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Zur guten Nacht: Das Kotze-Rama auf den Falklandinseln

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Zur guten Nacht: Das Kotze-Rama auf den Falklandinseln


Es war einmal ein Truthahngeier namens Fred. Er lebte auf den Falklandinseln und das auch recht gerne. Seine Großeltern hatten ihm erzählt, dass einmal eine Frau, die seiner Gattung nicht unähnlich sah, angeblich aber eine englische Lady gewesen sei, einen Krieg um sein Zuhause angezettelt habe, aber das juckte ihn nicht weiter, denn das war lange her. Auch sollte nämliche Lady Miterfinderin des Softeises gewesen sein, das juckte Fred aber genau so wenig, denn er aß lieber Fleisch. Besonders gern Aas, denn wenn er es sich eingestand, war er im Jagen eine ziemliche Niete. Mal eine Maus, ja, das konnte er bewältigen, aber alles, was größer war? Puh, nee. Mit seinen Jagdskills nicht machbar. Da verließ er sich lieber darauf, dass irgend so ein dämlicher Pinguin vor ein Auto watschelte. Das passierte quasi ständig. Und weil er gut riechen konnte, fand Fred die armen Opfer immer als Erstes. Allerdings wurde er stets verfolgt: Eine Gruppe von Rabengeiern hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihm zu folgen. Deren Geruchssinn war weniger gut, aber dafür waren sie fies, richtige Mobster. Und wann immer Fred einen schönen frischen Kadaver fand, konnte er drei bis vier Bissen nehmen, ehe die Gang ihn verjagte. Elende Milchgeldräuber, dachte Fred jedes Mal, wollte aber keinen Stress und gab nach. Ein ums andere Mal überließ er seinen Fund den Rabengeiern und machte sich seufzend auf die Suche nach alternativen Futterquellen. Fred war einfach zu harmoniebedürftig und, wie gesagt, seine Kampfskills waren nicht der Rede wert. Bis zu einem gewissen Mittwoch im Mai. Mit seinem typisch schaukelnden Gang watschelte Fred am Strand entlang. Gerade hatte er sich zwei dicke, nicht mehr ganz frische aber dennoch schmackhafte Möwen schmecken lassen, die an der Küste verendet waren. Satt und vergnügt darüber, dieses Mal nicht von den Mobstern gestört worden zu sein, unternahm er einen Verdauungsspaziergang, als er etwas hörte. Sie kamen. Die Gang. Mann, waren die sauer. „He, Fred, du hast uns unser Frühstück weggefressen!“, riefen sie. „Ist ja gar nicht wahr, ich hab‘s gefunden!“. Aber sie näherten sich ihm bedrohlich, Fred musste ein bisschen an Anthony Burgess‘ „Uhrwerk Orange“ denken (Fred war sehr belesen), nur eben mit schwarz gekleideten Protagonisten. Plötzlich tauchte eine Gruppe Eselpinguine auf und ätzte: „Fred – gefräßig und hässlich! Ha, ha!“ Hässlich! Er! Die hatten wohl noch nie den Präsidenten der USA gesehen! Schon wälzten sich zwei Seelöwen zu ihm herum und dröhnten mit ihren tiefen Stimmen Schmähungen in seine Richtung. Drei hübsche Albatrosdamen kicherten albern über das Schauspiel, während ein Rudel Füchse ihn seltsam knatternd auslachte.

