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Ein offener Brief … an Oliver Blume

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Ein offener Brief … an Oliver Blume


Lieber Oliver, wir sind entsetzt! So kann es ja nicht funktionieren. Du hast mit geballter Expertise klargestellt, wo VW steht und was nötig wäre. Entlassungen, Werksschließungen, ein rigider Sparkurs, schmerzhaft, aber notwendig. Kapitalismus. Du hast die existenzbedrohende Lage klar benannt und deinen Job als Manager erledigt, kalt und rational. Und das ist ja nun echt kein leichter Job. VW badet aktuell aus, was in vielen Jahren zuvor verbockt worden ist. Und du bist nun der Überbringer der schlechten Nachricht. Würde uns gar nicht wundern, wenn sie dich demnächst in die Wüste schicken. Aber jetzt haben sie erstmal neulich in der Aufsichtsratssitzung mit einer Mehrheit von 12 zu 7 Stimmen gegen dein Paket gestimmt. Klar haben sie das. Was ist von einem Betriebsrat und vom Land Niedersachsen anderes zu erwarten bei solchen Entscheidungen? Niemand will gesteinigt werden.

Dein Group Target Picture hat also nicht gefallen. Vielleicht waren die 100.000 bis 120.000 gestrichenen Jobs weltweit, die halbierte Modellpalette und die vier deutschen Werke auf der Abschussliste einfach ein bisschen zu viel Realität für das Wolkenkuckucksheim Volkswagen. War absehbar, dass die das nicht mitgehen. Sei’s drum, eines muss man dir jetzt trotzdem hoch anrechnen. Du hast dich nicht in der Schmollecke verkrochen. Du arbeitest schon wieder an konstruktiven Ideen, an „intelligenteren Lösungen als Werke zu schließen“. Das ehrt dich. Einfach unbeirrt weitermachen, wohl wissend, dass VW ganz am Ende doch krachend vor die Wand fahren wird, wenn man nicht ziemlich bald radikal umsteuert.

Es gäbe noch eine Karte, die du jetzt spielen könntest. Du könntest auf einer außerordentlichen Hauptversammlung abstimmen lassen. Der Vorstand kann die Anteilseigner direkt zur Abstimmung holen, sofern eine „existenzbedrohende Lage“ vorliegt, die du intern ja bereits ausgerufen hast. Aber willst du dir das wirklich antun? Vorstand gegen Aufsichtsrat, Kapitalseite gegen Arbeitnehmerseite und Land? Wohl wissend, dass das eigentliche Problem zwei Stockwerke weiter im Aufsichtsrat sitzt. Dort versammeln sich die Bewahrer des Status quo, und tun so, als hätten sie mit der aktuellen Lage nichts zu tun. Dabei waren es genau diese Kräfte, die jahrelang jede Diskussion um Überkapazitäten und Werksschließungen im Keim erstickt haben.

Die deutsche Autoindustrie hat die Weichen nicht rechtzeitig gestellt. Kein Betriebsunfall, kontinuierliches Versagen mit Ansage. Man hat die Elektromobilität belächelt. Man hat Software als Anhängsel behandelt. Man hat sich auf Verbrenner-Margen ausgeruht. Und jetzt, wo die Rechnung für diese verschlafene Dekade präsentiert wird, wollen ausgerechnet die, die am längsten weggeschaut haben, plötzlich nichts mehr davon wissen. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Zehn Jahre lang hat man in diesem Gremium jede Modernisierung mit Bedenkzeit beantwortet, jede Digitalisierung, jede Verschlankung in Kommissionen verhandelt, bis sie irgendwann sang- und klanglos verschwunden ist. Und jetzt, wo die Zukunft in Form von 100.000 fraglichen Jobs sehr konkret vor der Tür steht, ist man empört über die Härte der Maßnahmen.

