Tag Archive | "2021-12"

Neu in der Stadt im Dezember

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Neu in der Stadt im Dezember


Hans im Glück Burgergrill & Bar
Hannover ist um eine Burgerbraterei reicher: Am 27. Oktober hat die Kette Hans im Glück ihren ersten Burgergrill in Hannovers Innenstadt eröffnet. Gelegen im LimHof-Neubau in der Limburgstraße steht das Restaurant allen offen, die nach einer ausgiebigen Shoppingtour, einem langen Arbeitstag oder einem erquickenden Spaziergang durch die Altstadt Hunger verspüren. Der 210 qm große Innenbereich mit über 190 Sitzplätzen ist mit den für die Kette typischen raumhohen Birkenstämmen geschmückt, die im Zusammenspiel mit vielen grünen Akzenten und Hydropflanzen eine märchenhafte Atmosphäre schaffen – was sehr gut zu dem Konzept des Burgergrills passt, kulinarische Abenteuer im Stile des bekannten Grimm-Märchens zu präsentieren. Die Burger-Auswahl reicht von Rindfleisch über Hähnchenbrust bis hin zu vegetarischen und veganen Bratlingen. Knackige Salat-Variationen und Beilagen wie Kartoffel- und Süßkartoffelfritten ergänzen das kulinarische Angebot. Alle Burger können einzeln, im Mittagsmenü (bis 17 Uhr) oder Abendmahl (ab 17 Uhr) bestellt und auch jederzeit mit einem der vielen Cocktails kombiniert werden. Limburgstraße 2, 30159 Hannover. Öffnungszeiten: Di–Sa 12–23.30 Uhr, Küche 12–22 Uhr. Bestellungen unter Tel. (0511) 277 896 77 oder www.gluecksbringer.delivery. Mehr Infos auf www.hansimglueck-burgergrill.de.

 

Foto: pkh/WalaNeuer Bolzplatz am Jugendpastoralen Zentrum TABOR
Im Oktober wurde in der Südstadt am Jugendpastoralen Zentrum TABOR mit einem Fest und einer Segnung durch Pfarrer Matthias Rejnowski ein neuer Bolzplatz eingeweiht. Die Sportfläche wurde finanziell unter anderem von Hannover 96 und dem Stadtbezirksrat Südstadt-Bult gefördert. Der alte Platz aus dem Jahr 2004, eine viel bespielte und rissige Asphaltfläche, musste dringend renoviert und neu gestaltet werden. Der Bau selbst war Teamwork pur, denn nur so konnte die Summe von knapp 48.000 Euro für den Platz und weitere, in der Folge nötige Maßnahmen gestemmt werden: 96plus fördert den Bolzplatz mit 4.000 Euro, jeweils 3.000 Euro kommen vom Stadtbezirksrat Südstadt-Bult und der Darlehenskasse Münster (DKM). Die restliche Summe wird vom Bistum Hildesheim als Träger des TABOR zur Verfügung gestellt. „Mit der Initiative 96plus möchte Hannover 96 seiner gesellschaftlichen Verantwortung und Vorbildfunktion gerecht werden, indem zahlreiche Projekte für mehr Vielfalt, Nachhaltigkeit, soziales Engagement sowie Sport und Gesundheit in Hannover gefördert werden“, erläutert Juri Sladkov von Hannover 96. Gemeinsam mit seinem Hauptpartner Clarios setzt sich der Verein mit dem „PROjekt Bolzplatz“ für die Restaurierung und Instandhaltung hannoverscher Bolzplätze ein. Wie schon das TABOR selbst, das montags bis donnerstags von 14 bis 18 Uhr Freizeitangebote, kostenlose Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung bietet, soll auch der Bolzplatz für Jugendliche ein Ort der Begegnung werden, an dem man neue Freund*innen kennenlernen kann. Hildesheimer Str. 32, 30169 Hannover. Mehr Infos auf www.jupa-hannover.de. Foto: pkh/Wala

 

Wucherpfennig Deli eröffnet in Misburg  
Direkt im Neubaugebiet Steinbruchsfeld in Hannover-Misburg gibt es für Anwohner*innen und Berufstätige aus der näheren Umgebung jetzt auch eine Einkaufsmöglichkeit: Seit dem 21. Oktober hat hier nämlich das neue Wucherpfennig Deli im Johann-Piltz-Ring geöffnet. Nach dem erfolgreichen Start des ersten Wucherpfennig Deli im Stadtteil List im vergangenen November will der größte selbstständige Lebensmitteleinzelhändler in Hannover sein „Mini-Markt“-Konzept weiter ausbauen. „Als Familienunternehmen fühlen wir uns dem Nachbarschaftsgedanken verpflichtet“, erklärt Wucherpfennig. „Deswegen möchten wir unseren Kundinnen und Kunden auch auf kleiner Fläche ein gut durchdachtes Sortiment für die Nahversorgung bieten.“ Dabei setzt das Unternehmen vor allem auf regionale Produkte. Nach dem Motto „(Fast) Nichts als Lebensmittel“ hat das Deli ein reichhaltiges Angebot für den täglichen Bedarf in der Auslage: Frisches Obst und Gemüse, Fleisch, Wurst und Käse in Selbstbedienung, Tiefkühlprodukte sowie Lebensmittel für die schnelle Küche werden ergänzt durch Drogerieartikel, Tabakwaren, eine kleine Auswahl an Tageszeitungen und – besonders praktisch – einen DHL-Paketshop. An der Backwaren-Bedientheke erhalten die Kund*innen neben Brot, Brötchen und Kuchen frisch zubereitete Snacks sowie Kaffee- und Teespezialitäten, auch zum Mitnehmen. Insgesamt zehn Mitarbeiter*innen sind im neuen Deli im Einsatz. Johann-Piltz-Ring 3, 30629 Hannover, Mo–Fr 7–21 Uhr, Sa 7–18 Uhr.

