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Tonträger Oktober 2026

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Tonträger Oktober 2026


Echo & The Bunnymen – „Apples for Isaac“

Zwölf Jahre nach ihrem letzten Studioalbum melden sich Echo & The Bunnymen mit „Apples for Isaac“ zurück. Es ist ein vitales, wenn auch zutiefst melancholisches Spätwerk, das sich hörbar mit dem Älterwerden auseinandersetzt. Ian McCulloughs Stimme trägt immer noch dieses charismatische Flehen, und Will Sergeants Gitarrenarbeit sorgt für gewohnt dichte, neopsychedelische Passagen. Dem packenden, hymnischen Opener stehen im weiteren Verlauf jedoch einige zähe, allzu vorhersehbare Füller gegenüber. Manche Stücke plätschern arg hüftsteif vor sich hin und verlieren sich in der Repetition, ohne den dringlichen Funken früherer Werke zu entfachen. Dennoch bleibt es ein respektables, stellenweise tief berührendes Comeback der Post-Punk-Ikonen. Die Band verwaltet ihr monumentales Erbe mit Würde und lässt die alte, düstere Magie der Achtziger aufleben.

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Giant Rooks – „If Heaven Exists, This Might Be It“

Giant Rooks festigen ihren Status als internationale Indie-Pop-Größe, bewegen sich dabei aber gefährlich nah an der Komfortzone. Heißt: extrem poliertes Sounddesign, treibende Rhythmen und die gewohnt packende, unverkennbare Stimme von Frederik Rabe. Jede Hookline sitzt perfekt und zielt hörbar auf die ganz großen Festivalbühnen ab. Genau hier liegt allerdings der Schwachpunkt: Die Ecken und Kanten, die den früheren Art-Pop der Band ausmachten, wurden zugunsten maximaler Eingängigkeit glattgeschliffen. Viele Songs wirken, als seien sie auf pure Publikumswirkung hin kalkuliert worden, wobei überraschende Wendungen auf der Strecke bleiben. Trotzdem ein handwerklich makelloses, wunderbar tanzbares Werk, das man, wagemutig oder nicht, auch erst mal so abliefern muss; der Blick auf die großen Bühnen ist kein unrealistischer!

Lotte – „Lotte“

Mit ihrem selbstbetitelten Album liefert die Künstlerin ein nahbares Werk ab. Die Produktion ist erwartungsgemäß modern, verliert sich aber ziemlich im Mainstream-Einheitsbrei. Während die ehrliche Texte durchaus berühren, sind die Melodien alle schon mal dagewesen. Ein solides Album, das aber allzu zu oft auf Nummer sicher geht.

Carly Rae Jepsen – „Day and Night“

Ein ambitioniertes Doppelalbum. Während die organische „Day“-Hälfte mit gewagten 70er-Einflüssen glänzt, richtig Spaß macht und echtes Suchtpotenzial entfaltet, verliert sich die elektronische „Night“-Seite leider in etwas zu simpler Club-Meterware. 24 Songs sind am Ende einfach zuuu langatmig.

Muff Potter – „Klepto“

Muff Potters neuntes Werk zeigt die Band lyrisch gewohnt stark am Puls der Zeit. Musikalisch beschreitet die Platte experimentelle Pfade und bricht gängige Songstrukturen auf. Für manche Ohren driftet das allerdings in zu viel verkünstelten Indie-Pop ab – der rohe Punk weicht bisweilen einer dezenten Melancholie. Schön, aber sehr kopfig.

Bloc Party – „Anatomy of a Brief Romance“

Die Songs funktionieren wie ein Tagebuch, das den exakten Verlauf der Liebe abbildet. Es beginnt mit der anfänglichen Euphorie und Verknalltheit (in Tracks wie „Love Bombs“ und „Pigwig“), geht über Vertrauensbrüche („Worst Birthday Ever“) bis hin zur schmutzigen Phase des Social-Media-Stalkings nach dem Aus („Stories“). Intensiv, aber fremdschämig.