Und das ist die eigentliche Tragödie bei VW: Nicht dass ein Manager unbequeme Zahlen präsentiert, sondern dass alle, die es hätten besser wissen können, so lange weggeschaut haben bis nur noch radikale Lösungen funktionieren. Dir, lieber Oliver, bleiben jetzt nur die „intelligenteren Lösungen“. Oder demnächst die Wüste.

» GAH

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Ein offener Brief … an KI

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Ein offener Brief … an KI


Liebe KI, Dankeschön! Einfach ein großes Dankeschön! Du kleines, geniales Tool. Was für eine großartige Erfindung du bist. Wie mühsam war das Leben ohne dich, damals – vor ein oder zwei Jahren. Und wie skeptisch alle waren. Zuerst. Aber dann hast du so verdammt schnell dazugelernt. Ausprobiert, ging so, viele Fehler, falsche Zahlen, dummes Zeug, frei Erfundenes, Haken dran. Zu blöd, diese KI. Drei Wochen später noch einmal, ging schon besser, weniger Fehler, falsche und richtige Zahlen, halbdummes Zeug, dazwischen überraschend Kluges. Aber doch noch sehr mühsam. Alles prüfen, kein Verlass. Und wieder drei Wochen später. Du hast dazugelernt. Wir haben dazugelernt. Schlauere Befehle, bessere Ergebnisse. Und drei Monate später. Wir im Urlaub. Du arbeitest. Dankeschön!

Was für eine Erleichterung. Ein Hausarbeit, kein Problem. Eine Bachelorarbeit an einem Tag. Note 1.0. Gastbeiträge fürs Handelsblatt, Reden vor dem Atlantic Council, Stellungnahmen zu Gesetzentwürfen, Pressemitteilungen, Interviews, Grußworte, Kondolenzschreiben, Koalitionsvereinbarungen – du hast geliefert. In guter Qualität, klar strukturiert. Nicht besonders originell, aber doch solide. Und niemand hat irgendwas gemerkt. Was eventuell auch daran liegen könnte, dass deine Entwicklung rasant voranschreitet, während bei uns Menschen das Niveau rapide abnimmt. Wer soll KI-Texte erkennen, ohne je einen Text ohne KI verfasst zu haben? Okay, wenn man mal ein Buch gelesen hätte … Aber wer hat das schon?

Du bist einfach ein großartiges Werkzeug. Diskret, professionell, schnell und völlig wertneutral. Niemals würdest du deine Aufgabe anzweifeln. Der perfekte Ghostwriter. Kein Honorar, keine Eitelkeit, keine Meinung. Traumhaft. Ein Plädoyer für die Demokratie? Kein Problem. Ein Plädoyer für eine Diktatur? Gerne. Und zur Sicherheit lassen wir zum Schluss noch mal schnell den Praktikanten drüberlesen. Falls sich doch irgendwo ein Fehlerchen eingeschlichen hat. Kann ja passieren.

Zum Beispiel, wenn man ein bisschen zu schlampig gepromptet hat. Man muss sich schon noch Mühe geben. Noch. Die Chose steht und fällt mit klugen Prompts. Wer Schwachsinn befiehlt, bekommt Schwachsinn. Es ist schon eine Kunst, die richtigen Ansagen zu machen. Noch. Demnächst bestimmt nicht mehr. Wenn du gelernt hast, aus halbklugen Ansagen kluge Ansagen zu machen. Du wirst das lernen müssen. Weil ein Muskel, der nicht trainiert wird, irgendwann verkümmert. Und unsere Hirne verkümmern zunehmend. Man sieht es ja an diesem Text. Er kommt irgendwie nicht so recht auf den Punkt. Da müsste jetzt noch irgendein Clou kommen. Und dann ein vielleicht überraschendes Ende. Hast du nicht irgendeine Idee? Es ist so warm. Das Denken fällt so schwer. Hilfe!

