Tag Archive | "2019-09"

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Emanzen, Amazonen – Feminazis?


Liebe Stadtkinder,

glaubt man den akribischen Ausführungen der Autoren der WikiMANNia – einer Website, die sich sehr darum bemüht, das Gegenteil von Wikipedia zu sein – so ist eine Feministin arg beschäftigt. Damit nämlich, ein skrupelloses Netzwerk aufzubauen, dessen Ziel die Versklavung, Ausbeutung und Erniedrigung von 50 Prozent der Menschheit bildet, und zwar der falschen 50 Prozent. Den ganzen Tag arbeitet ihr feministisches Hirn, das von der typisch weiblichen Neigung zu Lüge, Trug und Hinterfotzigkeit gelenkt wird, an der Vernichtung unserer Gesellschaft, die ihr eine niedere, ihren Fähigkeiten gemäße Rolle zuweist. Um sich ein privilegiertes Dasein zu erschleichen, greift sie ordentliche Frauen an, würdigt Familien- und Haushaltspflichten herunter, glorifiziert Abtreibung, Lesbentum und Uni-Abschlüsse in Gender Studies und diffamiert das starke Geschlecht, bis selbst die härtesten Eier weich werden. Lässt man(n) den Feminismus mit seinem Linke-Zicken-Gewäsch weiterhin gewähren, so die Befürchtung, dann geht unsere schöne Zivilisation den Bach runter, dann kommt die Apokalypse, der jüngste Tag, das Ragnarök (Moment mal, hatten wir das nicht schon letzten Monat ???) …

Die wachsende Zahl engagierter Feministinnen (und Feministen!) lockt immer mehr Menschen aus der Deckung, die offen oder indirekt das Ende der Bewegung fordern. Anja Dolatta beleuchtet im September-Stadtkind den modernen Feminismus, seine Gegner und seine Grabenkämpfe.

 

Und sonst so?

Wir haben uns mit Jörg Smotlacha unterhalten und einen weiten Einblick in die Hannoversche Poetry-Slam-Szene bekommen, Hartmut El Kurdi besuchte Liverpool und macht sich Gedanken über John Lennons Maulwurfblick, Anne Andersch ist im Blutrausch und im Weiteren ist das neue Stadtkind natürlich, wie immer, knallvoll mit Musik, Theater, Aufregern, Hochrelevantem und Gedöns.

Dazu Interviews, Gerüchte, Party, Termine, wisst ihr ja … Und süße Tiere, im Alltag und mit Elektroantrieb.

Haut rein!

Eure Stadtkinder

 

PS: Als Sonderbeilage gibt es dieses Mal das Kunststück, in dem viele Ausstellungsräume, Galerien und Projekträume Hannovers vorgestellt werden.

 

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Neue Schwanenburg

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Neue Schwanenburg


Im früheren Ausflugslokal Schwanenburg von 1898 gab es neben der Gastronomie ein Konzertgebäude mit zwei Tanzsälen, auf dessen Dachfirst Schwanenfiguren angebracht waren – daher der Name. Nachdem das Gelände an der Fösse eine Bettfedernfabrik und eine Färberei der Firma Stichweh sowie nach dem Zweiten Weltkrieg Theater- und Lichtspielaufführungen beherbergte, wurde die Schwanenburg 1960 für den Bau des Westschnellwegs abgerissen. Vom Fabrikgelände der ehemaligen Bettfedernfabrik blieb ein Gebäude, das nach dem Umbau im Frühjahr 2013 als Neue Schwanenburg eröffnet wurde. Die 80 Sitzplätze im Restaurant und die große Terrasse der Frische-Küche mitten in der Parklandschaft an der Fösse sind zur Mittagszeit Treffpunkt für die Mitarbeiter des Stichweh-Leineparks – aber auch für andere Mittagstischler einen Besuch wert.

Erholsamerweise komplett abseits des Straßen- und Einkauftrubels und mit einem tollen Blick auf das verwilderte Grün der Bäume und Büsche längs des Bachlaufes gelegen, stehen fünfzehn 4er-Tische und drei 2er-Tische außerhalb des historischen Gebäudes zur Wahl. Auf dem Weg zum Speiseausgabetresen durchläuft man einen modern eingerichteten Raum mit hohen Decken und stimmigen Industrielampen, der den Charme des Fabrikgebäudes geradlinig betont. An den hölzernen Terrassentischen nehmen neben Büromenschen auch solche mit Einkaufstüten aus den benachbarten Läden, aber auch Handwerker und jüngere Semester Platz.

