machte. Auch andere namhafte VertreterInnen ihres Faches wären zu nennen: etwa Alfred Krovoza oder Regina Becker-Schmidt und Gudrun-Axeli Knapp, die, so Brunner, „eine in der Tradition der Kritischen Theorie stehende gesellschaftstheoretisch reflektierte Geschlechterforschung entwickelt haben.“ Als sich 2008 die Frage der weiteren Denomination der Stelle von Knapp stellte, war die Abschaffung der Sozialpsychologie dann 2008 trotz intensiver Proteste beschlossene Sache. Mit der Verabschiedung von Rolf Pohl („Feindbild Frau“, 2004/2019) endete diese fruchtbare Ära der Sozialpsychologie in Hannover endgültig.

„Mit dem Beschluss der Abschaffung der Sozialpsychologie 2008 – Rolf Pohl war danach für die sog. Abwicklung zuständig – gab es für mich in Hannover keine berufliche Perspektive mehr und so zog es mich dann weiter nach Wien“, resümmiert Brunner, der gerne auf seine Studienzeit in Hannover zurückblickt: „Ich habe sehr gern in Hannover studiert, erstens weil die Universität von ihrer Ausrichtung her damals wirklich noch etwas Besonderes war und wir ungemein selbstbestimmt studieren konnten, zweitens weil ich mich in der Nordstadt mit den vielen Kneipen, dem Sprengelkino, der studentischen Kultur und dem vielen Grün sehr wohlgefühlt habe.“

Nun also die Sigmund Freud PrivatUniversität Wien. Und Freud ist natürlich auch in seinem aktuellen Buch zum Autoritarismus präsent, ist er doch Bezugspunkt des Instituts für Sozialforschung. Wobei Brunner freilich mit kritischer Distanz auf Freuds Arbeit blickt: „Einerseits setzte er entwicklungspsychologisch sehr wenig voraus – nichts ist einfach vorgegeben, alles entwickelt sich in Beziehungen und Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ansprüchen. Andererseits zeigen sich immer wieder problematische normative Vorgaben, die eigentlich diesem offenen, neugierigen Blick widersprechen, und immer wieder auch sexistische oder rassistische Bilder.“ Für hochaktuell hält Brunner aber „Freuds Blick auf die Herstellung dessen, was wir für ,normal‘ halten – und die psychischen Kosten, die diese Normalität mit sich bringt.“

Brunners „Sozialpsychologie des Autoritären“ richtet sich freilich vor allem an ein Fachpublikum, bemüht sich aber – auch via Glossar – darum, Lai*innen einen Einstieg zu ermöglichen. Von den Schriften zum „autoritären Charakter“, der für die Herstellung gesellschaftlicher Konformität ebenso dienlich ist wie auch für die Disposition „potenziell faschistischer Subjekte“ für Propagandaangebote, kommt er – den historischen Kontext der jeweiligen Arbeiten stets im Blick – zu Typen des Autoritären und autoritären Modi in der heutigen Autoritarismusforschung. Daran anknüpfend richtet sich das Augenmerk auf die autoritäre Propaganda, die heute weit mehr als in den 30er-/40er-Jahren flexibel und ironisch zwischen den Rollen switche und im Internet eine entscheidende Plattform gefunden habe. Hier wie auch im Kapitel zur Massenpsychologie dürften sich fachfremde Leser*innen bereits etwas mehr abgeholt fühlen. Und das Abschluss-Kapitel, das sich gegen Ende auch auf Melanie Klein stützt, macht dann unter anderem noch anschaulich, wie gesellschaftliche Krisen, „in der Sozialisation erworbene innere Ängste und Konfliktlagen“, „Eigen- und Fremdgruppenbilder“, Propaganda und Massendynamiken ineinandergreifen und welche autoritären „Flugbahnen“ – so ein von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey eingeführter Terminus – Individuen zwischen unterschiedlichen Regressionsstufen und zwischen „Ich-Prothetisierung“ und „Ich-Aufgabe“ aufweisen können. Nicht unbedingt leichte Lektüre, aber spannend!