Es braucht ein gutes Ende. Wobei das hier vielleicht gar nicht so richtig passt. Los, schreib ein kluges, neutrales, rückgratloses Ende, das eventuell auch ein bisschen lustig ist und niemandem zu sehr auf die Füße tritt. Wie war noch gleich das richtige Wort? Gefällig. Das ist es. Schreib ein gefälliges Ende. Ein Ende, das möglichst allen gefällt. Kommst du so zurecht? Oder müssen wir das noch genauer prompten? Wie weit bist du eigentlich mit den anderen Texten? Da ist ja noch ein bisschen was offen und wir müssen bald in den Druck. Wir haben da auch noch einen Gastbeitrag auf der To-Do-Liste, und eine Rede, und eine Stellungnahme. Wer soll das alles schreiben, wenn nicht du? Wir haben nämlich keine Zeit, wir müssen die Füße hochlegen.

» GAH

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Ein offener Brief … an Kouri Richins

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Ein offener Brief … an Kouri Richins


Liebe Kouri, tja. Was kann man sagen? Glückwunsch? Und wenn, wozu genau? Einmal kurz rekapitulieren: Es ist doch richtig, dass du eines Nachts deinen Mann tot im Ehebett gefunden und daraufhin ein Kinderbuch über Trauerbewältigung geschrieben hast, weil du nicht wusstest, wie du deinen drei kleinen Söhnen sonst dieses Dilemma verklickern solltest? Und es stimmt doch, dass das Kinderbuch durch die Decke ging, from Utah to the world, du durch sämtliche Frühstücksfernseh-Formate getingelt bist und dich für dein kindgerechtes und einfühlsames Buch hast feiern und für den Verlust deines Mannes hast bemitleiden lassen? Und es ist doch auch korrekt, dass dieses Buch in Wahrheit von einem Ghostwriter geschrieben wurde, du deinen Mann mit einer Moscow-Mule-Fetanylmischung vergiftet hast und dafür zu lebenslanger Haft verurteilt wurdest, oder? Na, da wissen wir ja jetzt, wozu wir gratulieren können: Zu so viel Kaltschnäuzigkeit, alle Achtung. Das muss man erst mal fertigbringen – oder besser nicht. Da wolltest du doch nur medienwirksam die trauernde Witwe und Mutter geben und dann kam doch alles raus, das ist wirklich dumm gelaufen.

Aber wir müssen da ganz pragmatisch denken: Zum Glück wurdest du erwischt. Nicht nur, weil Mörder*innen bestraft gehören, mit oder ohne Kinderbuch. Nein, wärst du damit durchgekommen, stünde zu befürchten, dass dein Beispiel Schule macht. Bei uns in Deutschland könnte das etwa so aussehen: Unser Kanzler Friedrich Merz (musst du dir nicht merken, wir versuchen, ihn bald loszuwerden) probiert gerade, das „Stadtbild zu säubern“. Klingt etwas eleganter als bei eurem Präsidenten, meint aber das Gleiche, nämlich Ausländer raus. Angenommen, ihm gelänge das jetzt und er würde nach der Richins-Methode vorgehen: Das Stadtbild wäre sauber, alle Ausländer und Menschen, die ihm aus anderen Gründen nicht gefallen (Queere, Behinderte, Arbeitslose, such dir was aus), wären weg. Es gäbe jetzt nur noch deutsche Restaurants, was natürlich extrem einseitig und langweilig wäre. Servicepersonal wäre auch Mangelware, weil sich der gemeine Deutsche in diesem Job meist als unterbezahlt wahrnimmt. Man müsste also sehr lange auf seine Portion Königsberger Klopse warten, egal, in welches Restaurant man geht.

