Tag Archive | "2021-09"

Radkontakt Mobil

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Radkontakt Mobil


Fahrradreparaturen vor Ort, und das klimaneutral und fachmännisch: Ralph Bastian hat einen mobilen Reparaturservice ins Leben gerufen und macht liegengebliebene Drahtesel schnell wieder flott. Mit seinem Lastenrad kommt der „Fahrrad-Doktor“ zum fahruntüchtigen „Patienten“, sei es auf den heimischen Hinterhof, zur Arbeitsstelle oder zum Abstellort. Wechsel von Schlauch, Reifen und Bremsbelägen, Einstellen von Schaltungen, Brems- und Schaltzügen sowie Inspektionen werden direkt erledigt – ohne dass man das lädierte Bike erst irgendwie zur Werkstatt (und dort einen Termin!) bekommen muss.  

Fahrradfahren ist für ihn Lebensqualität, bemerkt Ralph gleich zu Beginn unseres Gesprächs, das sich auf einem Lindener Hinterhof beim Einsatz am „offenen Schlauch“ entwickelt. Nach meinem Anruf hat er mir umgehend einen Terminvorschlag für den nächsten Tag per WhatsApp geschickt, nun verbinden wir den Reparaturvorgang mit einem netten Kaffeeplausch zu seiner Serviceidee. Falls der erfahrene Fahrradmechaniker einmal nicht „übersetzen“ kann, was der telefonischen Beschreibung nach das Problem ist, oder der Kunde etwa nicht weiß, welches Schaltsystem oder welche Reifengröße sein Radmodell hat, kann man über diverse Messenger ein Foto an ihn schicken und die Diagnose erleichtern. Schläuche hat die „Lastenrad-Ambulanz“ immer geladen, auch Reifen und ein Stativ, an der der lahmende Drahtesel aufgehängt und „operiert“ werden kann. Kompliziertere Eingriffe und Ersatzteile wie Schaltwerke oder ähnliches kann man mit Ralph absprechen, der das Benötigte dann besorgt.
Während er den Reifen des Klapprades richtet, kommen wir auf die Motivation für Ralphs Selbstständigkeit zu sprechen. „Bis 2018 habe ich einen Fahrradladen in Linden gehabt, da kam die Situation, dass ich wieder von vorne hätte anfangen müssen, Leute auszubilden, und oft alleine im Laden stand. Wenn man aber Fragen beantwortet, Fahrräder annimmt, Zubehör und Räder verkauft, kommt man nicht mehr dazu, wirklich Fahrräder zu reparieren, so dass am Ende alle unzufrieden waren. Es stellte sich die Frage – so weitermachen oder was ändern im Leben?“ Nach einer Phase der Besinnung kehrte er zu einer Idee zurück, die ihm schon länger im Hinterkopf herumschwirrte: Warum gibt es eigentlich keine motorenfreie Pannenhilfe für Fahrradfahrer? „In Hamburg und Berlin fahren dafür Menschen den ganzen Tag mit dem Auto herum, das kann ich beim besten Willen nicht verstehen. Auch wenn die Entfernungen in Hannover natürlich geringer sind, liegt doch der Sinn gerade darin, den Zweiradservice klimaneutral zu halten. Seit 23 Jahren habe ich kein Auto mehr, und das aus Überzeugung, da wäre es doch geradezu schwachsinnig, jetzt mit dem Wagen zu einem Fahrrad zu fahren, um es mobil zu halten. Gerade in der heutigen Zeit mit dem Klimawandel und der entsprechend nötigen Verkehrswende.“
Zum Umsetzen der Idee musste Ralph noch bei der Handwerkskammer eine Fertigkeitsprüfung ablegen und sich selbstständig machen. Auch wenn ihm alle Welt verklickern wollte, das ginge doch gar nicht, legte er mit dem Lastenfahrrad als Fahrradambulanz los – und: „Es geht seit einem Jahr sehr wohl und sehr gut! Im Laden kannst du dein Rad oft nicht einmal abgeben, weil es zu voll ist, und das Team hat dann erstens das ,Problem der 30 Räder‘, die man morgens rausschieben muss, und zweitens den Stress, nicht zeitnah hinterherzukommen. Die Leute auf der anderen Seite wollen ihr Fahrrad ja nicht aus Prinzip schnell wieder einsatzbereit haben, sondern weil sie darauf angewiesen sind. Und wenn sie denn schon lieber Fahrrad fahren als Auto, finde ich das ja gut und will das gerne unterstützen“, macht der Schrauber die Grundidee noch deutlicher.
Das überaus Praktische an seinem Service ist, dass man selbst weder Umwege noch Zeitverluste hat: Steht das fahruntüchtige Rad auf dem heimischen Hof, kann man selbst im Home Office weitermachen, während Ralph zur Tat schreitet; macht das Radel auf dem Weg zur Arbeit oder unterwegs schlapp, braucht er nur die Koordinaten und den Schlüssel. Beim Gangschaltungs-Check am zweiten „drahtigen Pflegefall“ betont er auch die zwischenmenschlichen Vorteile des Ganzen: „So hat man jetzt eine 1-zu-1-Begegnung, die Kunden können dabei sein, wenn sie wollen, man kann mehr erklären. Das macht Laune und außerdem fühlen sich die Kunden besser aufgehoben und lernen noch was über ihr Fahrrad.“ Wenn er mehrere Termine in der List oder in der Südstadt hat, wo die Ladenbesitzer unbeschwert weiterarbeiten oder die Mütter mit ihren Kindern auf dem Spielplatz herumtollen können, während er ihre Fahrräder wieder fit macht, sparen sich alle Beteiligten den Termindruck.
Natürlich lohnt es sich für Ralph nicht, von dort aus für einen Schlauchwechsel noch nach Garbsen zu fahren – in dem Fall könnte die Kundin aber gut die Nachbarinnen fragen und einen Sammeltermin für mehrere „Fahrradpatienten“ in den nächsten Tagen ausmachen. Auch die Komplett-Inspektion (für 60 Euro plus Ersatzteile) führt Ralph ganzjährig durch, wenn es einen (im Winter warmen und trockenen) Ort zum Arbeiten gibt. Klassiker wie die abgesprungene Kette oder der Platten auf dem Weg zur Arbeit kann er meist noch am selben Tag beheben (der Schlauchwechsel am Hinterrad inklusive Schwalbe-Schlauch kostet 24,90 Euro), die Bremse stellt er für 9,50 Euro und die Kettenschaltung für 18 Euro ein. Fachfragen hört sich der Radkontakt-Mobil-Mann gerne an und beantwortet sie so freundlich wie geduldig – ein netter Kaffeeschnack mit dem entspannten Fahrrad-Doc als informative Pause für beide Seiten sei hiermit wärmstens empfohlen.        ● Anke Wittkopp