In Freds Kopf legte sich nun ein Schalter um. Es reichte! Der Punkt war erreicht, an dem er all das nicht mehr hinnehmen wollte. Er checkte seine Optionen. Na, allzu viele gab es nicht gerade. Er erinnerte sich, mal eine Novelle von Stephen King gelesen zu haben. Sie hieß „The Body“ und Fred hatte fälschlicherweise angenommen, es gehe um etwas zu essen. In dieser Geschichte gab es aber noch eine Mini-Geschichte, in der ein dicker Junge, der von allen nur „Schmalzarsch Hogan“ genannt wurde, Rache an seinen Peinigern nimmt, indem er sie alle mit Blaubeertörtchen vollkotzt. Mit Törtchen konnte er nicht dienen, wohl aber mit Möwen-Aas. Außerdem hatten ihm seine Eltern immer wieder gesagt, dass es alte Truthahngeier-Sitte sei, in Krisensituationen erst mal schön abzureihern, bzw., zu -geiern, denn wer weniger wiegt, kann schneller flüchten. So erhob sich Fred nun in die Lüfte, würgte und: Flatsch! – kotzte er der Rabengeiergang ordentlich das Gefieder voll. Die quiekten angeekelt und mussten direkt selbst speien. Von dem Geruch wurde den eitlen Albatrosdamen so übel, dass sie hinter vorgehaltenem Flügel in den Sand göbelten. Die Seelöwen sahen das und erbrachen einen Schwall Fischreste über die Eselspinguine, die nun ihrerseits einen Strahl aus Krill und Oktopus in Richtung der Füchse kotzten. Eine unverdaute Tentakel landete direkt über der Schnauze des Rudelführers, woraufhin der ebenfalls brechen musste und der Rest des Rudels kotzte aus Solidarität heraus mit. Fred war begeistert! Es war, wie Stephen King es beschrieben hatte: ein gigantisches Kotze-Rama! Glücklich, wenn auch mit leerem Bauch, flatterte er davon – und hatte fortan seine Ruhe.

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El Kurdis Kolumne im Februar: Memories are made of Nylon

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El Kurdis Kolumne im Februar: Memories are made of Nylon


In der durchaus unterhaltsamen romantischen Komödie „Prime“ aus dem Jahr 2005 – die auf Deutsch den beschrubbten Titel „Couch-Geflüster“ und den noch beschrubbteren Unter-Titel „Die erste therapeutische Liebeskomödie“ trägt – spielt Uma Thurman eine 37-jährige Frau, die eine Affäre mit einem 23-jährigen Mann hat. Als sie sein Alter erfährt, sagt sie: „Oh Mein Gott, du bist ein Kind. Ich hab T-Shirts, die sind älter als du!“

Tatsächlich, mit zunehmendem Alter besitzt man zunehmend alten Kram: Nie abgegebene Schlüssel zu ehemaligen Wohnungen, französische Francs und italienische Lira, kaputte Mehrfachsteckdosen, die man plant, irgendwann zu reparieren, eine Bandmerch-Tasse, die zwar einen Sprung hat, aber bestimmt noch mehrere Jahrzehnte als Zahnbürstenständer taugt. Oder eben alte T-Shirts. In unterschiedlichen Unansehnlichkeitsgraden.

Inzwischen habe ich die T-Shirt-Formulierung in anderen Filmen auch schon in folgenden Variationen gehört: „Ich hab Unterhosen, die sind älter als du“ oder „Ich habe eine Kopfhöreraufbewahrungstasche, die ist älter als du“. Okay, ich gebe zu, letzteren Satz habe ich noch nie gehört. Weder im Film, noch im wahren Leben. Aber ich könnte ihn benutzen – und würde dabei nicht lügen. Ich besitze nämlich wirklich eine Kopfhöreraufbewahrungstasche, die älter ist als manche Menschen, mit denen ich zwar keine Affäre, aber doch anderweitig zu tun habe. Das Täschchen stammt aus dem Jahr 1989. Wenn man genau hinschaut, sieht man darauf eine verblichene Aufschrift: „Telehospital“.