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Der Freundeskreis im Gespräch  Laura Berman und Adam Budak

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Der Freundeskreis im Gespräch Laura Berman und Adam Budak


Fotos: Bernd Schwabe, WikipediaZwei Freundeskreismitglieder, die man in Hannover gar nicht erst vorzustellen braucht: Laura Berman (LB), seit 2019 Intendantin der Staatsoper, und Adam Budak (AB), seit 2020 Direktor der Kestner Gesellschaft, sind dem kulturinteressierten Publikum natürlich längst ein Begriff. In unserem Gespräch erzählen sie von ihrem schwierigen Einstand in Pandemiezeiten, aber auch von überraschenden Chancen, die sich durch den plötzlichen Stillstand des gewohnten Betriebs ergeben haben. Die beiden kennen sich gut – und das nicht nur, weil sie beide in Hannovers Kulturbetrieb arbeiten …

Sie wohnen im gleichen Haus! War das Zufall?
AB – Kennen Sie das Wort ‚Schicksal‘? (alle lachen) Als ich im vergangenen Jahr nach Hannover kam, mitten in der Pandemie, da war die Wohnungssuche etwas kompliziert. Ich musste mich für eine Wohnung mit einem Mindestvertrag von zwei Jahren allein auf der Basis von Bildern entscheiden. In Prag, wo ich vorher war, gibt es eine glamouröse, grandiose Architektur – Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert, High Ceilings – und hier wollte ich etwas Vergleichbares finden. Eine Bekannte hat mir Videoaufnahmen von einer Wohnung geschickt, die für mich interessant sein könnte. Sie hat dort den Namen „L. Berman“ an einer Tür bemerkt. Und ich hab mir gesagt: Wenn die dort wohnt, dann ist das ein gutes Zeichen!
LB – Ich kam eines Tages nach Hause, und da hing im Treppenhaus an einer Tür ein Zettel, auf dem „Budak“ stand. Und da dachte ich mir gleich: Oh, wie schön! Der von der Kestner Gesellschaft zieht ein!

Sie beide sind ja viel in der Welt herumgekommen. Was hat Sie nach Hannover gebracht?
LB – Ein Telefonanruf! Vor vier Jahren war ich Operndirektorin in Basel. Ich wusste, dass der Intendant bald wechseln würde und dass ich mir vielleicht eine neue Stelle suchen müsste. Einmal kam ich ins Büro und meine Assistentin sagte: Jemand hat hier heute angerufen und gemeint, es wäre persönlich. Ich schaute die Nummer an: Sie war aus Hannover. Und dann ahnte ich schon, worum es ging, weil ich wusste, dass sie hier eine neue Intendanz suchen würden … Und wirklich, darum ging es! Ich habe dann erstmal Erkundigungen eingezogen, wie man das eben macht, wenn man an ein neues Theater wechselt, und geguckt: Was ist das für ein Haus, wer sind die Mitarbeitenden? Wie sind die Leute, die im Chor arbeiten, im Orchester, in den Werkstätten? Und wie ist die Verwaltung aufgebaut? Viele Künstlerinnen und Künstler, die ich kannte, haben mir dann erzählt, dass es hier ein besonders gutes Team gibt. Und als ich dann herkam, fand ich das auch. Es ist ein ziemlich schönes Opernhaus hier – mit hohem Potenzial!
AB – Ich habe mich schon seit längerem für die Kestner Gesellschaft interessiert. Ich verfolge ihr Programm seit vielen Jahren, ich bin sehr begeistert von ihrer Geschichte. In den 1920er Jahren war das eine der progressivsten Institutionen, gegründet in der Mitte des Ersten Weltkriegs als ein Ort der Avantgarde. Und einer ihrer ersten Präsidenten, Alexander Dorner, ist für mich ein großes Vorbild. Hans-Ulrich Obrist, der Celebrity-Curator, hat eine inoffizielle Gesellschaft gegründet mit dem Namen „Everything started with Alexander Dorner“, denn genau so ist es. Dorner hat zum Beispiel El Lissitzky, damals ein noch völlig unbekannter sowjetischer Künstler, nach Hannover geholt und eine wichtige erste Ausstellung für ihn vorbereitet. Außerdem hat er mit ihm zusammen das Kabinett der Abstrakten eingerichtet, das heute im Sprengel Museum steht. Die Bedeutung der Kestner Gesellschaft für die Entwicklung der Museen, der kuratorischen Praxis ist wirklich unglaublich – und deshalb ist es eine große Ehre, an diesem Haus hier zu sein und diese legacy fortzusetzen. Meine Vorgängerin hier, Christina Végh, ist auch noch eine Freundin von mir. Und als sie sagte, sie würde aufhören und an die Kunsthalle Bielefeld wechseln, habe ich gedacht: Das ist eine schöne Gelegenheit!