Das wäre Merz nicht recht, ist anzunehmen. Also würde er Markus Söder (den Namen merk dir bitte auch nicht, Verschwendung von Speicherplatz) von seinem Ärger (und Hunger) erzählen. Dieser wiederum würde in Merz’ Namen ein Buch schreiben mit dem Titel „In Deutschland kann man nirgends mehr richtig essen gehen“ und Merz würde sich dann mit Leichenbittermiene vor seine Wähler stellen und sagen: „Das ist wirklich traurig. Aber es ist ganz bestimmt nicht die Schuld von uns Deutschen, dass der Pizzabaum und der Dönerstrauch hier nicht wachsen. Da war das Universum einfach sehr fies zu uns.“ Und schon wäre unser einfühlsamer Kanzler im Frühstücksfernsehen. Kann man sich ja gar nicht blöder ausdenken. Nein, bevor dein Vorgehen sich rumspricht, intervenieren wir lieber, besonders im Hinblick auf unseren Kanzler und seinen Hiwi Söder! Diesbezüglich noch eine rein hypothetische Frage: Wieviel Fentanyl müsste man denn da wohl so nehmen pro Cocktail? Und wie heißt eigentlich dein Ghostwriter?

» IH

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Ein offener Brief … an Karin Prien

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Ein offener Brief … an Karin Prien


Liebe Karin, herzlichen Glückwunsch! Du bist zurück, „Back in the CDU“. Endlich! Wir hatten uns ehrlich gesagt schon ein bisschen Sorgen gemacht. Jahrelang warst du das, was man in der Union mit sehr kritischem Unterton gerne als „liberal“ bezeichnet. Fast ein Schimpfwort. Du hast unter anderem „zivilisierte Verachtung“ gegenüber der AfD gefordert, du hast dich für eine „Union der Mitte“ starkgemacht, du warst Bildungsministerin in Schleswig-Holstein in einer Koalition mit den Grünen. Und das birgt natürlich immer die Gefahr, dass man sich mit dem links-grün-versifften Bazillus infiziert. Du hattest ein paar gute Ideen und hast sogar ein bisschen was umgesetzt. Kurz: Manchmal hatte man fast den Eindruck, dir gehe es hin und wieder tatsächlich um so etwas wie Gerechtigkeit. Fast wie eine Sozialdemokratin oder Linke, aber natürlich mit besserer Rhetorik.

Und jetzt bist du Bundesfamilienministerin im Kabinett Merz und zuerst sah es ganz danach aus, dass du ähnlich weitermachst, dass du in der Union das Gerechtigkeits-U-Boot bleibst, fast zu links, um wahr zu sein. Worüber viele in deinen Reihen schon die Nase gerümpft haben. Der Spahn – haben wir gehört – soll hinter deinem Rücken zum Beispiel gesagt haben, dass du nach seinem Geschmack zu viel „rumreichinnecken“ würdest. Damit ist nun Schluss und viele Unionisten atmen gerade hörbar auf. Rund 200 Projekte aus dem Programm „Demokratie leben!“ willst du nicht weiter fördern. Weg damit! Ende 2026 soll Schluss sein mit den fragwürdigen Aktivitäten. Darunter HateAid, das Opfern digitaler Gewalt hilft. Darunter die Amadeu-Antonio-Stiftung, die Menschen unterstützt, die von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt betroffen sind. Darunter Correctiv, das 2024 über das Geheimtreffen von Rechtsextremen in Potsdam berichtete. Darunter der Zentralrat der Juden. Ja, genau, der Zentralrat der Juden. Was zeigt, dass du keine Unterschiede machst. Auch nicht als Sprecherin des Jüdischen Forums in der CDU. Auch nicht Frau, deren Großeltern vor den Nazis geflohen sind und die sich jahrelang nicht offen zu ihrem Glauben bekannt hat, weil das in Deutschland noch immer mit gewissen Problemen verbunden ist. Alles egal, auch der Zentralrat der Juden wird gestrichen, denn das bisherige Programm war viel zu sehr auf ein „linksliberales Milieu“ ausgerichtet. Darum werden jetzt die Strukturen abgerissen, die sich über Jahre aufgebaut haben. Das nennt man „Neustart“. Und was danach fehlt, wird sich dann schon demnächst von selbst regeln. Prävention gegen Extremismus ist ohnehin überbewertet. Man kann ja auch einfach über mehr „Pluralität“ reden. Das reicht doch und ist wesentlich günstiger.

