In diesem Monat haben wir uns mit Dr. Vanessa Erstmann (VE), der Vorsitzenden des Jazz Club Hannover, und mit Gudrun Benne (GB), der Geschäftsführerin des Industrie-Club Hannover, getroffen. Mit den beiden Freundeskreis-Mitgliedern haben wir uns über ihre Tätigkeiten, ihre Verbindungen zum Verein und das Image der Stadt unterhalten.
Beginnen wir mit dir, Vanessa: Du bist Vorsitzende und Geschäftsführerin des Jazz Club Hannover, aber das ist nicht dein Hauptberuf, richtig?

Vanessa Erstmann
VE – Genau, meine Arbeit im Jazz Club ist rein ehrenamtlich. Dazu bin ich gekommen, als ich über die Imagearbeit der Stadt Hannover promoviert habe. Das Thema Stadtimage hat mich fasziniert und mit dem Nachlass des ehemaligen städtischen Imagepflegers Mike Gehrke bin ich als Historikerin auf einen spannenden Quellenbestand gestoßen. Gehrke hat von 1972 bis 2004 als Imagepfleger der Stadt agiert und war zeitgleich über Jahrzehnte Vorsitzender des Jazz Clubs. Sein Büronachlass im Stadtarchiv umfasste etwa 300 Aktenordner. Parallel dazu durfte ich rund 200 Aktenordner im Jazz Club einsehen und dort vor Ort forschen. In dem Zuge habe ich mich auch mit der Öffentlichkeitsarbeit und dem Marketing des Jazz Clubs beschäftigt und angefangen, mich im Verein ehrenamtlich zu engagieren. Auch beruflich beschäftige ich mich im weitesten Sinne mit Marketing und Öffentlichkeitsarbeit. Ich betreibe freiberuflich Markenpflege für unterschiedliche Unternehmen, unterstütze diese bei der Unternehmenskommunikation und arbeite als Historikerin Unternehmensgeschichten auf. Die Identität und Markentradition eines Unternehmens ist ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal, das sich für das sogenannte „History Marketing“ aktiv nutzen lässt.
Mitglied im Freundeskreis bin ich seit 2015 – und seit einem Jahr Kuratoriumsmitglied. Meine Vereinsmitgliedschaften, sei es im Jazz Club oder im Freundeskreis, habe ich immer als ein Ventil gesehen, um mich für die Stadt einzusetzen und sie voranzubringen – vor allem im Hinblick auf die Imagearbeit.
Also könnte man sagen, dein Interesse für Hannovers Image und seine Geschichte war nicht nur wissenschaftlicher Natur, sondern auch ein persönliches Anliegen?
VE – Ja, auf jeden Fall. Ich finde Stadtmarketing letztendlich total spannend – beruflich, aber auch privat. Als gebürtige und begeisterte Hannoveranerin interessiere ich mich vor allem für das Image meiner Heimatstadt. Ich lebe gerne in dieser Stadt und wollte immer herausfinden, woran es liegt, dass so viele Hannoveranerinnen und Hannoveraner meinen, sich gegenüber Außenstehenden für ihren Wohnort rechtfertigen zu müssen. Meine Fragestellungen waren zum Beispiel: Wie funktionieren Stereotype? Wie kann man diesen mit Imagearbeit begegnen? Geht das überhaupt? Oder hat Hannover, das wirklich über Jahrzehnte eine ambitionierte Imagearbeit betrieben hat, die Anfänge der Stadtwerbung verpasst?
Dann kommen wir jetzt zu dir, Gudrun. Vor dem Industrie-Club warst du am Hannover Airport tätig. Magst du uns von deinem Werdegang erzählen?

Gudrun Benne
GB – Ich komme nicht aus Hannover, sondern bin in Georgsmarienhütte geboren, bei Osnabrück. Ich bin gelernte Bankkauffrau und habe in Münster/Westfalen BWL studiert. Danach war ich in diversen Positionen bei der DB Cargo, dem Güterverkehr der Deutschen Bahn, beschäftigt und habe im Anschluss mehrere Jahre als Unternehmensberaterin gearbeitet. 2005 kam ich dann zum Hannover Airport. Über verschiedenste Umwege – das Rhein-Main-Gebiet, München und auch das Ausland – bin ich dann in Hannover gelandet. Mich hat aber nicht die Stadt gereizt, sondern die Aufgabe als Marketingleiterin am Flughafen Hannover. Die Tätigkeit war sehr vielfältig und interessant. Ich habe dabei u. a. eine Markenpositionierung mit einem Relaunch durchgeführt und freue mich sehr, dass es das Logo immer noch gibt. Die Markenbildung verbindet mich u. a. mit Vanessa. Dann bekam ich 2012 – nach sieben Jahren am HAJ – die Chance, die Geschäftsführung des Industrie-Club Hannover zu übernehmen. Dort bin ich nun seit über zehn Jahren, als erste Geschäftsführerin, tätig und beschäftige mich mit der Vernetzung von Unternehmen, genauer gesagt mit der Vernetzung der oberen Führungskräfte der Mitgliedsunternehmen. Schon durch meine Tätigkeit am Flughafen habe ich viele interessante Unternehmen im Großraum Hannover kennengelernt. Der Wirtschaftsstandort ist sehr attraktiv. Viele tolle Unternehmen, die auch Mitglied im Industrie-Club sind, sind hier ansässig und bieten zahlreiche Arbeitsplätze. Doch Hannover und die Region haben noch viel mehr zu bieten: beispielsweise Forschung und Wissenschaft, Kunst und Kultur, Erholung und Sport.
