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El Kurdis Kolumne im Februar: Memories are made of Nylon

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El Kurdis Kolumne im Februar: Memories are made of Nylon


In der durchaus unterhaltsamen romantischen Komödie „Prime“ aus dem Jahr 2005 – die auf Deutsch den beschrubbten Titel „Couch-Geflüster“ und den noch beschrubbteren Unter-Titel „Die erste therapeutische Liebeskomödie“ trägt – spielt Uma Thurman eine 37-jährige Frau, die eine Affäre mit einem 23-jährigen Mann hat. Als sie sein Alter erfährt, sagt sie: „Oh Mein Gott, du bist ein Kind. Ich hab T-Shirts, die sind älter als du!“

Tatsächlich, mit zunehmendem Alter besitzt man zunehmend alten Kram: Nie abgegebene Schlüssel zu ehemaligen Wohnungen, französische Francs und italienische Lira, kaputte Mehrfachsteckdosen, die man plant, irgendwann zu reparieren, eine Bandmerch-Tasse, die zwar einen Sprung hat, aber bestimmt noch mehrere Jahrzehnte als Zahnbürstenständer taugt. Oder eben alte T-Shirts. In unterschiedlichen Unansehnlichkeitsgraden.

Inzwischen habe ich die T-Shirt-Formulierung in anderen Filmen auch schon in folgenden Variationen gehört: „Ich hab Unterhosen, die sind älter als du“ oder „Ich habe eine Kopfhöreraufbewahrungstasche, die ist älter als du“. Okay, ich gebe zu, letzteren Satz habe ich noch nie gehört. Weder im Film, noch im wahren Leben. Aber ich könnte ihn benutzen – und würde dabei nicht lügen. Ich besitze nämlich wirklich eine Kopfhöreraufbewahrungstasche, die älter ist als manche Menschen, mit denen ich zwar keine Affäre, aber doch anderweitig zu tun habe. Das Täschchen stammt aus dem Jahr 1989. Wenn man genau hinschaut, sieht man darauf eine verblichene Aufschrift: „Telehospital“.

Ich studierte damals in Hildesheim irgendwas mit Kultur und hatte mich selbst wegen schweren Erbrechens ins städtische Klinikum eingeliefert. Die Kotzerei begann ausgerechnet, als ich mit Kollegen auf einer Kleinkunstbühne im ländlichen Raum Menschen unterhielt. Da das unappetitliche Elend auch nach Abbruch der Vorstellung nicht enden wollte, fuhr mich mein alter Freund Matthias Günther in seinem Ford Fiesta halbschnell ins Krankenhaus: Aus fahrzeughygienischen Gründen mussten wir unterwegs mehrmals anhalten. Im Klinikum ließ man mich zunächst in eine Tüte atmen, weil ich wegen der Übelkeit angefangen hatte zu hyperventilieren. Ich wusste bis dahin nicht, dass das zu heftige und hektische Ausatmen von CO₂ zur sogenannten „Pfötchenhaltung“ führt: Die Hände verkrampfen und sehen so entfernt aus wie eine Tier-Pfote. Das In-die-Tüte-Atmen löste den Krampf, man diagnostizierte eine leichte Lebensmittelvergiftung und stoppte den Brechreiz durch die intravenöse Gabe eines Medikamentes. Eigentlich hätte ich spätestens am nächsten Tag nach Hause gehen können. Da es aber noch keine Fallpauschalen gab, musste ich vier weitere Tage sinnlos bzw. zwecks „Beobachtung“ im Bett herumliegen und mich langweilen. Glücklicherweise konnte ich fernsehen. Auf dem am Nachttisch montierten Mini-Bildschirm.

Das ging allerdings nur mit einem speziellen im Krankenhaus-Shop zu erwerbenden „Druckluft-Kopfhörer“. Bis heute ist mir sowas nie wieder untergekommen. Das pneumatische Kuriosum kostete schlappe 15 DM – relativ viel Geld, angesichts der Tatsache, dass man es nur an den TV-Geräten der Klinik benutzen konnte. Sonst nirgends.