Ich studierte damals in Hildesheim irgendwas mit Kultur und hatte mich selbst wegen schweren Erbrechens ins städtische Klinikum eingeliefert. Die Kotzerei begann ausgerechnet, als ich mit Kollegen auf einer Kleinkunstbühne im ländlichen Raum Menschen unterhielt. Da das unappetitliche Elend auch nach Abbruch der Vorstellung nicht enden wollte, fuhr mich mein alter Freund Matthias Günther in seinem Ford Fiesta halbschnell ins Krankenhaus: Aus fahrzeughygienischen Gründen mussten wir unterwegs mehrmals anhalten. Im Klinikum ließ man mich zunächst in eine Tüte atmen, weil ich wegen der Übelkeit angefangen hatte zu hyperventilieren. Ich wusste bis dahin nicht, dass das zu heftige und hektische Ausatmen von CO₂ zur sogenannten „Pfötchenhaltung“ führt: Die Hände verkrampfen und sehen so entfernt aus wie eine Tier-Pfote. Das In-die-Tüte-Atmen löste den Krampf, man diagnostizierte eine leichte Lebensmittelvergiftung und stoppte den Brechreiz durch die intravenöse Gabe eines Medikamentes. Eigentlich hätte ich spätestens am nächsten Tag nach Hause gehen können. Da es aber noch keine Fallpauschalen gab, musste ich vier weitere Tage sinnlos bzw. zwecks „Beobachtung“ im Bett herumliegen und mich langweilen. Glücklicherweise konnte ich fernsehen. Auf dem am Nachttisch montierten Mini-Bildschirm.

Das ging allerdings nur mit einem speziellen im Krankenhaus-Shop zu erwerbenden „Druckluft-Kopfhörer“. Bis heute ist mir sowas nie wieder untergekommen. Das pneumatische Kuriosum kostete schlappe 15 DM – relativ viel Geld, angesichts der Tatsache, dass man es nur an den TV-Geräten der Klinik benutzen konnte. Sonst nirgends.

Aber immerhin: Das ungefähr DIN-A5-große Aufbewahrungs-Täschchen des Kopfhörers bestand aus gutem, zähen und widerstandsfähigen 20.-Jahrhundert-Nylon, selbst der Reißverschluss war für eine jahrtausendelange Nutzung konzipiert. Die Farbe war von Anfang an so undefinierbar eklig – irgendwo zwischen einem extrem schlappen Seafoam-Green und einem infektiösen Nasennebenhöhlen-Türkis –, dass der spätere zeitbedingte Farbintensitäts-Verlust auch wieder wurscht war.

Irgendwann entsorgte ich den in der normalen Welt völlig nutzlosen Kopfhörer. Das Täschchen behielt ich. Alle paar Jahre wird es von mir im Zweck umgewidmet: Mal dient es mir als Stiftemäppchen, mal trage ich darin Gitarrenkrimskrams zu Auftritten, zurzeit benutze ich es als Mini-Kulturbeutel. Für maximal zwei Auswärts-Übernachtungen. Wahrscheinlich werde ich es dereinst meiner Tochter und diese es ihren Nachkommen vererben. Inklusive Story. So werden sich die El Kurdis – oder wie auch immer die Familie dann heißen wird – noch Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte an meinen magenentleerenden Abend im Kulturgut Heiningen erinnern.

Ebenfalls noch lange Zeit an diesen Abend denken werden die Menschen, die damals in Heiningen in der ersten Reihe saßen. Eigentlich habe ich diese Kolumne nur geschrieben, um ihnen nochmals zu sagen: Es tut mir aufrichtig leid!

Hartmut El Kurdi

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El Kurdis Kolumne im Januar: Ich bin dann mal weg – oder doch nicht?

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El Kurdis Kolumne im Januar: Ich bin dann mal weg – oder doch nicht?


Wenn ich auf das Jahr 2025 zurückblicke, scheint mir alles so gewesen zu sein wie immer. Eben der übliche furchtbare Kram, mit dem wir Erden-Bewohner seit jeher – nicht erst in den letzten Jahren – klarkommen müssen: Kriege, Naturkatastrophen, Krankheiten und krawallige, verbal inkontinente Regierungsoberhäupter.

Dabei wäre 2025 fast etwas Bedeutendes passiert. Aber eben nur fast. Oder vielleicht hat das Ereignis doch stattgefunden? Ganz genau kann man das nicht sagen. Das müssen Sie, liebe Leser*innen, selbst entscheiden.