Bezüglich meiner Mitgliedschaft im Freundeskreis kann ich nur unterstreichen, was Vanessa schon gesagt hat. Auch ich will die Stadt voranbringen und mich aktiver einbringen. Und so bin ich im März 2020 – während der Corona-Pandemie – Mitglied geworden. Ehrenamtlich bin ich seit November 2022 im Kuratorium und seit Oktober 2023 im Präsidium des Kuratoriums des Freundeskreises tätig.
Der Jazz Club ist durch seine regelmäßigen Konzerte und Events sicherlich vielen Leuten bekannt. Den Industrie-Club kennt man vermutlich nur, wenn man Mitglied ist oder werden möchte. Woraus besteht eure Arbeit?
GB – Wir sind ein Wirtschaftsnetzwerk, das aus Unternehmensmitgliedern besteht. Die Unternehmensvertreterinnen und -vertreter wollen sich vernetzen, haben Interesse an der Weiterentwicklung des Wirtschaftsstandortes, wollen sichtbarer, bekannter werden. Wir bieten eine attraktive Plattform für den Austausch von Wissen, Erfahrungen und Meinungen. Wir organisieren für unsere Mitglieder regelmäßig hochkarätige Veranstaltungen zu aktuellen Themen – z. B. zur Fabrik der Zukunft oder New Work. Wir nutzen dafür verschiedene Formate: mal sind es reine Vortragsveranstaltungen, mal Diskussionsrunden oder auch Betriebsbesichtigungen. Es gibt immer einen Veranstaltungsteil, in dem wir in den inhaltlichen Dialog einsteigen, und einen Teil, bei dem das persönliche Netzwerken erfolgt. Wir prägen durch unsere Arbeit auch das Bild der Stadt. Wenn bspw. eine Mitarbeiterin neu nach Hannover kommt und ihr Arbeitgeber Mitglied im Industrie-Club ist, dann können wir dazu beitragen, dass sie sich in Hannover schneller einlebt und sich hier wohl fühlt.
VE – Ich finde das wunderbar, was Ihr im Industrie-Club macht. Man muss auf den Wirtschaftsstandort achten. Das ist ganz wichtig für Hannover. Ich habe mich erst kürzlich wieder mit der hannoverschen Wirtschaftsgeschichte beschäftigt. Im Rahmen eines meiner diversen Projekte unterstütze ich das Niedersächsische Wirtschaftsarchiv dabei, den eigenen Auftritt zu modernisieren und Unternehmen für den Umgang mit ihren historischen Unterlagen zu sensibilisieren. Das ist dringend notwendig, denn viele Unternehmen haben eine Scheu, sich entweder mit ihrer eigenen Geschichte zu beschäftigen oder aber ihre Unterlagen abzugeben. Die verschwinden dann, werden entsorgt oder im feuchten Keller vergessen. Und das ist ganz bitter, denn dadurch verlieren wir einen Teil unseres wirtschaftlichen Gedächtnisses. In Niedersachsen wurde das Wirtschaftsarchiv übrigens erst 2005 gegründet, während das Pendant in Nordrhein-Westfalen auf eine hundertjährige Geschichte verweisen kann.
GB – Odo Marquard hat gesagt „Zukunft braucht Herkunft“. Die Vergangenheit sollte den Grundstein für die weitere Entwicklung in der Zukunft legen. Der Industrie-Club Hannover, 1887 als „Fabrikanten-Verein“ in Linden gegründet, hat eine lange Tradition, ist sich seiner Werte und Wurzeln bewusst und verändert sich ständig. Die Transformation macht auch vor Vereinen nicht halt.
In Bezug auf den Klimawandel?