Ralph Bastian, Tel. 01788223553
– whats app, telegram, signal – www.radkontaktmobile.de
Einsatzzeiten: Mo – Sa von 9 – 19 Uhr

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Orientierung ist machbar


Liebe Leserinnen, Liebe Leser,
Um einen Kompass sollte es in dieser Ausgabe gehen. Um Orientierung. Um die große Frage, ob nicht sowieso alle irgendwie das gleiche wollen und es darum eigentlich auch egal ist, wen man wählt oder ob man überhaupt wählt. Ich bin davon überzeugt, dass es insbesondere bei der Bundestagswahl am 26. September um sehr viel geht.
Momentan ist es wichtiger denn je, sich zu orientieren, sich eine Meinung zu bilden, und dann entsprechend wählen zu gehen. Für mich stellen sich gerade sehr viele, sehr große Fragen. Und ich denke, bei all diesen Fragen ist eine Frage ganz zentral: Welche Partei hilft möglichst vielen, vielleicht allen möglichst nachhaltig? Wäre es nicht ziemlich klug, wenn sich alle Wählerinnen und Wähler diese Frage in der Wahlkabine vorlegen? Hilft mein Kreuz meinem Bankkonto oder hilft mein Kreuz den nachfolgenden Generationen? Rettet mein Kreuz eine Branche, die möglicherweise längst ausgedient haben müsste, oder befördert mein Kreuz neue Innovationen? Zementiert mein Kreuz gesellschaftliche Ungerechtigkeiten oder sorgt man Kreuz für mehr Gemeinsinn und Gerechtigkeit? Hilft mein Kreuz der Umwelt oder hat das alles noch ein bisschen Zeit? Und so weiter … Es geht um was. Es geht um viel. Darum gehe ich am 12. und 26. wählen.
Noch kurz ein Wort zu einem ganz anderen Thema. Dieser Ausgabe liegt unsere 32-seitige Broschüre „Kunststück“ bei. Wir haben darin wieder einige spannende Kunstorte versammelt. Wer sich darüber hinaus für Kunst interessiert und vielleicht sogar Lust hat, die Szene in Hannover zu erkunden, dem bietet sich am 4. und 5. September wieder Gelegenheit. ZINNOBER sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen! 72 Kunstorte öffnen ihre Türen …

Viel Spaß damit und mit dieser Ausgabe!

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Am Küchentisch  mit der Oper –  Zu Hause bei Giovanni Visone, Staatsballett Hannover

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Am Küchentisch mit der Oper – Zu Hause bei Giovanni Visone, Staatsballett Hannover


Der Italiener Giovanni Visone, 26 Jahre, ist Tänzer an der Oper in Hannover. Seit 2015 ist er in Deutschland und war zunächst ein Jahr lang in Mainz Mitglied der Delattre Dance Company, einer privaten Company. Wir haben Giovanni in seiner Küche in Linden getroffen und auf Englisch über sein Leben in Hannover, Authentizität und Entwicklungsmöglichkeiten im Tanz und seine Zukunftspläne gesprochen …
Wie hat es dich nach Deutschland und speziell nach Hannover verschlagen?