Der südafrikanische Freizeitprediger Joshua Mhlakela hatte nämlich im Jahr 2018 eine Vision, in der Jesus Christus ihm offenbarte, dass 2025 alle wahren Christen in den Himmel entrückt würden. Und zwar am 23. September. Danach beginne eine siebenjährige Zeit des Chaos, die „große Drangsal“, die schließlich am 15. September 2032 im Jüngsten Gericht, dem Ende der Welt, kulminiere, und dann kehre Jesus zurück, um als König über die Welt zu herrschen.

Diese Ankündigung löste vor allem in den USA große Begeisterung aus. Dazu muss man wissen, dass die Entrückung – auf Englisch: „the rapture“ – zum theologischen Standardrepertoire der fundamentalistischen Christen gehört.

Praktisch muss man sich die Entrückung so vorstellen: Sie sitzen als Atheist, Jude oder Muslim mit einer christlichen Freundin in einem Café, Sie plaudern grade über Fußball, Keuschheit vor der Ehe oder Jens Spahn und plötzlich – puff – ist die Freundin verschwunden! Der Stuhl Ihnen gegenüber ist leer. Weil die Freundin stattdessen nun zur Rechten Gottes sitzt.

In Amerika kursiert seit Jahren das Gerücht, dass Fluggesellschaften, die von gläubigen Christen geführt werden, stets darauf achten, niemals rein christliche Flugteams zusammenzustellen. Jedem gläubigen Piloten werde ein ungläubiger Co-Pilot zur Seite gesetzt – damit Letzterer im Falle der „Entrückung“ des Ersteren das Steuer übernehmen könne und das Flugzeug nicht abstürze. Anscheinend wollen die CEOs auch in der Zeit der großen Drangsal nicht auf Schadensersatz in Millionenhöhe verklagt werden. Obwohl ihnen das im Himmel ja eigentlich egal sein könnte.

Dazu passt, dass eine freikirchlich aufgewachsene Freundin mir erzählte, dass sie sich als Kind mit Hilfe von Büchern theoretisches Wissen übers Autofahren aneignete, um bei einem Familienausflug im Falle des Falles auf den leeren Fahrersitz zu springen und das Auto unfallfrei zum Stehen bringen zu können.

Andere ähnlich sozialisierte Menschen berichteten mir, dass sie früher fest damit rechneten, irgendwann vom Spielen nach Hause zu kommen und eine leere Wohnung vorzufinden. Weil die ganze fromme Familie in ihrer Abwesenheit entrückt wurde. Nur eben sie selbst nicht, weil sie dann doch nicht dolle genug an Gott geglaubt hatten. Was übrigens eine interessante Form von kognitiver Dissonanz bzw. ein nettes Paradoxon ist: Man glaubt, man wird von Gott bestraft, weil man nicht an ihn glaubt!

Aber zurück zum 23. September des vergangenen Jahres. Falls Ihnen an diesem Tag seltsame Dinge passiert sind, falls sich zum Beispiel im Supermarkt die Schlange vor Ihnen in Luft aufgelöst oder Ihre Ärztin sich während des Gesundheits-Check-ups entmaterialisiert hat: Sie hatten keinen psychotischen Schub oder LSD-Flashback. Es war nur die Entrückung. The rapture. Und da Sie selbst ja anscheinend nicht entrückt wurden, kommen Sie mit großer Wahrscheinlichkeit in die Hölle. Also, wenn Sie demnächst sterben, spätesten aber am 15. September 2032.

