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Ein offener Brief an… Xavier Naidoo

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Ein offener Brief an… Xavier Naidoo


Mensch Xavier,

da biste ja wieder. Der Augenblick, auf den wir alle gewartet haben. Gut, vielleicht nicht alle. Aber die meisten! Also bestimmt der eine oder andere … wurscht, du bist zurück. Aber dass du dir ausgerechnet Köln ausgesucht hast für diesen Aufschlag – Berlin wäre doch viel passender gewesen. Im Reichstag! Schade auch, dass die Krolloper nicht mehr steht. Wie man hört, ließ es sich dort früher vortrefflich Heimatlieder schmettern. Machst du natürlich alles nicht mehr.

Du warst, wie du selbst sagtest, zwischenzeitlich vom Weg abgekommen, verblendet und was nicht noch alles. Deshalb hast du auch Dinge gesagt und getan, für die du dich heute schämst. Nicht ganz zu Unrecht! Sowohl Corona als auch den Holocaust zu leugnen … tja nun, das war vielleicht ein bisschen ungeschickt. Ein ganz kleines bisschen. Aber man muss auch mal Gras über so eine Sache wachsen lassen. Nein, Xavier, nicht dieses Gras. Obwohl, wenn‘s hilft, dann bitte.

Wo waren wir? Gras, ach ja. Die Menschen vergessen schnell. Vor gerade mal 28 Jahren hat irgend so ein Heini gemeint, Vergewaltigung innerhalb einer Ehe sei etwas gänzlich anderes als außerhalb einer Ehe und müsse deshalb nicht bestraft werden. Und stell dir vor: Genau diesen Heini hat man jetzt zum Kanzler gemacht. Kannste dir nicht ausdenken, so was. So schnell vergessen die Menschen! Damit wollten wir jetzt nicht sagen, dass du mit deinem Comeback bitte noch 23 Jahre warten sollst; wobei, doch, eigentlich schon. Sowohl wir finden das als auch bestimmt die „sogenannten Juden“, die du beleidigt hast, aber das muss man ja nicht so grob formulieren. Eher so: Dieser Weg wurde dir wirklich leicht gemacht, er hätte steiniger und schwerer sein sollen, um dich mal zu zitieren.

Da hast du ganz schön Glück gehabt. Andererseits, das wirst du uns zugestehen, fällt es schwer, an Koinzidenz zu glauben: Das Land befindet sich in … na ja … diesem Zustand und da kommt ein wegen Volksverhetzung angeklagter Popsänger aus der Versenkung und – aber ja, entschuldige, ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Du hast natürlich völlig Recht, man muss Werk und Künstler voneinander trennen. Das haben wir von Morrissey und Roger Waters auch schon so gehört. Habt ihr Drei euch ja fein ausgedacht in eurem Antisemitismus-Club! Nur, Xavier, ist es doch so: Du hast früher mal schöne Lieder geschrieben (und wenn du uns ein bisschen Zeit gibst, fällt uns bestimmt auch eins ein) und danach hast du dann doofe Sachen gesagt. Damit trennen wir doch ganz eindeutig Werk und Künstler. Das schöne Lied (dieses eine, Moment noch, gleich haben wir‘s) geht in Ordnung, wir finden aber nicht, dass wir 60 Euro aufwärts von unserem schwer verdienten Geld ausgeben sollten, bloß damit du im emotionalen Überschwang den Großen Diktator geben kannst.

Aber wir wollen nicht ganz so unversöhnlich enden. Denn weißt du, was wir richtig, richtig gut von dir finden? Dass du dich in Köln um die Sache mit dem Stadtbild kümmerst, die der Kasper (s.o.) da neulich angestoßen hat. Alle Krachlatten, die sonst frei rumlaufen würden, sind nämlich bei dir in der Lanxess Arena. Davor ziehen wir unseren Aluhut und sagen herzlichen Dank, deine Stadtkinder.