Zuvor waren Sie künstlerischer Direktor an der Nationalgalerie Prag.
AB – Ja. Ich war dort zuständig für fünf Sammlungen und 300 Leute, davon mehr als 40 Kuratoren. Doch mit der Zeit fand ich das sehr ermüdend, denn es war nicht möglich, sich richtig kennenzulernen, tiefere Beziehungen zu entwickeln. Die Größe dieser Institution ist unglaublich. If Jesus got the job, he would have failed! (alle lachen) Ich habe also diese Sehnsucht entwickelt nach einer kleineren Institution, wo ich mich fokussieren kann, wo ich zu meinem Team bessere, tiefere Beziehungen schaffen kann.
LB – Interessant – bei mir war es genau umgekehrt! Die Oper in Basel ist wirklich klein – da sind einmal so viele Stellen gestrichen worden, dass es ein sehr kleiner Kreis geworden ist. Dagegen ist das Haus hier in Hannover sehr groß, auch weil hier Oper und Schauspiel sehr eng zusammenarbeiten. Wir teilen uns die Werkstätten, zum Beispiel die Schneiderei hier im Haus. Die macht auch die Kostüme für all die Schauspielproduktionen. Und das sind extrem viele Vorstellungen! Allein in den Sparten Oper und Tanz ist meine Zielvereinbarung 220 Vorstellungen, und bei Sonja Anders ist es ähnlich. Es arbeiten hier sehr viele Menschen – allein in der Schneiderei über 100 Personen! Und trotzdem versuche ich, eine  familiäre Atmosphäre herzustellen. Mir ist es wichtig, dass die Leute, die zu uns kommen, als Regisseurinnen und Regisseure oder als Gastdirigentinnen und -dirigenten, sich hier wohlfühlen und gute Bedingungen für ihre künstlerische Arbeit finden. So eine vertrauensvolle Atmosphäre ist sehr wichtig, aber es ist schwerer, sie an einem großen Haus herzustellen.

Sie beide haben Ihren Dienst hier relativ kurz vor oder mitten in der Pandemie angetreten. Wie war das damals für Sie?
LB – Wenn ich ehrlich bin: Mein Herz ist zerbrochen! Es war so eine komische Zeit … Ich habe meine erste Spielzeit 2019/20 mit „La Juive“ eröffnet, was sehr bombastisch war. Es ist nämlich so: Immer, wenn ich an ein neues Theater komme, dann sagt man in der Stadt: „Oh-oh, jetzt kommen nur noch zeitgenössisches Musiktheater und merkwürdige Musikkompositionen!“ Von Freunden habe ich gehört, dass dieser Gedanke auch in Hannover kursierte. Deshalb wollte ich zu Beginn einen großen Schinken aus dem 19. Jahrhundert machen. Danach sollte ein sehr besonderes Werk von Bohuslav Martinů kommen: „The Greek Passion“. Es geht darin um ein kleines Dorf in Griechenland während des griechisch-türkischen Krieges. Die Bewohner studieren gerade ein Passionsspiel ein, als Flüchtlinge aus einem anderen Dorf kommen, das niedergebrannt wurde. Diese Produktion entwickelte sich so schön … Und dann, fünf Tage vor der Premiere, war plötzlich alles aus. Wir fühlten uns so unbeholfen – es ist ja nicht so, dass man geübt ist in Pandemie! Wir waren alle mit der Situation völlig überfordert! Ich habe mich dann mit den Vorständen von den Kollektiven getroffen und gefragt, wie sie das sehen würden. Danach war ich in der Bühnenprobe, und die Atmosphäre war so aufgeregt und nervös, dass mir klar war, dass wir keinen Tag weiter arbeiten können. Ich weiß noch, wie wir alle zur Coffee Time draußen auf der Terrasse saßen, im Sonnenschein: Alle hielten Abstand, tranken Prosecco und haben geheult!
AB – Ja, die Pandemie war eine schlimme Überraschung für uns alle. In der Kestner Gesellschaft war Christina Végh ein paar Monate vor dem Ausbruch von Corona weggegangen, die Ausschreibung wurde einen Monat vor der Pandemie veröffentlicht. Ich sollte am 15. März 2020 nach Hannover kommen, zu einem Treffen mit der Findungskomission. Doch dann, ab der ersten Märzwoche, fing der Lockdown an, und Reisen war nicht mehr möglich. Ich dachte also: Okay, das ist dann vorbei, die werden nicht auf mich warten. Mitte Juni bekam ich dann überraschend eine Nachricht, dass das Treffen nun doch stattfinden soll – als Zoomkonferenz. Ich weiß noch, ich war furchtbar nervös, ein so wichtiges Gespräch über meine Zukunft zu führen – über Zoom! Ich hasse Zoom …

