Der Freundeskreis im Gespräch mit Kerstin Tack und Julius Matuschik

Für diese Ausgabe haben wir mit Kerstin Tack (KT), Vorsitzende des Paritätischen Niedersachsen, und Julius Matuschik (JM) vom Cameo Kollektiv gesprochen, stellvertretend für zwei Organisationen, die beide auf ihre Art an derselben Frage arbeiten: Wie könnte eine gerechtere Zukunft aussehen, auch speziell in Hannover? Während das Cameo Kollektiv mit kreativen Mitteln Räume für Begegnung und Teilhabe schafft, kümmert sich der Paritätische als Dachverband um die strukturellen und sozialpolitischen Bedingungen.

Stellt euch zum Einstieg bitte kurz vor …

KT: Der Paritätische Niedersachsen ist ein Dachverband für rund 880 gemeinnützige Organisationen und Einrichtungen. Die arbeiten in ganz unterschiedlichen Bereichen, zum Beispiel in der Pflege, der Behindertenhilfe, der Kinder- und Jugendhilfe oder der Migrationsberatung. Hinzu kommen unsere eigenen paritätischen Dienste in der Selbsthilfe, der Schulbegleitung, der Suchtberatung oder Essen auf Rädern und viele mehr. Als Paritätische Familie arbeiten damit in ganz Niedersachsen rund 90.000 Menschen. Was uns verbindet, ist der Anspruch, Menschen zu unterstützen und gleichzeitig die Bedingungen zu verändern, unter denen Menschen leben. Ich bin Vorsitzende des Paritätischen Niedersachsen. Mich beschäftigt vor allem die Frage: Unter welchen Bedingungen können Menschen wirklich selbstbestimmt leben – und was müssen wir gesellschaftlich und politisch dafür verändern?

JM: Ich bin Teil des Cameo Kollektivs, einer von ungefähr 30 Vereinsmitgliedern und einer von dreien, die in der Geschäftsstelle arbeiten. Wir vom Cameo Kollektiv versuchen, Methoden aus Kunst und Design zu nutzen, um gesellschaftspolitische Themen zu bearbeiten. Das können Begegnungsprojekte sein, das können Ausstellungen sein, das können Publikationen sein. Die Projekte sind vielfältig.

Das Cameo Kollektiv nennt sein Grundprinzip „UPGRATION – Upgrade durch Migration“. Was bedeutet das ganz konkret, und wie übersetzt sich diese Haltung in eure Projekte?

JM: Upgrade durch Migration ist ein Teil unserer Geschichte und beschreibt unsere Arbeit heute vielleicht gar nicht mehr vollumfänglich. Wir haben damals ein großes Projekt zum Thema Flucht und Migration gemacht. Wir wollten die Menschen in den Mittelpunkt rücken, wir wollten sensibilisieren für ihre Schicksale und Geschichten. Und vor allem wollten wir zeigen, dass Migration nicht nur eine Herausforderung ist, sondern dass Vielfalt eine Innovationsressource ist. Dass die Gesellschaft extrem gewinnt durch Vielfalt. Darum Upgrade durch Migration. Inzwischen hat es sich bei uns erweitert, weil wir ganz generell eine gerechtere Zukunft für alle Menschen fordern und wünschen. Wir machen sichtbar, dass unsere Gesellschaft eben noch nicht gerecht ist, und versuchen gleichzeitig, Prozesse zu initiieren und zu fördern, die positiv wirken. Begegnung finden wir extrem wertvoll. Wir sprechen immer von der Magie der Begegnung. Von diesen Begegnungen erhoffen wir uns mehr Empathie oder auch Verständnis füreinander.

Der Paritätische steht für die klassische Wohlfahrtsarbeit – Beratung, Unterstützung, Interessenvertretung. Wie hat sich diese Arbeit in den letzten Jahren verändert, und was beschäftigt euch aktuell am meisten?

