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Literarisches: Markus Brunner

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Literarisches: Markus Brunner


Der Autoritarismus erlebt in den letzten Jahren einen merklichen Aufschwung; mit rechtspopulistischen Parteien, mit Protestszenen … In diesem Zuge rückt auch die Autoritarismusforschung mehr in den Blick, um Hintergründe und Dynamiken dieser Entwicklung besser zu verstehen – und die Studien, Analysen und Thesen zum Autoritarismus aus der Kritischen Theorie des Instituts für Sozialforschung erhalten größere Aufmerksamkeit. Die Aneignung dieser Forschungen von Max Horkheimer, Erich Fromm, Theodor W. Adorno oder Leo Löwenthal aus den 30er- und 40er-Jahren für die Gegenwart verläuft dabei vielfältig. Der Soziologe Markus Brunner hat nun den Band „Sozialpsychologie des Autoritären. Zur Aktualität der Autoritarismusforschung der Frankfurter Schule“ veröffentlicht, der sowohl einen systematischen Überblick über die Forschungsergebnisse des Instituts für Sozialforschung bietet als auch die darauf Bezug nehmenden, bis in die Gegenwart reichenden Debatten nachzeichnet. Brunner positioniert sich dabei auch mit eigenen Ansätzen, die der Massenpsychologie mehr Aufmerksamkeit widmen und die Psychoanalytikerin Melanie Klein für sich fruchtbar machen …

Als wissenschaftlicher Leiter des Schwerpunktes „Sozialpsychologie & Klinische Psychologie“ arbeitet Brunner, der 2014 in Klagenfurt promovierte, an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien. Dass er als Wahl-Österreicher – und gebürtiger Schweizer – dennoch auf dieser Seite als Autor vorgestellt wird, liegt freilich nicht am Schwitters-Motiv auf seinem Buchcover, sondern an Brunners besonderem Hannover-Bezug: Von 2001 bis 2008 studierte er nämlich – nach zwei Jahren in Zürich – Sozialpsychologie und Soziologie in Hannover.

Und die hiesige Sozialpsychologie besaß lange Zeit international großes Renommee: Gegründet wurde sie immerhin von Peter Brückner, der 1967 seinen Lehrstuhl in Hannover bekam – und als linksorientierter Dozent aus politischen Gründen zweimalig suspendiert wurde, wobei sich u. a. Michel Foucault für ihn stark machte. Auch andere namhafte VertreterInnen ihres Faches wären zu nennen: etwa Alfred Krovoza oder Regina Becker-Schmidt und Gudrun-Axeli Knapp, die, so Brunner, „eine in der Tradition der Kritischen Theorie stehende gesellschaftstheoretisch reflektierte Geschlechterforschung entwickelt haben.“ Als sich 2008 die Frage der weiteren Denomination der Stelle von Knapp stellte, war die Abschaffung der Sozialpsychologie dann 2008 trotz intensiver Proteste beschlossene Sache. Mit der Verabschiedung von Rolf Pohl („Feindbild Frau“, 2004/2019) endete diese fruchtbare Ära der Sozialpsychologie in Hannover endgültig.

„Mit dem Beschluss der Abschaffung der Sozialpsychologie 2008 – Rolf Pohl war danach für die sog. Abwicklung zuständig – gab es für mich in Hannover keine berufliche Perspektive mehr und so zog es mich dann weiter nach Wien“, resümmiert Brunner, der gerne auf seine Studienzeit in Hannover zurückblickt: „Ich habe sehr gern in Hannover studiert, erstens weil die Universität von ihrer Ausrichtung her damals wirklich noch etwas Besonderes war und wir ungemein selbstbestimmt studieren konnten, zweitens weil ich mich in der Nordstadt mit den vielen Kneipen, dem Sprengelkino, der studentischen Kultur und dem vielen Grün sehr wohlgefühlt habe.“