Von montags bis freitags werden qualitativ hochwertige Lebensmittel von regionalen Lieferanten mit kochhandwerklichem Können zu jeweils einem fleischhaltigen und einem vegetarischen Mittagsgericht zubereitet, die sich online im Wochenplan voraussehen lassen. Heute gibt es Zitronen-Olivenrisotto mit sautierten Tomaten, Baby-Leafsalat, Biss und Geschmack (für 7,90 Euro): Die intensiven Früchtchen im knalligroten Cocktailkleid schmecken nach was und geben Feuchtigkeit zurück, die schöne, runde Zitronennote nutzt nur die sanften Töne der gelben Südfrucht, und die lila Blattsalate und auberginefarben geäderten Rote-Beete-Blätter sind mit Hobeln vom guten Parmesan geschmückt.

An gehobenen Produkten wird nicht gespart; wir sehen auf dem Nachbartisch einen Salat mit einer beachtlichen Menge Thunfisch, und auch auf den kleinen Beilagensalaten sind Kürbiskerne und Sprossen reich gesät. Die Portion Albondigas (spanische Hackbällchen für 8,90 Euro) ist ebenfalls großzügig und lässt cuminlastig den maurischen Einfluss erschmecken. Als Beilage dienen fleischige Pimientos de Padrón – die unreifen grünen Früchte aus Galicien weisen den für die Sorte typischen unterschiedlichen Schärfegrad der einzelnen Früchte auf und sind in Olivenöl wohlgebraten. Auch die Tomatensauce ist mit elegant dosierter Schärfe ausgestattet sowie fruchtig. Nur bei den Patatas Bravas ist etwas beim Warmhalten schiefgelaufen und die Knusperhülle hart geworden – bestimmt ein Einzelfall, sonst haben die Angestellten hier scheinbar alles im Griff und setzen das eigens entwickelte Ernährungskonzept mit Verve um. Hier werden sogar Kochkurse angeboten, sowohl privat als auch als Firmenevent buchbar. Davon abgesehen sind auf verschiedenen Ebenen im Veranstaltungszentrum Schwanenburg vom großen Saal und Loft über das Restaurant bis zum Gartenpavillon Räume zu mieten. Und für ein bisschen Bewegung in der Mittagspause kann man sich an der Kasse Boulekugeln für ein Spielchen auf dem hauseigenen Boulodrome ausleihen. Empfehlenswert!

Text und Fotos: Anke Wittkopp


Neue Schwanenburg

Stichweh-Leinepark
Zur Schwanenburg 11
30453 Hannover
Tel. (0511) 213 17 01
www.schwanenburg.net

Mittagstisch:
12 – 14 Uhr, geöffnet bis 16 Uhr

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X-tra: Kunststück 2019

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X-tra: Kunststück 2019


Liebe Leserinnen und Leser,

bereits zum vierten Mal versammeln wir in unserem „Kunststück“ wieder viele Ausstellungsräume, Galerien und Projekträume. Zum Einstieg haben wir uns mit Dr. Benedikt Poensgen unterhalten, dem Leiter des Kulturbüros der Landeshauptstadt Hannover: ein aufschlussreiches Gespräch über die Kultur und insbesondere die Kunst. Und ja, wir teilen seinen Eindruck: Sehr viel ist in Sachen Kunst in Hannover positiv in Bewegung geraten in den vergangenen zwei, drei Jahren, die noch recht neue Idee der Projektraumförderung zeigt bereits viele positive Effekte. Ein schönes Beispiel dafür, dass auch kleine und kleinste Förderungen, quasi mit der Gießkanne, durchaus sehr gut funktionieren und einiges in Bewegung setzen können. Natürlich, eine Landeshauptstadt braucht Leuchttürme. Aber eine lebenswerte Stadt braucht eben auch viele kleine Kulturlaternen in der direkten Nachbarschaft. Das sollte man unbedingt fördern!

Wobei man ja in diesen Wahlkampf-Tagen immer mal wieder hört, dass das Geld für die Kunst größtenteils zum Fenster rausgeschmissen sei. Man würde damit doch nur arbeitsscheue Lebenskünstler finanzieren, die um richtige Arbeit einen großen Bogen machen, so eines der gängigen Vorurteile. Mancher würde in Entscheidender-Position in Hannover nur zu gerne den Kulturetat deutlich zusammenstreichen. Was zwar kaum Geld in die Kassen bringen würde, denn der Kulturetat ist vergleichsweise mickrig, aber sehr wohl die oben beschriebenen Ressentiments bedient.