GB – Die Veränderungen haben auch mit dem Klimawandel zu tun, mit Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft, Dekarbonisierung – aber auch mit der zunehmenden Digitalisierung, der demografischen Entwicklung und den Veränderungen der Gesellschaft.
VE – Überhaupt jemanden zu finden, der sich ehrenamtlich engagieren mag, ist an der einen oder anderen Stelle nicht mehr so einfach, wie ich höre. Ich bin froh, dass wir das Problem im Jazz Club nicht haben, sondern uns über regen Zulauf freuen können. Ich persönlich erfahre eher, dass ich mich regelmäßig für mein ehrenamtliches Engagement rechtfertigen muss, dabei ist es so bereichernd und zugleich wichtig für eine gut funktionierende Gesellschaft.
Zwischen dem Freundeskreis und dem Industrie-Club scheint es viele Analogien zu geben …
GB – Ja, sicher. Beide haben eine Vereinsstruktur, eine interessante Historie und bringen Menschen zusammen, damit etwas Positives entsteht. Das gilt übrigens auch für den Jazzclub. Die persönliche Begegnung zwischen Menschen steht bei allen dreien im Mittelpunkt, sei es mit einem musikalischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Schwerpunkt. Die Menschen werden Mitglied im Freundeskreis, weil sie gemeinsam etwas für die Stadt tun möchten, weil sie sich im Bürgerverein lebendig zeigen wollen, weil sie sich mit anderen austauschen, was unternehmen und etwas Neues kennenlernen wollen.
Mögt ihr zum Abschluss des Gespräches positive Erfahrungen eurer Mitgliedschaft im Freundeskreis mit uns teilen?
VE – Etwas, das sich aus meiner Forschung ergeben hat, ist die Erkenntnis, dass Hannover nicht den Beginn der Imagearbeit verschlafen hat, sondern dass damals der Verkehrsverein, der Vorgänger des Freundeskreises, die Stadt nach vorn gebracht hat. Ich fand es sehr schön, dass die Initiative aus der Stadtbevölkerung heraus gekommen ist. In genau der Tradition sehe ich mich und die heutigen Mitglieder des Freundeskreises. Das heißt: Was mich von Anfang an sehr beseelt hat, war diese gemeinsame Hannover-Liebe. Und da erinnere ich mich an viele schöne Momente. Bei den Veranstaltungen verspüre ich immer diese besonderen Vibes – und ich schätze auch die Bedeutung des Bürgervereins, dass man gemeinsam etwas für seine Stadt erreichen kann, wenn man sich zusammensetzt.
GB – Ich stimme dir zu. Das sind, wie du sagst, Vanessa, diese Vibes. Ich habe mich immer sehr willkommen und sehr umarmt im Freundeskreis gefühlt. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist wichtig; ich habe es u. a. bei dem vom Freundeskreis initiierten Kundgebungen erlebt. Darauf aufbauend möchte ich mich in den nächsten Jahren weiter aktiv einbringen und den Verein gemeinsam mit den anderen Mitgliedern weiterentwickeln. Hannover ist attraktiv und hat viele Schätze. Diese noch stärker zu „polieren“, damit die Bürgerinnen und Bürger und auch die Menschen, die – beispielsweise als Touristen – zu uns kommen, (noch) Hannover-verliebter werden: Das würde ich mir wünschen.
● CK/LD

AR – Mein Name ist Annika Rust, ich komme ursprünglich aus Stade und lebe jetzt seit 25 Jahren in Hannover. Ich bin damals nach Hannover gekommen, um Wirtschaftswissenschaften zu studieren – und schon während des Studiums habe ich mein erstes Praktikum bei der VGH gemacht. Ich war sofort verliebt in die VGH, denn die Unternehmenskultur gefiel mir besonders gut. Deshalb stand für mich nach dem Studium fest: Da werde ich mich bewerben. Als dann aber erst einmal keine Stelle frei war, habe ich bei KPMG angefangen. Das war unternehmenskulturell etwas ganz anderes als die VGH und deswegen habe ich sofort alles stehen und liegen gelassen, als die VGH noch einmal auf mich zukam. Bei der VGH bin ich jetzt seit 17 Jahren tätig und habe mich seitdem in unterschiedlichen Bereichen und Aufgaben einbringen können und auf der Karriereleiter verschiedene Führungspositionen erklommen. Ich muss ehrlich sagen, ich hätte nicht gedacht, dass es diese rasante Entwicklung annehmen würde: Als ich 2012 Abteilungsleiterin wurde, war ich sehr happy damit; dann wurde ich 2017 Abteilungsdirektorin. Das kam ein bisschen überraschend. Auch der nächste Karriereschritt erfolgte vor allem aufgrund meines Alters im positiven Sinne unerwartet: 2020 wurde ich in den Vorstand der VGH berufen – als erste Frau überhaupt. Über diese Position bin ich auch zum Freundeskreis gekommen. Ich muss zugeben, dass ich den Freundeskreis vorher nicht kannte, aber als ich mich dann mit der Geschäftsstelle zusammengesetzt habe, um ein bisschen mehr zu erfahren, war für mich sofort klar, dass ich mitmachen möchte. Denn ich finde die Dinge, die der Freundeskreis macht, unheimlich wichtig.
