für diese Ausgabe habe ich Stephan Weil getroffen. Gut, man könnte fragen, ob das jetzt eine so besonders spannende Information ist, denn immerhin ist das in den letzten Jahren häufiger passiert. Aber so ein bisschen besonders ist das schon, denn Stephan Weil ist in gewissem Sinne einer der dienstältesten Mitarbeiter beim Stadtkind. Wir haben unser 200. Interview geführt. Und zu unserem 200. haben wir uns darum auch das Titelinterview gegönnt. Womit sich natürlich die Frage gestellt hat, wer auf der üblichen Seite 114 zu Gast sein soll in dieser Ausgabe. Schwierig …
Mir hat sich vor dem großen Interview mit Stephan Weil noch eine andere schwierige Frage gestellt: Was frage ich jemanden, dem ich bei 200 Gelegenheiten eigentlich schon alle Fragen gestellt habe, die man fragen kann? Ich habe ein bisschen recherchiert im Stadtkind-Archiv. Und festgestellt, dass wir angesichts immer neuer, aktueller Themen im Grunde nie über seinen Werdegang gesprochen haben. Was hat Stephan Weil eigentlich gemacht, bevor er Kämmerer und dann Oberbürgermeister in Hannover war? Er war zum Beispiel Zivi. Ich hatte das mal so ganz am Rande mitbekommen, aber ein Thema in den Interviews war das nie. Ich bin also mit Stephan Weil in dieser Ausgabe ein bisschen tiefer in seine Biografie abgetaucht. Und habe einiges erfahren, was ich tatsächlich noch nicht wusste.
Ich bin in den vergangenen Jahren oft gefragt worden, vor allem von Menschen, die politisch nicht den Sozialdemokraten zugeneigt sind, warum ich immer noch Monat für Monat dieses Interview führe – „mit diesem Sozi“. Dass es vielleicht spannend ist, in einem Stadtmagazin mit einem Oberbürgermeister ins Gespräch zu kommen, das sei einigermaßen einleuchtend – aber warum mit einem Ministerpräsidenten? Das hat zwei Gründe: Neugier ist der erste Grund. Mich hat einfach interessiert, wie sich so ein Mensch wie Stephan Weil verändert im Laufe der Jahre, in seinem neuen Amt als Ministerpräsident. Bleibt der auf dem Boden? Oder schleift sich da etwas ab? Hat der weiter das Große und Ganze im Hinterkopf oder wackelt irgendwann die Nadel im Kompass? Aber es gab noch einen zweiten, für mich sehr wichtigen Grund: Sympathie.
Ich schätze Stephan Weil sehr. Warum? Weil er absolut verlässlich ist. Man kann sich auf sein Wort verlassen. Wir waren und sind uns politisch oft nicht einig, es gibt einige Standpunkte und Grundsätze, mit denen ich meine Schwierigkeiten habe, aber ich habe trotzdem große Achtung, nicht nur vor dem Menschen Stephan Weil, sondern auch vor dem Politiker Stephan Weil. Ich habe in unseren Gesprächen wirklich eine Menge gelernt. Zum Beispiel über Verantwortungsbewusstsein. Dass man sich nicht drückt, nur weil es unbequem wird. Wenn mir heute jemand sagt, dass „die da oben“ doch alle korrupt sind, machtverliebt und egoistisch, dann widerspreche ich sehr vehement. Es gibt noch Politiker in Deutschland, die nicht die Eitelkeit treibt, sondern Verantwortungsgefühl. Stephan Weil gehört für mich dazu. Und das ist der Hauptgrund, warum ich diese Gespräche bis heute so gerne führe.
Er hat sich natürlich verändert im Laufe der Jahre. Er ist ernster geworden. Die Krisen haben Spuren hinterlassen, insbesondere die Corona-Zeit, diese plötzliche, ganz direkte Verantwortung für Menschenleben. Stephan Weil ist mit der Verantwortung gewachsen. Und er spricht ganz offen über Fehler. Über politische Irrtümer. Man muss ziemlich lange suchen, ehe man heute einen Politiker oder eine Politikerin findet, die kein Problem damit haben, derart selbstkritisch mit sich selbst zu sein. Mich hat das in all den Jahren immer wieder beeindruckt. Und mich hat es auch jetzt, bei diesem Interview wieder beeindruckt.