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Ein offener Brief an… Sahra Wagenknecht

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Ein offener Brief an… Sahra Wagenknecht


Liebe Sahra, warum? Das kannst du doch nicht machen! Du kannst dich doch jetzt nicht aus deiner eigenen Ich-AG zurückziehen. Du warst unser Trost, unser Fels in der Brandung. Mit dir konnten wir mutig gegen alles sein. Gegen Migration, gegen Waffenlieferungen, gegen Gendersternchen, gegen das Establishment, gegen das System, gegen die USA, gegen die EU, gegen die NATO, gegen westliche Doppelmoral. Du warst unser Rundum-sorglos-Paket. Mit dir konnten wir auf die Ukraine scheißen und uns dabei gut fühlen. Als echte Pazifisten. So konnten wir auch für etwas sein. Für Frieden. Egal, wie viele Menschenleben so ein Frieden auch kostet. Du hast für uns regelmäßig die Fakten so sortiert, dass es gepasst hat. Wir haben uns nur zu gerne hinter dir versammelt. Das BSW, endlich gab es eine Heimat für uns Empörungskonservative.

Es hat sich so gut angefühlt, zu jenen zu gehören, die die Weisheit mit Löffeln gefressen haben. Zu denen mit dem Durchblick. Zu denen, die die ganz großen Zusammenhänge durchschauen. Deutschland, regiert und inzwischen fast ruiniert von irrlichternden Eliten. Und du, die einsame Mahnerin, die Stimme der Vernunft. Du hast uns alle abgeholt, uns frustrierten Linke, uns desillusionierte Sozialdemokraten, uns enttäuschte Liberale, uns hadernde Konservative, uns Menschen, die sich darüber gefreut haben, dass es „endlich mal jemand sagt“. Wer ist denn schuld an den steigenden Mieten? Klar, „die da oben“. Und wer hat für die steigenden Energiepreise gesorgt? Der Westen, der schlicht versagt hat. Und natürlich die gefährlichen Grünen. Und wer hat die Gesellschaft verunsichert? Die Medien. Die dich jetzt ignorieren, seit der Bundestagswahl – was du regelmäßig in den Talk-Shows vehement kritisierst.

Nein, liebe Sahra, du darfst diesen Schritt nicht gehen. Das BSW wird ohne dich ganz schnell in die Bedeutungslosigkeit abrutschen und verschwinden. Und dann? Wie sollen wir künftig mit gutem Gewissen weiter ausländerfeindlich sein? Du weißt schon, keine Ressentiments, es geht nur ums Steuern und Begrenzen. Zwinkersmiley. Wie sollen wir uns künftig im Spiegel ansehen können, ohne dich als Lichtgestalt hinter uns, die für unseren Heiligenschein sorgt? Das kannst du echt nicht machen!

Wer soll denn jetzt all die Talkshow-Sendeplätze füllen? Wer soll Markus Lanz mit stoischer Ruhe erklären, warum Deutschland wirtschaftlich kaputtgespart wird und völlig überreguliert ist und wer das zu verantworten hat? Wer soll mit diesem ganz speziellen Blick alle strafen, die es einfach nicht kapieren wollen? Und was wir aus uns YouTube-Jüngern und unserem sonntäglichen, heiligen Wagenknecht-Orakel? Was machen mir, wenn wir nicht mehr anschließend stundenlang in den Kommentarspalten unsere persönliche Apokalypse zusammengoogeln? Soll all das alles jetzt einfach enden? Das kannst du uns nicht antun. Wenn du jetzt gehst, droht uns eine politische Hungersnot.

Wir bitten dich, liebe Sahra, geh nicht ganz, verabschiede dich nicht vollständig aus der Politik, wir brauchen weiter diese Mischung aus Wirtschaftspaternalismus, Nationalliebe und Anti-Globalisierungs-Rhetorik. Wo sollen wir denn hin, ohne dich? Gründe einfach eine neue Partei, das BSWONODQ – das Bündnis Sahra Wagenknecht ohne nervige Ossis die quertreiben. Bitte, bitte! Lass uns nicht allein!

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Ein offener Brief… an Julia Klöckner

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Ein offener Brief… an Julia Klöckner


Liebe Julia, weiter so! Du machst das wirklich gut mit dem Kulturkampf. Zeig ihnen, wo der Hammer hängt. Weg mit all dem Regenbogenscheiß. Mettigel für die Bundestagskantine, das muss der Tenor sein. Lass dich bloß nicht beirren. Konzentrier dich auf das große Ziel. Aber da müssen wir uns wohl keine Sorgen machen. Haben wir kurz. Müssen wir zugeben. So eine frische Liebe lenkt ja manchmal ziemlich ab. Aber dich nicht. Jörg Pilawa hin oder her, du kennst deine Pflichten. Und bleibst entschieden neutral. Es geht bei dir ganz ausgewogen gleichermaßen gegen links und rechts. taz und Nius – alles eine Suppe.

