In der durchaus unterhaltsamen romantischen Komödie „Prime“ aus dem Jahr 2005 – die auf Deutsch den beschrubbten Titel „Couch-Geflüster“ und den noch beschrubbteren Unter-Titel „Die erste therapeutische Liebeskomödie“ trägt – spielt Uma Thurman eine 37-jährige Frau, die eine Affäre mit einem 23-jährigen Mann hat. Als sie sein Alter erfährt, sagt sie: „Oh Mein Gott, du bist ein Kind. Ich hab T-Shirts, die sind älter als du!“
Tatsächlich, mit zunehmendem Alter besitzt man zunehmend alten Kram: Nie abgegebene Schlüssel zu ehemaligen Wohnungen, französische Francs und italienische Lira, kaputte Mehrfachsteckdosen, die man plant, irgendwann zu reparieren, eine Bandmerch-Tasse, die zwar einen Sprung hat, aber bestimmt noch mehrere Jahrzehnte als Zahnbürstenständer taugt. Oder eben alte T-Shirts. In unterschiedlichen Unansehnlichkeitsgraden.
Inzwischen habe ich die T-Shirt-Formulierung in anderen Filmen auch schon in folgenden Variationen gehört: „Ich hab Unterhosen, die sind älter als du“ oder „Ich habe eine Kopfhöreraufbewahrungstasche, die ist älter als du“. Okay, ich gebe zu, letzteren Satz habe ich noch nie gehört. Weder im Film, noch im wahren Leben. Aber ich könnte ihn benutzen – und würde dabei nicht lügen. Ich besitze nämlich wirklich eine Kopfhöreraufbewahrungstasche, die älter ist als manche Menschen, mit denen ich zwar keine Affäre, aber doch anderweitig zu tun habe. Das Täschchen stammt aus dem Jahr 1989. Wenn man genau hinschaut, sieht man darauf eine verblichene Aufschrift: „Telehospital“.
Ich studierte damals in Hildesheim irgendwas mit Kultur und hatte mich selbst wegen schweren Erbrechens ins städtische Klinikum eingeliefert. Die Kotzerei begann ausgerechnet, als ich mit Kollegen auf einer Kleinkunstbühne im ländlichen Raum Menschen unterhielt. Da das unappetitliche Elend auch nach Abbruch der Vorstellung nicht enden wollte, fuhr mich mein alter Freund Matthias Günther in seinem Ford Fiesta halbschnell ins Krankenhaus: Aus fahrzeughygienischen Gründen mussten wir unterwegs mehrmals anhalten. Im Klinikum ließ man mich zunächst in eine Tüte atmen, weil ich wegen der Übelkeit angefangen hatte zu hyperventilieren. Ich wusste bis dahin nicht, dass das zu heftige und hektische Ausatmen von CO₂ zur sogenannten „Pfötchenhaltung“ führt: Die Hände verkrampfen und sehen so entfernt aus wie eine Tier-Pfote. Das In-die-Tüte-Atmen löste den Krampf, man diagnostizierte eine leichte Lebensmittelvergiftung und stoppte den Brechreiz durch die intravenöse Gabe eines Medikamentes. Eigentlich hätte ich spätestens am nächsten Tag nach Hause gehen können. Da es aber noch keine Fallpauschalen gab, musste ich vier weitere Tage sinnlos bzw. zwecks „Beobachtung“ im Bett herumliegen und mich langweilen. Glücklicherweise konnte ich fernsehen. Auf dem am Nachttisch montierten Mini-Bildschirm.
Das ging allerdings nur mit einem speziellen im Krankenhaus-Shop zu erwerbenden „Druckluft-Kopfhörer“. Bis heute ist mir sowas nie wieder untergekommen. Das pneumatische Kuriosum kostete schlappe 15 DM – relativ viel Geld, angesichts der Tatsache, dass man es nur an den TV-Geräten der Klinik benutzen konnte. Sonst nirgends.
Aber immerhin: Das ungefähr DIN-A5-große Aufbewahrungs-Täschchen des Kopfhörers bestand aus gutem, zähen und widerstandsfähigen 20.-Jahrhundert-Nylon, selbst der Reißverschluss war für eine jahrtausendelange Nutzung konzipiert. Die Farbe war von Anfang an so undefinierbar eklig – irgendwo zwischen einem extrem schlappen Seafoam-Green und einem infektiösen Nasennebenhöhlen-Türkis –, dass der spätere zeitbedingte Farbintensitäts-Verlust auch wieder wurscht war.
Irgendwann entsorgte ich den in der normalen Welt völlig nutzlosen Kopfhörer. Das Täschchen behielt ich. Alle paar Jahre wird es von mir im Zweck umgewidmet: Mal dient es mir als Stiftemäppchen, mal trage ich darin Gitarrenkrimskrams zu Auftritten, zurzeit benutze ich es als Mini-Kulturbeutel. Für maximal zwei Auswärts-Übernachtungen. Wahrscheinlich werde ich es dereinst meiner Tochter und diese es ihren Nachkommen vererben. Inklusive Story. So werden sich die El Kurdis – oder wie auch immer die Familie dann heißen wird – noch Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte an meinen magenentleerenden Abend im Kulturgut Heiningen erinnern.
Ebenfalls noch lange Zeit an diesen Abend denken werden die Menschen, die damals in Heiningen in der ersten Reihe saßen. Eigentlich habe ich diese Kolumne nur geschrieben, um ihnen nochmals zu sagen: Es tut mir aufrichtig leid!
Hartmut El Kurdi