Wir haben in unserem 200. Gespräch aber nicht nur über Stephan Weils Werdegang und über Politik gesprochen, sondern auch über Hannover, über den „entspannten Grundsound“ in der Stadt, in der Stephan Weil auch künftig ganz entspannt seine Runden mit dem Fahrrad drehen wird. Und nicht nur das. Man darf sich sicher sein, dass er sich weiter einbringen wird. Um zu gestalten, um zu verändern. Auch um zu bewahren. Mehr im Interview.
Viel Spaß mit dieser Ausgabe!
Lars Kompa Herausgeber Stadtkind
Abgelegt unter EditorialKommentare deaktiviert für Editorial 12-2025
Über Hannover…im Gespräch mit Stephan Weil, niedersächsischer Ministerpräsident a.D. Stephan Weil und Lars Kompa sind in den letzten 16 Jahren richtige Kumpels geworden. Immerhin haben sie 200 Interviews zusammen gemacht. Und das Jubiläumsinterview darf dann ruhig mal ein bisschen größer und länger sein. Außerdem hat Stephan Weil ja jetzt auch viel mehr Zeit für lange Interviews, oder? Spoileralarm: Nope. Was der ehemalige Stadtkämmerer, Oberbürgermeister und Ministerpräsident jetzt alles so treibt, kann man im Titelinterview des aktuellen Hefts nachlesen.
Abgelegt unter Aktuelles, TitelKommentare deaktiviert für Das Dezember-Kind ist da!
Liebe Katherina, lass dir das nicht gefallen! Zieh das jetzt durch, bau die Gaskraftwerke, egal was Brüssel sagt. Du hattest 20 Gigawatt versprochen, du musst jetzt Wort halten. Für uns alle – die wir in weiser Voraussicht unser Geld bei jenen Konzernen angelegt haben, die demnächst Milliarden verdienen werden. Was ist da eigentlich schiefgelaufen in Brüssel? Hast du vergessen, rechtzeitig mit den richtigen Leuten zu sprechen und die Türen zu ölen?
Vergossene Milch. Jetzt muss es umso mehr darum gehen, den Menschen die Gaskraftwerke als alternativlos zu verkaufen. Das muss weiterhin auf mehreren Ebenen passieren. Erstens musst du die „Dunkelflaute“ noch viel mehr als großen Teufel an die Wand malen. Das Motto: Grüner Strom schafft Unsicherheit. Mit Wind- und Solarenergie wackelt das Netz. Darum: Mehr Statements von der Sorte wie nach dem großen Ausfall in Spanien. „Der Blackout auf der Iberischen Halbinsel hat gezeigt, wie verwundbar unser Stromsystem sein kann“, hast du gesagt. Gar nicht so übel. Die grünen Energien können uns potenziell jederzeit ins Chaos stürzen. „Wir müssen gewappnet sein.“ Und klar: Gaskraftwerke sind die Lösung. Das freut die früheren Kollegen von Westenergie. Und es spielt bei all dem gar keine Rolle, dass der Stromausfall in Spanien wohl rein gar nichts mit erneuerbaren Energien zu tun hatte, sondern vielmehr mit einem ziemlich maroden Netz. Fakt ist, was die Leute glauben. Also immer schön die Geschichte vom guten, sicheren Strom (Gas) und vom schlechten, unsicheren Strom (Sonne und Wind) erzählen.