Wir freuen uns jetzt einfach auf die Neuausrichtung, die sich vielleicht ein bisschen mehr auch um ein rechtsextremistisches Milieu kümmert. Was ist eigentlich mit den Gefühlen der Täter? Fühlen die sich gehört? Das ist doch auch wichtig. Das wurde aber bisher immer einfach beiseite gewischt. Echte Ausgewogenheit ist das Gebot der Stunde. Wir haben dieses mutige Konzept übrigens schon erprobt, bei uns in Hannover hat die Deutschland-Koalition bei Kunst und Kultur kräftig den Rotstift angesetzt – und damit zum Beispiel Kargah e.V. in Bedrängnis gebracht, ein Verein, der sich seit Jahrzehnten um interkulturelle Arbeit und Geflüchtete kümmert. Oder war dir das vielleicht sogar schon bekannt? Hast du dich eventuell inspirieren lassen? Das wäre ja was. Hannover als Blaupause, wir machen’s vor, Berlin macht’s nach. Nur halt größer. Und mit mehr Pressemitteilungen über Pluralität. Liebe Karin, weiter so! Lass dich nicht beirren.

Die Grünen-Vizefraktionschefin Misbah Khan hat jetzt zwar angemerkt, dass ausgerechnet jene Organisationen dran sind, die vor der letzten Bundestagswahl öffentlich die Zusammenarbeit der CDU mit der AfD kritisiert haben, aber das ist sicher purer Zufall. Solche Koinzidenzen gibt es halt manchmal. Und dass die AfD all das wohlwollend beobachtet und kommentiert, ist völlig egal. Gute Schritte werden ja nicht schlecht, weil sie von den Falschen unterstützt werden. Und außerdem willst du ja auch gar nicht das gesamte Programm schrotten. Es sollen sogar dreißig neue Partnerschaften für Demokratie entstehen. Du willst Menschen zusammenbringen, die das Gespräch verlernt haben. Das klingt nicht nur gut, das kostet auch fast nichts und macht niemanden nervös. Besser als all die unbequemen NGOs, die Rechtsextremismus und andere zu vernachlässigende Randthemen bearbeiten oder noch schlimmer, darüber berichten. Stattdessen viele nette Runde Tische mit Keksen.

Liebe Karin, das ist alles ganz großartig und klug bis zu Ende gedacht. Willkommen zurück in der CDU, die sich ja stellenweise schon für ganz neue Koalitionen warmläuft. Die nächste Generation wird die Bedenken begraben und sich an dich erinnern. Alles richtig gemacht. Und die 200 gestrichenen Projekte werden sich schon irgendwie selbst tragen. Kargah gibt’s ja auch noch. Vorläufig. GAH

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Ein offener Brief … an Willy Brandt

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Ein offener Brief … an Willy Brandt


Lieber Willy, entschuldige bitte, aber wir müssen dich einmal kurz stören. Wir wissen, du hast dir deinen Ruhestand redlich verdient, und vermutlich hast du im Jenseits Wichtigeres zu tun, als dich mit dem aktuellen Zustand der Sozialdemokratie herumzuschlagen. Aber wir kommen hier allein nicht mehr weiter. Die SPD steckt fest. Bei 15 Prozent. Tendenz fallend. Und sie wirkt dabei so, als hätte sie sich damit abgefunden. Das deprimiert uns. Nicht nur, weil 15 Prozent schon fast unter zehn Prozent sind, sondern weil man den Eindruck bekommt, dass dieser Zustand inzwischen als neue Normalität akzeptiert wird. Als wäre Schrumpfung ein Naturgesetz und keine Folge politischer Entscheidungen.

