Lieber Oliver, wir sind entsetzt! So kann es ja nicht funktionieren. Du hast mit geballter Expertise klargestellt, wo VW steht und was nötig wäre. Entlassungen, Werksschließungen, ein rigider Sparkurs, schmerzhaft, aber notwendig. Kapitalismus. Du hast die existenzbedrohende Lage klar benannt und deinen Job als Manager erledigt, kalt und rational. Und das ist ja nun echt kein leichter Job. VW badet aktuell aus, was in vielen Jahren zuvor verbockt worden ist. Und du bist nun der Überbringer der schlechten Nachricht. Würde uns gar nicht wundern, wenn sie dich demnächst in die Wüste schicken. Aber jetzt haben sie erstmal neulich in der Aufsichtsratssitzung mit einer Mehrheit von 12 zu 7 Stimmen gegen dein Paket gestimmt. Klar haben sie das. Was ist von einem Betriebsrat und vom Land Niedersachsen anderes zu erwarten bei solchen Entscheidungen? Niemand will gesteinigt werden.
Dein Group Target Picture hat also nicht gefallen. Vielleicht waren die 100.000 bis 120.000 gestrichenen Jobs weltweit, die halbierte Modellpalette und die vier deutschen Werke auf der Abschussliste einfach ein bisschen zu viel Realität für das Wolkenkuckucksheim Volkswagen. War absehbar, dass die das nicht mitgehen. Sei’s drum, eines muss man dir jetzt trotzdem hoch anrechnen. Du hast dich nicht in der Schmollecke verkrochen. Du arbeitest schon wieder an konstruktiven Ideen, an „intelligenteren Lösungen als Werke zu schließen“. Das ehrt dich. Einfach unbeirrt weitermachen, wohl wissend, dass VW ganz am Ende doch krachend vor die Wand fahren wird, wenn man nicht ziemlich bald radikal umsteuert.
Es gäbe noch eine Karte, die du jetzt spielen könntest. Du könntest auf einer außerordentlichen Hauptversammlung abstimmen lassen. Der Vorstand kann die Anteilseigner direkt zur Abstimmung holen, sofern eine „existenzbedrohende Lage“ vorliegt, die du intern ja bereits ausgerufen hast. Aber willst du dir das wirklich antun? Vorstand gegen Aufsichtsrat, Kapitalseite gegen Arbeitnehmerseite und Land? Wohl wissend, dass das eigentliche Problem zwei Stockwerke weiter im Aufsichtsrat sitzt. Dort versammeln sich die Bewahrer des Status quo, und tun so, als hätten sie mit der aktuellen Lage nichts zu tun. Dabei waren es genau diese Kräfte, die jahrelang jede Diskussion um Überkapazitäten und Werksschließungen im Keim erstickt haben.
Die deutsche Autoindustrie hat die Weichen nicht rechtzeitig gestellt. Kein Betriebsunfall, kontinuierliches Versagen mit Ansage. Man hat die Elektromobilität belächelt. Man hat Software als Anhängsel behandelt. Man hat sich auf Verbrenner-Margen ausgeruht. Und jetzt, wo die Rechnung für diese verschlafene Dekade präsentiert wird, wollen ausgerechnet die, die am längsten weggeschaut haben, plötzlich nichts mehr davon wissen. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Zehn Jahre lang hat man in diesem Gremium jede Modernisierung mit Bedenkzeit beantwortet, jede Digitalisierung, jede Verschlankung in Kommissionen verhandelt, bis sie irgendwann sang- und klanglos verschwunden ist. Und jetzt, wo die Zukunft in Form von 100.000 fraglichen Jobs sehr konkret vor der Tür steht, ist man empört über die Härte der Maßnahmen.
Und das ist die eigentliche Tragödie bei VW: Nicht dass ein Manager unbequeme Zahlen präsentiert, sondern dass alle, die es hätten besser wissen können, so lange weggeschaut haben bis nur noch radikale Lösungen funktionieren. Dir, lieber Oliver, bleiben jetzt nur die „intelligenteren Lösungen“. Oder demnächst die Wüste.
» GAH

