Literarisches: Markus Brunner

Der Autoritarismus erlebt in den letzten Jahren einen merklichen Aufschwung; mit rechtspopulistischen Parteien, mit Protestszenen … In diesem Zuge rückt auch die Autoritarismusforschung mehr in den Blick, um Hintergründe und Dynamiken dieser Entwicklung besser zu verstehen – und die Studien, Analysen und Thesen zum Autoritarismus aus der Kritischen Theorie des Instituts für Sozialforschung erhalten größere Aufmerksamkeit. Die Aneignung dieser Forschungen von Max Horkheimer, Erich Fromm, Theodor W. Adorno oder Leo Löwenthal aus den 30er- und 40er-Jahren für die Gegenwart verläuft dabei vielfältig. Der Soziologe Markus Brunner hat nun den Band „Sozialpsychologie des Autoritären. Zur Aktualität der Autoritarismusforschung der Frankfurter Schule“ veröffentlicht, der sowohl einen systematischen Überblick über die Forschungsergebnisse des Instituts für Sozialforschung bietet als auch die darauf Bezug nehmenden, bis in die Gegenwart reichenden Debatten nachzeichnet. Brunner positioniert sich dabei auch mit eigenen Ansätzen, die der Massenpsychologie mehr Aufmerksamkeit widmen und die Psychoanalytikerin Melanie Klein für sich fruchtbar machen …

Als wissenschaftlicher Leiter des Schwerpunktes „Sozialpsychologie & Klinische Psychologie“ arbeitet Brunner, der 2014 in Klagenfurt promovierte, an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien. Dass er als Wahl-Österreicher – und gebürtiger Schweizer – dennoch auf dieser Seite als Autor vorgestellt wird, liegt freilich nicht am Schwitters-Motiv auf seinem Buchcover, sondern an Brunners besonderem Hannover-Bezug: Von 2001 bis 2008 studierte er nämlich – nach zwei Jahren in Zürich – Sozialpsychologie und Soziologie in Hannover.

Und die hiesige Sozialpsychologie besaß lange Zeit international großes Renommee: Gegründet wurde sie immerhin von Peter Brückner, der 1967 seinen Lehrstuhl in Hannover bekam – und als linksorientierter Dozent aus politischen Gründen zweimalig suspendiert wurde, wobei sich u. a. Michel Foucault für ihn stark machte. Auch andere namhafte VertreterInnen ihres Faches wären zu nennen: etwa Alfred Krovoza oder Regina Becker-Schmidt und Gudrun-Axeli Knapp, die, so Brunner, „eine in der Tradition der Kritischen Theorie stehende gesellschaftstheoretisch reflektierte Geschlechterforschung entwickelt haben.“ Als sich 2008 die Frage der weiteren Denomination der Stelle von Knapp stellte, war die Abschaffung der Sozialpsychologie dann 2008 trotz intensiver Proteste beschlossene Sache. Mit der Verabschiedung von Rolf Pohl („Feindbild Frau“, 2004/2019) endete diese fruchtbare Ära der Sozialpsychologie in Hannover endgültig.

„Mit dem Beschluss der Abschaffung der Sozialpsychologie 2008 – Rolf Pohl war danach für die sog. Abwicklung zuständig – gab es für mich in Hannover keine berufliche Perspektive mehr und so zog es mich dann weiter nach Wien“, resümmiert Brunner, der gerne auf seine Studienzeit in Hannover zurückblickt: „Ich habe sehr gern in Hannover studiert, erstens weil die Universität von ihrer Ausrichtung her damals wirklich noch etwas Besonderes war und wir ungemein selbstbestimmt studieren konnten, zweitens weil ich mich in der Nordstadt mit den vielen Kneipen, dem Sprengelkino, der studentischen Kultur und dem vielen Grün sehr wohlgefühlt habe.“

Nun also die Sigmund Freud PrivatUniversität Wien. Und Freud ist natürlich auch in seinem aktuellen Buch zum Autoritarismus präsent, ist er doch Bezugspunkt des Instituts für Sozialforschung. Wobei Brunner freilich mit kritischer Distanz auf Freuds Arbeit blickt: „Einerseits setzte er entwicklungspsychologisch sehr wenig voraus – nichts ist einfach vorgegeben, alles entwickelt sich in Beziehungen und Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ansprüchen. Andererseits zeigen sich immer wieder problematische normative Vorgaben, die eigentlich diesem offenen, neugierigen Blick widersprechen, und immer wieder auch sexistische oder rassistische Bilder.“ Für hochaktuell hält Brunner aber „Freuds Blick auf die Herstellung dessen, was wir für ,normal‘ halten – und die psychischen Kosten, die diese Normalität mit sich bringt.“

Brunners „Sozialpsychologie des Autoritären“ richtet sich freilich vor allem an ein Fachpublikum, bemüht sich aber – auch via Glossar – darum, Lai*innen einen Einstieg zu ermöglichen. Von den Schriften zum „autoritären Charakter“, der für die Herstellung gesellschaftlicher Konformität ebenso dienlich ist wie auch für die Disposition „potenziell faschistischer Subjekte“ für Propagandaangebote, kommt er – den historischen Kontext der jeweiligen Arbeiten stets im Blick – zu Typen des Autoritären und autoritären Modi in der heutigen Autoritarismusforschung. Daran anknüpfend richtet sich das Augenmerk auf die autoritäre Propaganda, die heute weit mehr als in den 30er-/40er-Jahren flexibel und ironisch zwischen den Rollen switche und im Internet eine entscheidende Plattform gefunden habe. Hier wie auch im Kapitel zur Massenpsychologie dürften sich fachfremde Leser*innen bereits etwas mehr abgeholt fühlen. Und das Abschluss-Kapitel, das sich gegen Ende auch auf Melanie Klein stützt, macht dann unter anderem noch anschaulich, wie gesellschaftliche Krisen, „in der Sozialisation erworbene innere Ängste und Konfliktlagen“, „Eigen- und Fremdgruppenbilder“, Propaganda und Massendynamiken ineinandergreifen und welche autoritären „Flugbahnen“ – so ein von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey eingeführter Terminus – Individuen zwischen unterschiedlichen Regressionsstufen und zwischen „Ich-Prothetisierung“ und „Ich-Aufgabe“ aufweisen können. Nicht unbedingt leichte Lektüre, aber spannend!


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