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El Kurdis Kolumne im April

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El Kurdis Kolumne im April


Kunst-Epiphanien an der Zonengrenze

Nicht erst seit im letzten Herbst die komplette Findungskommission zurückgetreten ist, fragen sich viele Leute: Wird die nächste Documenta im Jahr 2027 – also Nummer „16“ – überhaupt noch stattfinden? Und noch dazu in Kassel? Während des antisemitischen Skandals der letzten Ausstellung äußerten ja nicht wenige Kunstbetriebler aus der Hauptstadt, es sei sowieso schon lange eine Zumutung, eine Weltkunstausstellung ausgerechnet an dieser nordhessischen Milchkanne zu veranstalten.

Oft stellten sie sogar eine Verbindung zwischen der Provinzialität des Ortes und den judenfeindlichen Entgleisungen her. Wobei die diesjährige Berlinale-Preisverleihung ja sehr unschön bewiesen hat, dass eine simplifizierende „Palästina-gut-und-antikolonial/Israel-böse-und-genozidal“-Propaganda auch auf einer Kulturveranstaltung in Berlin nicht nur widerspruchslos verbreitet werden kann, sondern vom Publikum auch noch begeistert beklatscht wird.

Und obwohl oder grade weil mir bewusst ist, dass sich die Ausstellungsmacher*innen, die Ausstellenden und die Besucher*innen der Documenta noch nie für Kassel als den Ort des Geschehens interessiert haben – hier ein zutiefst provinzielles Plädoyer eines Ex-Kasselers für die Fortführung diese Kunstereignisses genau dort: In der nordhessischen Taiga, in – wie die Frankfurter sagen – „Hessisch-Sibirien“.

Zunächst einmal: Kassel ist kein übler Ort. Man kann da leben, arbeiten, aufwachsen, ohne traumatisiert zu werden. 200.000 Einwohner, viel Grün, viele Nachkriegsbauten. Stünde da nicht auf einem Hügel über der Stadt dieser verstörende große nackte Mann mit einer Keule könnte man Kassel ganz gut mit Braunschweig vergleichen. Und auch wenn viele Hannoveraner*innen ein Leben in Braunschweig als ungefähr so lebenswert einschätzen wie Loriot ein Leben ohne kleine faule Sofa-Hunde („Ein Leben ohne Möpse ist zwar möglich, aber sinnlos“), kann ich aus eigener Erfahrung sagen: Selbstverständlich hat Hannover wesentlich mehr zu bieten als seine ostfälische Nachbarstadt – aber Braunschweig ist eben auch okay. So wie Kassel. Beide Städte, Kassel wie Braunschweig, lagen übrigens ziemlich nah an der DDR-Grenze. Im Zonenrandgebiet. Böse Zungen behaupten, dass man das heute noch merkt. Worauf will ich hinaus? Vielleicht hierauf: Kassel ist so mittel.

Als Jugendlicher will man aber mehr als „mittel“. Man will Aufregung, Abenteuer, Leidenschaft. Man will am eigenen Leib erfahren, was so alles geht. Und da kommt die Documenta ins Spiel: Für viele in Kassel Aufgewachsene gab es mindestens eine Documenta, die sie im Nachhinein als Erweckungserlebnis interpretieren.
Bei mir waren es mehrere. Als Kind und als Jugendlicher liebte ich alle drei Ausstellungen, die ich bei vollem Bewusstsein erlebt habe: 1977, 1982, 1987. In meiner Erinnerung begann bei jeder dieser „Documenten“ die sonst eher dösende Stadt plötzlich zu vibrieren. Und zu klingen. Es war geradezu metaphysisch: Kassel sprach in Zungen. 100 Tage lang. Und das nicht nur, wie sonst an den Nebenspielorten, in den randständigen Einwanderer-Vierteln wie dem, in dem ich aufwuchs. Auch in der guten Stube der Stadt wurde von einem Tag auf den anderen fremdgesprochen: In der Fußgängerzone, in den Cafés, in den Geschäften. Englisch, Französisch, Spanisch, Niederländisch… Sogar Japanisch. Überall sah man Leute in absurd-exzentrischer Kleidung. In Zeiten, in denen niemand das Wort ‚non-binär‘ auch nur gedacht hatte, begegneten wir Menschen, die wir beim besten Willen keinem der uns bekannten Geschlechter zuordnen konnten. Wir fanden es super.
Überall fand Kultur statt. Im offiziellen Rahmenprogramm, aber oft auch spontan und überfallartig: Draußen, auf Plätzen, in Parks, in Kneipen. Und vor allem: in unseren Köpfen. Ich wünschte mir damals, dass Kassel immer so wäre. Oder mein Leben.