Im Bundestag weht jetzt ein anderer Wind. Es gibt eine Geschäftsordnung und die wird mit aller gebotenen Härte durchgesetzt. Darum keine Fahnen mehr, keine von außen sichtbaren Plakate, keine Anstecker, keine T-Shirts mit falschen Parolen, kein woker Scheiß. Wer sich nicht an die Bekleidungsvorschriften hält, der wird des Saales verwiesen. Wer dumme Sprüche macht, ebenfalls. „Die Kleidung und das Verhalten müssen der Würde des Hauses entsprechen.“ Und die Würde des Hauses wird nun von dir definiert. Ein Nestlé-T-Shirt ist kein Problem. Wer dagegen „Go vegan!“ auf sein T-Shirt schreibt, ist mindestens ein linksradikaler Verdachtsfall. Und „Alkohol verursacht Krebs“ ist eine ganz miese Provokation. Raus! Raus! Raus! Wäre ja wohl noch schöner, wenn Abgeordnete einfach so irgendwelche Fakten durch das hohe Haus tragen. Außerdem ist Wein pure Lebensfreude.

Es ist gut, dass wir nach der schrecklich linken Bärbel Bas jetzt eine Bundestagspräsidentin haben, die mal richtig zupackt und Sanktionen durchzieht. Falls nötig auch mit der Bundestagspolizei. Eine, die klare Unterscheidungen trifft. Eine Regenbogenflagge ist Ausdruck einer politischen Agenda und mitnichten ein Symbol für die Verteidigung der Grundwerte der deutschen Verfassung. Sie darf darum auch zum Christopher Street Day nicht am Reichstagsgebäude gehisst werden. Der Bundestag ist ja kein Zirkuszelt. Während eine Kornblume einfach eine Kornblume ist. Da muss man auch mal ein bisschen auf dem Teppich bleiben. Die Hausordnung des Bundestags ist sehr klar. Im Paragraf 4 steht: „Das Anbringen von Aushängen, insbesondere von Plakaten, Postern, Schildern und Aufklebern an Türen, Wänden oder Fenstern in den allgemein zugänglichen Gebäuden des Deutschen Bundestages sowie an Fenstern und Fassaden dieser Gebäude, die von außen sichtbar sind, ist ausnahmslos nicht gestattet.“ Von Kornblumen steht da nicht.

Liebe Julia, wir wünschen uns sehr, dass du dich nicht beirren lässt und weiter so entschieden neutral bleibst. Und zum Beispiel dem Regenbogennetzwerk des Bundestags – so ein ominöser Zusammenschluss queerer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Parlaments – die Teilnahme am CSD untersagst. Oder dass du zu linke Anträge nicht durchlässt, wie diese eine Anfrage der Grünen zum Corona-Maskenkauf unter Jens Spahn. Völlig in Ordnung, dass die Bundestagsverwaltung diese Anfrage nicht an die Bundesregierung weitergeleitet hat. Wo kämen wir sonst auch hin? Da könnten demnächst ja alle mit irgendwas um die Ecke kommen. Wie gut, dass du jetzt die Augen offenhältst und dem fortwährenden woken und linken Treiben ein Ende setzt. Mit Haltung und einer klaren Agenda. Das große Ziel fest im Blick. Denn natürlich geht es dir bei all dem vor allem darum, die AfD wieder kleinzukriegen. Das ist die Challenge. Die Leute müssen begreifen, dass die CDU/CSU für das wahre Deutschland steht, sozusagen für ein Deutschland nach dem Reinheitsgebot. Männer sind Männer und Frauen sind Frauen, Ausländer sind erst mal nur zu Gast, Fleisch ist gesund und Alkohol macht Spaß. Fertig. Ist doch alles ganz einfach. Niemand braucht die AfD.