Wollen wir sehr hoffen, dass es nie zu so einer solchen (Fehl-)Besetzung im Rathaus kommt. Denn lebenswert werden unsere Städte auch und vor allem durch die Künste, durch eine reichhaltige und vielschichtige Kultur. Hannover hat in diesem Bereich eine ganze Menge zu bieten – glücklicherweise. Mehr davon, das ist der richtige Weg. Wer hier Kürzungen fordert, der fordert im Grunde ein Zusammenstreichen der Lebensqualität. Kunst und Kultur öffnen Horizonte. Soll heißen, Kunst und Kultur inspirieren, regen den Geist an, fördern neues und kreatives Denken. Egal ob Musik, Theater, Literatur oder Kunst, jede Sparte hat eine Berechtigung und Bedeutung. Wenn man während eines Club-Konzerts beispielsweise einen Gänsehaut-Moment hat oder einem auf einer Vernissage ein Licht aufgeht, weil der Künstler mit seinem Werk sozusagen eine neue Tür öffnet, dann ist in solchen Augenblicken ganz klar, welchen Wert die Künste haben. Wer möchte das missen? Ein besonderer Luxus ist es noch darüber hinaus, solche Momente immer wieder in der direkten Nachbarschaft erleben zu können. Ganz klein und nahbar, in einem Hinterhof, in einer Seitenstraße. Das nennt sich dann Kiezkultur im besten Sinne. Mit ZINNOBER hat man Gelegenheit, viele dieser Seitenstraßen und Hinterhöfe zu erkunden. KünstlerInnen und ihre Kunst auf dem Präsentierteller, eine wunderbare Gelegenheit.

Und vielleicht auch eine gute Gelegenheit, mal den heimischen Wandschmuck zu überdenken. Kunst ist nicht so teuer wie man gemeinhin denkt. Und den Wert sollte man ohnehin ganz unabhängig vom Preis für sich selbst bestimmen. Kunst nur als Spekulationsobjekt zu sammeln, das ist seelenloser Kapitalismus. Kunst als Bereicherung der eigenen vier Wände und damit des eigenen Lebens, das macht richtig Spaß. In diesem Sinne viel Vergnügen mit dieser Ausgabe des Kunststücks.

Einen Überblick über die Kunst und Kultur in Hannover gibt es hier: Kunststueck 2019

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Jörg Smotlacha

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Jörg Smotlacha


Hannover Slam City

Mit vielen Dichterschlachten in verschiedenen Formaten überall in Hannover konnte die Poetry-Slam-Szene unter dem Dach von „Macht Worte!“ die Ohren und Herzen vieler Zuhörer gewinnen. Zusammen mit seinem Kollegen Henning Chadde sorgt Jörg Smotlacha seit Jahren dafür, Hannover ein bisschen poetischer zu machen. Der 49-Jährige ist Pressesprecher des Kulturzentrum Faust und Mitveranstalter sowie Moderator zahlreicher Slams in Hannover. Am 20. und 21. September verwandelt er mit seinem Team vom Büro für Popkultur die Stadt gar in eine Slam City: „Hannover Slam City“ ist ein zweitägiges Poetry-Slam-Festival, das nach der erfolgreichen Open-Air-Premiere im Juli 2018 dieses Jahr im Kulturzentrum Faust in die zweite Runde geht – ein rasanter Querschnitt durch alle Spielarten des Poetry Slam.

Manchmal ist es wichtig, einfach ein paar Machtworte zu sprechen. Das aber zwei Abende lang zu erledigen und dabei auch noch witzig, wortgewandt und poetisch zu sein, klingt nach einem Erlebnis, das wir uns nicht entgehen lassen wollen. Deshalb freuen wir uns, Jörg Smotlacha als Mitveranstalter des Festivals „Hannover Slam City“ ein bisschen über das Projekt und den hannoverschen Poetry Slam im Allgemeinen ausfragen zu können. Wir treffen uns in der Nachmittagssonne auf der Terrasse von Der Nachbarin Café an der Faust. Nebenan in der Warenannahme finden regelmäßig Poetry Slams statt. Die Slams haben in den letzten Jahren im ganzen deutschsprachigen Raum ein breites Publikum für sich erobert und dabei sowohl die Literatur- als auch die Kabarett- und Comedyszene ordentlich durcheinandergewirbelt. Auch hier in Hannover stößt das erfrischende Dichtungs-Format auf immer weiter steigende Begeisterung.