Nun also die Sigmund Freud PrivatUniversität Wien. Und Freud ist natürlich auch in seinem aktuellen Buch zum Autoritarismus präsent, ist er doch Bezugspunkt des Instituts für Sozialforschung. Wobei Brunner freilich mit kritischer Distanz auf Freuds Arbeit blickt: „Einerseits setzte er entwicklungspsychologisch sehr wenig voraus – nichts ist einfach vorgegeben, alles entwickelt sich in Beziehungen und Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ansprüchen. Andererseits zeigen sich immer wieder problematische normative Vorgaben, die eigentlich diesem offenen, neugierigen Blick widersprechen, und immer wieder auch sexistische oder rassistische Bilder.“ Für hochaktuell hält Brunner aber „Freuds Blick auf die Herstellung dessen, was wir für ,normal‘ halten – und die psychischen Kosten, die diese Normalität mit sich bringt.“

Brunners „Sozialpsychologie des Autoritären“ richtet sich freilich vor allem an ein Fachpublikum, bemüht sich aber – auch via Glossar – darum, Lai*innen einen Einstieg zu ermöglichen. Von den Schriften zum „autoritären Charakter“, der für die Herstellung gesellschaftlicher Konformität ebenso dienlich ist wie auch für die Disposition „potenziell faschistischer Subjekte“ für Propagandaangebote, kommt er – den historischen Kontext der jeweiligen Arbeiten stets im Blick – zu Typen des Autoritären und autoritären Modi in der heutigen Autoritarismusforschung. Daran anknüpfend richtet sich das Augenmerk auf die autoritäre Propaganda, die heute weit mehr als in den 30er-/40er-Jahren flexibel und ironisch zwischen den Rollen switche und im Internet eine entscheidende Plattform gefunden habe. Hier wie auch im Kapitel zur Massenpsychologie dürften sich fachfremde Leser*innen bereits etwas mehr abgeholt fühlen. Und das Abschluss-Kapitel, das sich gegen Ende auch auf Melanie Klein stützt, macht dann unter anderem noch anschaulich, wie gesellschaftliche Krisen, „in der Sozialisation erworbene innere Ängste und Konfliktlagen“, „Eigen- und Fremdgruppenbilder“, Propaganda und Massendynamiken ineinandergreifen und welche autoritären „Flugbahnen“ – so ein von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey eingeführter Terminus – Individuen zwischen unterschiedlichen Regressionsstufen und zwischen „Ich-Prothetisierung“ und „Ich-Aufgabe“ aufweisen können. Nicht unbedingt leichte Lektüre, aber spannend!

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Literarisches: Tanja Tschöke

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Literarisches: Tanja Tschöke


„Der hannoversche Weg“

Ein Porträt über Tanja Tschöke und ihr Buch über Hausbesetzungen, Aktivismus und Stadtentwicklung

50 Jahre Hausbesetzungen, Aktivismus und soziale Wohnraumgestaltung. Durch Zufall ist die Autorin Tanja Tschöke im Stadtarchiv auf einen alten Aktenordner gestoßen. Darin waren Zeitungsartikel über Hausbesetzungen in Hannover gesammelt. „Ich interessiere mich schon lange für Stadtgeschichte und Beteiligungsstrukturen. Und fand die Geschichten in dem Ordner einfach spannend.“ So kam es, dass Tschöke acht Jahre lang recherchiert, Interviews geführt und geschrieben hat. In ihrem Buch „Das Haus gehört allen UNS ALLEN! Geschichte der Hausbesetzungen und selbstverwalteter Gemeinschaftsprojekte in Hannover“ dokumentiert sie 50 Hausbesetzungsaktionen, Beteiligungsverfahren und Umnutzungsinitiativen, die Hannover seit den 1970er-Jahren geprägt haben. Ihre Sammlung ist eine Mischung aus autobiografischen Erzählungen, Historie und Sachbuch: Erfahrungen werden mit Berichten und Interviews von Zeitzeug*innen verknüpft.