Für Tänzer gibt es in der Gegend in der Nähe von Neapel, woher ich komme, nicht sehr viele Möglichkeiten. Außerdem wollte ich auch etwas Neues ausprobieren, aus meiner Heimatstadt herauskommen – in Italien oder noch weiter raus, ins Ausland. Also war es ein bisschen, weil ich musste, und ein bisschen, weil ich wollte. Ich habe an die 15-mal Vortanzen gehabt, fast immer in Deutschland, dann bot mir die Company in Mainz eine Stelle an. Das war ein guter Ort, um von dort zu starten, denn Wiesbaden, Frankfurt u.s.w. – und damit andere Companys – sind in der Nähe. Ich konnte mich gut umschauen, ein paar Tanzstunden nehmen und herausfinden, in welche Richtung ich gehen wollte, sowohl geografisch als auch tänzerisch. Ich hatte mich zuvor schon in Hannover beworben, und als die Saison zu Ende war, bot mir das Staatsballett Hannover eine Stelle an, das war der perfekte Moment. Ich hatte mich nämlich in diesem ersten Jahr als professioneller Tänzer verletzt, so dass ich die Bewerbungsphase nicht machen konnte, deshalb war es doppeltes Glück, dass ich last minute dieses Angebot bekam. Hier arbeitete ich dann unter Jörg Mannes für drei Jahre, bis der Direktor wechselte und Marco Goecke kam. Das ist jetzt meine fünfte Saison in Hannover.

Ein paar Küchenfragen: Teilst du deine Küche mit jemandem oder wohnst du allein?
Jetzt allein, und auch ganz gerne. In Mainz waren wir vier Italiener in einer WG. Als ich 15 war, zog ich mit meiner älteren Schwester nach Florenz. Für Tänzer ist das ziemlich normal, manche gehen schon mit 8 oder 9 Jahren in große Tanzschulen.  Aber meine Eltern wollten nicht, dass ich alleine irgendwo hinziehe und meine Schwester wollte an eine Schule für Digitales Zeichnen nach Florenz, also schlug ich vor, dass ich mit ihr gehe. Das Balletto di Toscana nahm mich dann auch auf und einen Monat später zogen ich, meine Schwester und mein Bruder aus, alle auf einmal, das war ganz schön viel für meine Eltern. Und mit der Zeit habe ich meine Eltern ebenfalls sehr vermisst. Das wäre auch etwas, was ich in meinem Leben gerne ändern würde, wenn ich könnte, eines der ganz wenigen Dinge, nämlich näher bei der Familie zu leben. Wir können uns nur zweimal im Jahr sehen, und letztes Jahr an Weihnachten noch nicht einmal das, es war ein Desaster. Je älter du wirst, desto älter werden sie ja auch, und in Zeiten wie diesen macht man sich natürlich Sorgen, wenn man sich nicht sehen kann, das ist sehr schwer. Ich rede jeden Abend mit meiner Mutter, denn ich bin als Italiener wirklich verbunden mit meiner Familie. Da meine Mutter jetzt auch in Rente ist, wie mein Vater, können die beiden vielleicht mal nach Hannover kommen und mein Leben hier kennenlernen.

Was magst du an deiner Nachbarschaft? Lass mich raten – die Ruhe?
Manchmal ist es wirklich ziemlich laut, aber ich wohne ja nicht direkt an der Limmerstraße, also geht es. Es ist nett: Du gehst raus und da ist gleich der Fluss und das Leben, und es ist nicht alles tot wie in anderen Vierteln, wo nach sieben Uhr niemand mehr draußen ist. Die Leute sind ein bisschen relaxter, das mag ich. Ich fühle mich wohl hier.

Kommen wir mal zu deiner Arbeit. Wie würdest du deine fünf Jahre hier am Staatsballett Hannover beurteilen – konntest du dich als Tänzer weiterentwickeln, oder „lieferst“ du bloß gute Arbeit ab?
Natürlich lernt man immer etwas dazu, egal, wo man ist. Ich denke aber, ich bin hier sehr an der Arbeit gewachsen, vor allem, seit der Direktor gewechselt hat. Seit Marco da ist, gab es für mich noch mehr Möglichkeiten, mich zu entwickeln, da wir viele verschiedene Dinge machen und man so ständig gezwungen ist, sich in neue Situationen, neue Styles hineinzuversetzen, was viel dabei hilft, sich als Tänzer zu entwickeln. Und man hat das Gefühl, dass man ebenso nimmt wie man gibt, es kommt etwas zu einem zurück von dem, was man macht.

Das ist ein gutes Stichwort – lass uns über „Der Liebhaber“ sprechen, die erste abendfüllende Uraufführung von Marco Goecke in Hannover, die du mitgetanzt hast. Die Proben begannen ein ganzes Jahr zuvor und wurden dann wegen der Corona-Verordnungen eingestellt, ihr konntet irgendwann mit drei Negativ-Tests die Woche wieder starten. War es für dich leicht, dort wieder einzusteigen und anzuknüpfen, wo ihr aus dem Prozess gerissen worden wart?
Das war ein bisschen verrückt. Wir waren ja noch ein ganz neues Ensemble, sodass wir alle etwas Zeit brauchten, uns aufeinander einzuspielen. Und dabei unterbrochen wurden, was nicht besonders hilfreich war. Als wir den Prozess stoppen mussten, hatte ich aber noch nicht angefangen, mit Marco meinen Part zu kreieren. Darum war es für mich nicht ganz so schwer, weil ich eher wieder beginnen konnte wie bei einem ganz neuen Stück. Bei einer Uraufführung sind es rund vier oder sechs Wochen, in denen man täglich arbeitet, dann kommen die Premiere, die Aufführungen und so weiter. Als wir wieder anfangen durften zu proben, mussten wir strikte Sicherheitsregeln beachten, aber es war trotzdem schön, weil wir so lange auf die Uraufführung mit Marco gewartet hatten und einfach happy waren, jetzt endlich mit ihm zu arbeiten. Für mich war es ziemlich außergewöhnlich und emotional, es war eine ganz besondere Erfahrung – mit Marco und auch die Rolle, die ich tanzte.

