Wir treffen uns heute im Klavierhaus Döll im Lister Pelikanviertel mit der Geschäftsführerin Ariane Jablonka (AJ) und der Künstlerin Assunta Verrone (AV). Beide sind Mitglieder im Freundeskreis und teilen eine Leidenschaft: die Liebe zur Kultur. Seit Jahren engagieren sie sich in Hannovers Kulturszene.
Stellt euch zum Einstieg einfach kurz selbst vor.
AV: Ich bin Künstlerin, komme aus Italien und habe dort Politikwissenschaften studiert. Als ich dann nach München gezogen bin, habe ich gemerkt, dass Sprachbarrieren mich zu sehr einschränkten. Ich konnte nicht so arbeiten wie in Italien und habe mich darum neu orientiert. Was folgte, war eine Bewerbung an der Akademie der Bildenden Künste. Ich habe mich also für die Kunst entschieden. Und gleichzeitig meine Leidenschaft für die Philosophie entdeckt, die ich mit meinem Mann teile. Er ist Philosoph. Gemeinsam betreiben wir seit 25 Jahren den Treffpunkt Ästhetik in Hannover und verbinden dort Philosophie mit Kunst und Musik. Außerdem organisieren wir noch das Festival der Philosophie.
Was ist das für ein Festival?
AV: Die Idee stammt aus Modena, Italien, von Michelina Borsari. Sie wollte ein Netzwerk in ganz Europa aufbauen, ein Netzwerk der Festivals. In Köln ist sie zuerst auf Ablehnung gestoßen, aber wir hier in Hannover fanden die Idee großartig und haben sie umgesetzt, wie auch St. Emillion in Frankreich, St. Andrews in England und Velke Mezerici in Tchechien. Inzwischen haben sich die Festivals der Philosophie vermehrt. Wir sind in Kontakt mit Tschechien. Der Austausch mit anderen Ländern ist wichtig und immer inspirierend.
Was erwartet die Besucher*innen beim Festival der Philosophie?
AV: Wir möchten die klassische Kontinentalphilosophie lebendig halten und servierfertig anbieten. An Universitäten dominieren heute ja eher die Wissenschaftsphilosophie und Linguistik, oft mit Fokus auf Logik. Wir hingegen wollen eine Philosophie, die im Dialog mit der Gesellschaft steht. Sie soll Frieden, vor allem sozialen Frieden, Demokratie und den Austausch fördern. Unser Ziel ist, dass Menschen wieder miteinander reden. Das ist die Basis. Philosophie war immer der Anfang von allem. Sie inspiriert Kunst und Musik und steht vor allen anderen Künsten. Diese Synergie bereichert alle Disziplinen. Philosophie setzt wichtige Impulse.
Ariane, du kennst das, Kunst erlebbar zu machen, oder?
AJ: Ja, das stimmt. Ich bin Ariane Jablonka, Geschäftsführerin vom Klavierhause Döll. Wir sind vor zwei Jahren hier ins Pelikanviertel gezogen und haben damit einen lebendigen neuen Ort für Musik geschaffen. Unser Geschäft ist eine Art Concept Store mit dem Fokus auf dem Verkauf von Klavieren und Flügeln. Gleichzeitig bieten wir aber Raum für Bildende Kunst. Wir haben bereits Werke von Künstlern wie Wolfgang Kessler über unsere Kooperation mit dem Kunsthaus Hannover und Portraits im Rahmen des Heros Charity Projektes von Michael Strogies gezeigt. Nachdem wir 20 Jahre lang das Festival Klassik in der Altstadt veranstalten durften, haben wir uns gedacht, dass es eine schöne Idee ist, dieses Festival als KLASSIK IM PELIKANVIERTEL nun hier zu etablieren, wo ja auch viele unserer Unterstützer sind.
Und hat dieser Umzug funktioniert?