Aber das ist wie gesagt nur der erste Teil. Gleichzeitig musst du die Fortschritte bei der Stromspeicherung weiter kleinreden. Klar, die Preise für Batteriespeicher fallen, die neuen Natrium-Ionen-Batterien kommen jetzt sogar ohne kritische Rohstoffe aus und die Installation von Großspeichern wächst rasant – aber auf Gaskraftwerke können wir (natürlich) trotzdem nicht verzichten. Auch wenn immer mehr Menschen demnächst zu Hause ihren Strom speichern werden. Nein, die Zukunft sind Gaskraftwerke. Du, liebe Katherina, musst das immer wieder sagen, bei jeder Gelegenheit, damit die Leute das weiter glauben. Und das tust du ja auch. Da freut sich die fossile Lobby. Und falls die Leute trotzdem beginnen, an deinen Gaskraftwerken zu zweifeln, musst du einfach mit Atomkraftwerken drohen. Denn irgendwie muss ja die Grundlast gesichert werden. Atomkraftwerke funktionieren in Deutschland. Die Leute fressen fast alles, wenn sie nur das nicht fressen müssen.
Und nicht zuletzt bleibt natürlich Intransparenz deine vornehmste Aufgabe. Mauern, auf Anfragen nicht reagieren. Und immer schön satte Gebühren für IFG-Unterlagen verlangen, obwohl ein Gericht solche Praktiken bereits als rechtswidrig eingeschätzt hat. Ist vielleicht nicht legal, aber vollkommen egal. Sie können ja versuchen, sich gegen diese Praxis zu wehren. Mal sehen, wer finanziell am Ende mehr Ausdauer hat. So geht’s. Das ist der Job einer Bundesministerin für Wirtschaft und Energie. Und falls es 2029 mit einer Fortsetzung nicht klappt, sind die Sessel in der alten Branche schon vorgewärmt.
Wichtig ist, jetzt nicht ins Wanken zu geraten, angesichts irgendwelcher renitenter Brüssel-Beamten. Dann werden es halt nur 12 Gigawatt. Das reicht immer noch lässig für die Altersvorsorge. Gaskraftwerke helfen. Sie helfen dir, sie helfen uns und sie helfen der fossilen Energiewirtschaft. Es muss dir weiter darum gehen, zu bremsen, wo immer du kannst, liebe Katherina. Damit die fossilen Renditen noch eine Weile weitersprudeln. Dein Schaden wird es nicht sein.
Abgelegt unter offene BriefeKommentare deaktiviert für Ein offener Brief an …Katherina Reiche
„Plan A wird durchgezogen bis zum Ende und ich bin mir sicher, ich schaffe das auch!“ Christian Derabin ist entschlossen: Musik, Rap soll sein Leben werden. Christian alias Chrispy ist 16 Jahre alt und Rapper. Im Frühjahr ist er bei der Fernsehshow „The Voice Kids“ aufgetreten. Seitdem ist es sein Traum, Musik zu seinem Beruf zu machen. „,The Voice Kids‘ hat mir die Inspiration und den Push gegeben, der nötig war, um eigene Songs zu machen.“ Gemeinsam mit Sänger und Coach Clueso ist Christian in der Show in die Knockouts, ins Halbfinale, gekommen. Für Musik interessiert er sich schon länger, aber richtig angefangen, selbst Musik zu machen, hat Christian erst durch die Teilnahme bei „The Voice Kids“.
Jetzt geht er in die 11. Klasse eines Gymnasiums und hat vor kurzem seine ersten eigenen Songs veröffentlicht: „Louis V“ und „Bipolarstern“. Letzterer ist von einem gleichnamigen Gedicht inspiriert, das seine Mutter geschrieben hat. „Da ging es vor allem um Emotionen, die man so fühlt, um Verlust, um Liebe und so.“ Christians Gefühle fließen auch in seine Beats. „Ich produce meine Beats selbst, also ohne KI. Schon bevor ich angefangen hab, Songs zu schreiben. In den Beats stecken immer Emotionen und Seele drin.“ Die Beats für seine Songs erstellt er auf dem Handy. Nur für den Feinschliff nutzt er den Laptop. Christian meint, das würde vielleicht einfach klingen, aber „dafür braucht es ganz viel Kreativität und Übung“. Orientierung für seine Musik findet er bei den „Styles“ seiner Lieblingskünstler*innen The Weeknd, Drake und Luciano.