Falls die Entrückung tatsächlich solchermaßen stattgefunden haben sollte, wäre das für mich durchaus von Vorteil. Auf die eine oder andere Art. Entweder werde ich für diese Kolumne keine bösen Leser-E-Mails von evangelikalen Christen bekommen, weil die alle seit Mitte/Ende September im Himmel sind. Oder ganz anders: Vielleicht wurden am 23.9. auch nicht die Christen, sondern ich wurdeentrückt. Und nun schreiben sich die auf der Erde zurückgebliebenen Frömmler die Finger wund, nachdem sie diesen in ihren Augen blasphemischen Text gelesen haben. Aber mir kann das egal sein. Ich sitze ja im Himmel und muss dort die Beschwerdebriefe nicht lesen. Vielleicht arbeite ich nun seit über drei Monaten zusammen mit Millionen anderen Agnostikern im großen göttlichen Coworking-Space und schreibe entspannt meine Texte, die ich dann in einer Art allmonatlichem Pfingstwunder in Lars Kompas Computer einspeise. Denn womöglich ist Gott ja doch smarter, als seine irdischen Apologeten meinen?! Seine Wege sollen ja unergründlich sein…

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Randgruppenbeleidigung: Fotoaufzwänger

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Randgruppenbeleidigung: Fotoaufzwänger


Man hat nichts Böses getan. Man wollte eigentlich nur auf einen Kaffee vorbeischauen, vielleicht ein bisschen über das Wetter oder die absurden Benzinpreise lästern – harmlos eben. Doch kaum hat man seinen ersten Schluck genommen, wird das Handy gezückt, und man steckt in der Falle des Fotoaufzwängers. Es gibt kein Entkommen. Die Tür ist zu, der Gastgeber hat geschickt den Fluchtweg mit dem eigenen Körper blockiert, und der Kaffee wirkt plötzlich wie ein narkotisierender Fesseltrank.

„Also, das hier ist der Sonnenuntergang am zweiten Abend auf Gran Canaria. Nicht zu verwechseln mit dem vom dritten Abend – da war die Wolkendecke anders.“ Ah. Faszinierend. Das linke Auge beginnt zu zucken, das innere Ich steht in Flammen und schreit: „Wo ist der Bus mit den Leuten drin, die das interessiert?“ Aber das äußere Ich nickt tapfer, sagt Sachen wie „Wow, tolle Farben!“ oder „Das sieht ja aus wie gemalt!“ und wartet verzweifelt auf eine Lücke, in der höflich auf die bereits fortgeschrittene Uhrzeit verwiesen werden kann. Aber es hört nicht auf, oh nein! Fotoaufzwänger scrollen sich durch Foto um Foto. Ein Kaktus. Noch ein Kaktus. Ein Kaktus mit Hut. Ein Kaktus mit Menschengruppe daneben. Sie zeigen und erklären sämtliche 117 Variationen des Frühstücksbuffets, von leicht angetrocknetem Rührei bis zur exotischen Marmelade, die angeblich „nach mehr schmeckt“. Und das Schlimmste: Sie kommentieren jedes einzelne Bild. Mit dramatischen Pausen. Wie ein Regisseur, der sein Opus Magnum vorführt.

„Hier, das war im botanischen Garten von Wanne-Eickel. Die Dahlien! Oh mein Gott, die Dahlien! Schau dir diese Dahlien an!“ Man schaut. Natürlich schaut man. Was bleibt einem denn auch anderes übrig? Es gibt schließlich keine Möglichkeit, diesem auditiv-visuellen Overkill zu entkommen, ohne erhebliche Unhöflichkeit an den Tag zu legen.

Irgendwann scheint der Fotoaufzwänger erschöpft. Und man wagt zu hoffen, dass es nun bald vorbei sein könnte. Man setzt hoffnungsvoll innerlich zum Dankgebet an. Und sagt etwas Nettes. „Wirklich alles sehr schön, ganz beeindruckende Aufnahmen.“ Doch leider, genau das wirkt wie Koks. Der Fotoaufzwänger ist zurück. „Oh! Dann musst du das hier noch sehen. Das glaubst du nicht, wie schön das war!“ Er kennt keine Gnade mehr.

