Stadtkinder kochen Rotkohlcremesuppe

Man soll sich gesund ernähren, sagen die Leute, regional und saisonal einkaufen. Was wächst denn im Winter so? Steine? Nein, ist natürlich Quatsch, es gibt ja zahlreiche Wintergemüse. Einige davon – wie Grünkohl, der mir persönlich absolut zuwider ist – werden vom ersten Frost an bis Ende Februar nahezu glorifiziert. In großen Gruppen versammelt man sich, um die matschig gekochte, nach Treppenhaus riechende (oder ist es andersrum?) und vor Einschreiten der zubereitenden Person bestimmt auch mal Vitamin C-haltige Lumumpe mit reichlich fettigem Fleisch zu verzehren. Wird der Topf mit dem optisch an Kinderkot erinnernden Brei serviert, vom Personal vor sich her getragen wie eine Monstranz, könnte man meinen, die Hungrigen hätten gerade ein Erweckungserlebnis, so verzückt und entrückt, wie sie juchzen. Eine Grünkohl-Epiphanie.

Verglichen damit wird der arme Rotkohl eher stiefmütterlich behandelt und meist auch nur auf eine Art zubereitet, nämlich als Beilage zu Fleischgerichten, und selten bejubelt. Das finde ich unfair. Und weil alle immer über green flags und red flags reden und rot per se schlecht ist, drehe ich heute einmal alles um und behaupte: Grünkohl ist die red flag unter den Gemüsen. Fangt mich doch! Ich mach ne Rotkohlcremesuppe! Das ist einfach, man braucht wenige Zutaten, einen Pürierstab und Geduld – hab ich alles da, los geht es.

Für vier hungrige Menschen brauchen wir einen Liter Gemüsebrühe, 750g frischen Rotkohl, 350g mehlig kochende Kartoffeln (drei Stück etwa), 2 rote Zwiebeln, einen Apfel (ich verwende im Winter gerne Boskop), etwas Butter, den Saft einer Zitrone und einen Becher Crème fraîche. Apfel, Kartoffeln und Zwiebel werden geschält und, so wie auch der Rotkohl, irgendwie klein geschnitten. Würfel, Streifen, Rechtecke, ganz egal, Hauptsache, klein, denn am Ende wird es ohnehin püriert. Dann schwitzen wir die Zwiebeln in Butter an. Sobald sie etwas Farbe genommen haben, kommt der Apfel dazu. Wenn der anfängt, auseinander zu fallen, weil alle Flüssigkeit aus ihm gewichen ist (wie martialisch!), ist der Zeitpunkt gut, um Kartoffeln und Rotkohl hinzuzufügen. Gut umrühren und ein bisschen vor sich hin brutzeln lassen – die eine oder andere dunkle Stelle schadet gar nix, im Gegenteil, nur verkohlt sollte es nicht sein. Dann gießen wir die Brühe dazu, tun den Deckel drauf und reduzieren die Hitze auf mittlere Höhe. Während der nächsten Dreiviertelstunde rühren wir ab und zu mal um, mehr passiert aber nicht. Dafür jetzt: Die Suppe wird mit dem Pürierstab bearbeitet, bis sie keine Stückchen mehr aufweist. Dann rühren wir die Crème fraîche und den Zitronensaft unter und würzen beherzt mit Salz, Pfeffer (eine fruchtige Pfeffersorte harmoniert schön an dieser Stelle) und Muskatnuss. Schon fertig! Dazu passt erstaunlich gut mit Butter in der Pfanne geröstetes Brot. Da haben wir es wieder: Das Brot könnte man zu Grünkohl doch überhaupt nicht essen. Würde ja gar nicht passen! Aber das ist nicht der einzige Grund, warum in meinen Augen eine Rotkohlcremesuppe viel mehr fetzt als dieser überbewertete Grünkohl.


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