Für diese Ausgabe haben wir uns mit der Musikerin Ayda Kırcı (AK) und dem grünen Ratsherrn Liam Harrold (LH) getroffen. Was die beiden verbindet, ist ihre Affinität zu Kunst und Kultur und ihr Sorge über die Entwicklungen in unserer Gesellschaft.
Stellt euch zum Start gerne selbst vor:
AK: Ich bin Sängerin und war zwischendurch einige Jahre in Berlin. Ich habe viel für die Wirtschaft gearbeitet, Werbejingles gesungen, Galaveranstaltungen gemacht. Und jetzt bin ich wieder in meiner Heimatstadt Hannover und mache Begegnungskonzerte. Ich versuche, Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammenzubringen und ich fördere junge Talente, meist mit Zuwanderungsgeschichte. Und mit meiner Band Shanaya mache ich Mig-Pop, also Migranten-Pop. Wir verbinden deutschsprachige Popmusik mit orientalischer Musik. Als Jugendliche war ich in Frankreich und habe viel Raï gehört, das ist Musik in französischer Sprache mit arabischen Einflüssen. Das wollte ich in deutscher Sprache etablieren. Wir haben viel experimentiert, um etwas zu kreieren, dass auch eine Mehrheitsgesellschaft ansprechen kann. Ich wollte damit auf keinen Fall in einer Parallelgesellschaft landen, denn ich kämpfe mein Leben lang für das genaue Gegenteil. Ich finde, es ist Gift, wenn Menschen in einer Gesellschaft aneinander vorbeileben und sich nicht begegnen. So entstehen erst gefährliche Spannungen. Und das führt zu nichts Gutem. Dann geht es schnell gegen unsere freiheitlichen, demokratischen Werte. Das erleben wir ja im Moment.
LH: Ich bin in Hannover geboren, die IGS Roderbruch war meine Schule. In der Ecke bin ich aufgewachsen. Also gerade nicht in einer Parallelgesellschaft. Bei uns war alles schön vermischt, da waren Kinder mit bürgerlichen Hintergrund, Kindern mit Zuwanderungsgeschichte. Aber das war alles irgendwie egal, die Herkunft und der Hintergrund haben kaum eine Rolle gespielt. Wir waren eine Gemeinschaft. Das hat mich sehr geprägt und rückblickend wohl auch politisiert. 2013 bin ich bei den Grünen eingetreten, ich habe damals in Bothfeld gewohnt und mich für eine Flüchtlingsunterkunft eingesetzt, die man in der Nachbarschaft teils nicht wollte. Man hatte Angst, dass die Eigenheime an Wert verlieren. Ich war damals 17 und das hat mich sehr aufgeregt. In der HAZ stand dann so ein Zitat von mir: Die Menschenrechte müssen auch für Bothfeld gelten! Das war damals meine politische Initialzündung. Ich wollte, dass die Leute rauskommen aus ihren Wohlfühlecken, dass sie die soziale Realität nicht ausblenden, das hat mich immer angetrieben. Und mich hat unsere Geschichte interessiert, unsere Erinnerungskultur. Ich habe dann angefangen, Geschichte zu studieren und viele Studienfahrten nach Bergen Belsen, nach Auschwitz, zu Gedenkstätten organisiert. Wir waren auch schon mit der Schule in einer KZ-Gedenkstätte, was mich damals sehr bewegt hat. Inzwischen bin ich seit zwei Jahren Dozent an der Uni und treibe meine Promotion voran. 2021 habe ich außerdem für den Rat kandidiert. 2026 ist meine erste Wahlperiode vorbei. Ich werde dann aber nicht mehr kandidieren. Ich mache im Grunde seit 2013 durchgängig Politik in Hannover, angefangen in der Grünen Jugend. Und jetzt muss ich mich mal um meine Promotion kümmern. Ich werde aber politisch weiter aktiv sein und mich einmischen. Ich kann ja nicht meinen Mund halten, wenn ich irgendwas ungerecht finde. Aber erst mal nicht mehr in einem gewählten Amt.
Was euch verbindet, dass ist die Idee einer Gesellschaft, die als Gemeinschaft funktioniert. Dafür habt ihr euch immer eingesetzt, für das Verbindende. Ayda, du hast eben schon unsere freiheitlichen Werte angesprochen. Wo stehen wir denn gerade in Deutschland?