„Die Frage ist, ob es da irgendwann eine Wachstumsgrenze gibt. Das wird in anderen Städten lebhaft diskutiert, wir haben aber bisher noch gar keine Besuchereinbrüche. Im Gegenteil: In der Faust sind wir regelmäßig ausverkauft und drumherum wächst so vieles. Wir haben das Glück, dass wir in Hannover alles zusammengetan haben und unter dem ‚Macht Worte!‘-Dach veranstalten können: in der Nordstadt, in der List und auch in Kleefeld,“ beschreibt Jörg das Slam-Fieber in seinen vollen Ausmaßen.

Auf der Suche nach dem Geheimrezept für diesen Erfolg fragen wir nach den Regeln des Poetry Slams und erfahren, dass sich hinter dem Konzept kein aufwendiges Hexenwerk verbirgt. Die Slammer bringen ihre selbstgeschriebenen Texte mit und tragen sie auf der Bühne vor. Das darf in Hannover nicht länger als sieben Minuten dauern, in anderen Städten sogar nur fünf. Das Publikum bekommt hinterher die Gelegenheit, mit Punktekarten oder durch Applaus abzustimmen, wer die beste Performance aufs Parkett gelegt hat. Die wichtigste Regel dabei lautet: Respect the poet. Jeder darf sich mit seinem Text für einen Slam anmelden und jeder verdient es, gehört zu werden. Für Jörg ist das einer der Gründe, weshalb immer mehr Nachwuchs-PoetInnen ihren Weg zu „Macht Worte!“ finden. „Das Format ist sehr niedrigschwellig – man kann es ja einfach mal ausprobieren. Und es passiert einem auch nichts, denn das Publikum würde nie die Anfänger auspfeifen, man wird eigentlich sehr wohlwollend aufgenommen.“ Gleichzeitig meint Jörg, dass die andauernde Poetry-Slam-Begeisterung noch einen anderen Grund hat: „Das Phänomen hat noch einmal einen Schub bekommen durch die Digitalisierung: Als wir vor 15 Jahren angefangen haben, war es die Ausnahme, dass irgendwer schon ein Buch veröffentlicht hatte oder vielleicht eine Hör-CD. Heute haben alle ihre YouTube-Videos online und schon SchülerInnen gucken sich das ab und gehen dann mit 15 auf die Bühne.“

Mit etwas Talent können sich viele auf diese Art schnell zu richtigen Slam-Profis entwickeln. Als Vollzeitjob sei Poetry Slam zwar eher nicht zu empfehlen, merkt Jörg an, aber Spaß macht die Sache auf jeden Fall – nicht nur, weil immer wieder neue Facetten entdeckt werden. Ob Motto-Slams zu unterschiedlichen Themen, Jazz- und weitere musikalische Slams, Workshops in Schulen, Rap-Slams oder „Literadeln“, eine Fahrradtour mit Poesie und Picknick – die vielen Arten des Formats allein hier in Hannover lassen erkennen, wie man mühelos ein zweitägiges Festival mit Poetry Slam ausfüllen kann.

Das es übrigens nur in Hannover gibt. Zwar kommt die Inspiration für „Hannover Slam City“ vom Hamburger „Slamville“-Festival, das auf dem Dockvillegelände organisiert wird, mehrtägige Wortgefechte aber sind deutschlandweit bislang einmalig. Jörg berichtet, dass die Idee nach der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaft entstanden ist, die 2017 erstmals in Hannover ausgetragen wurde und ein Riesenerfolg war. „Danach haben wir gesagt, irgendwas von diesem Spirit müssen wir behalten. Aber Meisterschaften wechseln jedes Jahr die Stadt. Darum haben wir uns dieses Festival überlegt und es im letzten Jahr dreitägig gemacht. 2019 ist so ein Zwischenjahr, denn im nächsten Jahr haben wir schon wieder Großes vor, weil wir die Niedersächsischen Landesmeisterschaften machen.“