Aber immerhin: Das ungefähr DIN-A5-große Aufbewahrungs-Täschchen des Kopfhörers bestand aus gutem, zähen und widerstandsfähigen 20.-Jahrhundert-Nylon, selbst der Reißverschluss war für eine jahrtausendelange Nutzung konzipiert. Die Farbe war von Anfang an so undefinierbar eklig – irgendwo zwischen einem extrem schlappen Seafoam-Green und einem infektiösen Nasennebenhöhlen-Türkis –, dass der spätere zeitbedingte Farbintensitäts-Verlust auch wieder wurscht war.

Irgendwann entsorgte ich den in der normalen Welt völlig nutzlosen Kopfhörer. Das Täschchen behielt ich. Alle paar Jahre wird es von mir im Zweck umgewidmet: Mal dient es mir als Stiftemäppchen, mal trage ich darin Gitarrenkrimskrams zu Auftritten, zurzeit benutze ich es als Mini-Kulturbeutel. Für maximal zwei Auswärts-Übernachtungen. Wahrscheinlich werde ich es dereinst meiner Tochter und diese es ihren Nachkommen vererben. Inklusive Story. So werden sich die El Kurdis – oder wie auch immer die Familie dann heißen wird – noch Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte an meinen magenentleerenden Abend im Kulturgut Heiningen erinnern.

Ebenfalls noch lange Zeit an diesen Abend denken werden die Menschen, die damals in Heiningen in der ersten Reihe saßen. Eigentlich habe ich diese Kolumne nur geschrieben, um ihnen nochmals zu sagen: Es tut mir aufrichtig leid!

Hartmut El Kurdi

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El Kurdis Kolumne im Januar: Ich bin dann mal weg – oder doch nicht?

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El Kurdis Kolumne im Januar: Ich bin dann mal weg – oder doch nicht?


Wenn ich auf das Jahr 2025 zurückblicke, scheint mir alles so gewesen zu sein wie immer. Eben der übliche furchtbare Kram, mit dem wir Erden-Bewohner seit jeher – nicht erst in den letzten Jahren – klarkommen müssen: Kriege, Naturkatastrophen, Krankheiten und krawallige, verbal inkontinente Regierungsoberhäupter.

Dabei wäre 2025 fast etwas Bedeutendes passiert. Aber eben nur fast. Oder vielleicht hat das Ereignis doch stattgefunden? Ganz genau kann man das nicht sagen. Das müssen Sie, liebe Leser*innen, selbst entscheiden.

Der südafrikanische Freizeitprediger Joshua Mhlakela hatte nämlich im Jahr 2018 eine Vision, in der Jesus Christus ihm offenbarte, dass 2025 alle wahren Christen in den Himmel entrückt würden. Und zwar am 23. September. Danach beginne eine siebenjährige Zeit des Chaos, die „große Drangsal“, die schließlich am 15. September 2032 im Jüngsten Gericht, dem Ende der Welt, kulminiere, und dann kehre Jesus zurück, um als König über die Welt zu herrschen.

Diese Ankündigung löste vor allem in den USA große Begeisterung aus. Dazu muss man wissen, dass die Entrückung – auf Englisch: „the rapture“ – zum theologischen Standardrepertoire der fundamentalistischen Christen gehört.

Praktisch muss man sich die Entrückung so vorstellen: Sie sitzen als Atheist, Jude oder Muslim mit einer christlichen Freundin in einem Café, Sie plaudern grade über Fußball, Keuschheit vor der Ehe oder Jens Spahn und plötzlich – puff – ist die Freundin verschwunden! Der Stuhl Ihnen gegenüber ist leer. Weil die Freundin stattdessen nun zur Rechten Gottes sitzt.

In Amerika kursiert seit Jahren das Gerücht, dass Fluggesellschaften, die von gläubigen Christen geführt werden, stets darauf achten, niemals rein christliche Flugteams zusammenzustellen. Jedem gläubigen Piloten werde ein ungläubiger Co-Pilot zur Seite gesetzt – damit Letzterer im Falle der „Entrückung“ des Ersteren das Steuer übernehmen könne und das Flugzeug nicht abstürze. Anscheinend wollen die CEOs auch in der Zeit der großen Drangsal nicht auf Schadensersatz in Millionenhöhe verklagt werden. Obwohl ihnen das im Himmel ja eigentlich egal sein könnte.