Das Stück hatte dann zunächst Online-Premiere im Februar – hast du die dann zu Hause geschaut und die „zweite“ Premiere auf der Bühne wurde später gefühlt zur „richtigen“ Premiere?
Das ist schon ein komisches Gefühl mit so einer Online-Premiere, das Publikum fehlt einfach. Aber du weißt gleichzeitig, dass Menschen auf der ganzen Welt zugucken. Das war für mich das einzige super-nette Ding an der ganzen Sache; dass meine Eltern den Stream gucken konnten. Und dass überhaupt Menschen, die nicht kommen können, trotzdem dabei sein können. Trotzdem vermisst man das Gefühl, das man hat, wenn es ein Livepublikum gibt. Wir erfuhren dann auch erst eine oder zwei Wochen vorher, wann wir die Premiere auf der Bühne haben würden, das war sehr kurzfristig. Und es durften natürlich auch nicht so viele Menschen im Saal sein. Aber es war trotzdem schön, wieder vor „echtem“ Publikum zu stehen, besonders am Ende beim Verbeugen und dem Applaus, da fühlte man wieder so etwas wie Normalität.

Du hast in dem Stück den jüngeren Bruder der Hauptrolle, des Mädchens, getanzt – namenlos, in bloßer Funktion als „kleiner Bruder“. Du bist ja selbst ein jüngerer Bruder, hat das etwas bewirkt in Bezug auf die Rolle?
Es sind schon zwei total unterschiedliche Geschichten – der jüngere Bruder aus dem Stück ist eine sehr fragile, zerbrechliche Person, und er stirbt sehr früh. Die Familie ist sehr speziell; der ältere Bruder ist gewalttätig und die Mutter ist verrückt. Da konnte ich aus meiner Familie nichts herleiten (lacht). Und um ehrlich zu sein: Ich habe beim Tanzen nicht so sehr darüber nachgedacht, der kleine Bruder zu sein, sondern mehr versucht, das auszudrücken, was er fühlt.
Und woher nimmst du die tänzerische Reaktion auf Situationen – wie hier die häusliche Gewalt –, die du noch nie selbst erlebt hast?
Ich mag es nicht, auf der Bühne ein Fake zu sein. Und auch, wenn ich jetzt nicht diese Art von Gewalt, beispielsweise in der Familie, erfahren habe, hat ja jeder schon andere Arten von Gewalt erlebt und kennt das Gefühl, das man dabei hat. Damit versuche ich mich zu verbinden – und wenn ich keine exakt gleiche oder sehr ähnliche Situation kenne, versuche ich, mir vorzustellen, wie eine Person in dem Moment fühlen würde. Anstatt einfach nur das entsprechende Gesicht aufzusetzen oder die dazugehörige Geste zu vollziehen, versuche ich, das Gefühl zu fühlen und es aufrichtig mit der Körpersprache auszudrücken. Ich habe das Buch von Marguerite Duras, das dem Stück zugrunde liegt, zwar gelesen, aber es ist nicht so, dass man Wörter liest und dann direkt in Körpersprache übersetzen kann. Für mich ist der Schlüssel die Ehrlichkeit: Wenn du ehrlich und echt bist, glauben dir die Menschen – so auch dem, was du tanzt. Man sieht einfach, wenn jemand authentisch ist und auch selbst das fühlt und daran glaubt, was er von sich gibt.

Wenn ich das richtig verstanden habe, setzt sich die Liebe zwischen dem englischen Mädchen und ihrem älteren, chinesischen Liebhaber über Unterschiede wie Herkunft, Status, Alter hinweg und ist gerade deshalb so sehr Ausdruck von purer Leidenschaft. Du bist selbst in ein fremdes Land gezogen – fiel es dir leicht, dich in Beziehungsfragen über solche Gegensätze hinwegzusetzen?
In unserem Job als Tänzer ist es ziemlich einfach, keine Unterschiede zu sehen, weil es normal ist, dass alle aus verschiedenen Ländern kommen. Dafür ist es für uns – oder zumindest für mich – schwierig, Menschen kennenzulernen, die nicht aus dieser „Welt“ stammen: Wir leben ein sehr intensives Leben und sind praktisch immer zusammen, da trifft man kaum jemand anderen. Manchmal würde ich mir das wünschen, aus dem Theater zu treten und Leute kennenzulernen, die rein gar nichts übers Tanzen wissen, damit man nicht nach der Arbeit immer weiter über Tanz und Arbeit redet. Wegen Corona war es jetzt aber noch schwieriger, einfach rauszugehen und neuen Leuten zu begegnen. In der Company sprechen wir außerdem die ganze Zeit Englisch, und dann sind da auch viele Italiener, also spreche ich viel Italienisch … Das hilft kein bisschen beim Deutschlernen (lacht).