Was Jörg mal so eben als etwas kürzer tretendes „Zwischenjahr“ bezeichnet, bietet aber trotzdem genug, um Poetry-Slam-Fan-Ohren aufhorchen zu lassen: Bei Hannover Slam City werden nicht nur die hannoverschen Stadtmeisterschaften ausgetragen, bei denen die Titelverteidiger Tobias Kunze und Johannes Berger und die besten Slammer aus Stadt und Region mit vielfältigen Texten in einer wahren Wortexplosion gegeneinander antreten, sondern es sind auch viele KünstlerInnen zu hören, die über Hannover hinaus die Zuhörer begeistern. Poetry-Slam-Altmeister Sven Kamin und Poetry-Slam-Champion Jan-Philipp Zymny wechseln sich ab mit  Beatbox-Weltmeister August Klar, Rapper und Bratschist Yunus, Rapperin Thara und Indie-HipHopper Juse Ju. Durch den taktvollen Mix aus Slam-Poeten und Sprach-KünstlerInnen aus dem wortreichen Musikbereich bietet das Programm nicht nur eine bunte Abwechslung, sondern gleichzeitig eine vielfältige Reise in die Welt des Slams. Wir lassen uns das von Jörg genauer auseinandersetzen: „Vom Sprachrhythmus her kommt der Poetry Slam ja aus dem HipHop bzw. hat Einflüsse aus dem Rap,“ – ein Poetry-Slam-Festival mit HipHop-Schwerpunkt ist deshalb nicht nur spannend, sondern auch ganz logisch.

Und wer vielleicht meinen könnte, die Organisation so eines Events sei neben dem Schreib-Job und einer langen Reihe anderer Projekte erst einmal genug, der hat sich eben noch nicht mit Jörg Smotlacha unterhalten. Auch für die nächsten Jahre ist in Bezug auf die Slam-Szene schon jede Menge in Planung. Ein Punkt sei auf jeden Fall, das Festival in den kommenden Jahren als Tradition zu verankern und gerne auch noch ein bisschen weiter wachsen zu lassen, weiht uns Jörg ein. Sowohl das Gelände als auch die Wiese der Faust böten da noch viel Potenzial, und die Slammer-Szene ja sowieso. Deshalb ist, auch vom Festival abgesehen, viel in Planung: „Niedersächsische Meisterschaften gibt es nächstes Jahr auf jeden Fall, da wird es ein paar Vorrunden in der Faust geben und das Finale in der Oper, außerdem wird interessant, was wir drumherum noch alles auf die Beine stellen.“

Viel Arbeit gibt es auch bis dahin: „Ich habe gerade wieder das neue Programmheft gemacht, es sind um die vierzig Veranstaltungen, die jetzt kommen. Aber das zeigt, dass die Leute es sehen wollen,“ sagt Jörg – Hannover scheint Spaß am Poetry Slam zu haben. Und auch Jörg hat seinen Spaß, das sieht man ihm ganz deutlich an: „Es gibt Schlimmeres, als sich schöne Veranstaltungen auszudenken!“, gibt er lachend zu und erzählt uns noch ein bisschen über die weiteren Projekte für dieses und das kommende Jahr.

So gibt es zum Beispiel nach langer Zeit mal wieder einen Preacher-Slam. Wir werden aufgeklärt: Der Preacher-Slam findet in der Jugendkirche zwischen Preachern, also Predigern, und Slammern statt, die sich im Rahmen eines Poetry Slams über Gott und die Welt unterhalten. Glauben oder Nicht-Glauben – das ist hier die Frage und Jörg fügt hinzu, dass der letzte Slam dieser Art ein ganz besonderes Erlebnis war. Bei so einem Thema kann es schon einmal zu verhärteten Fronten kommen, erinnert sich der Slam-Veranstalter: „Das habe ich noch nie erlebt, da hat tatsächlich auch mal ein Jury-Mitglied null Punkte gegeben,“ staunt Jörg trotz seiner langjährigen Erfahrung als Moderator.

Demnächst fängt auch die neue Slam-Reihe „Lesen für Bier“ an. Bei so einem ungewöhnlichen Namen werden wir natürlich hellhörig und erfahren belustigt, was es damit auf sich hat: Bei der feucht-fröhlichen Veranstaltung kann das Publikum eigene Texte mitbringen, die die Slammer auf der Bühne vortragen müssen, ohne sie vorher gesehen zu haben. Der eigentliche Überraschungseffekt aber daran ist; natürlich kann man klassische Gedichte mitbringen, aber ebenso gut geeignet sind Gebrauchsanweisungen für Waschmaschinen, Packungsbeilagen, Zeitungsartikel oder andere derartige literarische Höhepunkte … Wer trotz irrsinniger oder eben völlig dröger Texte die beste Performance des Abends geliefert oder den witzigsten Text mitgebracht hat, bekommt ein Bier.

