Stadtkinder essen: Bar Añejo

Wir sitzen auf der Terrasse der Bar Añejo, einem venezolanischen Restaurant mitten in Hannover-Linden. Drinnen ist es zwar auch gemütlich, aber die Abendsonne strahlt mit ihrer letzten, prallen Kraft durch die Elisenstraße und das lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Menschen radeln mit dem Fahrrad vorbei oder schlendern gemächlich in ihren Feierabend hinein, das geschäftige Treiben der Limmerstraße nur einen Katzensprung entfernt; doch hier ist es angenehm ruhig: weniger Hektik und kein Üstra-Trubel. Wir lehnen uns in den Stühlen zurück und sogleich werden uns von einer freundlichen Servicekraft die Karten gereicht. Eine Karte fürs Essen und eine weitere für die Getränke – schließlich versteht sich das Restaurant auch als Bar.

In der Menükarte findet man zum Start eine Erklärung der gängigsten Lebensmittel der venezolanischen Küche. So erfährt man, dass Yuca, Maniok und Casava nur verschiedene Namen für dieselbe Wurzel sind, die in Venezuela in vielen Gerichten Verwendung findet. Oder dass Tostones beziehungsweise Patacón Kochbanane bedeutet, allerdings nicht zu verwechseln mit der süßen Variante der Kochbanane, der Tajada. So können die Gerichte auf den Seiten dahinter in ihrer Originalsprache authentisch betitelt werden, ohne Menschen mit wenig oder gar keiner Kenntnis der spanischen Sprache zu verschrecken. Als Hilfestellung werden zudem unter den Gerichten nochmals die Hauptzutaten gelistet. Die Getränkeauswahl der anderen Karte ist für mich als Sonst-Nie-Alkohol-Trinkerin dagegen etwas überwältigend. Wir schicken die Servicekraft noch einmal weg – ich brauche weitere fünf Minuten.

Schließlich bestellen wir zuerst eine Cola Zero und eine Maracuja-Schorle gegen den einfachen Durst und im Anschluss zwei sommerliche Cocktails. Der Peach & Mango Flash (13,50 Euro) ist ein Schaumwein mit Pfirsichlikör. Geschmack: sommerlich-frisch, fruchtig-süß, und der Geruch von Basilikum steigt einem dezent in die Nase. Alkohol ist drin, das merkt man, aber er drängt sich nicht in den Vordergrund. Angenehm. Dazu probieren wir den Nikkey (16,50 Euro). Diese Cocktailvariante haben wir noch nie gesehen und sind gespannt. Der Nikkey ist ein Pisco mit Granatapfel, Zitronengras, Yuzu, Limette und Aquafaba (Abtropfwasser von Kichererbsen). Das Cocktailschalenglas lässt die sanfte Schaumkrone des Piscos in voller Pracht zur Geltung kommen, lässig lehnt ein Litschispieß am Rand. Wer es sauer-fruchtig mag, macht hier nichts falsch. Besonders die Granatapfelsäure ist angenehm prickelnd auf der Zunge, nicht ganz so scharf-säuerlich wie die klassische Zitronensäure. Der schaumige Pisco im Drink ist übrigens sehr beliebt in Südamerika und gilt gar als Nationalspirituose Chiles und Perus. So ganz einig ist man sich nicht – es gab bereits einige juristische Streitigkeiten zwischen den beiden Ländern.

Die Vorspeisen kommen fix. Es gibt Yucas con Guacamole (8,50 Euro) Maniokpommes mit Guacamole. In meiner Vorstellung das Pendant zu belgischen Fritten. So ganz unrecht habe ich auf den ersten Blick nicht, die gesalzenen und gebratenen Yucas kommen in dicken Scheiben daher. Die Guacamole ist frisch und ergänzt hervorragend den etwas erdigen Geschmack der Maniokpommes. Die Yucawurzel ist außen knusprig und innen ganz weich. Der Geschmack ist mild und nicht vergleichbar mit Kartoffeln. Als zweite Vorspeise kommen Tequeños (8,90 Euro), Teigstäbchen mit Käsefüllung und Rosada-Dip. Deftig im Geschmack, außen der krosse Teigmantel, innen zergeht die Käsefüllung perfekt auf der Zunge. Besonders lecker ist die leicht süßliche Soße dazu. Der Dip schmeckt ähnlich wie eine Cocktailsoße.

Kurz darauf kommen die Hauptspeisen. Beim Arepa Duo (18,50 Euro) bekommt man zwei traditionelle Maisteigfladen serviert, mit Pico de Gallo, Bananenchips und Guasa-Dip. Die Füllung der Teigtaschen kann man selbst wählen. Es gibt vier verschiedene Möglichkeiten, zwei Fleischvarianten, eine vegetarische und eine vegane Version. Wir haben die Pelua-Variante bestellt. In unseren zwei Maisteigtaschen steckt Pulled Beef mit geriebenem Gouda. Der erste Fladen ist perfekt kross, der andere weicht durch die Füllung ein wenig auf. Das ist nicht weiter schlimm, aber fällt auf, da der erste makellos zubereitet war. Der Salat schmeckt knackig und der Dip ist limettenlecker. Der ist allerdings bei dem Gericht für Viel-Soßen-Liebhaber*innen zu sparsam. Wer den Dip nur für die salzigen Bananenchips nutzt, dem reicht’s.

Als zweite Hauptspeise probieren wir das venezolanische Nationalgericht Pabellón Vegetariano (16,50 Euro) – allerdings in der veganen Variante, die in der Karte gleich mit aufgelistet ist. Man muss also nicht extra fragen und Sonderwünsche äußern. Das Pabellón Vegano ist nett angerichtet – eine riesige Portion mit schwarzen Bohnen, Reis, Guacamole, Avocadostücken, Kochbanane und Pico de Gallo. Letzteres ist eine klassische südamerikanische Tomaten-Salsa, ähnlich der italienischen Bruschetta. Die Kochbanane ist nicht einfach süß und matschig, sie ist lecker angebraten und dezenter im Geschmack als angenommen. Ähnlichkeit mit der Banane, die ich mir morgens in den Smoothie mixe, hat sie kaum. Sie schmeckt eher wie ein Gemüse. Der trotzdem leicht mehlig-erdige Geschmack korrespondiert dabei ausgezeichnet mit der fruchtig-sauren Tomatensalsa und der Guacamole. Auch die Bohnen überzeugen. Die Caraotas Negras sind in Venezuela eines der Grundnahrungsmittel und bestechen durch ihre sämige Konsistenz. Wer sich in Sachen Ernährung auskennt, weiß: Bohnen sind nicht nur lecker, sondern verdammt gesund und ein echtes Superfood. Das gesamte Gericht ist in seiner Kombination aus Gemüse, Frucht und Reis eher ein Plain-Food als ein fancy Food. Die Zutaten stechen durch ihren natürlichen Geschmack heraus, die Würzung ist dezent gehalten und nur durch die unterschiedlichen Komponenten entsteht der besondere Geschmack. Für manche mag das simpel sein, für andere unverfälscht lecker.

» AS

Bar Añejo
Elisenstraße 22
30451 Hannover-Linden
Di-Sa ab 18 Uhr
www.bar-anejo.com


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