AK: Eigentlich können einem wirklich die Tränen kommen. Ich denke, dass sich da gerade etwas sehr Gefährliches entwickelt. Es gibt so viele Gruppen, die fast gar nichts mehr voneinander wissen. Viele Menschen wenden sich ab von unseren Werten und unserer Demokratie. Das nimmt ständig weiter zu. Und gleichzeitig verschließen so viele Menschen noch die Augen vor diesen Entwicklungen und ziehen sich zurück in ihre Wohlfühlecken. Man schaut einfach weg und lebt ein möglichst angenehmes Leben. Man ist gleichgültig gegenüber dem, was da draußen passiert. Bis es irgendwann kippt und richtig gefährlich wird. Mein Mann und ich machen gerade das Projekt „Demokratie ist wertvoll“, für das wir Schulen in Hannover und der Region besuchen. Gerade an Schulen im ländlichen Bereich gibt es starke rechte Tendenzen. Du, Liam, hast gerade von eurem Zusammenhalt in der IGS erzählt. Davon ist nicht mehr viel übrig. Es gibt Gruppierungen, die nichts miteinander zu tun haben wollen und sich im besten Fall aus dem Weg gehen. Das ist heute die Realität. Dass nicht einmal mehr Kinder und Jugendliche sich verstehen. Und dass auch nicht mehr widersprochen wird, weil sich das einfach niemand traut. Das spiegelt aus meiner Sicht momentan unsere gesamte Gesellschaft. Wir sind zutiefst gespalten, in einer Zeit, in der eigentlich der Zusammenhalt so unglaublich wichtig wäre, bei den Bedrohungen von außen, mit denen wir uns jetzt konfrontiert sehen.
LH: Ich kann das leider nur voll bestätigen. Wir sehen faschistische Tendenzen. Die Zustimmungswerte zu faschistischen und menschenfeindlichen Positionen steigen permanent, das ist erschreckend. Und es wird höchste Zeit, dass wir wirklich alle Mittel des Rechtsstaats nutzen, um die Faschisten zu stoppen. Ich bin darum auch ganz klar für ein Parteiverbot der AfD. Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere demokratischen Strukturen weiter unterwandert werden. Klar, es gibt juristische Bedenken, aber zumindest eine Prüfung des Verbots zu machen, das wäre ein Anfang. Immerhin werden damit die wahren Absichten thematisiert. Vielleicht sind die Leute danach nicht mehr ganz so gleichgültig. Und vielleicht fällt auch bei einigen Parteien der Groschen, dass man nicht mehr unbedingt über jedes Stöckchen springt, dass einem diese Nazis hinhalten. Und ich hoffe, dass auch die Medien ihre Sensationslust wieder ein bisschen mehr in den Griff bekommen. Es gibt seit Jahren diesen Trend, alles zu skandalisieren. Und besonders gerne, wenn „Ausländer“ beteiligt sind. Ich finde, wir müssen im Blick behalten, die Hoffnung nicht zu verlieren, sondern im Gegenteil Hoffnung verbreiten. Das ist ja auch ein bisschen die Mission von dir, Ayda. Auf die Probleme hinzuweisen, aber gleichzeitig auch eine Tür aufzumachen. Und ja, natürlich gibt es Probleme. Aber man löst keine Probleme, indem man Faschisten und Demagogen wählt. Aus meiner Sicht ist momentan übrigens eine der größten Gefahren, dass diese rechten Positionen von Demokraten übernommen werden. Das sehen wir ja schon seit einer Weile. Das ist gefährlich, weil damit eine Normalisierung einhergeht. Es wird zum Beispiel normal, Menschen mit anderem Aussehen abzulehnen. Das spaltet unsere Gesellschaft. Wir sollten stattdessen daran arbeiten, die Grenzen zu überwinden und zusammenzukommen.
Womit wir mitten in der Stadtbilddebatte sind. Die CDU ist bereits über einige Stöckchen gesprungen. SPD und FDP ebenfalls …
LH: Auch Teile der Grünen. Anstatt sich darum zu kümmern, die tatsächlichen Probleme zu identifizieren und nach Lösungen zu suchen. Was wiederum dazu führt, dass die Probleme nicht gelöst werden. Und damit steht dann am Ende auch die Demokratie selbst in der Kritik. Wobei so eine Kritik natürlich leicht rausgehauen ist. Wenn man selbst in diesem Betrieb steckt, merkt man, dass es eben manchmal mühsam ist und dass man Kompromisse finden muss. Demokratie ist aber auch nicht nur Parteiendemokratie, da sind wirklich alle gefordert, sich einzubringen. Alle können und müssen sich beteiligen. Auf „die da oben“ zu schimpfen, das ist viel zu einfach. Wir müssen miteinander ins Gespräch kommen. Darum finde ich es auch eine sehr gute Sache, Ayda, dass ihr in die Schulen geht.