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Literarisches: Tanja Tschöke

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Literarisches: Tanja Tschöke


„Der hannoversche Weg“

Ein Porträt über Tanja Tschöke und ihr Buch über Hausbesetzungen, Aktivismus und Stadtentwicklung

50 Jahre Hausbesetzungen, Aktivismus und soziale Wohnraumgestaltung. Durch Zufall ist die Autorin Tanja Tschöke im Stadtarchiv auf einen alten Aktenordner gestoßen. Darin waren Zeitungsartikel über Hausbesetzungen in Hannover gesammelt. „Ich interessiere mich schon lange für Stadtgeschichte und Beteiligungsstrukturen. Und fand die Geschichten in dem Ordner einfach spannend.“ So kam es, dass Tschöke acht Jahre lang recherchiert, Interviews geführt und geschrieben hat. In ihrem Buch „Das Haus gehört allen UNS ALLEN! Geschichte der Hausbesetzungen und selbstverwalteter Gemeinschaftsprojekte in Hannover“ dokumentiert sie 50 Hausbesetzungsaktionen, Beteiligungsverfahren und Umnutzungsinitiativen, die Hannover seit den 1970er-Jahren geprägt haben. Ihre Sammlung ist eine Mischung aus autobiografischen Erzählungen, Historie und Sachbuch: Erfahrungen werden mit Berichten und Interviews von Zeitzeug*innen verknüpft.

Das Buch zeigt, wie aus Besetzungen und Konflikten dauerhafte Strukturen entstanden: das Unabhängige Jugendzentrum (UJZ) Kornstraße, die Glocksee, das Sprengelgelände, selbstverwaltete Wohnprojekte in der Nordstadt. Viele dieser Orte gibt es seit mehr als 50 Jahren – ein ungewöhnliches Phänomen im Vergleich zu Städten wie Berlin oder Frankfurt, wo Gentrifizierung vieles verdrängt hat. Tschöke macht nachvollziehbar, warum es in Hannover anders lief. Einer der Gründe: Horst Leukefeld. Er ist in ihrem Buch beinahe der Hauptprotagonist. Leukefeld war im Stadtplanungsamt für Bürger*innenbeteiligung verantwortlich und „wurde immer dann eingesetzt, wenn Konflikte drohten zu eskalieren.“ Seine Entscheidungen, Umwege und Kompromisse zeigen exemplarisch, wie Verwaltung und Aktivismus in Hannover ineinandergriffen und weshalb viele (Frei-)Räume überhaupt entstanden – und erhalten werden konnten.

„Hier kamen politischer Wille und engagierte Verwaltungsleute zusammen“, sagt sie. Ein anderer Grund ist der sogenannte „hannoversche Weg“ zur Legalisierung von Bauwagenplätzen. „Er entstand etwa, weil Leukefeld ein Gesetz fand, welches es ermöglichte, eine Baugenehmigung zu erteilen, und die Stadt war bereit, das Gesetz umzusetzen.“

Aber auch Tanja Tschöke selbst taucht in ihrem Buch auf, denn sie ist nicht nur an Beteiligungsstrukturen interessiert, sondern hat auch selbst in einem Wohnprojekt gelebt. „Mit 19 bin ich in meinen eigenen Bauwagen gezogen und habe mit einer Gruppe und Herrn Leukefeld an dem Vertrag für den ersten legalisierten Bauwagenplatz Deutschlands gearbeitet – hier in Hannover. Ich hatte quasi mein eigenes Haus. Und wer hatte das mit 19 schon?“ Um ‚Luxus‘ ging es Tschöke dabei aber nicht. Sie ist Verfechterin der sozialen Stadtplanung und dankbar für die Strukturen, die seit den 1970er-Jahren erhalten werden konnten.

Neben bekannten Projekten, wie UJZ Kornstraße, Glocksee und Sprengelgelände, erzählt Tschöke auch weniger bekannte Geschichten: von jungen Frauen aus dem Birkenhof, einem ehemaligen Kinderheim, die dort sehr schlecht behandelt wurden und aus der Not heraus ein Haus besetzen; von Menschen ohne Obdach, die sich in der Elisenstraße aus dem gleichen Grund eigenen Wohnraum schufen; oder die beinahe vergessenen Bewohner*innen des Altwarmbüchener Moors.

Tanja Tschöke ist der Ansicht, dass „Hausbesetzungen heute eine politische Aktionsform sind, die selten ein Startpunkt neuer Projekte sind, aber nach wie vor ein wirksames Mittel, um auf Leerstand, Abrisse oder fehlende Projekt- und Freiräume hinzuweisen.“ Dass Hannover viele alternative Orte erhalten konnte, sieht sie als Gewinn für die Stadt: „Sie bieten bezahlbaren Wohnraum, Kultur, Gemeinschaft – und sie sind oft innovativer als städtische Einrichtungen.“

„Das Haus gehört UNS ALLEN!“ kann also auch als ein Plädoyer dafür verstanden werden, diese Strukturen nicht für selbstverständlich zu halten. Jüngste Finanzkürzungen und rechte Angriffe hätten gezeigt, wie fragil sie sind. „Ich wollte sichtbar machen, wie viel Arbeit dahintersteckt, wie viel entstehen kann, wenn sich Einwohner*innen engagieren, und wie wichtig diese Orte für Hannover sind.“

Pia Frenk

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Literarisches: Bettina Maaß-Münster

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Literarisches: Bettina Maaß-Münster


Es beginnt mit einer Szene – ein einziger Moment, der Bettina Maaß-Münster nicht mehr loslässt. Kein ausgefeilter Plot, kein Masterplan, nur ein Gefühl. „Ich hatte plötzlich eine einzelne Szene im Kopf, mit einem Funken einer Idee, worum es gehen könnte“, erzählt sie. „Um diese Szene herum ist das ganze Gerüst des Buches entstanden.“
Ihr neuer Mystery-Thriller „Sterben musst du“ führt in die Abgründe der menschlichen Psyche.