Das Buch zeigt, wie aus Besetzungen und Konflikten dauerhafte Strukturen entstanden: das Unabhängige Jugendzentrum (UJZ) Kornstraße, die Glocksee, das Sprengelgelände, selbstverwaltete Wohnprojekte in der Nordstadt. Viele dieser Orte gibt es seit mehr als 50 Jahren – ein ungewöhnliches Phänomen im Vergleich zu Städten wie Berlin oder Frankfurt, wo Gentrifizierung vieles verdrängt hat. Tschöke macht nachvollziehbar, warum es in Hannover anders lief. Einer der Gründe: Horst Leukefeld. Er ist in ihrem Buch beinahe der Hauptprotagonist. Leukefeld war im Stadtplanungsamt für Bürger*innenbeteiligung verantwortlich und „wurde immer dann eingesetzt, wenn Konflikte drohten zu eskalieren.“ Seine Entscheidungen, Umwege und Kompromisse zeigen exemplarisch, wie Verwaltung und Aktivismus in Hannover ineinandergriffen und weshalb viele (Frei-)Räume überhaupt entstanden – und erhalten werden konnten.

„Hier kamen politischer Wille und engagierte Verwaltungsleute zusammen“, sagt sie. Ein anderer Grund ist der sogenannte „hannoversche Weg“ zur Legalisierung von Bauwagenplätzen. „Er entstand etwa, weil Leukefeld ein Gesetz fand, welches es ermöglichte, eine Baugenehmigung zu erteilen, und die Stadt war bereit, das Gesetz umzusetzen.“

Aber auch Tanja Tschöke selbst taucht in ihrem Buch auf, denn sie ist nicht nur an Beteiligungsstrukturen interessiert, sondern hat auch selbst in einem Wohnprojekt gelebt. „Mit 19 bin ich in meinen eigenen Bauwagen gezogen und habe mit einer Gruppe und Herrn Leukefeld an dem Vertrag für den ersten legalisierten Bauwagenplatz Deutschlands gearbeitet – hier in Hannover. Ich hatte quasi mein eigenes Haus. Und wer hatte das mit 19 schon?“ Um ‚Luxus‘ ging es Tschöke dabei aber nicht. Sie ist Verfechterin der sozialen Stadtplanung und dankbar für die Strukturen, die seit den 1970er-Jahren erhalten werden konnten.

Neben bekannten Projekten, wie UJZ Kornstraße, Glocksee und Sprengelgelände, erzählt Tschöke auch weniger bekannte Geschichten: von jungen Frauen aus dem Birkenhof, einem ehemaligen Kinderheim, die dort sehr schlecht behandelt wurden und aus der Not heraus ein Haus besetzen; von Menschen ohne Obdach, die sich in der Elisenstraße aus dem gleichen Grund eigenen Wohnraum schufen; oder die beinahe vergessenen Bewohner*innen des Altwarmbüchener Moors.

Tanja Tschöke ist der Ansicht, dass „Hausbesetzungen heute eine politische Aktionsform sind, die selten ein Startpunkt neuer Projekte sind, aber nach wie vor ein wirksames Mittel, um auf Leerstand, Abrisse oder fehlende Projekt- und Freiräume hinzuweisen.“ Dass Hannover viele alternative Orte erhalten konnte, sieht sie als Gewinn für die Stadt: „Sie bieten bezahlbaren Wohnraum, Kultur, Gemeinschaft – und sie sind oft innovativer als städtische Einrichtungen.“

„Das Haus gehört UNS ALLEN!“ kann also auch als ein Plädoyer dafür verstanden werden, diese Strukturen nicht für selbstverständlich zu halten. Jüngste Finanzkürzungen und rechte Angriffe hätten gezeigt, wie fragil sie sind. „Ich wollte sichtbar machen, wie viel Arbeit dahintersteckt, wie viel entstehen kann, wenn sich Einwohner*innen engagieren, und wie wichtig diese Orte für Hannover sind.“

Pia Frenk

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Literarisches: Bettina Maaß-Münster

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Literarisches: Bettina Maaß-Münster


Es beginnt mit einer Szene – ein einziger Moment, der Bettina Maaß-Münster nicht mehr loslässt. Kein ausgefeilter Plot, kein Masterplan, nur ein Gefühl. „Ich hatte plötzlich eine einzelne Szene im Kopf, mit einem Funken einer Idee, worum es gehen könnte“, erzählt sie. „Um diese Szene herum ist das ganze Gerüst des Buches entstanden.“
Ihr neuer Mystery-Thriller „Sterben musst du“ führt in die Abgründe der menschlichen Psyche.