Wer nicht? Das Gespräch ist aber dann doch glücklich ausgegangen: Am 1. November 2020 haben Sie Ihre Stelle als Direktor der Kestner Gesellschaft angetreten. Und am 2. November begann wieder der Lockdown …
AB – … und dauerte bis Ende Mai in diesem Jahr! Das war sehr frustrierend für mich. Ich war hier, aber ich konnte das Publikum gar nicht persönlich kennenlernen, auch nicht die Kollegen oder die Politiker. Wenn überhaupt, lief die Kommunikation über Zoom, alle fragten ständig: „Was haben Sie gesagt?“ Und immer war ich mir unsicher, ob man mich verstanden hat, ob ich durchgedrungen bin zum anderen. Dann die Diskussionen im Kulturbetrieb, ob man nun öffnen sollte oder nicht – ich konnte mich da kaum beteiligen. Ich kannte ja niemanden, kannte die Situation in Hannover nicht. Es war so frustrierend, dass ich da nichts sagen konnte, ich war bei diesen Gesprächen nur als ein Bild anwesend. Und auch in der Kestner Gesellschaft selbst habe ich wenig tun können. Es ist nämlich so, dass der Vorstand die Kuratorinnen gebeten hatte, ein längeres Programm zu machen, da sie nicht wussten, wie lange der Lockdown alles verzögert. Jetzt bin ich hier schon seit einem Jahr, aber ich realisiere noch bis zum Sommer 2022 das Programm von meiner Vorgängerin. Das heißt: Eineinhalb Jahre ist es das Programm von jemand anderem, das ich ausführe.
LB – Ich finde, das hört sich schwierig an. Aber ich glaube, das gibt dir eine Chance, erst einmal in Ruhe Hannover kennenzulernen. Das ist fast ein Vorteil – denn sonst springt man rein, muss sich von Anfang an mit ganz viel Neuem auseinandersetzen …
AB – Ja, schon. Aber weißt du: Mein Vertrag ist für fünf Jahre – ich weiß noch nicht, ob ich länger hierbleibe – und von diesen fünf Jahren mache ich jetzt ein Drittel etwas, das nicht von mir ist. Ich bin nicht unglücklich, aber ich habe natürlich meine eignen Ideen! Die aktuellen Hauptausstellungen mit Nicholas Party und Ericka Beckman sind von meiner Vorgängerin. Aber alles andere, die Identitätsänderung, da kann man vielleicht schon spüren, dass das meine Vision ist.
LB – Oh, absolut! Das ist total deutlich!

Sie sprechen von den Neuerungen in der Kestner Gesellschaft – dem Kino, dem Café?
AB – Genau! Aber ich meine auch die Nebenprojekte – die Fassade, die Kapelle, den Buchladen …
LB – Ich finde, das hat eine total neue Persönlichkeit. Adam, unterschätze das nicht!
AB – Es stimmt schon. Wir waren wegen des Lockdowns nicht unter Druck, eine neue Ausstellung zu produzieren. Da hatte ich dann Zeit, um genauer hinzusehen, und dann habe ich zum Beispiel bemerkt: Die Harry’s Bar rechts vom Eingang muss man ändern. Oder dieser Empfang – das funktioniert einfach nicht! All diese Orte, für die du normalerweise, wenn du die Hauptausstellungen produzierst, keine Zeit hast, und auch kein Geld. Nun hatte man eine Pause, Zeit zum Fokussieren.
LB – Ich glaube, auch in der Opernwelt kann man Positives beobachten. So in 20, 30 Jahren wird man sicher darüber schreiben, wie die Pandemie etwas verändert hat. Denn dadurch, dass man nicht diesen Druck hatte, 1.200 Karten zu verkaufen, sind ganz andere Sachen entstanden. Wir haben hier zum Beispiel einen Dokumentarfilm gedreht über unsere Inszenierung der Oper „Der Mordfall Halit Yozgat“ von Ben Frost – diesem besessenen Künstler, der niemals aufgeben wollte! In meiner zweiten Spielzeit wurden wir sogar noch kreativer. Ich denke da an „Trionfo. Vier letzte Nächte“ nach dem ersten Oratorium von Händel. Ein Dramaturg aus meinem Team hatte die Idee, daraus eine Geschichte zu machen über vier Figuren, die in einer Krise stecken, und in einer Nacht eine Entscheidung treffen müssen. Auf so eine Idee kommt man natürlich eher, wenn die ganze Menschheit in einer Krise steckt! (lacht) Innerhalb von zwei Wochen wurde dieses ganze Ding ausgedacht und konzipiert, vier Wochen später haben schon die szenischen Proben begonnen. Das Bühnenbild ist hauptsächlich aus Sachen gebaut worden, die man im Haus vorgefunden hatte. Das ging alles so schnell und unkompliziert! Ich finde, wir sollten versuchen, diesen Mut zum Experiment beizubehalten.