Und obwohl wir keinen Dunst von Kunst hatten, lernten wir, sie zu verteidigen. Wir stritten mit Eltern, Tanten, Lehrerinnen, und – wenn es sein musste – auch mit Passanten, die sich zum Beispiel über Outdoor-Skulpturen aufregten. Manchmal erklärten wir auch – anderen Passanten gegenüber – irgendeinen beliebigen Bauzaun zum Documenta-Kunstwerk, und waren ein bisschen enttäuscht, wenn das schulterzuckend hingenommen wurde.
Anders gesagt: Wenn man wirklich will, dass Kunst eine Wirkung auf viele unterschiedliche Menschen hat – und nicht nur auf die üblichen Verdächtigen, das museumsbesuchende Bildungsbürgertum –, dann sollte man eine solche Ausstellung in ihrem lebensverändernden Potenzial nicht an Berlin verschwenden.

● Hartmut El Kurdi

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Editorial 2024-04

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Editorial 2024-04


Liebe Leserin, lieber Leser,

„Die ängstliche Republik“, so haben wir unseren Titel in dieser Ausgabe genannt. Ein knapper Zwischenruf zur Bürokratie und zu den Folgen. „Wie Deutschland sich lähmt“, dieser Untertitel kommt nicht von ungefähr. Und aufgrund dieser Lähmung hängt sich Deutschland im internationalen Wettbewerb inzwischen zunehmend ab. Noch sind wir die viertgrößte Volkswirtschaft. Aber wie lange noch?

Dieser drohende (und oft viel zu schwarz gemalte) Untergang – gerne wird in letzter Zeit auch von der „Deindustrialisierung“ der deutschen Wirtschaft gesprochen – macht vielen Menschen in Deutschland Angst. Und befeuert wird diese Angst noch vom rechten und linken Rand. Beziehungsweise mittlerweile auch direkt aus der Mitte. Wenn man der CDU/CSU stellenweise zuhört, droht wahrscheinlich bereits morgen der Untergang des Abendlandes. Falls die Grünen so weitermachen, diese schlimmen Menschen, die Böses im Schilde führen. Wir erleben in letzter Zeit eine Kakophonie der Schwarzmalerei. Man ist sich leider sehr einig: Deutschland geht den Bach runter. Wenn es so weitergeht wie bisher, versteht sich.

Und man macht große, populistische Versprechungen. Wenn man ein paar Schrauben fester zieht, ein paar Zäune höher baut, ein paar Faule an die Arbeit kriegt, ein bisschen pragmatischer bei den Menschenrechten ist, usw., dann gibt es noch Hoffnung. Was für ein unfassbarer Schwachsinn! Uns ist – davon bin ich überzeugt – überhaupt nicht damit geholfen, Neiddebatten anzuzetteln oder bestimmte Menschen herabzuwürdigen und zu diskriminieren, uns abzuschotten oder unsere Werte mal für eine Weile ein bisschen auszublenden, damit es mit dem Bruttoinlandsprodukt wieder besser klappt. Wir brauchen auch nicht noch mehr Ausländerfeindlichkeit, oder, um mal ein anderes Wort zu benutzen, Zuwanderungsskepsis. Wir brauchen Ausländerfreundlichkeit und Optimismus. Wir dürfen uns keine Angst mehr machen lassen, im Gegenteil, wir müssen uns endlich wieder darauf besinnen, welche Ressourcen Deutschland eigentlich hat. Wir sind innovativ und wir sind immer noch gut aufgestellt. Wir sind nicht ohne Grund die Nummer 4 in der Welt. Wir müssen jetzt mal wieder rauskommen aus unserem depressiven Loch und kämpfen. Um unsere Demokratie, unsere Freiheit und gerne auch um unseren Wohlstand.