AJ: Es hat super funktioniert. Es war ohnehin schwierig, die Spielstätten in der Altstadt zu erhalten. Die Innenstadt hat sich hinsichtlich der Bedingungen stark verändert. Also war der Schritt hierher ins Pelikanviertel sehr logisch. Wir haben mit sehr wenig Vorlaufzeit ein wirklich großes Festival organisiert mit 25 Konzerten an zwei Wochenenden im September und an drei Tagen im Oktober. Das war klasse, aber auch sehr sportlich. Es gab große und kleine Bühnen, viele unterschiedliche Spielstätten und ein vielfältiges Programm.
Also nicht nur Klassik?
AJ: Genau, wir wollten mehr Cross over präsentieren von Klassik über Jazz bis Pop und Boogie Woogie war alles dabei. Ein künstlerisches Potpourri, von alter barocker Musik bis zu modernem Jazz. Wir hatten zum Beispiel Lutz Krajenski hier mit einer Sängerin aus Berlin. Wir haben das Programm dazu mit kleinen, neuen Formaten ergänzt, etwa einem Yoga-Klavierkonzert in der N-Bank und einem Inklusionskonzert. Solche Kooperationen sind großartig. Auch das Tandure gegenüber hat eine Bühne für Open-Air-Konzerte angeboten. Hier im Klavierhaus hatten wir ebenfalls ausverkaufte Veranstaltungen. Das Festival hatte eine unglaubliche Bandbreite und entsprechend hatten wir ein bunt gemischtes Publikum, von Kindern bis zum gängigen Klassikliebhaberpublikum.
Also ein voller Erfolg trotz neuem Standort?
AJ: Absolut. Bei manchen Konzerten standen 300 Leute bis zur Tür hinaus. Insgesamt hatten wir rund 5.000 Besucher*innen an sechs Tagen. Wir werden darum das Festival unbedingt fortsetzen, diesmal aber im Sommer, um eine noch schönere, sommerliche Atmosphäre zu haben. Geplant ist das nächste Festival KLASSIK IM PELIKANVIERTEL vom 21.- 30. August. Ich wünsche mir eine noch stärkere Verbindung zu anderen Künsten, etwa zum Tanz oder auch zur Philosophie. Beim ersten Anlauf ist so etwas schwer umsetzbar, aber es bleibt ein Ziel für die Zukunft.
Dann passt es ja perfekt, dass Assunta hier ist. Ist bei euch ebenfalls die Tür auf für Kooperationen?
AV: Auf jeden Fall. Unser nächstes Festival der Philosophie ist aber erst für 2027 geplant. Wobei wir natürlich schon jetzt planen. Jedes Festival bekommt immer ein Thema, etwa Seele, Nachhaltigkeit, Schönheit oder Freiheit. Diese Themenfindung ist nicht so schwer, sie sollte nur in zwei Jahren noch aktuell sein. Seit der Pandemie zeichnen wir übrigens alles auf, sodass man das Festival online nacherleben kann. Und außerdem veröffentlichen wir begleitend immer ein Buch mit den Manuskripten, so bleibt etwas für alle erhalten. Es ist ein Beitrag zur Philosophie insgesamt, denn viele Impulse, die wir während unseres Festivals geben, fehlen an den Universitäten. Viele Masterstudiengänge sind zum Beispiel inzwischen auf Englisch, aber die deutsche Sprache ist viel reicher an Wortvielfalt und -akrobatik. Bei Übersetzungen geht oft etwas verloren. August Schlegel hat gesagt, die deutsche Sprache können fast alle Gedanken ausdrücken. Darum finde ich es schade, wenn Philosophie an Universitäten nur auf Englisch gelehrt wird. Das schafft eine Distanz zwischen Philosophie und Gesellschaft. Ich stelle mir immer die Frage, wie wir verhindern, dass die Philosophie im Elfenbeinturm bleibt.
Eine sehr gute und wichtige Frage.
AJ: Als ich im letzten Jahr das Festival der Philosophie besucht habe, war ich begeistert von der Vielfalt und von der Faszination der Leute für das Thema. Die Eröffnungsveranstaltung in der Marktkirche war anspruchsvoll und beeindruckend. Bernhard Taureck hat einen Vortrag gehalten, der mich wirklich mitgerissen hat. Ein großer Philosoph. Sehr komplexe Gedankengänge, aber ganz klar strukturiert. Es hat sich angefühlt, als hätte man ein philosophisches Hörbuch in Expressform inhaliert. In einer Stunde war da unglaublich viel drin, ohne dass man den roten Faden vermisst hätte.