KT: Die soziale Arbeit ist in den letzten Jahren deutlich komplexer geworden. Viele Probleme kommen inzwischen zusammen: steigende Lebenshaltungskosten, fehlender Wohnraum, Personalmangel und mehr Menschen, die Unterstützung brauchen. Was uns aktuell besonders beschäftigt, ist die Frage, wie wir verhindern, dass soziale Angebote weggekürzt werden. Wenn bei Beratung, Jugendhilfe, Pflege, Wohnungslosenhilfe oder Integration gekürzt wird, trifft das Menschen ganz konkret. Und wir erleben einen politischen Rechtsruck. Da muss man aus meiner Sicht sehr klar sein: Wenn Menschen das Gefühl haben, dass ihre Probleme nicht gesehen werden, dürfen wir das nicht denjenigen überlassen, die einfache Antworten anbieten. Soziale Sicherheit und Demokratie gehören zusammen. Wo Menschen Unterstützung bekommen, sich beteiligen und erfahren, dass ihre Stimme zählt, wird Demokratie konkret. Auch aus einer ökonomischen Perspektive brauchen wir eher mehr, als weniger Sozialstaat. Das gilt gerade für Phasen der wirtschaftlichen Stagnation: Investitionen in die soziale Infrastruktur bzw. eine Stärkung der Sozialpolitik können in Krisenzeiten als produktiver und stabilisierender Faktor die wirtschaftliche Lage verbessern.

Was würdet ihr sagen verbindet euch als Organisationen?

KT: Ich glaube, uns verbindet zunächst einmal der Blick auf die Menschen. Wir wollen Menschen nicht auf ihre Probleme oder Defizite reduzieren. Und wir teilen die Überzeugung, dass Teilhabe nicht einfach von allein entsteht. Man braucht Räume, Zugänge und Strukturen. Und natürlich verbindet uns auch der Blick auf Vielfalt. Eine Gesellschaft ist nicht dann gerecht, wenn alle gleich sind, sondern wenn unterschiedliche Menschen mit ihren unterschiedlichen Lebensgeschichten und Bedürfnissen selbstverständlich dazugehören.

JM: Wir arbeiten auf jeden Fall an denselben Themen. Uns geht es darum, Teilhabe zu schaffen und mit der eigenen Arbeit den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Wir sind also ein größeres und ein kleineres Rädchen im gleichen großen Dampfer Demokratie.

Was bedeutet Gerechtigkeit für euch ganz konkret – nicht als großes Wort, sondern im Alltag eurer Arbeit?

JM: Wir denken, dass Gerechtigkeit entsteht, wenn Menschen nicht nur mitreden dürfen, sondern auch mitgestalten können. Und dass dafür viel zu oft die Räume fehlen. Wir glauben, dass Menschen sehr gerne Verantwortung übernehmen, wenn nicht für das große Ganze, so doch im Kleinen, in der Nachbarschaft. Dafür wollen wir Möglichkeiten schaffen. Orte, an denen Menschen ihre Ideen ausprobieren können, wo sie sich und ihre Meinungen und ihre Herausforderungen einbringen können, wo wir gemeinsam Lösungen suchen und finden.

KT: Für mich beginnt Gerechtigkeit ganz grundsätzlich bei der Frage: Kann ich mir mein Leben leisten? Habe ich eine Wohnung? Kann ich meine Miete bezahlen? Bekomme ich die Unterstützung, die ich brauche? Und dann gehört für mich auch ganz klar Geschlechtergerechtigkeit dazu. Wir wissen, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer. Gleichzeitig übernehmen Frauen nach wie vor deutlich mehr unbezahlte Sorgearbeit. Das ist der Gender Care Gap. Gerechtigkeit bedeutet für mich, diese Arbeit sichtbar zu machen und fairer zu verteilen.

Kreativarbeit und klassische Sozialarbeit gelten oft als getrennte Welten. Wo könnt ihr voneinander lernen oder euch gegenseitig stärken?

KT: Soziale Arbeit ist eigentlich viel kreativer, als man manchmal denkt. Man muss jeden Tag neue Lösungen finden und schauen, was für einen Menschen konkret funktioniert. Von kreativen Projekten können wir aber sicher lernen, dass Menschen ganz unterschiedliche Zugänge brauchen. Nicht jeder Mensch wird über ein Beratungsgespräch oder ein Formular erreicht. Viele marginalisierte Gruppen, für die wir das sozialpolitische Sprachrohr sind, erreichen wir nicht immer über unsere Medienarbeit. Für sie funktioniert der Zugang über Musik, Kunst, Film oder gemeinsames Gestalten besser. Aber solche Angebote finden sich tatsächlich in unseren Mitgliedsorganisationen wieder.