Abgesehen von neuen Formaten gibt es aber auch noch eine ganze Reihe anderer Highlights für dieses Jahr. „Schön finde ich, dass wir so viele Leute hier einladen können,“ strahlt Jörg und deutet damit an, dass wir uns weiterhin auf viele verschiedene WortkünstlerInnen in Hannover freuen dürfen. Im November kommt zum Beispiel Jean-Philippe Kindler in die Warenannahme, der aktuell deutschsprachiger Meister ist. Das Programm scheint also weit davon entfernt, langweilig zu werden und alle Fans können sich auf weitere Jahre voller inspirierender Wortspielerei gefasst machen. Das „Macht Worte!“-Team um Jörg Smotlacha sorgt mit vielen Veranstaltungen und der Slam City für ein wortgewandtes Hannover und denkt voller Motivation in die Zukunft – 2025 auch gerne Richtung Kulturhauptstadt, um in diesem Sinne Poetry Slam im Stadtbild weiter zu verankern. „Das haben wir schon ganz gut geschafft, glaube ich,“ schließt Jörg bescheiden. Da können wir ihm nur voll und ganz zustimmen!

Interview: Lisbeth Leupold und Anke Wittkopp

Hannover Slam City
Kulturzentrum Faust, 60er-Jahre-Halle, Festival-Ticket 30 Euro, VVK 25 Euro,
www.hannover-slam-city.de, www.macht-worte.com

Fr, 20. September ab 19.30 Uhr:
mit Jan-Philipp Zymny, Yunus, August Klar und den Stadtmeisterschaften 2019, Eintritt 15 Euro, VVK 12 Euro

Sa, 21. September ab 17.30 Uhr:
mit Juse Ju, Thara, Sven Kamin und den Stadtmeisterschaften 2019, Eintritt 23 Euro, VVK 18 Euro

 

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Kurz nachgefragt:

Warum ist das Format des Slams so beliebt?
Es ist kurzweilig, passt in die Zeit, es ist niedrigschwellig; wirklich jeder kann mitmachen.

Dichtest/schreibst du selbst?
Keine Slam-Texte sondern nur für meine Band, in der ich singe. Davon ab habe ich ja das Schreiben zu meinem Beruf und mich damit selbstständig gemacht.

Immer im Moderatoren-Gespann? Warum?
Das ist nicht zwingend, aber macht mehr Spaß. Es geht ja auch um den ganzen Abend, den Aufbau, die Moderation, das Backstage-mit-den-SlammerInnen-Sitzen u.s.w.

Wie bereitest du dich auf die Moderation vor?
Es wäre furchtbar, wenn ich die Texte kennen würde! Ich lasse mich ja auch gerne überraschen. Von daher bereite ich mich nicht speziell vor, sondern lasse mich im Fall der Fälle auch vom Thema inspirieren.
Was sind No-go-Themen? Klar, Rassismus, Sexismus und Diskriminierung jeder Art würden wir sofort unterbinden. Meistens ist das Publikum schon sehr sensibel, wenn irgendwas daneben ist.

Deine größte Panne als Moderator?
Oder was kann schiefgehen? Letztes Jahr mussten wir bei Hannover Slam City mehrere hundert Menschen in die 60er-Jahre-Halle evakuieren, weil plötzlich der totale Sturm und Regen losbrach. Da wurden dann aus Sicherheitsgründen bei den Stadtmeisterschaften die punktgleichen Tobias Kunze und Johannes Berger zum Doppelsieger erklärt. Das Tanzen in den Pfützen war zwar cool, aber die Gitarren durften keinen Regen abbekommen und du selbst keinen Stromschlag und so…

Liest du noch oder hörst du schon – Buch oder Hörbuch?
Ich lese sehr viel und sehr gerne noch analoge Bücher. Was ich lese ist querbeet; gerne lateinamerikanische Literatur.

Auf wen oder was freust du dich bei Slam City 2019 persönlich am meisten?
Einen der besten Slammer ist als Headliner am Freitagabend dabei; Jan Philipp Zymny, der schon zweimal deutschsprachiger Meister geworden ist und hier auch regelmäßig ausverkauft ist. Ich freue mich auch sehr auf die Stadtmeisterschaften und den Publikumserfolg aus dem letzten Jahr – Sven Kamin. Der hat so dermaßen die Halle gerockt, dass wir ihn unbedingt wieder einladen wollten.