Die Protagonistin Laura Sands versucht nach einer gescheiterten Ehe voller Gewalt und Missbrauch, ihr Leben neu aufzubauen – doch die Vergangenheit lässt sie nicht los.Als ihr gewalttätiger Ex-Mann aus dem Gefängnis entlassen wird und ein geheimnisvoller Immobilienkunde in ihr Leben tritt, verschwimmen Realität und Bedrohung zu einem Geflecht aus Angst, Verlangen und unheilvoller Vorahnung. „Wenn man authentisch schreiben will, darf man keine Grenzen setzen – denn die gibt es im realen Leben auch nicht“, sagt Maaß-Münster. „Man muss sich bewusst machen, dass es wirklich böse Menschen gibt, die anders denken und fühlen als ‚normale‘ Menschen.“ Beim Schreiben habe sie selbst oft innehalten müssen, um wieder in die eigene Wirklichkeit zurückzufinden – „aber das ist gut so. Das zeigt, wie intensiv das Schreiben ist – und genau das sollen die Lesenden auch spüren.“ Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen: „Die Herausforderung war, dass die Emotionen beider Ebenen ein schlüssiges Ganzes ergeben – wie Zahnräder, die sich gegenseitig antreiben.“ So entsteht ein Erzählfluss, der die Lesenden in Lauras Innenwelt zieht: zwischen Trauma und Neubeginn, zwischen Angst und der Sehnsucht nach Selbstbestimmung. Diese Selbstbestimmung lässt in dem Thriller auch eine feministische Dimension erkennen. „Ich hoffe, dass mein Buch dazu beiträgt, Themen wie häusliche Gewalt und emotionale Abhängigkeit sichtbarer zu machen. Noch immer sind sie oft unsichtbar im Alltag. Viele Frauen erkennen erst spät, dass sie in einer toxischen Beziehung gefangen sind – und wenn sie es begreifen, hindern sie Angst und Scham lange daran, sich zu befreien.“ Ihr Roman will das Bewusstsein schärfen, aber auch Mut machen: „Es gibt Lichter am Ende des Tunnels. Man kann sich ein neues, von Glück erfülltes Leben schaffen.“ Mit Figuren wie dem charmant undurchsichtigen Michael Harris lotet Maaß-Münster die feinen Grenzen zwischen Vertrauen, Anziehung und Gefahr aus. „Er ist eine Figur, die Laura auf die Probe stellt – er zwingt sie, sich mit ihren tiefsten Ängsten, aber auch Sehnsüchten auseinanderzusetzen.“ Auch sprachlich zeigt die Autorin ihre Kunst. Die Atmosphäre ist dicht, sinnlich und beklemmend zugleich: „Ich kann eine Stunde an einem Satz feilen, um das perfekte Wort zu finden. Die Lesenden sollen die Luft im Raum schmecken, den Angstschweiß riechen, zittern, hoffen, fühlen – als wären sie selbst Teil der Geschichte.“ Dass Maaß-Münster zwischen Hannover und Irland pendelt, spiegelt sich in ihrem Schreiben wider. „Diese zwei Welten inspirieren mich ungemein. Sie öffnen meinen Blick – und damit auch den meiner Figuren.“ Am Ende aber bleibt das, was sie antreibt: die Leidenschaft, Emotionen so zu schreiben, dass sie körperlich spürbar werden. „Eine Leserin schrieb mir, sie habe beim Lesen gezittert, geweint, gelacht – und wollte sofort wieder von vorn anfangen. Schöner kann man es kaum sagen.“ Bettina Maaß-Münsters Sterben musst du ist ein eindringlicher Roman über weibliche Stärke, über Angst und Erlösung – und darüber, dass Überleben manchmal der mutigste Akt von allen ist.