Also herausfordernd und bereichernd zugleich?
AJ: Genau. Es ist diese moderne Art zu denken, die mich fasziniert. Man muss sich trauen, neue Interpretationen zu wagen. Das Festival regt dazu an, sich auf solche Gedanken einzulassen. Letztes Jahr lautete die zentrale Frage: Was ist dir heilig? Spontan habe ich zu meinem Partner gesagt: Meine Familie. Aber dann begann das Nachdenken: Was bedeutet heilig wirklich? Wie definieren andere das? Plötzlich eröffnen sich neue Ebenen, die im Alltag oft verborgen bleiben. Dafür braucht es Zeit und den Mut, sich auf Neues einzulassen.
Gedanken austauschen, um ins Gespräch zu kommen, mit sich selbst oder anderen. Das klingt nach Philosophie!
AJ: Ja, und in der Kulturszene ist das essenziell. Letztes Jahr haben wir mit dem NDR RedakteurInnen das Format „Talk und Talente“ entwickelt. Junge Künstler*innen stellen sich vor und sprechen über ihre Arbeit: Wie entstehen Ideen? Wie setzt man sie um? Welche Rolle spielen soziale Medien? Es war ein inspirierender Austausch. Zudem hatten wir ein Konzertformat „Junge Leidenschaften“ bei dem die Young Artists aufgetreten sind. Das sind talentierte Musiker*innen, noch keine Profis, die auf hohem Niveau musizieren. Von Filmmusik bis zu eigenen Kompositionen war alles dabei. Diese Vielfalt verbindet Assunta und mich: die Faszination für Kunst und Kultur. Ich selbst male zwar nicht so gut wie Assunta, aber ich genieße es, Kunst zu erleben. Solche Erlebnisse bringen Menschen zusammen. Nur so entsteht gemeinsames Denken, ein gemeinsames Erleben.
Philosophie heißt ja „Die Liebe zum Denken“. Klingt eigentlich ganz leicht, sobald man sich mal darauf eingelassen hat.
AV: Das ist nicht immer so einfach. Beim letzten Festivalthema „Was ist dir heilig?“ musste ich mich gegenüber der taz verteidigen für so ein Gedankenthema. Ich musste erklären, dass unser Festival kein zweiter Kirchentag ist. Das Heilige ist eine eigene Kategorie. Rudolf Otto, ein berühmter Religionsphilosoph aus Peine, hat das beschrieben. Oder Mircea Eliade aus Rumänien. Heute fehlt uns oft das Gefühl für das Heilige. Eine Frau auf dem Festival hat gesagt, Kinder seien das Heiligste. Das fand ich sehr schön. Kinder brauchen deshalb besonderen Schutz und Räume, doch genau das fehlt ihnen oft.
Euer Festival ist offen für alle und kein elitärer Zirkel?
AV: Das ist unsere Grundidee, inspiriert von Modena. In Italien gibt es jedes Jahr das Festival mit sehr viel mehr Besucher*innen und einem festen Budget, unterstützt von Banken und der Region. In Hannover fehlt uns dieses finanzielle Fundament. Wir arbeiten mit Spenden und versuchen so, die Philosophie zurück auf den Marktplatz zu bringen. Also dorthin, wo sie entstanden ist.
Wie steht es denn generell um die Unterstützung in Hannover?
AV: Wir haben kein festes Budget und sind tatsächlich sehr auf Spenden angewiesen. Förderungen sind schwierig, weil Philosophie weder als Wissenschaft noch als Kunst gilt. Sie hinterlässt kein greifbares Ergebnis, man kann sie nicht anfassen, sondern sie zeigt sich im Kopf und im Herzen. Das macht es im kapitalistischen System schwer.