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Ein offener Brief… an die niedersächsischen Finanzämter

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Ein offener Brief… an die niedersächsischen Finanzämter


Liebe niedersächsische Finanzverwaltung, herzlichen Glückwunsch! Es ist so weit: Niedersachsen hat das Faxgerät beerdigt. Am 1. Juli 2025, so hat es die Landespressestelle verkündet, habt ihr euch offiziell von einem der zuverlässigsten Begleiter deutscher Bürokratie getrennt – dem heiligen Rattern, dem Neuigkeiten versprechenden Quieken, dem weißen Rauschen der Verwaltung, der grauen Eminenz zwischen Klammeraffe und Lochverstärker: dem Faxgerät. Dann doch schon …

Man muss es euch lassen – das ist mutig. Denn wer Fax sagt, meint schließlich auch: „Warum einfach, wenn es auch analog geht?“ Für Einfachheit ist ein deutsches Finanzamt schließlich nicht zu haben, weshalb dieser Schritt fast schon progressiv anmutet. Jetzt also seid ihr wild entschlossen, der Zukunft eine Chance zu geben (eigentlich eher der Gegenwart, aber heben wir uns die Spitzfindigkeiten lieber für Anlage S auf). Doch die Welt der Technik reibt sich noch immer verwundert die Augen: Niedersachsen faxt nicht mehr.

Welcher Technikpionier euch auch immer gesteckt haben mag, dass das Internet inzwischen keine Modeerscheinung mehr ist, dass E-Mails kein Hexenwerk sind, dass Menschen heutzutage PDF-Dateien per Smartphone unterschreiben, während sie im Bus sitzen: Danke!

Wir hoffen natürlich, dass ihr keine Entzugserscheinungen bekommen mangels der typischen Faxgerätgeräusche – an dieses hypnotische Piepen, Rattern und Zittern des Papiers kann man sich ja schnell gewöhnen. Klug wird sein, für den Fall der Fälle Seelsorgende bereitzustellen.

Dennoch, alles hat seine Zeit. Und wie sagt man so schön: Wer zu spät faxt, den bestraft das Leben.

Doch nun zur alles entscheidenden Frage: Was plant ihr als nächstes, ihr lieben niedersächsischen Finanzämter? Wird in naher Zukunft vielleicht die Brieftaube als offizielles Kommunikationsmittel abgelöst? Oder wird der Rohrpostschacht im Keller endlich stillgelegt, damit Platz für einen modernen Server entsteht – oder gar, Achtung Vision, für schnelles Internet, das nicht nur werktags zwischen 9 und 10 Uhr sporadisch funktioniert? Wird etwa Heinz-Rüdiger, der in achter Familiengeneration in Hannover das Paternoster bedient, entlassen?

Vielleicht wird alles besser. Vielleicht dürfen wir sogar hoffen, dass Formulare eines Tages digital ausfüllbar sind, ohne dass die Hälfte des Textes beim Abspeichern verschwindet? Und wie steht es um das elektronische Elster-Portal – wird es irgendwann ein Passwortsystem einführen, das nicht aus 17 Hieroglyphen, einer Blutprobe und dem DNS-Code unseres Erstgeborenen besteht?

Gibt es vielleicht sogar Pläne, künftig PDFs hochladen zu dürfen, ohne dass sie „aus Gründen der Sicherheit“ erst ausgedruckt, ausgefüllt, wieder eingescannt, erneut ausgedruckt und dann per Brief geschickt werden müssen (gut, wir sehen ein, das ist nun wirklich zu verwegen)? Bei so viel Fortschritt rechnen wir jetzt natürlich mit weiteren Schlagzeilen, zum Beispiel: „Das Diensttelefon ist jetzt auch außerhalb der Mittagspause besetzt!“, „Antworten auf E-Mails in unter 14 Werktagen!“ oder „Sachbearbeitung durch Menschen statt durch kafkaeske Zufallsgeneratoren!“ Ja, die Spannung steigt. Man spürt direkt: Niedersachsen ist bereit für den digitalen Quantensprung – von 1996 direkt ins Jahr 2012. Wir gratulieren noch einmal, warnen aber auch ausdrücklich: Die Zivilgesellschaft hat das Fax nicht vergessen, rechnet besser mit einer „Initiative zum Erhalt analoger Lebensqualität“. Mit Stickern und allem. „Ich faxe, also bin ich!“ – Widerstandsgruppen mit Thermopapier und Resttinte.

Liebe Finanzverwaltung, bleibt standhaft. Ihr habt ein Zeichen gesetzt. In Sachen Fortschritt ist Niedersachsen jetzt das Kalifornien der Verwaltung. Nur mit weniger Sonne. Und mehr Kopien in dreifacher Ausfertigung. In diesem Sinne: Adieu, Faxgerät, Willkommen, Zukunft! Vielleicht.