Dazu passt, dass eine freikirchlich aufgewachsene Freundin mir erzählte, dass sie sich als Kind mit Hilfe von Büchern theoretisches Wissen übers Autofahren aneignete, um bei einem Familienausflug im Falle des Falles auf den leeren Fahrersitz zu springen und das Auto unfallfrei zum Stehen bringen zu können.

Andere ähnlich sozialisierte Menschen berichteten mir, dass sie früher fest damit rechneten, irgendwann vom Spielen nach Hause zu kommen und eine leere Wohnung vorzufinden. Weil die ganze fromme Familie in ihrer Abwesenheit entrückt wurde. Nur eben sie selbst nicht, weil sie dann doch nicht dolle genug an Gott geglaubt hatten. Was übrigens eine interessante Form von kognitiver Dissonanz bzw. ein nettes Paradoxon ist: Man glaubt, man wird von Gott bestraft, weil man nicht an ihn glaubt!

Aber zurück zum 23. September des vergangenen Jahres. Falls Ihnen an diesem Tag seltsame Dinge passiert sind, falls sich zum Beispiel im Supermarkt die Schlange vor Ihnen in Luft aufgelöst oder Ihre Ärztin sich während des Gesundheits-Check-ups entmaterialisiert hat: Sie hatten keinen psychotischen Schub oder LSD-Flashback. Es war nur die Entrückung. The rapture. Und da Sie selbst ja anscheinend nicht entrückt wurden, kommen Sie mit großer Wahrscheinlichkeit in die Hölle. Also, wenn Sie demnächst sterben, spätesten aber am 15. September 2032.

Falls die Entrückung tatsächlich solchermaßen stattgefunden haben sollte, wäre das für mich durchaus von Vorteil. Auf die eine oder andere Art. Entweder werde ich für diese Kolumne keine bösen Leser-E-Mails von evangelikalen Christen bekommen, weil die alle seit Mitte/Ende September im Himmel sind. Oder ganz anders: Vielleicht wurden am 23.9. auch nicht die Christen, sondern ich wurdeentrückt. Und nun schreiben sich die auf der Erde zurückgebliebenen Frömmler die Finger wund, nachdem sie diesen in ihren Augen blasphemischen Text gelesen haben. Aber mir kann das egal sein. Ich sitze ja im Himmel und muss dort die Beschwerdebriefe nicht lesen. Vielleicht arbeite ich nun seit über drei Monaten zusammen mit Millionen anderen Agnostikern im großen göttlichen Coworking-Space und schreibe entspannt meine Texte, die ich dann in einer Art allmonatlichem Pfingstwunder in Lars Kompas Computer einspeise. Denn womöglich ist Gott ja doch smarter, als seine irdischen Apologeten meinen?! Seine Wege sollen ja unergründlich sein…

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El Kurdis Kolumne im Februar

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El Kurdis Kolumne im Februar


Der surrende Satan auf Rädern

Ich habe keinen Führerschein. Und das aus guten, nicht etwa aus Alkohol-assoziierten Gründen.
Das muss ich stets dazu sagen. Ich bekomme sonst augenblicklich diese verständnisvollen, solidarischen Blicke aus der Trinker-Community zugeworfen.
Nein, man hat mir die Fahrerlaubnis – um mal die alte DDR-Terminologie zu benutzen – nicht weggenommen:
Ich habe den Führerschein einfach nie gemacht.
Ich hielt tägliches Auto fahren und vor allem das Besitzen eines eigenen Autos schon vor 40 Jahren für ökologisch nicht sinnvoll. Ich gehe zu Fuß, ich benutze Busse und Bahnen, wenn es nicht anders geht steige ich auch mal in ein Taxi – meistens aber fahre ich Fahrrad.

Das Fahrrad ist unzweifelhaft die größte Erfindung seit dem Regenschirm! Es mag unspektakulär klingen, aber mal ehrlich: Es schüttet wie aus Eimern und man kann, ohne sich die Frisur zu ruinieren, von A nach B gehen? Hammer! Das ist kurz vor Zauberei! Ähnlich para-metaphysisch wie Regenschirme sind Geschirrspülmaschinen: Sie eröffnen dem Menschen die Möglichkeit mit anderen Menschen zusammenzuleben, ohne sich nicht mit ihnen wegen vertrockneter Milchreiskrusten oder Schimmelplantagen auf dem Porzellan schlagen zu müssen. Oder gar die Notwendigkeit zu sehen, jemanden zu töten. Was für ein Zivilisationssprung!