SE – Ich bin Stefanie Eichel, ein hannöversches Kind, und komme aus der Region Hannover, aus Immensen bei Lehrte. Sobald ich 18 war, bin ich aus dem Dorf in die Stadt geflüchtet. Anfang 1992, mit 25, habe ich mich mit einer Werbeagentur selbstständig gemacht. Anfang 1994 ist mein Sohn geboren, 1997 meine Tochter. Das war eine Herausforderung, aber auch das Beste und Glücklichste und Kraftvollste, was mir je passieren konnte. Ich behaupte bis heute, dass meine Kinder mir Kraft gegeben haben, auch für die Selbstständigkeit. Sie haben keine genommen. Ich hatte damals das Glück, zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort zu sein, mit einem coolen Chef, nämlich Albrecht B. von Blücher bei B&B, der in mich investiert hat. So konnte ich die erste Expertin am Apple Macintosh sein und habe DesktopPublishing beherrscht wie kaum eine andere. Das hat mir einen extremen Wettbewerbsvorteil gegeben. Ich durfte großartige Kund*innen betreuen, zum Beispiel Infineon, damals die Siemens-Tochter in München, wo ich mehrmals im Monat hingefahren bin. Dort ist letztlich auch der Grundstein für das gelegt worden, was ich heute tue. Über die Geschäftsführung bin ich mit dem Thema des Sportmarketings in Verbindung gebracht worden. Herr Schumacher aus der Geschäftsführung fragte mich nämlich an einem der Abende, an denen ich da war, ob ich an einem Sportlertreffen teilnehmen möchte. Dieser Abend war für mich der Einstieg in das emotionale Marketing. Was kann ich mit Platzierung im Bereich des Sports, im Bereich der Markenführung und Emotionalisierung von Marken erreichen? So habe ich auch den Kontakt zum Deutschen Sportbund bekommen. Für die Expo 2000 durfte ich diejenige sein, die für den Landessportbund und den DSB das Weltfestival der Sportkulturen betreute. Genau zu dieser Zeit stand die Zukunft des Marathons in Hannover in Frage. Der Landessportbund hat sich in dem Zuge aber so sehr für einen Marathon eingesetzt – weil es das bewegende Breitensportprojekt in einer Landeshauptstadt einfach braucht –, dass sie am Ende gesagt haben, sie nehmen das selbst in die Hand. Und wir durften die Agentur sein, haben bunte Illustrationen erstellt und tolle Prospekte gemacht und als die Organisation in der Endphase sehr viel Akteure erforderte, habe ich sehr viel Engagement gezeigt. So viel, dass ich kurz nach diesem Marathon gefragt wurde, wie ich mir die Zukunft mit dieser Veranstaltung vorstellen könnte. So kam es dazu, dass ich mit der Unterstützung des Landessportbundes und einem mehrjährigen Vertrag mit den Spielbanken Niedersachsen den Schritt gewagt und eichels: Event gegründet habe. Anfangs, einige Jahre, wusste ich nicht genau, ob es die richtige Entscheidung war. Heute ist es meine Herzensveranstaltung. Aus dem, was wir damals zu bewegen begonnen haben, ist das geworden, was wir heute sein dürfen. Nun darf ich mit dieser tollen und bewegenden Vergangenheit, einem klasse Team und immer noch in dieser Stadt, für die Stadt und mit der Stadt viel bewegen.
SM –
MV –
UB – 
OM – Mein Name ist Oliver Mascarenhas, bin 49 Jahre alt und seit 26 Jahren Cellist in der NDR Radiophilharmonie Hannover. Ich bin alleinerziehender Familienvater zweier wunderbarer Kinder und auch über das Orchester hinaus musikalisch aktiv.
LB – Ich heiße Leonid Bialski und wurde 1955 in der Ukraine geboren. Im Jahr 1990 kam ich nach Deutschland, 1992 nach Hannover. In meiner Heimat habe ich Violine als Orchestermusiker und Musikpädagoge studiert. Derzeit beschäftige ich mich am meisten mit Organisation von Projekten, wobei ich sehr gerne den Schwerpunkt in der Förderung talentierter Nachwuchs setze.