Ich befürchte nur, dass das wahrscheinlich eher ein frommer Wunsch bleibt. Wir sind zu träge geworden und zu gleichgültig. Wir wünschen uns einfach nur die alte Sicherheit zurück. Die war doch eben noch da. Welche Knöpfe müssen denn jetzt gedrückt werden, damit sich die Zeit zurückdreht? Das scheint eine weit verbreitete Erwartungshaltung gegenüber der Politik zu sein. Wie wäre es, mal wieder selbst ein bisschen Verantwortung zu übernehmen? Um das zu ermöglichen, müsste allerdings die Politik weitaus mehr tun als im Moment. Sie müsste sich die Bürokratie mit Nachdruck vorknöpfen, auf allen Ebenen, in den Ländern, im Bund, in Europa, aber auch ganz lokal in den Städten und Gemeinden. Wir brauchen dringend mehr Beinfreiheit, ein System, in dem es sich lohnt, mutig zu sein. Klingt das jetzt nach FDP? Ich hoffe nicht. Ich wünsche mir ja in die Zukunft gewandte, progressive Bewegung. Bremsklotz zu sein, das überlasse ich doch lieber den Liberalen.

● Lars Kompa
Herausgeber Stadtkind

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Cirque Bouffon gastiert noch bis 28.04. in Hannover

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Cirque Bouffon gastiert noch bis 28.04. in Hannover


„Die Zeit entschleunigen und das Herz berühren“.

Das Motto des Cirque Bouffon ist Programm. Werner Buss und Dennis Bohneke haben einen großen Schatz nach Hannover gebracht.
Bei der Premiere am 27. März enthob das junge, charismatische und ausstrahlungsstarke Ensemble des Cirque Bouffon das vollbesetzte Zelt in eine Traumwelt von Farbe, Klang und Magie.
Eigenkomponierte Musik live aus den Gängen begleitet von teils sphärischen Fantasiesprachegesängen trägt die bewundernswerten Artist*innen federleicht durch ein gut zweieinhalbstündiges, buntes und liebevoll Geschichten erzählendes Programm.
Von uns gibt es eine bedingunglose 1+ für diesen wahrlich zauberhaften Abend.
Ein aufrichtiges Dankeschön für Euer Tun und Wirken.

Noch bis 28.04. auf dem Waterlooplatz Hannover.

 

 

 

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Tokunbo mit „Ray“ könnte zum Song des Jahres werden. Mitmachen!

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Tokunbo mit „Ray“ könnte zum Song des Jahres werden. Mitmachen!


Herzlichen Glückwunsch, Tokunbo.

Die Hannoversche Sängerin und Künstlerin gewinnt mit Ihrem Song „Ray“.
Als Grand Prize Winner des John Lennon Songwriting Contest kann ’Ray’ mit Hilfe des Publikums zum Song des Jahres gekürt werden.
Zwischen 1. – 30. April kann für den Song abgestimmt werden, und zwar 1x täglich, also bis zu 30x.
Hier der Voting-Link: https://jlsc.com/vote
Je öfter abgestimmt wird, desto mehr Stimmen bekommt ‚Ray‘ und um so höher die Chancen.
Es bedarf dabei keinerlei Anmeldung, nur eines Klicks neben mein Foto in der Kategorie Country.
Hier die Hintergrund-Infos zu ‚Ray‘: https://bit.ly/tokunbo-ray

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Ein letztes Wort im März

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Ein letztes Wort im März


mit dem Ministerpräsidenten Stephan Weil

Herr Weil, die Demonstrationen gegen den Rechtsruck in Deutschland und gegen die AfD gehen immer weiter. Das stimmt optimistisch, oder?
Ja, das ist wirklich eine ganz große Ermutigung. Wir hatten eine Phase, in der wir das Gefühl hatten, dass extremistisches Gedankengut in unserer Gesellschaft so gut wie unwidersprochen stetig zunimmt. Und jetzt wird sichtbar, dass es viele, viele Menschen gibt, die sich dieser Entwicklung entgegenstellen und sich für ein tolerantes und solidarisches Miteinander einsetzen.

Waren Sie überrascht von der Größe der Demonstrationen?
Ja! Das war wirklich gigantisch neulich auf dem Opernplatz. Die Debatte um dieses Treffen der extremen Rechten mit kruden Ideen zu einer Remigration war offensichtlich der Tropfen, der bei ganz vielen Leuten das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Jung und Alt gehen nun auf die Straße, um zu zeigen, dass sie solche Ideen in Deutschland nicht wollen. Ich wünsche mir sehr, dass die Menschen weiter Haltung zeigen werden, auch im Alltag. Es muss jetzt weitergehen, wenn auch nicht mit allwöchentlichen Demonstrationen, aber beispielsweise indem man sich einmischt und protestiert bei abfälligen Bemerkungen über Menschen, die irgendwie anders sind.

Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus diesen Demonstrationen?
Zunächst mal – und das teile ich mit sehr vielen Menschen – habe ich im Laufe des Jahres 2023 wirklich oft gedacht, dass das alles doch gar nicht wahr sein kann, was da passiert. Und jetzt gehen tausende und abertausende Menschen auf die Straße und eben nicht nur jene, die sich ohnehin schon regelmäßig an Demonstrationen beteiligen. Ich habe auf dem Opernplatz ganz viele gesehen, die vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben auf einer Demonstration waren. Und wir haben überall im Land Demonstrationen erlebt, auch in kleinen Kommunen. Es gibt offenbar doch eine sehr gefestigte demokratische Substanz in unserer Gesellschaft. Das hat auch den Menschen aus anderen Kulturen, die bei uns leben, Mut gemacht. Und es ist ein starkes Zeichen an die Wankelmütigen. Das heißt nicht, dass ich glaube, dass die AfD nun bald Geschichte sein wird. Aber für die, die gerade mit der AfD liebäugeln, waren das wichtige Signale. Ich wünsche mir sehr, dass zum Beispiel auch am 23. Mai zum 75. Geburtstag des Grundgesetzes wieder ganz viele Gesicht zeigen und dieses Jubiläum feiern werden. Ich bin überzeugt: unser Grundgesetz ist die beste Grundlage für ein gutes Zusammenleben.

Die Union zieht aus den Demonstrationen andere Schlussfolgerungen …
Sie meinen, dass diese Demonstrationen sich auch gegen die Politik der Ampel richten. Da ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Die Demonstrierenden wenden sich gegen einen Rechtsruck und gegen die AfD. Natürlich gibt es Kritik an der Ampel, aber diese Demonstrationen haben einfach ein anderes Thema. Ein verbindendes Thema. Es war zum Beispiel sehr beeindruckend, dass der Präsident der Unternehmerverbände, die rund 150.000 Unternehmen vertreten, auf einer Kundgebung in Hannover geredet hat. Das war etwas völlig Neues. Sehr viele Wirtschaftsunternehmen positionieren sich momentan ganz klar. Und was die CDU angeht, da habe ich zumindest für Niedersachsen den Eindruck, dass es auch deren Anhängerschaft um die Demokratie geht und nicht darum, den Regierenden eins auszuwischen. Es waren ja auch viele Konservative bei den Demos dabei.

Im Bund ist der Grundsound der Union aber ein anderer.
Ja, leider. Es gab zum Beispiel eine sehr würdevolle Stunde zum 75. Jahrestag der Ausschwitz-Befreiung und danach hat Friedrich Merz direkt auf die Ampel eingedroschen, als ob der Bundestag ein Bierzelt wäre. Sein Ton ist sehr oft sehr verfehlt.

Was sagen Sie denn zu seinem Vorwurf, die Regierung würde mit dem Neuzuschnitt von Wahlkreisen der Demokratie schaden?
Ein kompletter Blödsinn. Und auch hier ist es vor allem wieder die Tonalität. Merz spricht von Wahlrechtsmanipulation. Wirklich Unfug – quasi eine alternative Realität mit alternativen Fakten. Und letztlich ist er es dann selbst, der mit solchen Vorwürfen der Demokratie schadet. Ich denke, dass es zu oft mit ihm durchgeht, dass er eine viel zu kurze Zündschnur hat für das Amt, das er anstrebt.

Zurück zum Rechtsruck. Dieser Fokus auf die Zuwanderung und insbesondere auf die Probleme, Stichwort Überforderung, andere Kultur, kleine Paschas, soziale Hängematte, Sozialtourismus usw., das war in den letzten Monaten immer wieder Thema und alle haben plötzlich Härte signalisiert. Auch Ihre SPD hat sich nach meinem Eindruck angesteckt. Teilen Sie meinen Eindruck?
Nein, zumindest nicht, was die SPD angeht. Die SPD sagt klar, dass, wer schutzbedürftig ist, in Deutschland weiter Schutz bekommen soll. Punkt. Gar keine Diskussion. Wir halten an unseren humanitären Ansprüchen fest und schützen an dieser Stelle auch unsere Verfassung. Und etwa 60 bis 70 Prozent derjenigen, die zu uns kommen, sind schutzbedürftig. Sie haben einen Asylanspruch und das müssen wir stemmen, solange es uns nicht gelingt, die Menschen im Europa besser zu verteilen. Die anderen 30 bis 40 Prozent aber haben kein Bleiberecht, sie sind nicht schutzbedürftig. Und wenn wir unseren humanitären Ansprüchen gerecht werden wollen, dann müssen wir auch bei diesen 30 bis zu 40 Prozent konsequent sein. Es ist nicht so, dass ich kein Verständnis für Leute habe, die auf der Suche nach einem besseren Leben zu uns kommen, aber ohne Bleiberecht geht das bei uns nicht. Wir stellen fest, dass viele Kommunen einfach nicht mehr wissen, wo sie die Menschen unterbringen sollen. Und wir müssen zusehen, dass die Aufnahmebereitschaft bei den Bürgerinnen und Bürgern wieder auf ein Niveau kommt, das wir brauchen, um bei der Integration erfolgreich sein zu können.

