Es gibt Menschen, mit denen kann man wunderbar streiten. Sie hören zu, denken nach, bringen Gegenargumente und sagen gelegentlich den gefährlichen Satz: „Da könnte was dran sein.“
Eine aussterbende Spezies, die man mit der Lupe suchen muss, denn: Die meisten Menschen diskutieren nicht. Sie kämpfen. Und wie bei jedem anständigen Kampf gibt es auch hier eine Art Martial Arts, hier sorgfältig nach Kernkompetenzen aufgeschlüsselt.
Da wäre der Argumentum-ad-hominem-Typ, der sachliche Argumente für eine unnötige Verzögerung hält. Er möchte einfach persönlich werden. Erwähnen wir, dass man besser aufs Klima achten sollte, haut er uns um die Ohren, dass wir doch gar keine Experten auf diesem Gebiet seien. Also könnten wir das ja gar nicht wissen. Ob unsere These trotz mangelndem Expertenstatus weniger richtig ist, interessiert ihn nicht. Generell, die These interessiert ihn nicht, nur, wer sie aufgestellt hat. Mit dem Argumentum-ad-hominem-Typ wird jede Diskussion über Kernenergie zu einer vergnüglichen Charakterstudie des Gesprächspartners machen. Er diskutiert nicht die Meinung, sondern die Geburtsurkunde desjenigen, der sie vertritt und argumentiert am allerliebsten mit „Ausgerechnet du!“.
Noch charmanter ist der Reductio-ad-Hitlerum-Typ. Er betrachtet jede Meinungsverschiedenheit als eine Art historischen Flipperautomaten, bei dem früher oder später die Kugel des Gesprächspartners bei Hitler landet. Aus einfachen Regeln wird direkt „Zensur“, nicht ohne den Hinweis, dass es 1933 schon mal so angefangen habe. Außerdem, da Valerie ja jetzt schon seit Jahrzehnten Vegetarierin ist… wie Hitler!… wird mit der gleich überhaupt nicht diskutiert.
Das Stichwort „Hitler“ beendet jede Debatte sofort, eine Art semantische Uno-Karte. Sobald der Führer auf dem Tisch liegt, ist jede weitere Argumentation historisch unangemessen.
Aus der Nummer kommt man nur raus, wenn man radikal das Thema wechselt. Für so was gibt es ja die Whataboutisten, die mit der geistigen Rauchgranate.
„Apropos Hitler! Du hast letzten Dienstag meinen Geburtstag vergessen.“
Der Whataboutist verwechselt da was: Er hält Gegenbeispiele für Gegenargumente. Wenn man ihm nachweist, dass er bei Rot über die Ampel gefahren ist, erklärt er einem die Korruption im Bundestag. Wenn man ihn beim Abschreiben erwischt, beginnt er über Plagiate in der Wissenschaft zu reden. Wenn man ihn fragt, warum er zu spät kommt, steht plötzlich Stalin vor Gericht.
Seine größte Leistung besteht darin, einen Streit innerhalb von sechs Minuten so weit vom ursprünglichen Thema zu entfernen, dass selbst Google Maps sagt: „Route nicht mehr verfügbar.“ Oder, wie es unter den Aufsätzen in der Schule gerne stand: Thema verfehlt, aber sehr anschaulich erklärt. Wo dann auch direkt der Semantik-Scharfschütze ins Spiel kommt. Er wartet nicht auf Argumente, sondern auf Formulierungsfehler, für die er einen dann bluten lassen kann.
„Das war eine schlechte Entscheidung.“
„Du behauptest also, ich treffe grundsätzlich schlechte Entscheidungen?“
Der Semantik-Scharfschütze weiß: Je genauer man spricht, desto größer die Chance, dass irgendwo ein Wort steht, das man missverstehen kann. Er diskutiert deshalb am liebsten über die Diskussion. Nach zwanzig Minuten ist die ursprüngliche Frage vergessen, aber man hat immerhin geklärt, ob „ziemlich“ stärker ist als „relativ“.
Eine besonders unangenehme Unterart ist Wortknecht Habichdich. Er interessiert sich nicht dafür, was jemand meint. Er interessiert sich dafür, ob er ihn bei einem Widerspruch erwischen kann.
„Du hast vorhin gesagt, A.“
„Ja.“
„Und jetzt sagst du B.“
„Weil ich mich auf deinen Einwand bezogen habe.“
„Aha!“
Dieses „Aha!“ ist die zutiefst befriedigte Interjektion eines Menschen, der glaubt, gerade Watergate aufgedeckt zu haben.
Und dann kommt irgendwann der natürliche Endzustand jeder Online-Diskussion: der Schwanzvergleich. Plötzlich geht es nicht mehr darum, wer ein besseres Argument hat. Es geht darum, wer den anderen öffentlich stärker zerlegt. Quellen werden nicht mehr gelesen, sondern als Munition geladen. Jeder Absatz wird länger, jeder Tonfall giftiger, jeder Tippfehler zum Beweis geistiger Unterlegenheit, es wird lauter und ruppiger und wer bei 10 noch steht, hat Recht. Wobei es darum in Wahrheit ja gar nicht geht, sondern darum, wer von beiden es weniger nötig hat, Recht zu behalten und sich deshalb Großzügigkeit leisten kann. Fast vernünftig eigentlich, diese Einsicht. Bis sie einer von Beiden ausspricht und der andere dann antwortet: „Aha.“
IH