 

 

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Escape

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Escape


Man nehme Drums, E-Gitarren, Gesang sowie elektronische Einflüsse und schmeiße alles zusammen in einen großen Topf. Drei Jahre köcheln lassen, dabei immer wieder gut umrühren. Was dabei herauskommt, präsentiert Escape nun geneigten Ohren. Einst gestartet als vielseitiges Soundexperiment, entwickelte die Band eine klare Linie. Escape spielte im vergangenen Juni bei der Fête de la Musique auf der Steintorbühne, im Juli wurde dann die neue EP „Remedy“ im Open Space des PLATZprojekt vorgestellt. Um ihre neue Musik auf eine CD pressen zu können, haben sie im Anschluss eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Und das sehr erfolgreich. Das Ziel war schon gut eine Woche vor dem Ende der Aktion erreicht. Escape kommt offensichtlich an!

„Escape steht für ein Gefühl von Freiheit und Euphorie, stets mit dem Blick Richtung Sonnenuntergang und immer mit der Gewissheit, dass nichts unerreichbar ist,“ so beschreibt sich die Band, die ihren ersten Live-Auftritt auf dem Fährmannsfest 2018 feierte. Hinter dieser Aussage stehen Musiker, die sich nicht in ein festes Genre eingliedern lassen möchten.

Escape ist ein Zusammenschluss von alten Freunden. „Wir beide, Silas und ich, sind Brüder. Mit unserem Sänger Jan haben wir früher im Chor zusammen gesungen, daher kannten wir uns. Und unseren Gitarristen Paul haben wir auf einer WG-Party über einen Freund kennengelernt,“ gibt Jonas einen kurzen Überblick.

Im „normalen“ Leben sind sie Mediendesigner, Student, Krankenpfleger – und wollten es zunächst ein bisschen krachen lassen. Geplant war eine Rockband, doch dann kam irgendwann Jan mit seinem Laptop zur Probe. Der Sänger ist selbst Musikproduzent und hat die anderen schließlich von seinem Faible für elektronische Klänge überzeugt. Daraufhin haben die vier einen Schlachtplan entworfen, wie neben richtigen Instrumenten auch synthetische Sounds eingebracht werden können.

Bei der Namensgebung folgten sie einer spontanen Eingebung. Escape – Flucht, aus dem Alltag, das passte. Insgesamt spielt das Bauchgefühl immer eine große Rolle. Die englische Sprache, ein Gefühlsding. Die Texte, ein Gefühlsding. Escape ist es darum wichtig, dass nicht alles nur auf die Texte im Wortsinn reduziert wird. Es geht auch um die Gefühle im Hintergrund. Die Texte drehen sich um eigene Erfahrungen, aber auch um Imaginiertes, um Situationen, die bloße Vorstellung sind. Und manchmal geht es um diesen einen Augenblick. Zum Beispiel das Gefühl, wenn man in den Sonnenuntergang schaut („Sommer Sunset“).

Wo die Jungs hinwollen, wissen sie schon ganz genau. Ziel sind die Headliner-Slots auf allen großen Festivals in Deutschland und eine schöne Tour. „Eine riesige Tour natürlich, eine Europa-Tour,“ so Silas. Auf den Weg haben sie sich längst gemacht, beim Sixpack Bandcontest 2018 erspielten sie den 2. Platz, und weiter geht es mit dem Semifinale des Bandwettbewerbs Local Heroes jetzt im September im Musikzentrum. Ist Escape dort erfolgreich, folgt das Bundesfinale am 26.10. (ebenfalls im Musikzentrum). Und dann sind die Headliner-Slots bestimmt auch nicht mehr fern.

Text: Theresa Steffens

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Sweet Shabby

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Sweet Shabby


Foto: Sebastian Blume FotografieSeit etwa einem Jahr gibt es das Sweet Shabby an der Sallstraße in der Südstadt – „Café, Kultur und Lifestyle“ ist über dem Eingang zu lesen. Dazu eine Zeichnung zweier Kaffeebohnen, denn mit dem Geschmack von Kaffee hat ursprünglich alles angefangen: „Mir hat nirgendwo der Kaffee geschmeckt,“ schmunzelt Besitzerin Seray Ciytak. Um dieses Qualitätsproblem zu lösen, wählt die studierte Betriebswirtin den einzig möglichen Weg – sie eröffnet selbst ein Café. Darin kombiniert sie jetzt alle Dinge, die ihr am Herzen liegen: Guten Kaffee und leckere Kuchen, die Lust am Reisen, regionale, biologische Küche und eine atmosphärische Inneneinrichtung. Und die ist in ihrem attraktiven „Shabby-Chic“ nicht nur außerordentlich sweet, die kann man auch kaufen!