JM: Ich denke, dass wir mit unserem interdisziplinären Background, also diesem Haufen aus Sozialwissenschaftler*innen und Gestalter*innen und der Art und Weise, wie wir arbeiten, nämlich mit Methoden aus Kunst und Design, eine besondere Herangehensweise einbringen. Wir nutzen zum Beispiel sehr oft Methoden des Social Design. Wir haben gerade wieder einen Raum eröffnet, in dem Menschen ihre Ideen für Hannover einbringen können, aber in dem sie auch sagen können, was sie in Hannover stört. Wir versuchen dann, das in die Praxis zu bringen. Vielleicht wären solche Projekte auch gemeinsam mit dem Paritätischen möglich. Und was wir lernen können: Wir sind meistens an die klassische Projektarbeit gebunden. Unsere Arbeit wird projektbezogen gefördert, das heißt, es steht für ein Projekt Geld zur Verfügung, vom Start bis zum Ende. Was dann oft fehlt, ist die Perspektive oder die Möglichkeit, das in eine Nachhaltigkeit zu bringen. Ich denke, dass der Paritätische viele Strategien und auch Erfahrungen hat, die eigene Arbeit nachhaltig wirksam zu machen.

Gibt es einen Moment aus eurer Arbeit, der euch besonders in Erinnerung geblieben ist – wo ihr gemerkt habt, dass sich etwas wirklich bewegt?

KT: Solche Momente gibt es viele. Und oft sind es gar nicht die großen politischen Erfolge. Zum Beispiel, wenn jemand, der lange keine Wohnung hatte, durch Housing First wieder einen eigenen Schlüssel in der Hand hält. Oder wenn jemand, der lange nicht gehört wurde, plötzlich selbstbewusst für die eigenen Interessen eintritt. Was mich immer wieder beeindruckt, ist, wie viele Menschen sich jeden Tag dafür einsetzen, dass andere nicht durchs Raster fallen. Das gilt auch für die vielen Menschen, die sich vor Ort für Demokratie engagieren. Gerade angesichts des Rechtsrucks ist es wichtig, dass wir nicht nur sagen: Demokratie ist wichtig. Wir müssen Demokratie erlebbar machen. Genau das kommunizieren wir aktuell auch mit unserer Kampagne „Du bist Demokratie.“ Nur wenn Menschen erfahren, dass ihre Stimme zählt und dass sie etwas bewegen können, dann ist das ein wichtiger Schutz gegen demokratiefeindliche Kräfte.

JM: Ich finde, der alltägliche Austausch mit immer neuen Menschen ist generell großartig. Von den neuen Perspektiven lernen zu können. Momentan steht bei mir unser aktuelles Projekt, der offene Raum, im Vordergrund.

Wie müsste Hannover in zehn Jahren aussehen, damit ihr sagen würdet: Wir sind auf dem richtigen Weg?

KT: Ich wünsche mir ein Hannover, in dem niemand aufgrund seines Einkommens von Teilhabe ausgeschlossen ist. Ich wünsche mir gute und erreichbare soziale Angebote – für Kinder und Jugendliche, für ältere Menschen, für Menschen mit Behinderungen und für Menschen, die in Deutschland ankommen. Ich hoffe außerdem, dass wir in zehn Jahren bei der Pflege weiter sind. Wir brauchen eine Pflegevollversicherung, die die tatsächlichen Pflegekosten absichert und Menschen nicht in die Armut führt. Entscheidend dafür ist, dass alle solidarisch einzahlen. Und ich wünsche mir eine Stadtgesellschaft, in der Vielfalt selbstverständlich ist und in der Demokratie nicht nur als politisches System verstanden wird, sondern als etwas, das im Alltag stattfindet.

JM: Was in anderen Städten bereits massiv passiert und auch bei uns schon passiert ist, das sind Kürzungen in den Bereichen Kultur, Bildung und Soziales. Und ich denke, das ist ein Riesenfehler. Gerade in diesen drei Bereichen liegen ja immense Chancen. Eine Gesellschaft kann nur dann zukunftsfähig werden, wenn sie miteinander lernt. Durch eine gemeinsame Bildung baut sich Vertrauen auf. Und die Kultur trägt mit ihrer Kreativität dazu bei, neue Lösungen zu entwickeln. Darum sollten wir hier auf gar keinen Fall den Rotstift ansetzen. Ich wünsche mir für Hannover, dass diese Potenziale bewahrt und sogar noch einmal neu entdeckt werden.

KT: Das sehe ich ganz ähnlich. Wir müssen uns als Gesellschaft entscheiden: Was ist uns wichtig? Wo setzen wir Prioritäten? Ich finde, wir müssen aufpassen, dass soziale Fragen nicht immer nur unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden, was gerade noch finanzierbar ist. Wenn wir soziale Angebote schwächen, schwächen wir auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt und letztlich unsere Demokratie. Die soziale Infrastruktur ist das Rückgrat unserer Gesellschaft.

» LAK


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