Edition Textzirkus, 450Seiten, 16,50 Euro / Foto: © Bettina Maaß-Münster

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Literarisches: Liane Wagner

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Literarisches: Liane Wagner


Mit gleich zwei neuen Werken meldet sich Liane Wagner in diesem Herbst zu Wort: dem
Roman Bei Omika – Ein Kokon aus hellen Tagen und dem Gedichtband Im Zeitenwechsel –
Lyrische Gedanken. Zwei Bücher, zwei Formen – und doch eine gemeinsame Quelle. Beide
sind gespeist aus Erinnerungen, Beobachtungen, Sehnsüchten und den feinen
Zwischentönen des Lebens. „Der Roman beschreibt vieles aus der Sicht des Kindes, der
Heranwachsenden. Die Gedichte dagegen werfen einen Blick in die Seele einer
Erwachsenen und setzen sich mit Liebe, Gesellschaft, Politik, Natur und Umwelt
auseinander“, sagt die Autorin.
Bei Omika führt die Leserinnen zurück ins Rumänien der 1960er- und 70er-Jahre. Es ist die Geschichte einer Kindheit voller Geborgenheit, getragen von der Großmutter – und zugleich von der Begegnung mit Murli, dem „fremden Bruder“. Emilie, die Erzählerin, wächst als Einzelkind auf, umgeben von Erwachsenen, aber ohne Geschwister. In Murli, einem Jungen aus schwierigen Verhältnissen, findet sie zum ersten Mal eine Vertrautheit, die dieser Leerstelle etwas entgegensetzt. Damit verwebt Wagner persönliche Erinnerungen mit einem größeren gesellschaftlichen Panorama: Bürokratie, Vorurteile, der Umgang mit sozial Schwachen, Verlust. „Ja, das Buch ist auch ein Zeitzeugnis. Es war meine Absicht, diese Aspekte des damaligen Lebens in Rumänien – nicht im Vordergrund, aber am Rande – festzuhalten.“ Besonders eindrücklich sind die sinnlichen Details: Gerüche, Farben, Geräusche, die Atmosphäre des Sommers. „Sprache ist für mich das Sine qua non, die unabdingbare Voraussetzung für mein Schreiben. Sie hält Gefühle, Erlebtes, Situationen fest. Ohne Sprache gäbe es für mich keine Geschichten, keine Gedichte.“ Während der Roman aus der Vergangenheit schöpft, richtet der Band Im Zeitenwechsel den Blick auf das Hier und Jetzt. In den Gedichten verbinden sich Naturbilder mit Reflexionen über Liebe, Vergänglichkeit, gesellschaftliche Fragen. „Wir leben nicht auf einer Insel. Alles ist miteinander verbunden. Wir sind nur ein Teil eines komplexen Lebensraums“, betont Wagner. Die Natur ist dabei immer wieder Motiv und Resonanzraum – Meer, Strand, Bäume, Himmel. „Sie ist für mich Inspirationsquelle, Projektionsfläche und Lebensgrundlage zugleich. Sie spendet mir Kraft, gibt Geborgenheit – und es macht mich traurig, wenn ich menschlichen Egoismus erlebe.“ Ob in Prosa oder Lyrik – immer wieder schwingt die Sehnsucht mit: nach Nähe, nach Freiheit, nach Geborgenheit. „Ich glaube schon, dass Sehnsucht ein Motor meines Schreibens ist. Aber ebenso wichtig ist der Wunsch, Geschichten und Gedanken mit anderen zu teilen – und Resonanz zu erhalten.“ Wagner unterscheidet klar zwischen den Ausdrucksformen: „Wenn das Schicksal eines Menschen mich bewegt, schreibe ich Prosa. Wenn starke Gefühle meine Seele bedrängen, dann kommt das lyrische Ich ins Spiel.“ Beides entsteht aus Emotionen, manchmal eruptiv, manchmal nach längerer Inkubation. Und was sollen die Leserinnen aus den Büchern mitnehmen?
„Natürlich Trost, Inspiration und eigene Erinnerungen. Aber mein großer Wunsch ist, dass sie
auch mehr Heiterkeit und Zuversicht in ihren Alltag tragen. Dass sie lächeln, sich an eigene
Erlebnisse erinnern und bestärkt werden – in der Liebe zu Mitmenschen und zur Natur.“ So
werden Roman und Gedichtband zu zwei Seiten derselben literarischen Handschrift: die eine
erzählt von einer Kindheit zwischen Wärme und Härten, die andere reflektiert die Gegenwart
im Spiegel der Natur. Gemeinsam ergeben sie ein Werk, das tief in die Vergangenheit greift
und zugleich hochaktuell klingt – getragen von dem, was Liane Wagner antreibt: Sehnsucht,
Erinnerung und der Wunsch, das Erlebte weiterzugeben.
Shaker Media, 202 Seiten, 18,90 Euro (Roman) und Shaker Media, 136 Seiten, 19,90 Euro
(Gedichtband)