Das Jahr ist nun bald zu Ende. Worauf freuen Sie sich in 2022?
LB – Ich freue mich darauf, dass wir „The Greek Passion“ endlich auf die Bühne bringen, denn das ist wirklich eine sehr besondere Produktion. Und dann machen wir im März etwas, das bestimmt schräg sein wird: Die Oper „Der Vampyr“ von Heinrich Marschner, der früher hier in Hannover lange Zeit königlicher Kapellmeister war, also sozusagen meinen Job früher hatte. Der Regisseur, der das inszenieren wird, ist ein sehr besonderer Mensch – zum einen ist seine Bildwelt komplett irre und einmalig, und zum anderen lässt er immer ein wenig Politik und Sozialkritik in seine Inszenierungen einfließen, auf eine sehr lustige und leicht anarchische Weise. Außerdem ist da im Februar noch der Opernball, bei dem wird man diesmal besonders viel Handwerk sehen. Der Boden, auf dem die Menschen tanzen werden, wird bemalt – ich bin sicher, es wird fantastisch! Und dann, irgendwann, machen wir auch wieder etwas zusammen, oder?
AB – Ja, hoffentlich! Also ich freue mich schon auf neue Konzerte bei dir – sie hat sich nämlich einen Flügel gekauft.
LB – Genau! Ich habe kein Auto, aber dafür einen Flügel!
AB – Und ich freue mich natürlich auf mein Programm ab dem Sommer 2022.

Möchten Sie schon etwas verraten?
AB – Nein, noch nicht. Aber ich kann ein paar Hinweise geben: Es geht um Politisches, um andere Geografien … und um Frauen.

Das regt auf jeden Fall die Fantasie an!
AB – (lacht) Das ist gut – Fantasie ist wichtig!
 

● Anja Dolatta

Fotos: Bernd Schwabe, Wikipedia

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Jürgen Meier:  Wöbkenbrot und Pinselstrich

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Jürgen Meier: Wöbkenbrot und Pinselstrich


„If studying history always makes you feel proud and happy, you probably aren’t studying history“, hat eine Gruppe von Bibliothekar*innen vergangenes Jahr getwittert, als überall auf der Welt Diskussionen über den Umgang mit Denkmälern zu Ehren problematischer historischer Persönlichkeiten entbrannten. Tatsächlich bringt der schonungslose Blick in die Vergangenheit oft viele unerfreuliche Fakten ans Tageslicht, sogar in der eigenen Familiengeschichte. Wie sich im Deutschland des vergangenen Jahrhunderts aus Vaterlandsstolz und Kaisertreue erst Kriegslust und schließlich nationalsozialistischer Judenhass entwickeln konnten, illustriert der Hildesheimer Autor Jürgen Meier in seinem intimen Mehrfamilienportrait Wöbkenbrot und Pinselstrich. Das Buch ist im Juli beim Mirabilis Verlag erschienen.

Mit großen Erwartungen beginnt Johannes Becker im Jahr 1910 ein Ingenieursstudium in Chemnitz. Eher zufällig gerät der glühende Bismarck-Verehrer an die Kunsthandwerksstudentin Hulda, deren Familie der SPD nahesteht. Nach einer kurzen Liaison gebiert sie ihm einen Sohn, informiert ihn aber nur widerwillig darüber, da sie sich wegen seiner immer radikaler werdenden Gesinnung keine gemeinsame Zukunft wünscht. Sie sagt dann aber doch zu, als er, beseelt von Deutschlands Kriegserklärung gegen Frankreich, um ihre Hand anhält – in der stillen Hoffnung, bald als Witwe eines gefallenen Soldaten eine gute Rente zu beziehen. Zu beider Enttäuschung wird Johannes der Dienst an der Front jedoch verwehrt, da er als Ingenieur für die Entwicklung der deutschen Kriegsmaschinerie benötigt wird. Dies tut er dann auch mit großem Eifer und ohne Rücksicht auf seine Gesundheit. Nach Kriegsende gründet er zusammen mit seinem Studienfreund Hans Lasch eine Firma für Rohrleitungsbau und legt damit den Grundstein für den finanziellen Wohlstand seiner Familie. Wenig später bringt Hulda eine Tochter zur Welt, die sie in Hoffnung auf friedvollere Zeiten nach einer pazifistischen Romanheldin Ingeborg nennt. Doch dann tritt Johannes der NSDAP bei – vorgeblich aus geschäftlichen Gründen, in Wahrheit aber aufgrund ideologischer Sympathien – und tauscht sich mit ihrem mittlerweile erwachsenen Sohn über Rassenkunde aus. Als sie dann auch noch bei der heranwachsenden Ingeborg ähnliche Tendenzen bemerkt, verliert Hulda ihren Lebensmut; sie stirbt, drei Wochen nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933.
Ähnlich tief sind die Gräben, die die Familie Meyer im ostwestfälischen Dörfchen Mennighüffen durchziehen. Hier bringt im Februar 1919 Johanna Meyer einen Sohn zur Welt, den sie aus einem großen Friedenswunsche heraus Gottfried nennt. Ihre Abneigung gegen den Krieg und alles Militärische kann ihr Mann Karl indes so gar nicht verstehen, und das, obwohl er mit einer schweren Lungenverletzung aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt ist. Er stellt sicher, dass alle seine Kinder zu Patrioten heranwachsen. Als sich Armut und Arbeitslosigkeit auf dem Land breitmachen, schürt auch er den Unmut gegen jene, die angeblich für den verlorenen Krieg verantwortlich seien: die Juden. Von diesen Ressentiments lässt sich schließlich auch Gottfried anstecken: Er lässt ab von seinem Vorhaben, Pastor zu werden, entbrennt heftig für die nationalsozialistische Ideologie und findet Anstellung in einer Sparkasse, wo er für die Beschlagnahmung jüdischer Konten zuständig ist. Später zieht er in den Krieg, wird jedoch früh bei einem Lufteinsatz verwundet.
Die beiden Familiengeschichten kreuzen sich im Juni 1940, als Gottfried, dessen Heimaturlaub aufgrund seiner immer wieder aufreißenden Beinwunde verlängert wird, in einem Gasthof der nun erwachsenen Ingeborg Becker begegnet, die bei einem Zigarrenfabrikanten in der Nähe ihr Pflichtjahr als Hausmädchen absolviert. Sie heiraten wenig später – und Gottfried zieht erneut in den Krieg, wird verwundet, gerät in Gefangenschaft, kehrt als Krüppel und Kriegsverlierer nach Hause zurück. Doch nichts davon erschüttert ihn in seiner Überzeugung, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen …
Jürgen Meier, der zuvor als PR-Werbechef am Stadttheater Hildesheim und der von ihm gegründeten Werbeagentur Aickele & Meier tätig war, legt seit 1997 als selbstständiger Autor und Journalist regelmäßig Dokumentarfilme (u.a. für NDR und MDR), Buchveröffentlichungen, Radioserien und Theaterstücke vor. Mit Wöbkenbrot und Pinselstrich hat er eine detailreiche Familienchronik geschrieben, die den individuellen Verstrickungen ins Zeitgeschehen des vergangenen Jahrhunderts nachspürt – und ihren Ausläufern in die Gegenwart. Denn Gottfrieds und Ingeborgs Sohn Georg, der im Zuge der Studentenbewegung von 1968 mit seiner Familie bricht, gelingt es schließlich, sich vom Muff der Vergangenheit zu befreien …