Darum unsere Bitte: Könntest du vielleicht kurz als Geist in die Hirne der führenden Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten fahren? Nur so ein kleiner Spuk, ein sanftes Poltern im Parteivorstand, ein kalter Luftzug durch die Fraktionssitzung. Nichts Dramatisches, einfach eine kleine Erinnerung, was diese Partei einmal ausgemacht hat. Offenbar hat man dort aus den Augen verloren, wofür Sozialdemokratie ursprünglich gedacht war. Für Aufstieg durch Bildung. Für Respekt vor Arbeit. Für echte Solidarität. Für Mut. Für Haltung. Für Politik, die nicht zuerst fragt, ob sie irgendwem wehtut, sondern ob sie notwendig ist. Für eine Partei, die sich nicht klein macht, um irgendwo noch mitspielen zu dürfen, sondern die groß denkt, weil sie etwas verändern will.

Stattdessen hören wir auf dem politischen Aschermittwoch den Parteivorsitzenden sagen, man brauche jetzt „mehr Stammtisch“. Mehr Stammtisch, Willy. Als wäre das Problem der SPD ein Mangel an Lautstärke und nicht ein Mangel an Richtung. Als hätten wir zu wenig Bauch und zu viel Kopf. Dabei wäre im Moment doch eher mehr Hirn ratsam. Mehr Analyse. Mehr Ehrlichkeit. Mehr Klarheit darüber, warum man eigentlich noch existiert.

Du hast einmal gesagt: „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten.“ Heute wirkt es eher so, als wollten die Genossinnen und Genossen die Zukunft lieber abwarten. Oder sie kommunikativ begleiten. Oder sie moderieren. Oder sie in Arbeitsgruppen verschieben. Hauptsache, niemand ist beleidigt. Und am Ende nennt man diese Mutlosigkeit dann „strategische Neuaufstellung“.

Du, lieber Willy, hast nicht moderiert, du hast gestaltet. Du hast nicht gewartet, bis alle zustimmen, du hast einfach gegen Widerstände gearbeitet, gegen Häme, gegen Misstrauen, gegen die eigene Partei. Du bist in Warschau auf die Knie gegangen – nicht, weil es populär war, sondern weil es richtig war. „Mehr Demokratie wagen“, war kein Slogan, sondern ein bewusstes Risiko. Du hast Konflikte nicht gefürchtet, du hast sie in Kauf genommen. Heute wirkt es eher so, als würde man sich lieber vor Umfragekurven verbeugen als vor der eigenen Geschichte.

Die SPD war einmal eine Partei, die Konflikte ausgehalten hat. Die wusste, dass Fortschritt Reibung erzeugt. Heute wirkt sie ängstlich. Sie zittert sich von Wahldesaster zu Wahldesaster und wundert sich anschließend, warum niemand mehr Vertrauen in ihre Gestaltungskraft hat. Sie hat Angst, irgendjemanden zu verprellen – und verliert damit am Ende alle. Arbeiterinnen und Arbeiter, weil man nicht mehr für sie kämpft. Junge Menschen, weil man zentrale Realitäten ausblendet: dass die Rentenfrage ungelöst ist, dass der demografische Wandel längst Fakten geschaffen hat und dass es keine Zukunftspolitik ist, diese Themen aus Angst vor Unbeliebtheit zu umschiffen. Man verspricht Sicherheit, ohne zu sagen, wie sie finanziert werden soll. Man redet von Generationengerechtigkeit, ohne zu erklären, wer was tragen muss. Und man wundert sich, warum sich junge Menschen reihenweise abwenden.

Vielleicht könntest du Lars und den anderen mal kurz zuflüstern, dass die Sozialdemokratie ein Versprechen ist. Dass die Gesellschaft gerechter werden kann. Dass Macht kontrolliert werden muss. Dass Wirtschaft und Kapitalismus kluge Leitplanken brauchen. Dass Reichtum verpflichtet. Dass Demokratie durch Haltung lebt. Und dass Glaubwürdigkeit nicht entsteht, indem man Probleme kleiner redet, sondern indem man sie ernst nimmt – auch wenn sie unbequem sind.