Wenn man das alles ruhig und differenziert diskutiert, ist das für mich in Ordnung. Aber wenn nur noch Schlagwörter gesetzt werden, wenn über einen Kamm geschoren wird, wenn es populistisch wird, dann finde ich das höchst problematisch.
Das ist es auch. Wir müssen bei allen notwendigen Diskussionen immer im Hinterkopf haben, dass es um Menschen geht. Um Schicksale.

Was ich meine, ist beispielsweise so ein Satz: „Wir müssen endlich im großen Stil abschieben.“ Das sagt Olaf Scholz auf einem Spiegel-Titel …
So einen Satz werden Sie von mir nirgends lesen. Denn wir werden das Thema der Migration ja nicht über Abschiebungen lösen. Wir müssen mehr von denjenigen, die zu uns kommen, auch tatsächlich wieder zurückschicken, um bei der Integration erfolgreich bleiben zu können. Aber das ist ein schwieriges Thema mit vielen Facetten. Oft haben die Betroffenen keine Pässe, wir wissen also nicht, aus welchem Land sie stammen. Oder die Herkunftsländer weigern sich, die Leute zurückzunehmen. Und dann ist eine Ausweisung schlicht nicht möglich. Das Thema ist nicht einfach und eignet sich darum auch nicht für kurze, plakative Sätze.

Ich hätte mir einen ganz anderen Satz gewünscht: „Wir müssen endlich im großen Stil die Leute an die Hand nehmen, zugewandt sein, sie gut integrieren!“ Wie wäre es mit so einem Spiegel-Titel?
Ich unterstreiche das sofort für alle Menschen, die ein Schutzrecht haben. Und da können wir in der Tat auch noch viel besser werden, wenn ich zum Beispiel an die Integration in den Arbeitsmarkt denke. Da sind wir viel zu dogmatisch. Ich finde nicht, dass alle erst gut unsere Sprache lernen müssen, bevor sie arbeiten können. Ich kann ganz passabel Englisch sprechen, aber das habe ich nicht primär in der Schule gelernt, sondern als ich gezwungen war, Englisch zu sprechen. Für die Integration in unsere Gesellschaft ist es einfach wichtig, dass die Leute früher anfangen zu arbeiten. Und wenn diese Menschen dann für den eigenen Lebensunterhalt sorgen, steigt auch die Akzeptanz bei den anderen. Bei der Integration in den Arbeitsmarkt müssen wir noch eine Schippe drauflegen.

Ich habe für mich übrigens auch eine Schlussfolgerung aus den Demonstrationen. Und zwar, dass es sich vielleicht lohnen könnte, ausnahmsweise mal wieder in der demokratischen Mitte zu fischen. Oder bei den Nichtwähler*innen. Was meinen Sie?
Ich denke, dass die SPD genau das tut.

Na ja, Olaf Scholz habe ich ja eben zitiert. Wobei Sie Recht haben, gegen Friedrich Merz nimmt sich das eher harmlos aus. Der bestätigt gerne mal genau das, was die AfD sagt, und auch der Sound ist oft recht ähnlich. Müssen sich da jetzt nicht alle mal wieder besinnen?
Ich wünsche mir das sehr. Denn es gehört sich einfach nicht, aus Ängsten Kapital zu schlagen. Nicht wenige Menschen haben tatsächlich Angst. Angst, dass wir die Probleme nicht mehr im Griff haben. Diese Angst können wir nur lindern mit guter Politik. Wir sollten die Ängste aber nicht noch verstärken durch populistische Zuspitzungen. Das zahlt am Ende auf das falsche Konto ein.

Interview: Lars Kompa

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Stadtkinder essen: Nazar

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Stadtkinder essen: Nazar


Wir mögen diese Restaurant-Kritiken. Immer, wenn du etwas gut besprochen hast, schleppt meine Frau mich da hin. Aber weißt du was: Ich esse so schrecklich gerne Döner. Vielleicht kannst du da mal was machen!“ Nun, ich bin ja kein Unmensch, weshalb ich mich auf die Suche nach einem wirklich guten türkischen Schnellrestaurant gemacht habe. Genug Auswahl ist durchaus da, zumal in Hannover-Mitte, aber welches ist denn richtig gut? Ich hab da was gefunden!