● Anja Dolatta

Wöbkenbrot und Pinselstrich
Von Jürgen Meier
Mirabilis Verlag
344 Seiten
24 Euro

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Über Glauben


Über Glauben habe ich in dieser Ausgabe mit Margot Käßmann gesprochen. Nicht so leicht für mich, ich bin schon früh in eine andere Richtung abgebogen. Mein Kirchenaustritt liegt bereits viele Jahre zurück. Ich bin damals aus der evangelischen Kirche ausgetreten, gar nicht so sehr, weil mich die Institution Kirche sonderlich gestört hätte – das habe ich erst später immer kritischer gesehen. Bei mir war es schlicht die Feststellung, dass ich nicht glaube. An keinen Gott, auch nicht, dass es irgendein Kraft gibt oder Ähnliches. Macht mich das nun zu einem schlechteren Menschen?

Nun hatte ich mir also überlegt, mit Margot Käßmann über Glauben zu sprechen. Weil mich das interessiert hat. Insbesondere in Zeiten, in denen wir zunehmend eine gespaltene Gesellschaft erleben. Sind Glaubensgemeinschaften vielleicht eine gute Medizin für mehr Gemeinsamkeit? Mehr Achtsamkeit? Mehr Miteinander? Ich lehne Religion nicht rundheraus ab. Ich habe durchaus Respekt und auch Achtung vor dem Glauben anderen Menschen. Ein bisschen grantig werde ich nur, wenn mich jemand bekehren will. Oder wenn es fundamentalistisch wird. Religionen können auch großes Leid verursachen – und sie verursachen in genau diesem Augenblick großes Leid.

Trotzdem blicke ich – dabei erwische ich mich manchmal – fast ein bisschen neidisch auf religiöse Menschen, auf Menschen, die an so etwas wie Gott oder was auch immer glauben (können). Denn diese Sorte kommt mir manchmal wesentlich gelassener vor. Diese Gelassenheit, die ich meine, habe ich auch bei Margot Käßmann gespürt. Da ist so eine Basis, so ein fester Grund. So eine Ruhe. Da ist sich jemand einfach sicher. Während ich an allem zweifle und mir den Kopf zergrüble. Und meine zu wissen, dass es ganz vorbei ist, wenn es irgendwann vorbei ist. Mehr zum Thema ab Seite 54.

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Joy Bogat

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Joy Bogat


 Foto: LeonSchweer_Nach Hannover kam sie, um Popular Music an der hiesigen HMTMH zu studieren. Jetzt möchte sie gar nicht mehr weg, ist gut vernetzt und hat die Stadt als perfekte Basis entdeckt für ihre Gigs in ganz Deutschland. Gerade hat sie ihre zweite EP „It’s Different Now“ veröffentlicht, Videos gedreht, das Release-Konzert gespielt und einfach viel um die Ohren.