Wenn ihr aus der Sommerpause zurückkommt, probt ihr für „Toda“ von Nadav Zelner, ein Stück für ein Publikum ab 10 Jahren, in dem du die Hauptrolle spielst. Tanzt du da anders als bei dem „Liebhaber“?
„Toda“ ist grundsätzlich eine Fantasie, bei der eine Figur  auf diese Reise geht, auf der sie eine Gruppe von Göttern trifft – den Gott der Liebe, den Gott des Lichts und viele mehr. Und jeder von ihnen hat ihr etwas Besonderes zu geben oder sie zu lehren. Am Ende der Reise erkennen wir, Awareness ist der Schlüssel zum Leben: Jeder hat etwas ganz Besonderes in sich, etwas Magisches – und diese Magie sehen wir auf der Reise und sagen „Danke“ dafür – denn das bedeutet „Toda“ auf Deutsch. Mit Nadav zu arbeiten ist komplett anders als mit Marco: Wir nutzen in erster Linie Gesichtsausdrücke, was ich ehrlich gesagt noch gar nicht gewohnt war, manchmal fühle ich mich ein bisschen wie im Comic mit der überdeutlichen Mimik (macht ein übertrieben erschrockenes Gesicht, indem er die Augen weit aufreißt, den Mund zu einem erstaunten O formt und die Hände an die Wangen legt). Auch die Körpersprache ist gleichzeitig weich und akkurat und kraftvoll, nochmal ganz anders als alles, was ich vorher gemacht habe. Eine tolle Herausforderung, die mir hilft, als Tänzer noch ein Stück erwachsener zu werden. Dass Nadav sich für mich entscheiden würde, hatte ich ehrlich gesagt überhaupt nicht erwartet. Von den Bewegungen her war ich gefühlt schon nah dran, aber von der Mimik wusste ich nicht, ob das passen würde. Und so ist es jetzt noch cooler, sich die Aufnahmen von den Proben anzusehen und festzustellen, wo man angefangen hat und wie weit man sich während des Prozesses schon entwickelt hat.

Während des Aufführungsverbots hast du für „All you can dance“ selber choreografiert. War das das erste Mal? Und wie war es, das eigene Stück online zu sehen?
Ich mache das schon seit ein paar Jahren und weiß es noch nicht mit Bestimmtheit, aber vielleicht ist das auch die Richtung, in die es bei mir in Zukunft geht. Als Tänzer kann man nicht „für immer“ arbeiten, also muss man schon eine Idee haben, was man danach machen möchte. Es ist auf jeden Fall etwas, was ich sehr mag, schon im alten Ensemble, als ich bei „Young Choreographers“ teilgenommen habe. Dieses Mal war es anders, weil wir es als Video produziert haben, wo es ganz andere, interessante Möglichkeiten gibt, als wenn du es als Performance für die Bühne kreierst. Alleine durch den Schnitt und Montagetechniken und auch durch die Close-ups ist man viel näher dran, als wenn du vom Zuschauerraum aus das Gesamtgeschehen auf der Bühne siehst. Das genieße ich sehr, das alles auszuschöpfen, und ich werde bestimmt noch mehr in der Richtung machen. Ich würde gerne meine „eigene“ Körpersprache entwickeln, die meinen Stil ausdrückt. Viele junge Chroreografen machen dann extra-extreme oder wilde Sachen, um herauszustechen und aufzufallen. Aber daran glaube ich nicht – etwas nur tun, weil es anders ist und dabei nicht echt sein, das ist nichts für mich.

Kannst du – auch wenn du es erst in Wörter und dann noch auf Englisch übersetzen musst – beschreiben, was „dein Ding“ beim Tanzen ist?
Wir haben alle unsere Persönlichkeit, und was ich mache, ist, dass ich meine Persönlichkeit als Tänzer reproduziere. Du hast den aktiven Typ, der immer ganz schnelle Bewegungen macht, du hast den soften Typen, der eher gefühlvoll rüberkommt. Aber wenn ich einfach Giovanni bin, dann bin ich ja nicht nur das eine oder das andere, sondern dann macht mich das alles zusammen aus. Außerdem verändere ich mich ja von Jahr zu Jahr, indem ich dazulerne an Ideen und Choreografien und Körpersprachen – was ich heute bin, ist total anders, als was ich vor einem Jahr war. Unterbewusst nimmt man von jedem Choreografen und auch von jedem Stück etwas mit, und das beeinflusst deine Bewegung, deine Ausdrucksfähigkeit. Aber du kopierst nicht deren Style, sondern fügst etwas davon als Puzzleteil in deinen eigenen Stil ein und änderst damit das Gesamtbild. Ich weiß, das ist sehr ambitioniert, aber ich würde mir wirklich wünschen, dass die Zuschauer irgendwann sagen „ah, das ist Giovanni“, wenn sie etwas von mir sehen.