Was bleibt ist Resignation. Gepaart mit der Überlegung, diesen Menschen nachhaltig zu ghosten. In Zukunft einfach so zu tun, als wäre man ausgewandert. Hätte das Land verlassen. Für immer. Vielleicht nach Grönland. Ohne Empfang. Ohne Freunde. Ohne Gefahr.

Dabei meinen Fotoaufzwänger es eigentlich überhaupt nicht böse. Wahrscheinlich wären sie völlig überrascht, fielen aus allen Wolken, würde man sie darüber informieren, dass ihre Urlaubsfotos niemanden interessieren. Noch viel weniger als damals Onkel Georgs Diavortrag mit Bildern von Tante Annelieses 60. Geburtstag. Ja, wirklich, noch weniger!

Fotoaufzwänger glauben wahrhaftig, dass wir ihre Erlebnisse nachempfinden wollen. Dass wir durch ihre Linse plötzlich den Zauber von „Landstraße B241 bei Nieselregen“ entdecken. Dass wir uns an ihrem Abenteuer im gleichen Maß berauschen können (und wollen) wie sie selbst. Was sie nicht verstehen: Urlaubsfotos sind wie Träume. Für den, der sie hat, sind sie faszinierend, bedeutungsvoll, oft sogar magisch. Für alle anderen? Ein bizarrer Bilderstrom, bei dem man höflich nickt, während man innerlich dissoziiert. Darum, liebe Fotoaufzwänger, hört bitte auf, die Welt mit euren 5.000 Bildern zu bombardieren. Nehmt zwei, maximal drei Highlights. Und dann lasst es gut sein. Wer mehr sehen will, wird fragen. Fest versprochen. Und wenn keiner fragt, nehmt es bitte nicht persönlich.


MB

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El Kurdis Kolumne im September: Steppende Radieschen

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El Kurdis Kolumne im September: Steppende Radieschen


Wenn es in populären Filmen oder Serien um Theater geht, wird es meistens komplett albern. Letztlich ist das auch vollkommen okay. Whatever gets you through the night – it’s alright. Und doch überrascht es mich immer wieder.

Theater kommt in amerikanischen Komödien gerne als Schultheater-Aufführung vor. In verschiedenen Varianten. Besteht das dramatische Personal aus Jugendlichen, proben diese in der Regel ein aktuelles Musical. Eingebettet sind diese Proben meist in eine Handlung, die vor allem Liebeskummer, hormonbedingte Zusammenbrüche und einen unbeholfenen Alkohol-Missbrauch thematisiert. Bei Kindern im Grundschulalter sehen wir oft eine Thanksgiving-Show oder ein singendes Gemüse-Ballett. Es gibt allerdings auch Kombinationen von Thanksgiving- und Veggie-Shows: Erst zeigt man eine Szene, in denen die frisch in Amerika angekommenen Pilgerväter auf die „Wampanoag“ treffen, ein an der Ostküste lebendes indigenes Volk; beide Gruppen tauschen dann – historisch nur bedingt korrekt – Geschenke aus, plaudern angenehm und sind anderweitig nett zueinander. Anschließend lässt man, passend zum Erntedankfest-Thema, die Früchte des Bodens sprechen. Beziehungsweise singen und steppen. Eine große Rolle spielen dabei meist auch die Ganzkörper-Gemüse-Kostüme der Kinder, die von deren genervten Müttern in aufwendigen Handarbeits-Sessions hergestellt werden müssen.

Zunehmend äußert sich das Bühnen-Gemüse auch zu gesundheitlichen und nährstoff-assoziierten Themen. Zum ersten Mal nahm ich eine solche pädagogisch-theatrale Nahrungsmittel-Darstellung bewusst in der ALF-Folge „It isn’t easy being green“ wahr, in der Brian, der putzige achtjährige Sohn der Tanners, und sein Klassenkamerad Spencer als singende Spargelspitzen auftreten müssen. Die Schulshow trägt den schönen, wortspieligen Titel: „The Nutrition Follies“. In der deutschen Synchronisation singen Brian und Spencer auf der Bühne Zeilen wie: „Wir Spargel sind so grün und lang und schmecken ja so gut/ Wir machen euch ganz fit und schlank. Ihr wisst wie gut das tut.“ Oder: „Spargel, grüner Spargel, der will euch Gesundheit geben / Spargel, grüner Spargel, der verlängert euer Leben“. Das ist Gemüse-Agit-Pop vom Feinsten! Ballaststoff-Indoktrination deluxe!

