Editorial 03-2026

Editorial

Liebe Leser*innen,

Für diese Ausgabe habe ich mit Ulli Lust gesprochen. Sie ist Comiczeichnerin, Illustratorin, Online-Verlegerin – und so ein Mensch, mit dem man redet, um danach festzustellen, dass einem bestimmte Sätze oder Gedanken immer wieder in den Kopf kommen. Im Interview erzählt sie zum Beispiel davon, dass man ihr zu ihrem ersten Buch „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ immer wieder eine „zudringliche“ Frage gestellt habe. Nämlich, warum sie nicht einfach nach Hause gefahren sei. Sie ist damals mit 17 Jahren in Italien unterwegs und zwischendurch wird es sehr gefährlich. Und klar, ein männlicher Held zieht los und besteht dieses Abenteuer. Eine Frau sollte dagegen besser „vernünftig“ sein und in den nächsten Bus nach Hause steigen. Die Drachentöter sind immer männlich besetzt. „Das empört mich immer noch“, sagt Ulli Lust. „Der Heldenmythos ist auf Männer gestrickt. Ich wünsche mir Märchen, in denen Frauen losziehen. Es war einmal eine Familie mit drei Töchtern und die Jüngste ist eines Tages losgezogen, um den Drachen zu erschlagen …“

Das bringt es für mich ziemlich gut auf den Punkt. Wir (Männer) sprechen insbesondere zum 8. März gerne über Gleichberechtigung, und wir progressiven Männer klopfen uns zu diesem Anlass dann meistens selbst lobend auf die Schulter und behaupten, dass wir längst alles verstanden haben. Haben wir das? Oder tun wir nur so? Nehmen wir vielleicht hin und wieder doch nur so eine gönnerhafte Position ein und gestehen den Frauen zu, dass sie jetzt ein bisschen mitspielen dürfen? Klar, bei mir ist das natürlich nicht so, ich habe mich längst von oben bis unten durchreflektiert und alles durchdrungen und verstanden, was da an Mustern und Rollen bei mir angelegt war. Ich habe mich von all diesen Zuschreibungen, was männlich ist, längst befreit. Nicht.

Ich arbeite noch dran. Und wir arbeiten als Gesellschaft auch noch dran. Wenn ich mit Leuten über Gleichberechtigung, über Emanzipation, über Feminismus spreche, dann fällt sehr oft das Wort „eigentlich“. Eigentlich müsste Gleichberechtigung doch schon längst eine Selbstverständlichkeit sein. Vor einer Selbstverständlichkeit sind wir aber noch immer weit entfernt. Wir hören die Sonntagsreden und auf der anderen Seite sehen wir den Alltag und stellen fest, dass Frauen weniger verdienen, mehr Care-Arbeit leisten, sich häufiger rechtfertigen müssen, öfter unterbrochen werden, bedroht werden, geschlagen werden, umgebracht werden – weil sie Frauen sind.

Und nun erleben wir sogar noch diesen seltsamen Backlash. Die Tradwives sind unterwegs und sehnen sich nach Verhältnissen wie in den 1950er-Jahren. Sie sind gerne Hausfrau und Mutter, der Mann verdient das Geld und sagt, wo es lang geht. Die Frauen kochen, putzen und kümmern sich um die lieben Kleinen und sehen das als höchste Stufe der weiblichen Selbstverwirklichung. Die Antifeministen jubeln. Und okay, ich habe nichts gegen diese Tradwives. Menschen haben ein Recht darauf, in bestimmten Grenzen irre zu sein. Wenn diese Frauen damit glücklich sind, kann ich das gut akzeptieren. Was mich allerdings ziemlich besorgt, ist die Tatsache, dass es ganz offensichtlich reichlich Männer gibt, die sich genau das von Frauen wünschen. Was ist da bloß schiefgelaufen? Ich finde das ziemlich armselig.

Ulli Lust sagt im Interview ab Seite 54, Feminismus sei letztlich nur die Feststellung, dass es keinen Grund gibt, Frauen zu benachteiligen – und dass es schlicht dumm sei, Ressourcen zu verschwenden. Sie sagt das sehr nüchtern und unaufgeregt und „eigentlich“ ist dem gar nicht viel hinzuzufügen. Wenn es nicht noch so viel zu besprechen gäbe. Wir behandeln Gleichberechtigung stellenweise leider wie ein erledigtes Kapitel. Als wäre das Thema irgendwann in den 90er-Jahren abgehakt worden, sauber erledigt zwischen „Quote eingeführt“ und „Gendersternchen-Debatte geführt“. Aber gesellschaftliche Entwicklungen verlaufen nicht linear. Rechte können auch wieder verschwinden, wenn man sie nicht verteidigt. Respekt kann erodieren, wenn man ihn nur behauptet, aber nicht lebt. Der 8. März ist deshalb kein Feiertag für wohlmeinende Statements, sondern ein Tag, an dem man (Mann) sich fragen kann: Wo profitiere ich noch von Strukturen, die andere kleinhalten? Wo schweige ich, obwohl ich widersprechen müsste? Wo lache ich mit, obwohl es nicht lustig ist? Und wo rede ich mir ein, dass „das doch alles nicht mehr so schlimm“ ist? Ich wünsche mir auch Märchen, in denen die Frauen losziehen, um den Drachen zu erschlagen. Aber noch mehr wünsche ich mir eine Gegenwart, in der sie das tun können, ohne dass irgendjemand fragt, warum sie nicht einfach zu Hause geblieben sind.

Viel Spaß mit dieser Ausgabe!

Lars Kompa

Herausgeber Stadtkind


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