Mit zukunftsoffenen Grüßen, die Stadtkinder mit WLAN und Hoffnung.

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Ein offener Brief … an Ralf Stegner und Co.

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Ein offener Brief … an Ralf Stegner und Co.


Lieber Ralf und liebe alle, ganz großartig! So ein schönes Manifest. Und zum genau richtigen Zeitpunkt. Wenn all die nassforschen und besserwisserischen jungen und jüngeren und mittelalten Menschen in Verantwortung den falschen Weg einschlagen, weil sie sich einfach nicht genug mit der jüngeren Geschichte auskennen und verdammt noch mal nicht reden wollen, wenn sie nur alle Krieg wollen und Aufrüstung, dann ist es eine gute Idee, wenn die Altgedienten sich vereinen und mahnende Worte finden.

Du, lieber Ralf, hast auf die Schnelle eine beeindruckende Truppe zusammengetrommelt. 32 x heißt es a. D. in der Liste der ersten, die das Manifest unterzeichnet haben. Und das ist ein Qualitätsmerkmal, denn wer außer Dienst ist, wer keine Verantwortung mehr hat, der hat einfach ein bisschen mehr Muße, sich den Dingen von der Seitenlinie grundsätzlicher zu widmen. Und klar, wer sich grundsätzlicher mit dem Russland-Ukraine-Konflikt auseinandersetzt, der kommt schnell darauf, dass man das alles nicht so einfach schwarz-weiß sehen darf. Ja, Russland hat die Ukraine angegriffen, aber man muss Russland auch ein Stück weit verstehen. Putin hat sich einfach bedroht gefühlt vom Verteidigungsbündnis NATO. Immerhin hat dieses Bündnis 1999 Serbien angegriffen – einfach so, völlig grundlos. Oder gab es einen Grund, den ihr im Manifest vergessen habt? Egal. Die Amerikaner haben jedenfalls ganz viele Verträge und Absprachen gebrochen. So war das. „Einseitige Schuldzuweisungen“ sind also eindeutig zu kritisieren. Die Amis sind auch nicht ohne und manchmal ziemlich böse.

Und wenn das endlich mal allen klar ist, dann kann man doch auch wieder ins Gespräch kommen miteinander. Leonid Breschnew, Willy Brandt, John F. Kennedy, Ronald Reagan, Michail Gorbatschow – sie alle haben miteinander geredet. Und sie haben auf diese Weise friedlich Vertrauen zueinander aufgebaut. Warum soll das jetzt nicht wieder gehen? Donald Trump, Wladimir Putin, Xi Jinping, das sind doch alles total rationale und gutmeinende Menschenfreunde – warum setzen wir uns nicht alle gemeinsam an einen Tisch und reden. Mehr Diplomatie wagen! Statt immer nur Aufrüstung. Und wenn der Wolodymyr Selenskyj nicht wieder so stur ist, sondern ein bisschen realistischer, darf er auch kommen und über die Zukunft der Ukraine mitdiskutieren. Man muss doch jetzt endlich wieder aufeinander zugehen. Verdammt noch mal!

Und es könnte alles so einfach sein. All die Kriegstreiber müssten einfach nur einsehen, dass man Russland nicht schlagen kann. Weswegen es auch total irre ist, der Ukraine immer weiter Waffen zu liefern. Wozu denn? Damit dieser Krieg nur immer weiter geht? Ein Leiden ohne Ende? Das kann es doch nicht sein. Du lieber Ralf, kennst die Russen sehr gut, und du bist dir sicher, dass es für die Menschen in der Ukraine schon nicht so schlimm kommen würde. Keine entführten Kinder, keine Folter, keine Vergewaltigungen, keine Massaker an der Zivilbevölkerung, keine Willkür. Weil die Menschen in der Ukraine ja eigentlich auch Russen sind. Und so etwas tut man doch den eigenen Leuten nicht an. Butscha war bestimmt nur ein Versehen …

Lieber Ralf, es ist gut, dass ihr jetzt so mutig wart, du, zusammen mit dem Rolf und den anderen. Für den Frieden zu sein, das muss man sich heutzutage ja erstmal trauen. Ein wichtiger Schritt. Lasst euch jetzt bloß nicht beirren von all den schießwütigen Idioten à la Carlo Masala. Die wollen diesen Krieg, weil sie ohne diesen Krieg nicht ständig in den Talkshows sitzen würden – ist doch klar. Alle, die nicht euer Manifest unterzeichnen, wollen Krieg. So ist das. Du, und der Rolf, und die Sahra und die Alice, ihr seid die wahren Friedenstauben. Wobei, Sahra und Alice – das war ein anderen Manifest. Da haben wir jetzt was verwechselt.