Kommen in Filmen allerdings Theateraufführungen für Erwachsene vor, sehen wir selten didaktische Singspiele, sondern mitunter raffinierte, oft aber auch sehr schlichte satirische Zuspitzungen von Bühnenkunst aus der Wichtig-wichtig-popichtich-Abteilung. Meist wird dabei vermittelt: Theater ist wahnsinnig anstrengend, öde und bedient sich völlig veralteter und peinlicher Ästhetiken. Die Aufführungsorte sind vornehmlich kleine Kellerbühnen, von deren 50 Sitzplätzen grade mal sieben mit nahen Verwandten oder engen Freunden der Darsteller*innen besetzt sind. Die Schauspieler*innen treten ständig an die Rampe und deklamieren wahlweise nihilistische oder gesellschaftlich anklagende Sätze. Mit der kompromisslosen Inbrunst von Old-School-Lyriklesungen. Oder mit einer existentialistischen 50er-Jahre-Schwarzer-Rollkragenpulli-Haltung. Passend dazu läuft im Hintergrund auch mal Free-Jazz oder Zwölftonmusik. Diese Art von Klischee-Theater hat zwar nichts mit realem zeitgenössischen Schauspiel zu tun, ist aber trotzdem (oder grade deswegen) manchmal sehr komisch.

Meisterhaft und fast paradigmatisch habe ich das zuletzt in der Mini-Serie „Four Seasons“ gesehen. Eine studentische Tochter verwandelt ihren Schmerz über das Auseinanderbrechen der Ehe ihrer Eltern in ein Theaterstück. Sie beginnt den Abend mit dem vom Bühnenrand aus aggressiv-pathetisch und mit starrem Blick ins Publikum geschleuderten Satz: „Vor einiger Zeit zerstörte mein Vater unsere Familie und fing an, eine dumme Schlampe zu daten!“ Logischerweise sitzen der familienflüchtige Vater und seine neue Freundin – die auf der Bühne durch eine Aufblas-Sexpuppe repräsentiert wird – dabei im Publikum. Die beiden schwanken angesichts des Bühnengeschehens zwischen peinlich berührt sein und Wut und Trauer über die Denunziation. Zwischendurch verteidigt der Bühnen-Vater seinen Auszug aus der ehelichen Wohnung mit einem erbärmlichen traurig-trotzigen: „Der Penis will, was der Penis will.“ Im Finale des Familienelend-Stückes wird die Handlung, das Leben und der ganze Rest in einem chorisch gesprochenen Satz zusammengefasst, der gleichzeitig der wahrste Satz des ganzen Films ist: „Wir werden alleine geboren, wir sterben alleine, und zwischendurch lügen wir uns gegenseitig an!“ Black. Vorhang.

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Zur guten Nacht: Der sizilianische Rosenelf

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Zur guten Nacht: Der sizilianische Rosenelf


Weit weg im Norden Siziliens liegt die Isola delle Femmine, die Fraueninsel. Dort finden sich nicht nur eine reichhaltige Flora, sondern auch eine überreiche Fauna. So sind zum Beispiel gelbgrüne Zornnattern und Ruineneidechsen dort beheimatet. Und, man kann es sich anhand des Namens denken, sehr viele Frauen. Um den Umstand, wie es einst dazu kam, ranken sich Gerüchte. Einige erzählen von einem ehemaligen Frauengefängnis, aber auch von einem Exil für verstoßene türkische Frauen ist die Rede. So oder so, die Männer auf dieser Insel waren in der Unterzahl. Einer von ihnen zog daraus den Schluss, dass er sich in seiner Beziehung keine Mühe mehr geben müsse, seine Frau könne schließlich froh sein, überhaupt ein männliches Exemplar abbekommen zu haben. Seine Freunde ließen sich von dieser Theorie nur allzu leicht überzeugen und so herrschte bald in sämtlichen Betten auf der kleinen Insel Flaute.