Guckst du viel Tanz von anderen Companys?
Ja, besonders jetzt, wo es so viel online gibt. Heute Abend werde ich eine Premiere von meinem Freund schauen, der bei der Gauthier Dance Company in Stuttgart ist. Das ist echt schön, dass man das sehen kann und sich gegenseitig unterstützen kann – aber manchmal ist es auch ein bisschen zu viel, wenn man den ganzen Tag selbst getanzt hat und es eine Premiere nach der anderen gibt.

Hast du ihn in Deutschland kennengelernt?
Ja, hier in Hannover, er kam im letzten Jahr der alten Direktion dazu. Da war ich aber schon in der Bewerbungsphase für Marco und er bekam einen Job in Stuttgart. Wegen der ganzen Sache mit Corona konnten wir uns eigentlich sogar öfter sehen als es sonst wahrscheinlich möglich gewesen wäre. Mal hatte ich eine Woche frei, mal er, und während des Lockdowns hatten wir fast zwei Monate hier zusammen. Jetzt schaffen wir es eigentlich auch, uns jedes Wochenende oder mindestens jedes zweite zu sehen, das managen wir ganz gut.

Was meinst du, werdet ihr in absehbarer Zukunft in einer Stadt leben oder führt euch eure Arbeit wahrscheinlich geografisch noch weiter auseinander?
Ich war lange Single und bin auch ganz gerne mal allein, aber trotzdem würde ich liebend gerne irgendwann mit ihm zusammenleben. Nur jetzt ist es nicht der richtige Zeitpunkt: Wir haben ja beide vor gerade mal zwei Jahren in neuen Companys angefangen. Wegen Corona hatten wir bisher so gut wie keinen normalen Alltag mit diesen Companys und konnten einige Erfahrungen noch gar nicht machen. Die Company von meinem Freund tourt normalerweise viel in Europa und auch darüber hinaus, das möchte er natürlich gerne mitmachen und erleben. Vielleicht hören wir irgendwann in ferner Zukunft auf zu tanzen und eröffnen einen Vintage Shop mit Pflanzen und Klamotten in Florenz, und das ist unser Happy End, wer weiß.

Was bringt dich privat in Tanzlaune? Und wo gehst du dafür hin?
Wenn ich mir jetzt eine Stimmung vorstelle, dann wäre es sonnig, vielleicht hier in Linden am Fluss, mit einem Bier in der Hand, ein bisschen Musik und netten Leuten. Richtig zum Tanzen bin ich eine Zeitlang in den Weidendamm gegangen. Auch wenn man schon die ganze Woche tanzt, braucht man das manchmal, um Energie loszuwerden und sich einfach auszutoben. Aber seitdem ich meinen Freund habe, nicht mehr so oft – nicht, weil er eifersüchtig wäre, man verändert sich einfach. Zu zweit fühlt man sich dann eher nicht danach, extra für eine Party mit dem Zug nach Berlin zu fahren oder so. Da mag ich es lieber mit einer netten Atmosphäre und entspannten Leuten, chilliger Musik und Sonne, ganz einfach und unkompliziert, ich nenne es das „Aperitivo-Feeling“.
● Anke Wittkopp

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Orientierung ist machbar!

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Orientierung ist machbar!


Liebe Leserinnen, Liebe Leser,
Um einen Kompass sollte es in dieser Ausgabe gehen. Um Orientierung. Um die große Frage, ob nicht sowieso alle irgendwie das gleiche wollen und es darum eigentlich auch egal ist, wen man wählt oder ob man überhaupt wählt. Ich bin davon überzeugt, dass es insbesondere bei der Bundestagswahl am 26. September um sehr viel geht.
Momentan ist es wichtiger denn je, sich zu orientieren, sich eine Meinung zu bilden, und dann entsprechend wählen zu gehen. Für mich stellen sich gerade sehr viele, sehr große Fragen. Und ich denke, bei all diesen Fragen ist eine Frage ganz zentral: Welche Partei hilft möglichst vielen, vielleicht allen möglichst nachhaltig? Wäre es nicht ziemlich klug, wenn sich alle Wählerinnen und Wähler diese Frage in der Wahlkabine vorlegen? Hilft mein Kreuz meinem Bankkonto oder hilft mein Kreuz den nachfolgenden Generationen? Rettet mein Kreuz eine Branche, die möglicherweise längst ausgedient haben müsste, oder befördert mein Kreuz neue Innovationen? Zementiert mein Kreuz gesellschaftliche Ungerechtigkeiten oder sorgt man Kreuz für mehr Gemeinsinn und Gerechtigkeit? Hilft mein Kreuz der Umwelt oder hat das alles noch ein bisschen Zeit? Und so weiter … Es geht um was. Es geht um viel. Darum gehe ich am 12. und 26. wählen.
Noch kurz ein Wort zu einem ganz anderen Thema. Dieser Ausgabe liegt unsere 32-seitige Broschüre „Kunststück“ bei. Wir haben darin wieder einige spannende Kunstorte versammelt. Wer sich darüber hinaus für Kunst interessiert und vielleicht sogar Lust hat, die Szene in Hannover zu erkunden, dem bietet sich am 4. und 5. September wieder Gelegenheit. ZINNOBER sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen! 72 Kunstorte öffnen ihre Türen …

Viel Spaß damit und mit dieser Ausgabe!