Und ebenso magisch und gleichzeitig auch noch gesellschaftlich progressiv ist das Rad. Man braucht kein Benzin, kein Gas, keinen Dampf, keine Sklaven, die es ziehen oder schieben – man kann sich nur mit der eigenen Muskelkraft drei, vier, fünf Mal schneller bewegen als man gehen kann. Ist man erschöpft, steckt man sich ein Stück Schokolade in den Mund und trinkt eine Irgendwasschorle – und weiter geht’s.
Und man belastet mit dem Rad – außer bei der Herstellung – die Umwelt nicht. Führen alle Rad, müssten sich junge Menschen nicht auf Straßen festkleben. Und die „Welt“ hätte nichts zum hämisch kommentieren und Markus Lanz nichts zum talken.
Zudem kann man sich mit dem Fahrrad fit halten, das Herz-Kreislaufsystem in Schuss bringen und, sofern man das möchte, sogar abspecken – ohne Zeit mit Sport zu vertrödeln und sich dabei zu Tode langweilen zu müssen. Man sportelt – wie man in Österreich sagt – nebenbei, en passant, während man sich beeilt, um einen privaten oder geschäftlichen Termin einzuhalten.
Also: Alles gut!
Wenn da nicht diese Weiterentwicklung wäre …
Ich möchte auf keinen Fall missverstanden werden. Selbstverständlich gibt es Menschen mit körperlichen Einschränkungen – sei es aufgrund des Alters, einer Krankheit oder einer Behinderung – für die ein E-Bike oder Pedelec ein Segen ist.
Auch für Pendler, die, statt sich feist und faul ins Auto zu setzen, tapfer jeden Tag 45 oder 60 Minuten radeln, um zur Arbeit zu kommen. All diesen Menschen gönne ich das Akkurad von Herzen. Aber der Rest der E-Biker hat nicht mehr alle Latten am Zaun. Viele von ihnen benehmen sich wie lichthupende, drängelnde, auf-die-Stoßstange-auffahrende, FDP-wählende BMW-Fahrer auf der Autobahn.
Man rollt vielleicht grade mit einer gewissen somnambulen Verträumtheit leicht mittig und über philosophische Fragestellungen sinnierend auf dem Radweg daher, da hört man eine aggressive Klingel. Man dreht sich kurz um, sieht in einiger Entfernung einen normalen, nicht schwitzenden, sich nicht anstrengenden Menschen um die vierzig oder fünfzig, vielleicht dezent übergewichtig wie man selbst, auf einem völlig unauffällig aussehenden Fahrrad und denkt: Okay, der fährt jetzt so ungefähr 15 Stundenkilometer. Maximal. Keine Ahnung, warum der klingelt. Aber wenn er ein bisschen in die Pedale tritt und sich Mühe gibt, kann er vermutlich doch demnächst zur Überholung ansetzen. Man ist natürlich bereit, ihn passieren zu lassen. Warum auch nicht. Wenn er es denn eilig hat.
Aber da wird man auch schon – mitten im Gedanken – leise surrend, aber um so brutaler gebodycheckt, weil der Raser beim Überholvorgang nur geringfügig bis gar nicht von seiner graden Linie abweicht, schließlich hat er ja geklingelt. Man ist also selbst schuld…. Man spürt dabei den Fahrtwind des vorbeizischenden E-Bikers auf der Wange, das eigene Rad taumelt wie ein angeschossenes Reh, und man kippt im besten Fall seitlich auf den Gehweg und schubbert noch einige Meter mit dem Gesicht auf dem Asphalt entlang.
Irgendwann rappelt man sich wieder auf, sortiert die Knochen, leckt sich die Wunden und denkt: Ja, auch das E-Bike ist Magie. Aber keine weiße.
Es ist klassischer Schadenszauber. Maleficum.
Das E-Bike ist der Teufel.

● Hartmut El Kurdi

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