„The Voice Kids“ war für Christian ein „großer und sehr cooler Start“: „Die Erfahrung und das Coaching von den Leuten da haben mir auf jeden Fall Inspiration und Motivation für eigene Musik gegeben.“ Jetzt kann er sich ein Leben ohne Musik gar nicht mehr vorstellen. „Ich habe mich so oft gefragt, warum mir das so liegt und bin dann zu dem Schluss gekommen, dass ich einfach dafür geschaffen wurde. Ich bin dafür geboren, das ist meine Berufung.“
Christian ist christlich und Religion spielt in seinem Leben eine große Rolle. Besonders wenn es um Kritik an seiner Musik geht: „Da ist nicht nur Support, manche Leute haten auch. Aber das finde ich gut, denn das ist ja normal. Würde jeder supporten, dann wäre irgendwas falsch. Aber ich weiß, dass alles, was passiert, aus einem Grund passiert, der einfach über mir steht. Deswegen gehe ich auch an die Kritik sehr entspannt ran.“ Der Umgang mit Kritik gehört für den jungen Musiker zum „Artistleben“ dazu.
Von seinem Umfeld wird Christian in seinem Werdegang unterstützt. Seine Mutter schreibt: „Dass ein Jugendlicher sich musikalisch derart engagiert und losstartet, ist eine Seltenheit – und ich gehe fest davon aus, dass Christians Musikkarriere jetzt erst richtig beginnt!“ Irgendwann möchte Christian Musik zu seinem Beruf machen: „Das ist Plan A.“ Aber fürs Erste will er die Schule zu Ende machen und – „je nachdem, wie gut Musik läuft“ – weiterhin Songs und „vielleicht sogar ein Album releasen“. Der junge Rapper hat wie viele andere in der Musik einen Ausdruck gefunden: „Man könnte schon sagen, dass Musik mein Leben verändert hat. Was ich da mache, kommt von der Seele. Ich könnte nicht aufhören.“
Abgelegt unter Musik, MusikerporträtKommentare deaktiviert für Musikerporträt November 2025: Chrispy
Herr Weil, heute ein Thema, das Ihnen bestimmt richtig Spaß macht. Sprechen wir über die alte Tante SPD …
Immer gerne.
Bei Forsa kam die SPD gestern, am 14. Oktober, auf 13 Prozent, bei INSA auf 14 Prozent. Von einer Volkspartei kann keine Rede mehr sein, oder?
Wenn man sich nur an dem Ergebnis der Bundestagswahlen im Februar und den aktuellen Umfragen orientiert, stellt sich die Frage natürlich. Wenn man aber die Leute fragt, welche Partei sie grundsätzlich auch wählen könnten, dann ist die SPD mit wesentlich höheren Werten dabei. Das Potenzial für eine Volkspartei gibt‘s bei der SPD nach wie vor, aber das Potenzial gewinnt keine Wahlen. Die SPD ist momentan für viele eben nicht die erste Wahl, sondern allenfalls zweitbeste Lösung. Das muss man so konstatieren. Und Sie können sich vorstellen, dass mir das überhaupt nicht gefällt.
Was ist falsch gelaufen, was läuft weiter falsch?
Na ja, zum einen hat sich die Gesellschaft stark verändert. Damit meine ich nicht nur, die Alterung der Mitgliedschaft und einen Rückgang bei den aktiven Mitgliedern. Weniger Menschen sind bereit sich längerfristig zu binden. Das alles kennen andere Großorganisationen auch. Noch wichtiger ist aber etwas anderes: Wir erleben alle grundlegende Umbrüche. Nehmen Sie nur die Stichworte Digitalisierung, Klimawandel, das Comeback der Autokraten und vieles mehr. In solchen Zeiten einerseits Verantwortung übernehmen zu müssen und andererseits ständig zu Kompromissen gezwungen zu sein, ist nicht leicht. Gerade jetzt wünschen sich viele Bürger Klarheit und Sicherheit. Und schließlich: Die liberalen Demokratien stehen weltweit unter massivem Druck. Die SPD ist, ebenso wie die Union, eine der tragenden Säulen unserer Demokratie und sie bekommt den Druck zu spüren. Damit geht es uns so wie vielen anderen sozialdemokratischen Parteien in anderen Ländern. Die SPD in Deutschland hat sich dem eine ganze Weile widersetzen können, aber inzwischen befinden wir uns ebenfalls in diesem Strudel.