Die Protagonistin Laura Sands versucht nach einer gescheiterten Ehe voller Gewalt und Missbrauch, ihr Leben neu aufzubauen – doch die Vergangenheit lässt sie nicht los.Als ihr gewalttätiger Ex-Mann aus dem Gefängnis entlassen wird und ein geheimnisvoller Immobilienkunde in ihr Leben tritt, verschwimmen Realität und Bedrohung zu einem Geflecht aus Angst, Verlangen und unheilvoller Vorahnung. „Wenn man authentisch schreiben will, darf man keine Grenzen setzen – denn die gibt es im realen Leben auch nicht“, sagt Maaß-Münster. „Man muss sich bewusst machen, dass es wirklich böse Menschen gibt, die anders denken und fühlen als ‚normale‘ Menschen.“ Beim Schreiben habe sie selbst oft innehalten müssen, um wieder in die eigene Wirklichkeit zurückzufinden – „aber das ist gut so. Das zeigt, wie intensiv das Schreiben ist – und genau das sollen die Lesenden auch spüren.“ Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen: „Die Herausforderung war, dass die Emotionen beider Ebenen ein schlüssiges Ganzes ergeben – wie Zahnräder, die sich gegenseitig antreiben.“ So entsteht ein Erzählfluss, der die Lesenden in Lauras Innenwelt zieht: zwischen Trauma und Neubeginn, zwischen Angst und der Sehnsucht nach Selbstbestimmung. Diese Selbstbestimmung lässt in dem Thriller auch eine feministische Dimension erkennen. „Ich hoffe, dass mein Buch dazu beiträgt, Themen wie häusliche Gewalt und emotionale Abhängigkeit sichtbarer zu machen. Noch immer sind sie oft unsichtbar im Alltag. Viele Frauen erkennen erst spät, dass sie in einer toxischen Beziehung gefangen sind – und wenn sie es begreifen, hindern sie Angst und Scham lange daran, sich zu befreien.“ Ihr Roman will das Bewusstsein schärfen, aber auch Mut machen: „Es gibt Lichter am Ende des Tunnels. Man kann sich ein neues, von Glück erfülltes Leben schaffen.“ Mit Figuren wie dem charmant undurchsichtigen Michael Harris lotet Maaß-Münster die feinen Grenzen zwischen Vertrauen, Anziehung und Gefahr aus. „Er ist eine Figur, die Laura auf die Probe stellt – er zwingt sie, sich mit ihren tiefsten Ängsten, aber auch Sehnsüchten auseinanderzusetzen.“ Auch sprachlich zeigt die Autorin ihre Kunst. Die Atmosphäre ist dicht, sinnlich und beklemmend zugleich: „Ich kann eine Stunde an einem Satz feilen, um das perfekte Wort zu finden. Die Lesenden sollen die Luft im Raum schmecken, den Angstschweiß riechen, zittern, hoffen, fühlen – als wären sie selbst Teil der Geschichte.“ Dass Maaß-Münster zwischen Hannover und Irland pendelt, spiegelt sich in ihrem Schreiben wider. „Diese zwei Welten inspirieren mich ungemein. Sie öffnen meinen Blick – und damit auch den meiner Figuren.“ Am Ende aber bleibt das, was sie antreibt: die Leidenschaft, Emotionen so zu schreiben, dass sie körperlich spürbar werden. „Eine Leserin schrieb mir, sie habe beim Lesen gezittert, geweint, gelacht – und wollte sofort wieder von vorn anfangen. Schöner kann man es kaum sagen.“ Bettina Maaß-Münsters Sterben musst du ist ein eindringlicher Roman über weibliche Stärke, über Angst und Erlösung – und darüber, dass Überleben manchmal der mutigste Akt von allen ist.

