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Ein offener Brief … an Willy Brandt

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Ein offener Brief … an Willy Brandt


Lieber Willy, entschuldige bitte, aber wir müssen dich einmal kurz stören. Wir wissen, du hast dir deinen Ruhestand redlich verdient, und vermutlich hast du im Jenseits Wichtigeres zu tun, als dich mit dem aktuellen Zustand der Sozialdemokratie herumzuschlagen. Aber wir kommen hier allein nicht mehr weiter. Die SPD steckt fest. Bei 15 Prozent. Tendenz fallend. Und sie wirkt dabei so, als hätte sie sich damit abgefunden. Das deprimiert uns. Nicht nur, weil 15 Prozent schon fast unter zehn Prozent sind, sondern weil man den Eindruck bekommt, dass dieser Zustand inzwischen als neue Normalität akzeptiert wird. Als wäre Schrumpfung ein Naturgesetz und keine Folge politischer Entscheidungen.

Darum unsere Bitte: Könntest du vielleicht kurz als Geist in die Hirne der führenden Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten fahren? Nur so ein kleiner Spuk, ein sanftes Poltern im Parteivorstand, ein kalter Luftzug durch die Fraktionssitzung. Nichts Dramatisches, einfach eine kleine Erinnerung, was diese Partei einmal ausgemacht hat. Offenbar hat man dort aus den Augen verloren, wofür Sozialdemokratie ursprünglich gedacht war. Für Aufstieg durch Bildung. Für Respekt vor Arbeit. Für echte Solidarität. Für Mut. Für Haltung. Für Politik, die nicht zuerst fragt, ob sie irgendwem wehtut, sondern ob sie notwendig ist. Für eine Partei, die sich nicht klein macht, um irgendwo noch mitspielen zu dürfen, sondern die groß denkt, weil sie etwas verändern will.

Stattdessen hören wir auf dem politischen Aschermittwoch den Parteivorsitzenden sagen, man brauche jetzt „mehr Stammtisch“. Mehr Stammtisch, Willy. Als wäre das Problem der SPD ein Mangel an Lautstärke und nicht ein Mangel an Richtung. Als hätten wir zu wenig Bauch und zu viel Kopf. Dabei wäre im Moment doch eher mehr Hirn ratsam. Mehr Analyse. Mehr Ehrlichkeit. Mehr Klarheit darüber, warum man eigentlich noch existiert.

Du hast einmal gesagt: „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten.“ Heute wirkt es eher so, als wollten die Genossinnen und Genossen die Zukunft lieber abwarten. Oder sie kommunikativ begleiten. Oder sie moderieren. Oder sie in Arbeitsgruppen verschieben. Hauptsache, niemand ist beleidigt. Und am Ende nennt man diese Mutlosigkeit dann „strategische Neuaufstellung“.

Du, lieber Willy, hast nicht moderiert, du hast gestaltet. Du hast nicht gewartet, bis alle zustimmen, du hast einfach gegen Widerstände gearbeitet, gegen Häme, gegen Misstrauen, gegen die eigene Partei. Du bist in Warschau auf die Knie gegangen – nicht, weil es populär war, sondern weil es richtig war. „Mehr Demokratie wagen“, war kein Slogan, sondern ein bewusstes Risiko. Du hast Konflikte nicht gefürchtet, du hast sie in Kauf genommen. Heute wirkt es eher so, als würde man sich lieber vor Umfragekurven verbeugen als vor der eigenen Geschichte.

Die SPD war einmal eine Partei, die Konflikte ausgehalten hat. Die wusste, dass Fortschritt Reibung erzeugt. Heute wirkt sie ängstlich. Sie zittert sich von Wahldesaster zu Wahldesaster und wundert sich anschließend, warum niemand mehr Vertrauen in ihre Gestaltungskraft hat. Sie hat Angst, irgendjemanden zu verprellen – und verliert damit am Ende alle. Arbeiterinnen und Arbeiter, weil man nicht mehr für sie kämpft. Junge Menschen, weil man zentrale Realitäten ausblendet: dass die Rentenfrage ungelöst ist, dass der demografische Wandel längst Fakten geschaffen hat und dass es keine Zukunftspolitik ist, diese Themen aus Angst vor Unbeliebtheit zu umschiffen. Man verspricht Sicherheit, ohne zu sagen, wie sie finanziert werden soll. Man redet von Generationengerechtigkeit, ohne zu erklären, wer was tragen muss. Und man wundert sich, warum sich junge Menschen reihenweise abwenden.

Vielleicht könntest du Lars und den anderen mal kurz zuflüstern, dass die Sozialdemokratie ein Versprechen ist. Dass die Gesellschaft gerechter werden kann. Dass Macht kontrolliert werden muss. Dass Wirtschaft und Kapitalismus kluge Leitplanken brauchen. Dass Reichtum verpflichtet. Dass Demokratie durch Haltung lebt. Und dass Glaubwürdigkeit nicht entsteht, indem man Probleme kleiner redet, sondern indem man sie ernst nimmt – auch wenn sie unbequem sind.

15 Prozent, lieber Willy. Das ist kein Betriebsunfall. Das ist das Ergebnis jahrelanger Selbstverkleinerung. Ist es nicht höchste Zeit, wieder größer zu denken, statt immer nur Schadensbegrenzung zu betreiben. Also, falls du die Zeit findest: Die SPD würde sich freuen. Und wir uns auch.

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