Ist die SPD vielleicht zu langweilig? Das habe ich in letzter Zeit häufiger gelesen …
Wenn wir Parteien nach dem Entertainment-Qualitäten beurteilen, dann ist die SPD wahrscheinlich tatsächlich nicht die allererste Wahl. Wobei ich das Fehlen von Show eher als Qualitätsmerkmal sehe. In mir sträubt sich alles, Politik nach dem Unterhaltungswert zu sortieren. Das degradiert die Politik zum Wettbewerber mit irgendwelchen Reality-Shows.
Die Themenspeicher der SPD sind leer, das habe ich auch öfter gehört in letzter Zeit …
Dieser Eindruck ist vielleicht nicht ganz falsch. Was aber auch damit zusammenhängt, dass die SPD seit gut 25 Jahren mit kleineren Unterbrechungen mitregiert, immer in Koalitionen. Und dann läuft man Gefahr, dass man eben nicht mehr parallel das ganz große eigene Projekt vorantreibt. Kräfte und Energien werden absorbiert von aktuellen Themen und Pflichten. Darum ist es für die SPD definitiv notwendig, den eigenen Themenspeicher wieder aufzufüllen. Das geht schon beim Programm los. Das aktuelle Grundsatzprogramm stammt aus dem Jahr 2007. Ich bin nicht sicher, ob das Wort Digitalisierung da überhaupt schon drin steht.
Wenn ich mir anhöre, was die SPD-Basis sagt, dann ist der Frust riesengroß. Reicht da so ein Grundsatzprogramm, das 2027 kommen soll?
Nein, natürlich nicht. Die SPD muss für sich jetzt relativ schnell klären, was eigentlich mittelfristig ihre Kernziele und ihre Kernprojekte sind. Wenn man diese Ziele in einer Koalition mit der CDU nicht umsetzen kann, muss man das eben laut und deutlich sagen. Die Koalition mit der Union ist ja keine Liebesbeziehung, sondern besteht aus Verantwortungsgefühl.
Was inzwischen auch alle mitbekommen haben, weil man sich regelmäßig öffentlich streitet.
Das ist für mich etwas Anderes. Meistens geht es derzeit leider um Streitfragen, die eine Koalition nicht auf offener Bühne austragen muss. Richterwahlen zum Bundesverfassungsgericht etwa oder das Losverfahren bei der Bundeswehr, solche Fragen müssen zunächst intern geklärt werden. Leider verfällt die aktuelle Koalition zu oft in den Modus der früheren Ampelregierung. Dass diese Koalition gleichzeitig vieles sehr vernünftig und einvernehmlich regelt, wird dann kaum noch wahrgenommen. Da ist eine Menge Luft nach oben und das schadet allen Regierungsparteien.
Kommen wir mal kurz auf das Grundsätzliche zurück. Für was steht die Sozialdemokratie aktuell? Warum sollte man die SPD wählen?
Die SPD ist zunächst ein Grundpfeiler der Demokratie in Deutschland. Sie sorgt für sozialen Ausgleich, sie steht für einen fairen Umgang miteinander. Und wenn ich mir Deutschland ohne die SPD vorstelle, dann würde mir angst und bange um unsere Demokratie.
Das stimmt wahrscheinlich, aber das reicht ja nicht.
Die SPD ist nach wie vor die Partei, die insbesondere für Gerechtigkeit steht. Sie muss allerdings aufpassen, dass sie nur als Betriebsrat der Gesellschaft wahrgenommen wird und sich auch selbst nicht so versteht. Die SPD darf nicht den anderen die Wirtschaftspolitik überlassen. Das ist übrigens einer der Gründe, warum die niedersächsische SPD in den vergangenen Jahren immer recht gut abgeschnitten hat. Wir haben nie Zweifel daran gelassen, dass wir für uns solide aufgestellte Unternehmen und den Erhalt guter Arbeitsplätze verantwortlich fühlen. Die SPD muss auch die gesamte Gesellschaft im Blick haben. Nehmen wir mal die Diskussion um die Abschaffung der Pflegestufe 1. Wenn man sich nur kurz vorstellt, was das für viele Familien bedeuten würde, dann ist klar, dass die SPD das nicht zulassen darf. Aber die finanziellen Probleme der Pflegeversicherung lassen sich gleichzeitig nicht wegdiskutieren. Deswegen müssen wir uns als eine der Hauptaufgaben um das kümmern, was uns sozialen Absicherungen überhaupt erst ermöglicht. Und das ist eine dynamische Wirtschaft. Das ist der entscheidende Hebel, mit dem sich viele Probleme lösen lassen.