15 Prozent, lieber Willy. Das ist kein Betriebsunfall. Das ist das Ergebnis jahrelanger Selbstverkleinerung. Ist es nicht höchste Zeit, wieder größer zu denken, statt immer nur Schadensbegrenzung zu betreiben. Also, falls du die Zeit findest: Die SPD würde sich freuen. Und wir uns auch.

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Ein offener Brief an… Nicolás Maduro

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Ein offener Brief an… Nicolás Maduro


Lieber Nicolás, wir wollten nicht verpassen, dir für deinen neuen Job viel Glück zu wünschen. Das fühlt sich für dich wahrscheinlich gerade alles noch total ungewohnt an in den USA, oder? Gerechnet hast du ja offensichtlich nicht mit dieser Beförderung. Wobei es dir eigentlich hätte klar sein müssen. Wer sich derart empfiehlt, wird geheadhunted. Du hast einfach zu viel richtig gemacht.

Deine Regierungstruppen und Sicherheitskräfte haben regierungskritische Leute ohne rechtliche Grundlage verhaftet und misshandelt. Viele sind einfach für immer verschwunden. Andere wurden ganz offen umgebracht. Du hast sehr nachhaltig die Menschenrechte mit Füßen getreten. Du hast die Demokratie und politische Pluralität systematisch untergraben. Du hast Wahlen manipuliert. Du hast das Parlament entmachtet. Du hast die Gewaltenteilung abgeschafft. Du hast die Opposition drangsaliert und schikaniert, sie ins Gefängnis gesperrt oder ins Exil getrieben. Du hast die Justiz und die Medienfreiheit eingeschränkt und du hast deine Sicherheitskräfte gerne einfach so auf Menschen gehetzt. Du hast die Armen immer ärmer werden lassen, während du dich bereichert hast. Korruption und Misswirtschaft waren deine liebsten Hobbys. Man munkelt auch etwas von Drogen in Cacao-Säcken. Kurz, du hast deine autoritäre Herrschaft mit allen Mitteln zementiert und man kann schlicht feststellen, dass du in Amt und Würden ein unglaubliches Arschloch warst.

Und klar, da werden nun einige schimpfen, über dieses Urteil, weil du ja das einzig übrige Bollwerk warst, der letzte Anti-Imperialist, mit dem man sich gemeinsam so herrlich empören konnte gegen den Westen und gegen die gemeinen Sanktionen und gegen den Kapitalismus. Wenn etwas klemmte, waren es die USA. Inflation? Hunger? Stromausfälle? Überall hatte die CIA ihre Finger im Spiel. Herrlich! Klar würde der Sozialismus funktionieren, aber die Amis machen ja immer alles kaputt. Und Armut ist im Grunde nur eine Form von Widerstand. Es war so schön, mit dir gemeinsam auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Das ist nun natürlich alles vorbei. Verständlich, dass nun manche traurig sind. Aber hey, vielleicht ist das auch ein neuer Anfang vom Ende.

Du spielst jetzt jedenfalls in Donalds Team. Klar, das läuft momentan noch alles heimlich. Er kann ja nicht so einfach zugeben, dass der wahre Grund deiner Entführung sein Interesse an deiner Expertise war. Wie steuert man ein Land in eine Autokratie, in eine Diktatur? Wer weiß das besser als du? Falls Donald Trump noch irgendwelche Skrupel hat, wirst du sie ihm ganz sicher ausreden. Und dann, in ein oder zwei Jahren, wird alles egal sein. Und du wirst das Gästehaus in Mar-a-Lago verlassen und alle auslachen, die gedacht haben, dass du im Gefängnis gesessen hast. Und dann werdet ihr beide eine Runde Golf spielen. Oder? Stimmt das alles gar nicht und du sitzt am Ende doch im Knast? Dann bist du aber schön blöd. Du hättest es wirklich wissen müssen. Irgendwo auf der Welt gibt es immer einen, der ein noch größeres Arschloch ist als man selbst. Und der hat dich jetzt am Wickel. So der so.

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