Achtsamkeit und Entschleunigung sind zwei Themen, die sich durch die Texte der sechs sehr entspannten Soul- und R‘n‘B-Popsongs ziehen. Vieles, was hier auftaucht, hat natürlich mit der Pandemie und der erzwungenen Ruhepause zu tun, mehr noch spiegelt es aber die Entwicklung ihrer Persönlichkeit und der Art, wie sie ihre Musik schreibt, wider. „It’s Different Now passt einfach als Klammer für alle Songs auf der EP, weil ich mich inzwischen einfach anders fühle und anders denke als noch bei der ersten EP von 2020“, erklärt die Musikerin beim Gespräch in ihrem Lindener Lieblingscafé.
Schon als Fünfjährige hat sie gesungen, ganz ohne Druck oder musikalische Früherziehung, einfach wie Kinder das eben so tun. Als dann bald Klavierunterricht dazukam, lag das vor allem daran, dass ihre Schwester keine Lust darauf hatte, sie aber schon. Mit elf Jahren fing sie an, eigene Stücke zu schreiben, mit 13 stand sie zum ersten Mal auf der Bühne. Als Jugendliche konnte sie mit einer Soul-Bigband sogar international auftreten. „Eigentlich habe ich immer Musik gemacht und nie etwas anderes“, lacht die 25-Jährige und freut sich, dass ihre Eltern sie auf diesem Weg immer ermutigt haben, „das mit der Musik“ einfach auszuprobieren. „Keine Ahnung, was ich sonst gemacht hätte, vielleicht hätte ich jetzt einen Buchladen?“ Aufgewachsen ist sie in Bad Segeberg und wollte von dort aus eigentlich immer ins nahe gelegene Hamburg, bis sie von der Möglichkeit erfuhr, in Hannover Popmusik zu studieren. „Ich habe einfach ausprobiert, ob ich die Aufnahmeprüfung schaffe und es hat geklappt. Ich bin super dankbar dafür und habe vom Studium total profitiert. Allein wegen der Strukturen und Leute, die ich kennengelernt habe. Meine Musik schreibe ich eher intuitiv, dafür brauche ich nicht unbedingt Musiktheorie. Aber wie man produziert, davon zum Beispiel hatte ich vor dem Studium keine Ahnung, das habe ich da erst gelernt“, erzählt Bogat, die in der letzten Zeit zu viel zu tun hatte, um ihre Bachelor-Arbeit zu schreiben. „Nächstes Semester ist das definitiv dran“, lacht die Musikerin, die sich gar nicht mehr wie eine Studentin fühlt und diesen Lebensabschnitt zum Abschluss bringen möchte.
Lange fühlte Bogat sich wohl in einer fünfköpfigen Soulband, bis sie vor drei Jahren realisierte, dass es Zeit war, sich auf ihre eigene Musik zu konzentrieren. „Die Freiheit, ganz intuitiv meine eigenen Ideen umsetzen zu können, habe ich einfach gebraucht.“ Für ihre ersten Schritte als Solomusikerin waren EPs genau das richtige Format. Langfristig möchte Joy Bogat aber auch gern ein Album herausbringen. Neue Songideen hat sie schon wieder, freut sich jetzt aber erst einmal auf die kommenden Live-Auftritte, besonders auf ihre Tour im nächsten März. „Seit der Pandemie habe ich bis Juni eigentlich nur Streams gespielt. Aber dann hatte ich schöne Anfragen und habe zum Beispiel auch in Düsseldorf und Magdeburg gespielt. Das war richtig toll und ich habe jetzt einfach total Bock!“ Für Gigs hat sie verschiedene Set-ups und steht entweder alleine oder auch mit Band auf der Bühne, unterstützt von Instrumentals auf dem Laptop. „Mein Traum wäre irgendwann eine große Live-Band mit Backing Vocals, aber das ist natürlich teuer“, so die Musikerin, die ihren Lebensunterhalt durch einen klug zusammengestellten Mix aus Auftritten, Studiomusik-Beiträgen und der Mitarbeit bei einer Produktion des Staatstheaters bestreitet. „Synchronsprechen würde ich auch noch gern“, lacht sie. Gerade wurde auch mit Hilfe von Fördergelder aus dem „Neustart Kultur“-Fonds das Video zu ihrem Song „Sometimes“ abgedreht, das zeigt, wie sie den Song performt – im Meer stehend, ganz allein unter einem wilden Ostseehimmel. „Dieses Bild hatte ich schon lange im Kopf und wollte das unbedingt so machen“, erzählt die Musikerin. „Witzigerweise war an diesem Tag total viel los am Strand und wir mussten ständig Leute bitten, nicht ins Bild zu schwimmen.“ Auf die Frage zum Schluss, ob Joy Bogat ein Künstlername sei, lacht sie: „Das ist mein echter Name. Meine Mutter mochte, dass er Freude und Glück bringt. Jetzt passt er einfach gut.“                                                                              ● Annika Bachem

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Toleranz gegenüber Nazis – Eine Lose-Lose-Situation

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Toleranz gegenüber Nazis – Eine Lose-Lose-Situation