Und man kennt ja die Italiener, auch die Sizilianer bilden da keine Ausnahme: Katholisch bis ins Mark. Ständig beten sie zu irgendeinem Sankt Sowienoch und in diesem Fall beteten die Frauen, dass die Leidenschaft in die Herzen und Lenden ihrer Männer zurückkehren möge.

Eines Nachts dann schlich eine kleine Gestalt in einen Garten, brach eine wunderschöne Rose ab und kletterte damit durch ein offenes Fenster, ehe sie wenig später ohne Rose zurückkam und in der Dunkelheit verschwand. Als die Frau des Hauses am Morgen erwachte, glaubte sie, nicht richtig zu sehen: Klemmte doch quer zwischen den Zähnen ihres schlafenden Mannes eine rote Rose! Begeistert ob dieser romantischen Geste warf sie sich nun voller Leidenschaft auf ihren Ehegatten. Jener war kurzfristig perplex, hatte er doch keine Ahnung, wo diese Rose hergekommen war, aber, durch und durch ein Mann, würde er das natürlich niemals zugeben. Die plötzlich wieder entfachte Leidenschaft war zwar schön, der Mann jedoch fragte sich, wo wohl die Rose hergekommen sein mochte. Gab es einen anderen Mann? Er wurde eifersüchtig! Seine Frau, ihm einst gleichgültig geworden, wurde von ihm nun wieder glühend umworben. Zwar gab es ein bisschen Ärger wegen der ganzen Eifersucht, aber umso leidenschaftlichere Versöhnungen. Dies blieb auch den Nachbarn nicht verborgen, denen, aus deren Garten die Rose gestohlen worden war. Beide verdächtigten den jeweils anderen, die schöne Blume gepflückt zu haben und beäugten einander argwöhnisch, während sie des Nachts grün vor Neid auf die stürmischen Nachbarn in ihren Betten lagen. Bis wieder eine kleine Gestalt durchs offene Fenster stieg und eine Rose zurückließ. Bald schon war in sämtlichen Ehebetten auf der Isola delle Femmine der Bär los. Der Rosen-Elf sah seine Arbeit erledigt und setzte seinen Siegeszug woanders fort. Durch jeweils eine einzige wohl platzierte Rose gelang es ihm, in Carini einen ganzen Straßenzug, dann ein komplettes Stadtviertel von Capaci und schließlich halb Palermo in amouröser Hinsicht wiederzubeleben und in einen Rausch der Leidenschaft zu führen.

Selbst heute spricht man noch von den „langen heißen Nächten damals in Palermo“ und senkt mit geröteten Wangen den Kopf. Es gibt keinen Grund, näher auszuführen, was zu jener Zeit dort geschehen ist, das wissen schließlich alle. Auch, wenn einige Romantikverweigerer, solche, die nie den betörenden Duft einer Rose in der Nase hatten, geschweige denn, eine im Mund, behaupten, all das hätte mit der überaus guten Weinernte in diesem Jahr zu tun. Der Wein sei gar billiger als Wasser gewesen, weshalb mehr getrunken wurde und allein das habe Zungen und Hüften gelockert. Rosen-Elf! Pah, Humbug!

Jener Rosen-Elf machte sich nun auf, den Rest der Welt in Liebe wieder zu vereinen, zog erst nach Amsterdam (mit Tulpen klappte das ganze Unterfangen aber nur so halbgut), dann nach Berlin, wo sich seine Spur verlor. Vermutlich macht er seit längerer Zeit Urlaub und sammelt seine Kräfte, denn wie wir alle wissen, gibt es auf dieser Welt gerade sehr viel für ihn zu tun.

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