AK: Wir machen das, weil dort die Erstwählerinnen und Erstwähler sind. Wir wollen nicht parteipolitisch intervenieren, wir wollen den Blick für das Große und Ganze öffnen. Wir starten immer mit unseren Grundrechten in Deutschland, die ja großartig sind. In vielen anderen Ländern gibt es diese Grundrechte nicht. Wir werfen dann natürlich auch einen Blick auf die aktuellen Umfragen. Viele Jugendliche wissen zum Beispiel nicht, dass die AfD momentan auf Platz eins steht. Wir versuchen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die eigenen Stimme Gewicht hat, dass man sich beteiligen kann, dass man mithelfen kann, unsere Demokratie und unsere Grundrechte zu schützen.
Wir haben jetzt viel über aktuelle Politik und Spaltung gesprochen. Ich würde mit euch gerne noch über ein Gegenmittel sprechen. Obwohl man Kunst und Kultur nicht einem Zweck unterordnen solle. Aber ich finde schon, dass die Kultur durchaus heilende Kräfte haben kann.
LH: Ich denke, Kultur kann vor allem Hoffnung geben. Also nicht im Sinne einer Ablenkung von den aktuellen Problemen, sondern gerade in der Hinwendung. Sie kann die Probleme thematisieren und einen anderen Umgang damit zeigen. Sie kann uns einen Spiegel vorhalten. Und sie kann empowern.
AK: Genau das ist der Ansatz. Wir haben diese Spaltung, auch in Hannover, wir sehen die Bedrohung unserer Demokratie, wir sehen, dass die Leute Angst haben. Und die Kultur kann tatsächlich etwas sein, was in die ganz andere Richtung wirkt. Weil Kultur Begegnung und Miteinander bedeutet. Wenn man zum Beispiel miteinander singt, dann hat das eine Wirkung. Ich glaube, dass die Kultur die besten Wege hat, um die Menschen zu erreichen. Die Kulturschaffenden holen die Menschen emotional ab, wo sie stehen. Auch wenn viele Türen schon zu sind, kann die Kultur die Menschen noch erreichen.
Wie ist es denn momentan um die Kultur in Hannover bestellt? Gibt es genug Support?
AK: Es ist eigentlich so, wie überall. Es wird viel zu gerne gespart. Aber wenn man die Kultur kaputt spart, zerstört man die Demokratie. Die Kultur ist eine große, wichtige Säule unserer Demokratie. Ähnlich wie die Pressefreiheit. Darum muss die Kultur unbedingt gestärkt werden. Kultur sollte in jedem Haushalt eine Pflichtaufgabe sein.
LH: Ich denke, dass uns in Hannover in den letzten Jahren oft der Mut gefehlt hat, Entscheidungen zu treffen, auch im städtischen Haushalt, die für die Kultur wirklich positive Veränderungen gebracht hätten. Es ist natürlich immer alles eine Ressourcenfrage, aber statt zum Beispiel Geld auszugeben, um Geflüchtete zu drangsalieren, weil irgendeine Bundesregierung mit Zahlen glänzen will, wäre es weitaus klüger, die vorhandenen Mittel vor allem in Soziales, Jugend und Kultur zu investieren. Wir müssen die Prioritäten anders setzen. Wir brauchen Investitionspakete für die Zukunft. In der Jugendarbeit brechen momentan Strukturen weg. Das funktioniert immer alles gerade so weiter, auf wackligen Beinen, mit ganz viel ehrenamtlichem Engagement, aber auf Dauer abgesichert ist gar nichts. Das gilt genauso für die Kultur. Und das ist nicht nachhaltig. Ich glaube, man muss grundsätzlich wegkommen von der Projektförderung, hin zu viel mehr Strukturförderung. Man muss das alles langfristig denken und Stabilität schaffen
AK: Der Fokus sollte auf der gesamten Kreativwirtschaft liegen. Wir haben so viele Kulturschaffende in Hannover, nicht nur ein paar Zentren. Wir haben freischaffende Künstlerinnen und Künstler, Musikerinnen, Musiker, unsere Kreativwirtschaft ist riesig. Und die Förderungen sind oft mickrig und verbunden mit ganz viel Bürokratie. Dabei brennen all diese Menschen für ihre Projekte und machen mit ihrem Engagement aus einem Euro zehn Euro. Was dazu schwierig ist: Wenn du nicht aus dem Bereich Klassik kommst, hast du eigentlich schon verloren. Ich habe darum gesagt, dass ich jetzt auch Klassik mache. Und das funktioniert. Ich habe ein Konzert, das im Januar vom NDR ausgestrahlt wird. Ich singe türkische Volkslieder mit dem Kammerorchester Hannover. Das braucht übrigens auch Mut bei den Beteiligten. Es gibt überall noch so ein bürgerliches Denken. Alles, was von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte kommt, wird erstmal skeptisch beäugt. Und im Zweifel als weniger wertig angesehen und dann weniger gefördert. Ich finde, es muss auch darum gehen, diese Gegensätze aufzulösen, also nicht nur die sogenannte Hochkultur im Fokus zu haben.