 

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Prächtig

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Prächtig


Prächtig! Das ist Robin Mügge. Was jetzt nicht in erster Linie heißen soll, dass Mügge prächtig ist – wobei er das sicherlich auch ist –, sondern dass er eben „Prächtig“ ist … so sein Künstlername als Sänger und Liedermacher, der vielleicht auch irgendwann als Name einer Band taugen könnte. „Prächtig“ sei, so Mügge, als Wort „phonetisch total hässlich“, aber eben dem Inhalt nach „sehr schön“. Und passt deshalb ganz gut zum musikalischen Output, den Mügge humorvoll als „Schrummelpop“ bezeichnet.

Schrummelpop, das sei: irgendwie „hingerotzt“, auf der Gitarre – oder der Ukulele – geschrammelt. Das ist aber auch eine Ansammlung sehr persönlicher, etwas prosaischer Texte, gefühlvoll und gewitzt, mit viel Herz und viel Verstand in allen Zeilen, ehrlich und klug. Überhaupt vereint „Prächtig“ scheinbare Widersprüchlichkeiten: In Hannover schrieb Mügge englischsprachige Songs, in Portland und Glasgow – beeinflusst unter anderem von AnnenMayKantereit – Lieder in seiner Muttersprache … die ihm auch entgegenkomme, insofern man beim Singen deutscher Texte „nicht so melodisch“ sein müsse, eben etwas mehr „hinrotzen“ könne als etwa im Fall englischer Texte. Und zugleich ist Mügge, der schrummelpoppende Singer/Songwriter, auch Promotionsstudent der Statistik: in der Mathematik ebenso heimisch wie in der Musik.
Emblematisch mag da vielleicht das Tattoo auf Mügges linkem Unterarm erscheinen: eine Zitation von Rob Gonsalves’ Gemälde „Arboreal Office“, in dem der romantische nächtliche Waldspaziergang eines Mannes mit urbaner Wolkenkratzer-Ästhetik verschmilzt. Die vermeintlichen Gegensätze gehören bei „Prächtig“ einfach irgendwie zusammen, im Künstlernamen und auch sonst …
Zur Musik gekommen ist Mügge, der 26-Jährige, der immer schon Songs im Radio mitgegrölt hat, etwa mit 16 – als er auf dem Hurricane Festival seine erste Festival-Erfahrung machte. Von da an zog es ihn auf Konzerte. Nach einem Schüleraustausch, der ihn für ein Jahr in die USA verschlug, fragte ihn dann Maciek Swietoslawski, der bei „The Voice“ Bekanntheit erlangen sollte, ob er ihm nicht mit seinen Sprachkenntnissen ein paar englischsprachige Songtexte schreiben möge. Mügge sagte zu, hatte immerhin immer schon ein Gespür für Texte, und bekam derweil ein Gefühl dafür, wie man selbst Musik macht. Die Ukulele der damaligen Freundin kam da gerade richtig …
Im letzten Jahr hat sich Mügge, der seinen Master in Statistik in Portland gemacht hatte, dann entschlossen, in Glasgow mit seiner Doktorarbeit zu beginnen. Erst nach diesem Entschluss ging es los – aufgrund der Kontakte zu Maciek: Als Fabian Schulz, der Produzent von Magic Mile Music, sich nach dem Texter erkundigte und so auf Mügge aufmerksam wurde. Nunmehr fährt er – auch wenn es etwas stressig, aber eben auch abwechslungsreich ist – zweigleisig: als Mügge promovierend, als Prächtig seine Musik professionell bewerkstelligend.
Und das Zwischenfazit fällt bislang recht gut aus: Kommen die ab Februar 2020 auf seinem YouTube-Kanal veröffentlichten Musikvideos, die er noch gemeinsam mit einem befreundeten Filmstudenten erschuf, bis auf etwas über 500 Aufrufe, so hat das offizielle Video seiner ersten Single „Irgendwie klappt immer alles“ – nun mit vollkommen professionalisierter Tonspur – im Laufe eines knappen Quartals an der 1.000er-Marke zu kratzen begonnen. Dem passend zur Pandemie in den eigenen vier Wänden abgedrehten Musikvideo zum optimistischen Song folgte nun Ende Juli die zweite Single: „Dass ich dich liebe“. Zum gefühlvollen Liebeslied hat er dann gleich selbst die liebevoll-amateurhaft gezeichneten Kulissen des dazugehörigen Videos beigesteuert, die freilich durchaus mit einigem Aufwand per Greenscreen untergebracht worden sind. Herausgekommen ist ein humorvolles Video im Stil einer typischen US-RomCom, das nicht nur seine Drehpartnerin an Filme wie „(500) Days of Summer“ (2009) erinnern dürfte. Bleibt zu wünschen, dass das Vorhaben, sich mit vielen kleinen Auftritten „auf lange Sicht ein Publikum zu erarbeiten“, schneller umgesetzt ist als erwartet: Immerhin klappt ja „irgendwie immer alles“ – und ganz prächtig ist es noch zudem.                                                           ● Christian Kaiser          Foto Laura Schepers

 Mehr Infos unter
        www.praechtigmusik.com
       @praechtig_musik

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Svetlana Fix von Märchenkoffer e. V.