Also Gerechtigkeit und Wirtschaft. Was noch?
Europa. Wir sehen, dass vielerorts die Autokraten mächtiger werden. Und wenn die liberalen Demokratien in Europa eine Chance haben wollen, dann müssen sie enger zusammenrücken. Stichwort Verteidigung. Das geht nur gemeinsam, alles andere wäre reiner Wahnsinn. Wenn wir unsere Demokratie schützen wollen, dann müssen wir Europa stark machen. Ich bin mir sehr sicher, dass viele Menschen diese Logik verstehen. Das muss ein zentrales Thema der SPD sein.
Was ich momentan generell vermisse, das sind ganz konkrete, gut ausgearbeitete Konzepte. Ich höre nur viele Absichtserklärungen. Aber das „Wie“ bleibt aus meiner Sicht zu oft auf der Strecke.
Das ist eine Kritik, die für die SPD wie für alle anderen Parteien zutrifft. Es gibt allerdings auch richtig gute Gegenbeispiele: Denken Sie an die Bürgerversicherung. Die gesetzliche Krankenversicherung leidet auch darunter, dass vergleichsweise wenige die Gesundheitskosten von vergleichsweise vielen Menschen abdecken müssen. Und Bürgerversicherung heißt: Alle stehen solidarisch für alle ein.
Es gibt ja bereits viele gut ausgearbeitete Ideen von Expertinnen und Experten, von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Da liegt eine Menge in den Schubladen ..
Ja, aber nicht alles besteht den Praxistest. Ganz oft fehlt das Geld oder es gibt eben nicht die notwendigen Mehrheiten. Mit dem Thema Bürgerversicherung ist die SPD zum Beispiel mindestens vier Mal in den Bundestagswahlkampf gezogen. Aber trotzdem stimme ich Ihnen zu: Der Austausch mit der Wissenschaft muss unbedingt intensiver werden.
Wenn ich aktuell nach Berlin blicke, erkenne ich wirklich große Linien nur mit ganz viel Mühe. Am Zukunftsversprechen der SPD wird gerade noch ein bisschen gearbeitet, oder?
Was Themen und Projekte angeht, haben wir ja schon darüber gesprochen. Aber es muss noch etwas anderes dazu kommen: Eine klare Haltung. Nehmen wir das Beispiel Gaza. Ich habe mich mein Leben lang als Freund Israels gefühlt und ich bin es noch. Ich stehe zur viel zitierten Staatsräson. Das heißt, ich trete unbedingt ein für das Existenz- und Verteidigungsrecht Israels. Aber das kann doch nicht heißen, das wir schlimme Verstöße gegen das Völkerrecht stillschweigend akzeptieren. Es gibt ein doppeltes Erbe des Faschismus. Wir müssen einstehen für Israel, auch wenn Israel momentan eine rechtsextreme Regierung hat. Aber wir müssen uns eben auch prinzipiell und überall gegen Unrecht wenden, auch wenn es von einem Freund ausgeht.
Diese Diskussionen um solche ganz grundsätzlichen Werte werden momentan in den jüngeren Generationen sehr intensiv geführt …
Es ist doch nicht nur für die SPD, sondern für die Zukunft einer humanen Gesellschaft wichtig, dass wir zu unseren Werten stehen und sie schützen. Dies gilt umso mehr, als aktuell bei uns eine Partei immer mehr Erfolg hat, der diese Werte völlig egal sind.
Abgelegt unter Ein letztes WortKommentare deaktiviert für Ein letztes Wort im November