LH: Es stimmt, dass im Kulturbereich manchmal eher die berühmte Gießkanne ein gutes Mittel wäre. Da kann ein Tausender schon ganz viel in Bewegung bringen. Mich hat immer befremdet, mit welcher Leidenschaft wir in der Kommunalpolitik über Gelder diskutiert haben, wenn es um den Kulturbereich ging. Da gab es die härtesten Auseinandersetzungen über 1.000 oder 5.000 Euro. Während an anderen Stellen die Millionen über den Tisch geschoben werden. Und dann wird gesagt, das seien unterschiedliche Haushalte. Ich finde, man muss das grundsätzlich anders denken. Wir müssen Kulturförderung als Investition verstehen. Und wir müssen begreifen, dass im Zweifel auch sehr kleine Beträge sehr viel bewirken können.
Ich habe manchmal den Eindruck, dass insgesamt von Teilen der Politik und Verwaltung so ein bisschen herablassend auf die Kulturschaffenden geblickt wird.
LH: Da ist leider eine Menge dran und mich hat das immer total befremdet. Gerade als ich neu im Rat war, hat mich das erschrocken. Wie hinter verschlossener Tür über Kulturschaffende oder auch Kultur geredet wurde. Ich finde, dass die Politik so etwas wie ein Übersetzer sein muss. Wir müssen in der Kommunalpolitik zwischen der Sprache der Kulturschaffenden und der Sprache der Verwaltung übersetzen. Und wir müssen in Politik und Verwaltung wieder mutiger werden. Uns als Verbündete sehen, die im Sinne der Stadtgesellschaft handeln. Das heißt, dass wir auch mal Macht abgeben müssen, es laufen lassen müssen, dass wir nicht immer alles kontrollieren dürfen. Wir müssen diese Angst vor Kontrollverlust ablegen und stattdessen einfach mal Vertrauen haben. Ich fand zum Beispiel den Entschluss großartig, Wiebke und Johannes Thomsen für das Kommunale Kino zu holen. Die kommen aus der Kultur und haben überhaupt keinen Verwaltungshintergrund. Ein Experiment aus Verwaltungssicht. Und ich finde, das ist großartig gelungen. Die machen ein Hammer-Programm. Solche Entscheidungen wünsche ich mir viel mehr. Wir müssen mit den Kulturschaffenden arbeiten und Kultur ermöglichen. Und eben nicht irgendwelche bürokratischen Hürden schaffen oder lenken wollen. Mehr Freiheit und mehr Zutrauen für die Kultur und keine Überformung durch städtischen Ambitionen.
AK: Apropos Ambitionen, ich fühle mich beispielsweise beim Thema Kulturstadt überhaupt nicht mitgenommen. Da fließen unglaubliche Gelder in die Werbung für irgendwelche Plakate mit irgendwelchen Slogans. Und es gibt ein neues Logo: Hurra, wir sind Kulturstadt. Aber bei mir als Kulturschaffende kommt gar nichts an. Stattdessen laufen irgendwelche Aktionen in so einer ganz eigenen Parallelgesellschaft, jenseits der tatsächlichen Kulturszene. Ich empfinde das alles ehrlich gesagt als Comedy.