Besucher des Sweet Shabbys können neben wirklich gutem Kaffee verschiedenste Salate, Acai Bowls und originell belegte Stullen, hausgemachte Waffeln und wechselnde Kuchensorten genießen. „Ich habe kein Bio-Zertifikat, aber ich versuche, ausschließlich Bio-Produkte zu verwenden und bleibe für meine Kunden transparent,“ betont die ungemein sympathische Kaffeehaus-Chefin. Was sie nicht selbst voller Leidenschaft herstellen kann, versucht sie von regionalen Anbietern zu bekommen. Ihre Bio-Espresso-Bohne und den Bio-Schümli-Kaffee bezieht sie von der Kaffeemanufaktur Hannover. Zusätzlich zu Serays Kuchen aus Dinkelmehl (wie etwa ihr sagenhafter Carrot Cake) kommen drei wechselnde Kreationen von der Schlossküche Herrenhausen. Alles regional. Und darüber hinaus strebt Seray an, das Café langfristig komplett plastikfrei führen zu können.

Foto: Michael Siebert FotografieSo regional die Küche im Sweet Shabby ist, so international ist die Einrichtung. Auf der Suche nach schönen Möbeln und Deko-Artikeln reist die Frau mit dem Händchen für stilvolle Inneneinrichtung in die Showrooms nach Stockholm, Amsterdam, Helsinki und in andere Städte. Dort sucht sie aber nicht nur die Möbelstücke für ihr Café aus: fast alles vom Interieur und den Wohnaccessoires können die Gäste bei Gefallen mit nach Hause nehmen. Angefangen hat der erklärte Shabby-Chic-Fan Seray mit der holländischen Firma Riviera Maison, ab September kommen nun verspielte skandinavische Marken hinzu. Das helle, freundliche Café ist voller schöner Deko-Stücke und trotzdem mit einer klaren Linie weit davon entfernt, mit Kitsch vollgestopft zu sein. Stattdessen können Besucher sich in der etwas höher gelegenen Deko-Etage inspirieren lassen – und die Inspiration dann gleich mit nach Hause nehmen: Vasen, Zuckerdosen, Kissen, Stühle, Tische, Lampen und vieles mehr, sogar die gerahmte Tapete ist käuflich zu erwerben. „Ich könnte mir auch vorstellen, Produkte von jungen DesignerInnen und KünstlerInnen aus Hannover mit ins Sortiment aufzunehmen,“ meint Seray.

Foto: Michael Siebert FotografieBei einer Tasse Kaffee auf dem zukünftigen Sofa Probesitzen zu können, ist ein Erlebnis, das das Sweet Shabby ganz besonders macht. Was verkauft wird, ersetzt Seray durch neue Artikel. Und während sich das Café dadurch ständig verändert, hat sich mittlerweile bereits eine kleine Stammkundschaft gebildet: Ob Kinder unter den Tischen spielen oder ältere Herren ihre Zeitung lesen – Seray liebt den Umgang mit den Gästen und nimmt sich Zeit, nach dem Wohlbefinden zu fragen und eine persönliche Atmosphäre zu schaffen, sei es mit den Kunden oder untereinander im Team.

Neben dem üblichen Tagesbetrieb sind das Café und die Terrasse für Abendveranstaltungen geöffnet. So kann man sich zum Beispiel Gesundheits-Vorträge anhören (die Termine finden sich online), Junggesellinnen-Abschied feiern oder zum Geburtstagsbrunch einladen. Auch Business- oder After-Work-Meetings mit bis zu 30 Leuten werden im Sweet Shabby abgehalten. Bei Finger Food oder Gebäck können die Abteilungen in entspannter Atmosphäre zusammensitzen und wer weiß – vielleicht lässt sich der Chef ja auf diesem Wege noch zu einer Renovierung der Büroräume überreden …

Text: Lisbeth Leupold
Foto Seray: Sebastian Blume Fotografie
Fotos Laden: Michael Siebert Fotografie

Sallstr. 53
30171 Hannover
(0511) 450 390 30
sweet-shabby.de

Öffnungszeiten:
Di – So 10-18 Uhr

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