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Literarisches: Nicole Bergmann

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Literarisches: Nicole Bergmann


Manchmal braucht es nur einen kleinen Moment, um eine längst vergrabene Sehnsucht

wieder ans Licht zu holen. Für Amelie geschieht er auf einer Hochzeit. Zwischen Musik,

Gesprächen und Gläserklirren lernt sie Daniel kennen – einen Mann, der sein Leben nicht

in Terminkalendern und To-do-Listen misst, sondern in Kilometern, Begegnungen und

Abenteuern. In Gesprächen mit ihm kehrt eine Erinnerung zurück, die Amelie fast

verdrängt hatte: ihr Traum, einmal durch Australien zu reisen. Doch als der Traum konkrete

Formen annimmt, steht Amelie vor einer Frage, die schwerer wiegt, als sie erwartet hätte:

Würde sie den Sprung auch wagen, wenn sie allein reisen müsste?

In Wo Träume den Mut finden erzählt Nicole Bergmann nicht nur eine Reisegeschichte,

sondern auch eine Geschichte über das Loslassen und den Aufbruch. Ihre Heldin ist keine

Draufgängerin, sondern eine Frau, die ihre Ängste kennt – und sich ihnen dennoch stellt. „Ich

wollte keine Figur erschaffen, die nur durch einen Mann ihre Träume verwirklicht“, betont

Bergmann. „Daniel inspiriert Amelie, aber ihre Veränderung geschieht aus eigener Kraft.“

Diese Haltung spiegelt auch die Biografie der Autorin wider. Nicole Bergmann verbrachte

selbst ein Jahr in Australien, studierte, reiste und sammelte Erlebnisse, die sie nachhaltig

prägten. „Vor der Reise waren da viele Zweifel, Bedenken und genauso viel Vorfreude. Im

Nachhinein gehört diese Zeit zu den schönsten Jahren meines Lebens“, sagt sie. Für ihren

Roman wollte sie keinen autobiografischen Bericht schreiben, sondern eine fiktive

Geschichte, die inspiriert – und in der viele Frauen etwas von sich selbst wiederfinden

können: das Fernweh, die Selbstzweifel, das diffuse Gefühl, dass da noch mehr sein muss.

Australien beschreibt Bergmann als Land der Weite, der Kontraste und der Gelassenheit. Von

den roten Wüsten im Zentrum über den tropischen Norden bis zu den Stränden, an denen

morgens Surfer und abends Kängurus zu sehen sind, sei es ein Ort, an dem man sich

unweigerlich selbst begegnet. „In Brisbane zu leben, hat sich angefühlt wie ein ganzes Jahr

Sommer“, erinnert sie sich. Ein besonderer Aspekt des Romans ist das Alleinreisen – für viele

Frauen eine große Hürde. Bergmann selbst reiste damals mit ihrem heutigen Ehemann,

begegnete aber unterwegs vielen Frauen, für die das Alleinreisen selbstverständlich war.

„Das hat mich beeindruckt. Ich möchte zeigen, wie befreiend es sein kann, einfach

loszugehen – auch ohne Begleitung.“ Geschrieben hat Bergmann den Roman mit einer

Mischung aus Planung und Intuition. Als Mutter nutzte sie konsequent ihr morgendliches

Zeitfenster: 20 Minuten am Tag, in denen sie sich ganz auf die Geschichte einließ. „Die

Figuren haben mich oft überrascht und Dinge getan, die ich so nicht vorgesehen hatte“, sagt

sie. Wo Träume den Mut finden ist so zu einem inspirierenden Reiseroman geworden, der

Lust macht, den eigenen Träumen nachzuspüren. Für Lesende, die vom Fernweh träumen

und vielleicht schon lange mit einer Idee liebäugeln, ist das Buch mehr als nur Urlaubslektüre

– es ist eine Ermutigung, den eigenen Aufbruch zu wagen.