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Svetlana Fix von Märchenkoffer e. V.


Seit 2014 ist der Verein mit Sitz in Hannover-Vahrenwald im Bereich Bildung und Integration unter dem Motto „bilingual glücklich“ tätig. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf der Unterstützung von Kindern mit GUS-Migrationshintergrund, die zweisprachig aufwachsen und hier die Möglichkeit bekommen, spielerisch die Kenntnisse ihrer Herkunftssprache zu pflegen. Seit diesem Jahr sind auch Angebote für polnisch- und türkischsprachige Kinder dabei. An jedem Wochentag finden in den Räumen des Märchenkoffer e. V. bilinguale Angebote wie Workshops, Musik- und Theaterprojekte, Lese- oder einfach Spielgruppentreffen statt. Hierfür kann und muss der Verein auf die Leistungen seiner ehrenamtlichen MitarbeiterInnen bauen. Eine von ihnen ist Svetlana Fix, die für die russischsprachigen Kinder da ist.

Am liebsten kümmert sie sich um die kleinen Kinder. Schon für Ein- bis Vierjährige gibt es wöchentliche Vorlese-Nachmittage. „Ich bin die Märchenfrau“, lacht Fix. „Ich lese vor und bastele passend zur Geschichte kleine Kulissen dafür. Für die Kinder ist es gut, wenn Augen und Ohren gleichzeitig angesprochen werden. Die Märchen haben immer eine Botschaft, aus der die Kinder etwas lernen können. Und sie finden es total spannend, Märchen auf Russisch zu hören, weil sie die Sprache von zu Hause kennen, sie aber nie im Kindergarten oder in der Schule hören. Oft ist es ja auch so, dass nur ein Elternteil Russisch spricht. Dann ist es gar nicht so einfach, die Zweisprachigkeit der Kinder zu erhalten.“
Svetlana Fix ist 2009 von Moskau, wo sie ihren Mann, einen Russlanddeutschen, kennengelernt hat, nach Deutschland gekommen. In Moskau hatte sie zuvor Jura studiert. „Erst hier, als ich selbst Mutter geworden war, habe ich gemerkt, dass es mein Traumberuf ist, mit Kindern zu arbeiten“, erzählt Fix, die aktuell eine Ausbildung zur Ergotherapeutin absolviert.
Über das Internet wurde sie 2014 auf den Märchenkoffer aufmerksam und war sofort begeistert vom Konzept des Vereins. Ihre eigenen Kinder wachsen zweisprachig auf, da der Vater Deutsch mit ihnen spricht und sie Russisch. Wissenschaftlich ist es längst erwiesen, wie sehr Kinder von Bilinguität profitieren, auch da ihre interkulturelle Identität durch die Arbeit des Vereins gestärkt wird. Und Spaß haben sie sowieso an den altersgerechten, kreativen Angeboten, zu denen auch Ferienlager oder Ausflüge in die verschiedenen Stadtteile von Hannover gehören. Eine Fotocollage an der Wand im Flur dokumentiert anhand von Schnappschüssen, dass viele Kinder dem Märchenkoffer über Jahre treu bleiben: Auf den ersten Bildern sind sie etwa vier und auf den aktuellen elf oder zwölf Jahre alt.
Auch neben der Arbeit mit den Kindern gibt es in den Räumen des Vereins in der Rolandstraße viel zu tun: Bastelarbeiten müssen vorbereitet, es muss aufgeräumt und geputzt werden, und der zu den Vereinsräumen gehörige Garten will ebenfalls gepflegt sein. Für größere Arbeitseinsätze wie Renovierungsarbeiten oder den Frühjahrsputz treffen sich Kinder, Ehrenamtliche, Vereinsmitglieder und Angehörige mehrmals im Jahr am Wochenende zu einem Subbotnik – ganz in russischer Tradition. „Meine zwei Kinder und mein Mann sind dann immer dabei“, so Fix. „Überhaupt unterstützt mich meine Familie hier sehr, mein Mann macht ab und zu kleine Reparaturen und die Kinder kommen sehr gern hierher.“
Für die Mithilfe im Märchenkoffer ist jede Unterstützung willkommen, auch wenn Engagierte nur wenig Zeit haben. Für die Arbeit mit den Kindern sind aktuell Russisch-, Türkisch- oder Polnischkentnisse notwendig. Grundsätzich plant der Verein, das Angebot auf weitere Sprachen zu erweitern, daher wären zum Beispiel arabisch-, spanisch- oder griechischsprachige Freiwillige willkommen.
Weitere Infos unter www.skachem.com

● Annika Bachem

 

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