Edition Textzirkus, 450Seiten, 16,50 Euro / Foto: © Bettina Maaß-Münster

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Literarisches: Liane Wagner

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Literarisches: Liane Wagner


Mit gleich zwei neuen Werken meldet sich Liane Wagner in diesem Herbst zu Wort: dem
Roman Bei Omika – Ein Kokon aus hellen Tagen und dem Gedichtband Im Zeitenwechsel –
Lyrische Gedanken. Zwei Bücher, zwei Formen – und doch eine gemeinsame Quelle. Beide
sind gespeist aus Erinnerungen, Beobachtungen, Sehnsüchten und den feinen
Zwischentönen des Lebens. „Der Roman beschreibt vieles aus der Sicht des Kindes, der
Heranwachsenden. Die Gedichte dagegen werfen einen Blick in die Seele einer
Erwachsenen und setzen sich mit Liebe, Gesellschaft, Politik, Natur und Umwelt
auseinander“, sagt die Autorin.
Bei Omika führt die Leserinnen zurück ins Rumänien der 1960er- und 70er-Jahre. Es ist die Geschichte einer Kindheit voller Geborgenheit, getragen von der Großmutter – und zugleich von der Begegnung mit Murli, dem „fremden Bruder“. Emilie, die Erzählerin, wächst als Einzelkind auf, umgeben von Erwachsenen, aber ohne Geschwister. In Murli, einem Jungen aus schwierigen Verhältnissen, findet sie zum ersten Mal eine Vertrautheit, die dieser Leerstelle etwas entgegensetzt. Damit verwebt Wagner persönliche Erinnerungen mit einem größeren gesellschaftlichen Panorama: Bürokratie, Vorurteile, der Umgang mit sozial Schwachen, Verlust. „Ja, das Buch ist auch ein Zeitzeugnis. Es war meine Absicht, diese Aspekte des damaligen Lebens in Rumänien – nicht im Vordergrund, aber am Rande – festzuhalten.“ Besonders eindrücklich sind die sinnlichen Details: Gerüche, Farben, Geräusche, die Atmosphäre des Sommers. „Sprache ist für mich das Sine qua non, die unabdingbare Voraussetzung für mein Schreiben. Sie hält Gefühle, Erlebtes, Situationen fest. Ohne Sprache gäbe es für mich keine Geschichten, keine Gedichte.“ Während der Roman aus der Vergangenheit schöpft, richtet der Band Im Zeitenwechsel den Blick auf das Hier und Jetzt. In den Gedichten verbinden sich Naturbilder mit Reflexionen über Liebe, Vergänglichkeit, gesellschaftliche Fragen. „Wir leben nicht auf einer Insel. Alles ist miteinander verbunden. Wir sind nur ein Teil eines komplexen Lebensraums“, betont Wagner. Die Natur ist dabei immer wieder Motiv und Resonanzraum – Meer, Strand, Bäume, Himmel. „Sie ist für mich Inspirationsquelle, Projektionsfläche und Lebensgrundlage zugleich. Sie spendet mir Kraft, gibt Geborgenheit – und es macht mich traurig, wenn ich menschlichen Egoismus erlebe.“ Ob in Prosa oder Lyrik – immer wieder schwingt die Sehnsucht mit: nach Nähe, nach Freiheit, nach Geborgenheit. „Ich glaube schon, dass Sehnsucht ein Motor meines Schreibens ist. Aber ebenso wichtig ist der Wunsch, Geschichten und Gedanken mit anderen zu teilen – und Resonanz zu erhalten.“ Wagner unterscheidet klar zwischen den Ausdrucksformen: „Wenn das Schicksal eines Menschen mich bewegt, schreibe ich Prosa. Wenn starke Gefühle meine Seele bedrängen, dann kommt das lyrische Ich ins Spiel.“ Beides entsteht aus Emotionen, manchmal eruptiv, manchmal nach längerer Inkubation. Und was sollen die Leserinnen aus den Büchern mitnehmen?
„Natürlich Trost, Inspiration und eigene Erinnerungen. Aber mein großer Wunsch ist, dass sie
auch mehr Heiterkeit und Zuversicht in ihren Alltag tragen. Dass sie lächeln, sich an eigene
Erlebnisse erinnern und bestärkt werden – in der Liebe zu Mitmenschen und zur Natur.“ So
werden Roman und Gedichtband zu zwei Seiten derselben literarischen Handschrift: die eine
erzählt von einer Kindheit zwischen Wärme und Härten, die andere reflektiert die Gegenwart
im Spiegel der Natur. Gemeinsam ergeben sie ein Werk, das tief in die Vergangenheit greift
und zugleich hochaktuell klingt – getragen von dem, was Liane Wagner antreibt: Sehnsucht,
Erinnerung und der Wunsch, das Erlebte weiterzugeben.
Shaker Media, 202 Seiten, 18,90 Euro (Roman) und Shaker Media, 136 Seiten, 19,90 Euro
(Gedichtband)

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