Selfpublished via tolino media, 304 Seiten, 15,99 Euro / Foto: Marina Schell Photography

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Literarisches: Dorit David

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Literarisches: Dorit David


Ein abgebranntes Gartenhaus in der Uckermark, ein toter Vater, drei Geschwister und eine rätselhafte Frau, die das Erbe erhält: In ihrem neuen Roman „Lichtgier“ spinnt Dorit David ein Netz aus Familiengeschichte, Gesellschaftsanalyse und psychologischen Abgründen. Die Künstlerin, die seit über 30 Jahren in Hannover lebt, kehrt mit dem Buch literarisch in ihre Heimatregion zurück – und trifft dabei einen Nerv der Gegenwart.

Der Ausgangspunkt war persönlich: „Ein Bekannter von mir, naturverbunden und offen, vereinsamte zusehends – und driftete in extreme Esoterik und rechtes Denken ab“, erzählt David. Eine Erfahrung, die sie zunächst in einer Kurzgeschichte verarbeitete – elf Jahre später ist daraus ein Roman geworden. Einer, der tief in familiäre Verstrickungen und gesellschaftliche Bruchlinien eintaucht: Ost gegen West, Rationalität gegen Irrationalität, Licht gegen Dunkelheit. Genau diese Spannungen hallen schon im Titel wider. „Licht ist etwas Helles und Reines, Gier etwas abgründig Zerstörerisches“, sagt David. Im Roman hat das Licht sogar direkten Bezug zu einer Sekte – und erinnert unheimlich an die Lichtmetaphern, die im Nationalsozialismus propagandistisch aufgeladen wurden. Tatsächlich verwebt „Lichtgier“ persönliche Konflikte mit gesellschaftlichen Umbrüchen. Die jüngste Tochter Peggy macht sich auf Spurensuche – fast wie in einem Krimi, jedoch ohne klassische Ermittler*innenfigur. „Für mich stehen die Beziehungen im Vordergrund“, erklärt David. Es ist eine Erzählung, die sich gängigen Genres entzieht, weil sie tiefer bohrt: „Ich komme beim Schreiben intuitiv an interessante Schichten heran – intui-tief, sozusagen.“

Besonders interessant ist der Blick auf eine Esoterik-Kommune, die im Laufe der Handlung auftaucht. David interessiert sich hier weniger für das Skurrile, sondern für die Psychodynamik dahinter: „Was passiert da im Gehirn eines Menschen? Wer nutzt diese Manipulation – und wozu?“ Es ist diese empathische Perspektive, die „Lichtgier“ auszeichnet: „Ich wünsche mir ein emotionales Verständnis dafür, wie sich Menschen unter bestimmten Bedingungen verändern. Nicht das moralische Kopfschütteln – sondern Neugier und Kontakt.“

Als multidisziplinäre Künstlerin wechselt Dorit David oft zwischen Bühne, Bild und Buch. Doch für sie ist der Ausdruck stets derselbe, nur das Werkzeug ändert sich. Auch im Schreiben sucht sie die Nähe zu ihren Figuren – nicht als autobiografisches Detail, sondern als emotionales Andocken: „Ich glaube, dass wir alles in uns tragen – auch die Extreme. Wenn ich das beim Schreiben nicht spüre, bleibt die Figur unecht.“ Gerade arbeitet David an neuen Projekten – diesmal langsamer als früher, mit mehr Pausen. Ideen hat sie genug: Ein neues Bilderbuch entsteht, vielleicht für Kinder, vielleicht auch für Erwachsene – vielleicht für beide. So bleibt Dorit David, was sie ist: eine Grenzgängerin zwischen Formaten, Stilen und Denkwelten. Und mit Lichtgier hat sie einen Roman geschrieben, der genau dort hinschaut, wo andere lieber wegsehen würden.

Querverlag, 320 Seiten, 18 Euro

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