Foto: StockSnap / Pixabay.com

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Ein offener Brief… an den Baron von Münchhausen

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Ein offener Brief… an den Baron von Münchhausen


Lieber Baron von Münchhausen, du armer Kerl bist sicher schon ganz wund vom sich im Grabe umdrehen nach dieser erbärmlichen Vorstellung deiner Nachfahren. Baron Merz und Baron Linnemann haben total versagt. Die Kunst des Lügens ist ja, Geschichten so zu erzählen, dass sie zumindest wahr sein könnten. Diese Anfänger haben aber so offensichtlich gelogen, dass es stellenweise kaum auszuhalten war. Du musst in deinem Grab so richtig rotiert sein, oder?

Man stelle sich vor, du hättest damals deine kühnen Geschichten so plump vorgetragen. Niemals wärst du als großartiger Lügenbaron und Meister der Fantasie in die Geschichte eingegangen. Sie hätten dich ausgelacht und aus dem Land gejagt. Du wusstest einfach, wie man mit Witz, Charme und einem Hauch von Glaubwürdigkeit selbst das Unmöglichste plausibel erscheinen lässt. Ein bisschen mehr von deinem Geist im Wahlprogramm der Union und die 3 vorne wäre kein Problem gewesen. Aber was machen deine Nachfahren? Sie übertreiben ohne Scharfsinn, sie stapeln hoch ohne Eleganz, sie laden vollmundig die Kanone, doch die Kugel verfehlt das Ziel. Sie lügen ohne Raffinesse, alle durchschauen das Spielchen problemlos. Subtilität? Fehlanzeige! Selbst dein treues Pferd, das du einst samt halbem Körper aus dem Sumpf zogst, hätte sich mit Grausen abgewandt.

Eigentlich verpflichtet doch Tradition. Ein echter Münchhausen-Lügner lässt die Zuhörer staunen und schmunzeln. Und alle wünschen sich insgeheim, dass die Geschichte wahr sein könnte. Doch bei diesen Herren mit ihren dreisten Behauptungen fragen sich die Zuhörer höchstens, wer den ganzen Scheiß bezahlen soll, wenn irgendetwas davon wirklich wahr werden sollte. Erfundene Zahlen, verzerrte Zusammenhänge, an den Haaren herbeigezogene angebliche Lösungen. Haben die wirklich gedacht, dass das niemand nachrechnet? Dass die Leute so dämlich sind? Ein Lügenbaron unterschätzt niemals sein Publikum. Er hält die Menschen für klug, damit seine Lüge perfekt sitzt und nicht nachlässige Improvisation bleibt. Nicht so Baron Merz und Baron Linnemann.

Was aber am schlimmsten ist. Wenn man schon kein großer Lügner ist, dann sollte man wenigstens ein bisschen Humor mitbringen. Schlecht lügen ist noch kein Beinbruch, wenn man an der richtigen Stelle ein sympathisches Augenzwinkern platziert. Wenn man den Leuten signalisiert: „Klar, ich erzähle euch kompletten Mist, ihr wisst das, ich weiß das, aber der absurde Kram ist doch trotzdem ganz spaßig, oder nicht?“ Doch keine Spur von Humor weit und breit bei deinen Nachfahren.

Sie nehmen sich selbst so ernst, dass ihre Lügen umso erbärmlicher wirken. Keine besonders gute Unterhaltung. Sie sind ganz schlechte Blender. Wir konstatieren den Niedergang der hohen Kunst des gepflegten Flunkerns. Was bleibt uns da noch übrig, verehrter Baron? Ein müdes Lächeln? Ein resigniertes Kopfschütteln? Vielleicht basteln wir dir vor der nächsten Wahl lieber ein Kugellager in dein Grab, damit du wenigstens reibungslos rotieren kannst. In tiefstem Mitgefühl für dein geplagtes Andenken, dein Stadtkind. VK

Ein offener Brief… an den Baron von Münchhausen

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