AJ: Wir haben glücklicherweise traditionell sehr starke Supporter wie das Kulturbüro der Landeshauptstadt und dies Stiftung Sparda-Bank Hannover. Wir sind Partner von UNESCO City of Music. Letztes Jahr haben haben wir neue Unterstützer wie das Porsche Zentrum, Sheraton Hannover Pelikan Hotel und N- Bank bekommen. Und manchmal helfen auch Sachleistungen, etwa eine kostenlose Saalnutzung. Jede kleine Spende zählt. Wenn jede und jeder nach seinen Möglichkeiten etwas beiträgt, hilft das enorm. Vielleicht müssen wir auch noch neue Ideen entwickeln. Ich denke etwa an ein Mentoring-Programm: Familien könnten Künstler*innen ein Gästezimmeranbieten. Solche Ansätze könnten eine Art kulturelle Börse schaffen, die Menschen und Projekte verbindet.
Kultur also mal wieder als Brückenbauer einer entfremdeten Gesellschaft?
AJ: Genau. Kultur kann Plattformen schaffen, auf denen sich Menschen begegnen und austauschen. Ein Zettelboard für kulturelle Projekte wäre eine schöne Idee. Suche Gastgeber für Künstler*innen! Wer unterstützt ein Orchester? Solche Netzwerke könnten viel bewegen.
Wie kann die Philosophie sich aktiv einmischen?
AV: In Wien gibt es zum Beispiel einmalig den Studiengang „philosophische Praxis“, der den Menschen Orientierung bietet. Auch Hannover bräuchte solche Ansätze. Philosophie kann als Lebensbegleitung helfen, besonders bei jungen Menschen, die ihren Weg oft noch finden müssen. Das würde die Gesellschaft bereichern.
Macht ihr euch momentan Sorgen um unsere Gesellschaft?
AV: Wir müssen uns keine Sorgen machen, wenn wir in Bewegung bleiben. Das Festivalthema 2026 in Velke Mezerici ist „Brücken und Abgründe“. Wenn man etwas tut, baut man Brücken. Angst entsteht dagegen in der Stille, wenn nichts geschieht. Wir müssen Menschen ermutigen, sich nicht zu verstecken und ihre Gedanken zu teilen. Nur so können wir Brücken bauen. Und wir brauchen das Regionale, das Lokale. Wirtschaft und Kultur sind aus meiner Sicht sehr eng verbunden. Der lokale Handel ist ein Beispiel. Online-Shopping zerstört den Sinn für den Standort. Dabei gibt es vor Ort großartige Geschäfte. Dieser Sinn für den Standort, das muss neu gefühlt werden. Das ist auch Kultur.
AJ: Handel ist vor allem auch immer Kommunikation. Nicht jedes Gespräch im Laden ist ein Verkaufsgespräch. Oft geht es um Ideen, um Austausch. Die Frage ist: Wie bringen wir Menschen dazu, sich einzubringen? Zeit, Kreativität und Ideen sind so wertvoll. Nur im Dialog können wir eine lebenswertere Gesellschaft schaffen.
Also nach vorne durch Begegnung?
AJ: Genau. Begegnung bedeutet aber auch, Widerspruch zuzulassen. Unterschiedliche Meinungen fördern die Entwicklung und halten die Neugier wach. Das macht das Leben spannender.
AV: Es gibt das Konzept der Reziprozität und das bedeutet mehr als ein einfaches Geben und Nehmen zwischen zwei Menschen. Es schließt Dritte, Vierte und viele andere ein. Ich muss nicht demjenigen etwas zurückgeben, der mir etwas gegeben hat. Stattdessen geht es um ein größeres Prinzip: Ich gebe der Gemeinschaft etwas und erhalte von jemand anderem etwas zurück. Und das nicht unbedingt von dem, dem ich geholfen habe. Wir müssen wieder lernen, dieses größere Ganze in Bewegung zu setzen. Dieses enge Denken im direktem Geben und Nehmen bringt keine Gesellschaft zum Blühen.
Interview: Annika Spohn, Lars Kompa