Immer wenn Menschen verhindern wollen, dass Nazis mal wieder eine Plattform zur ungestörten Verbreitung ihrer Propaganda bekommen, taucht jemand aus der sogenannten bürgerlichen Mitte auf und behauptet, eine Demokratie müsse auch rechtsradikales Gedankengut aushalten. Und dann zitiert er oder sie das angebliche liberale Ur-Credo Voltaires: „Ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen.“
Okay, erst mal zu Voltaire: François-Marie Arouet – so Voltaires bürgerlicher Name – war ein sehr produktiver Autor. Um die 700 einzelne Text kennen wir von ihm. Neben manchem Klugen und Witzigen gibt es in seinem Œuvre leider auch ekelhaft Antisemitisches, auf schlimmstem Martin-Luther-Niveau. Klar aber ist: Das obige Zitat ist nicht von ihm. Interessanterweise gibt es auch keine französische „Original“-Fassung davon. Nur eine englische: „I disapprove of what you say, but I will defend to the death your right to say it.“ Es entstammt nämlich dem 1906 erschienen Buch „The Friends of Voltaire“ der britischen Schriftstellerin Evelyn Beatrice Hall. Hall wollte damit veranschaulichen, wie der französische Aufklärer ihrer Ansicht nach zum Thema Meinungsfreiheit stand und dachte sich zu diesem Zwecke einen funky liberalen Slogan aus, den sie Voltaire in den Mund legte.
Und zunächst klingt der von Hall erfundene Satz auch irgendwie gut und heroisch. Wendet man ihn aber auf Nazis an, wird er zu einer der dümmsten Aussagen, die je jemand zu Papier gebracht hat. Um nochmal klarzustellen, was da verlangt würde, wenn man dieses angebliche Credo Voltaires zu einer allgemeingültigen Maxime machte: Auch Menschen, deren Leben vom rechten Mob bedroht wird, sollen den Anspruch ihrer Verfolger auf Meinungsfreiheit verteidigen, wenn nötig sogar unter Einsatz ihres Lebens. Das bedeutet: Man könnte also entweder beim Streiten für die Rechte der Nazis draufgehen oder man wird – falls die Verteidigung erfolgreich war und man doch überlebt – hinterher von den Rechtsradikalen umgelegt. Es ist also eine klassische Lose-Lose-Situation. Man möge den in der Schusslinie der Rechten stehenden Menschen, zum Beispiel mir, nachsehen, dass wir eher dazu tendieren, den Nazis ihre Propaganda zu verbieten.
Erfreulicherweise haben wir dabei sogar das Strafgesetzbuch auf unserer Seite. Der Volksverhetzungs-Paragraph (§ 130) stellt jede Art von Aufstachelung zum Hass aus rassistischen, religiösen, nationalistischen oder ethnischen Gründen, das Leugnen des Holocausts und die Verherrlichung des Nationalsozialismus unter Strafe. Das StGB hält somit nichts von dem erfundenen Voltaire-Sinnspruch. Bis zu fünf Jahren Knast bietet es stattdessen den Tätern für die erwähnten Straftaten an.
Nun sind die meisten Nazis zwar doof, selbst viele der angeblichen „Intellektuellen“ unter ihnen, aber ganz doof sind sie nun auch wieder nicht. Also formulieren sie ihre Hetze oft so, dass man ihnen die fünf Jahre staatliche Kost und Logis grade mal nicht zukommen lassen kann. Sie schaffen es bei ihrem Volksverhetzungs-Limbo immer wieder, knapp unter der Strafverfolgungs-Stange hindurch zu tanzen, ohne sie zu reißen. Trotzdem wissen wir natürlich, was sie meinen. Aber bloß, weil sie sich mehr oder weniger geschickt um den Knast herum rhabarbern, müssen wir sie zur Belohnung nicht auch noch zu TV-Talkshows einladen, mit ihnen durch den Thüringer Wald wandern und dabei Gespräche führen, ihnen beim Ziegenmelken zuschauen, voyeuristische Home-Storys über sie schreiben, sie zu Wahlergebnissen oder anderen aktuellen Ereignissen befragen oder ihnen Platz auf der Buchmesse freiräumen.
Ich zitiere hier gerne den leider viel zu früh verstorbenen Wiglaf Droste aus seinem im Jahr 1993 erschienenen Text „Mit Nazis reden“: „Das Schicksal von Nazis ist mir komplett gleichgültig; ob sie hungern, frieren, bettnässen, schlecht träumen usw., geht mich nichts an. Was mich an ihnen interessiert, ist nur eins: dass man sie hindert, das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht hindert: die bedrohen und nach Möglichkeit umbringen, die nicht in ihre Zigarrenschachtelwelt passen.“
Toleranz gegenüber Nazis können sich nur Leute leisten, die sich ihnen – wenn es hart auf hart kommt – andienen können. Dass sie dazu in der Lage sind, haben Teile des deutschen Bürgertums schon zwischen 1933 und 1945 nur allzu deutlich bewiesen. Wir anderen müssen in Bezug auf den Rechtsradikalismus leider auf jeden liberalen Luxus verzichten.
 ● Hartmut El Kurdi

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