Am Steintor, auf der Kurt-Schumacher-Straße, da, wo die ehemalige Haltestelle liegt, befindet sich das Nazar.
Unscheinbar schmiegt es sich in die Ladenzeile, aber mit Zwiebeltürmen hat auch niemand gerechnet.
Innen ist es sehr sauber, mit Sitzplätzen auf zwei Etagen. Da wir furchtbar hungrig sind, bestellen wir uns erst einmal Vorspeisen: Vier Zigarren-Börek (5,50€), die mit Schafskäse gefüllt sind, sowie eine traditionelle Lammkopfsuppe (7,00€). Ein kapitaler Fehler! Nicht, dass es nicht geschmeckt hat – dazu gleich – aber: Hätten wir geahnt, was uns beim Hauptgang erwartet, hätten wir uns die Vorspeisen gespart.

Dennoch sind sie sehr lecker: Die Blätterteigröllchen sind saftig und kein bisschen trocken, der Käse innen ist mild und leicht geschmolzen. Die Röllchen kommen mit einer kleinen Portion Cacik, das dankenswerterweise nur wenig nach Knoblauch, dafür aber deutlich nach Gurke und Minze schmeckt.
Die Lammkopfsuppe, bestehend aus Kopffleisch, Tomate, Paprika und reichlich Gewürzen, erinnert an ein mildes, aber würziges Gulasch. Wer die Mund-Hirn-Schranke ausschalten kann, sollte sie auf jeden Fall einmal probieren.
Schon kommt ein Gruß aus der Küche: Ein hausgebackenes Lavash (Fladenbrot), dazu eine kleine Portion gemischter Salat und drei Dips: Etwas mehr Cacik, eine tomatige Würzpaste, die an Pico de Gallo erinnert, sowie ein großartiger Karottendip mit Joghurt, Mayonnaise und Knoblauch. Klingt simpel, ist aber eine Erleuchtung, zumal mit dem Brot. Das Nazar hat nämlich einen eigens hergestellten Ofen, der das Fladenbrot in nur anderthalb Minuten perfekt bäckt. Munter futtern wir weiter, bis das Hauptgericht kommt.

Wir haben uns zum einen für den Dönerteller mit Kalbfleisch (12,00€) entschieden. Mehr als nur randvoll gefüllt ist der Teller: Eine sehr großzügige Portion wirklich gutes Kalbfleisch, das auf magische Weise sowohl knusprig als auch saftig ist, dazu Bulgur mit Tomate, scharfe Saucen, Salate und etwas Schafskäse. Alles schmeckt frisch und würzig – allerspätestens jetzt bereuen wir die Vorspeise: Die Portion ist so gewaltig, dass sie unmöglich aufzuessen ist. Noch deutlicher wird es bei dem anderen Hauptgericht, dem gemischten Grillteller (25,00€). Hierzu öffnet der Chefkoch seinen gläsernen Fleischschrank. Auf einem Brot- und Salatbett (unter anderem der leckere türkische Salat aus rohen Zwiebeln und Petersilie, mit Sumak bestreut) richtet er Lammkoteletts, ein kurzgebratenes Stück aus der Keule, etwas Kalbsdönerfleisch, Köfte, einen Lammhack- und einen Hähnchenbrustspieß an.
Alles ideal gegart, alles unterschiedlich gewürzt und mit tollem Raucharoma. Wir kriegen uns gar nicht wieder ein vor lauter Superlativen und bedauern erneut die doch sehr begrenzte Kapazität unserer Mägen.

Fazit: Natürlich ist das Nazar kein veganer Fresstempel – es gibt allenthalben Fleisch. In der Karte ist jedoch vermerkt, dass die Betreiber ihr Fleisch aus bekannter und nachhaltiger Quelle beziehen. Das glauben wir einfach mal so – die Qualität spricht durchaus dafür.

Restaurant Nazar
Kurt-Schumacher-Straße 33
30159 Hannover

www.nazar-hannover.de


https://www.facebook.com/RestaurantAnatolienHannover


https://www.instagram.com/nazar.restaurant

Montag – Sonntag 11:00-24:00
+49 511 35399880

 

IH

Fotos: Gero Drnek

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