Anthrax – „Cursum Perficio“

Latein für „Ich vollende meinen Weg“. Ist hier Nomen Omen? Die Mischung aus 11 Stücken mit knackigen Riffs, 80er-Thrash-Energie und modernen Melodien reißt durchaus mit. Zwar verliert die zweite Hälfte etwas an Puste, doch dank grandioser Soli und Belladonnas starker Stimme bleibt es ein absolut würdiges Album.

Beck – „Ride Lonesome“

Spieluhrmusik, elegante Holzbläser und Chöre, die Brian Wilson sich so auch gedacht hätte. Damit ist „Falling Through My Hands“ ein absolutes Highlight des Albums. Die vertraute Melancholie geht direkt ins Herz. Auf Dauer zieht sich das gemächliche Tempo aber zäh durch die Tracks, wodurch manche Passage fast schon arschlangweilig wirkt und an Tiefe verliert.

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Bandporträt Oktober 2026: Rückendecker

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Bandporträt Oktober 2026: Rückendecker


Zwischen hypnotisch-gedämpften Gitarrensounds, einer weichen und doch klaren Stimme, plastischen Gefühlswelten, echten Texten, losgelöst von jeglicher Struktur und doch frei von Chaos findet sich Rückendecker: ein Duo aus Sänger und Producer Bernhard Radermacher (27) und Autorin Emily Bader (27). Zusammen kreieren sie Songs, die von Dualität geprägt sind. Einfach, erst monoton klingende Melodien vertiefen sich, werden reich mit greifbaren Emotionen gefüllt und transportieren Trost, eine eigensinnige Hoffnung und das Gefühl aufgefangen zu werden. Rückendecker ist für dich da, wenn du es selbst nicht sein kannst. Am 02.10. erscheint ihre dritte Single Pulp Fiction.

Emily ist Journalistin und schreibt beruflich eher sachbetonte Texte. Durch das gemeinsame Projekt Rückendecker hat sich für sie eine Tür in die Kreativwelt geöffnet, die sie schon länger erkunden wollte. Bernhard ist Sänger und Producer und kommt aus einer musikalischen Familie. „Meine drei älteren Geschwister haben alle Musik gemacht und so hat sie mich seit dem ich ein Baby war, schon immer umgeben“, berichtet er. Sein erstes gelerntes Instrument war die Geige. Mit 10 Jahren kam das Schlagzeug hinzu und mit den Jahren noch weitere Instrumente, wie die Gitarre und der Bass. „Als ich schließlich in das Alter kam, in dem man darüber nachdenkt, was nach der Schule sein wird, hat sich bei mir die Idee verfestigt, dass ich den professionellen Weg der Musik gehen möchte.“ Bernhard erzählt, dass er bereits in vielen Projekten und Bands mitwirken konnte, sich lange im Bereich des Jazz bewegt hat und schon immer den Traum von einem deutschsprachigen Pop-Projekt hatte – nur das Texten sei schon immer seine Achillesferse gewesen. An diesem Punkt kam Emily ins Spiel und die „Zusammensetzung von Schreiberin und Musiker“, der erste Schritt in Richtung eines gemeinsamen Projektes begann. „Dadurch, dass wir uns privat schon lange kennen und viel miteinander reden, kannte ich Bernhards Wunsch und gleichzeitig auch sein Dilemma und hatte ihm den Vorschlag gemacht, dass ich ihm einfach mal Texte schreiben könnte“, berichtet Emily. „Anfangs war alles erstmal ganz ergebnisoffen und wir haben privat ein bisschen was ausprobiert und gebastelt. Schnell haben wir gemerkt, dass wir gemeinsam gut funktionieren und dann unser Ziel im Kopf klar formuliert: Musik herausbringen.“

Die erste Single Kennst du das kam im Juli diesen Jahres heraus: Musikalisch ist sie von weichen, ausgewählten Gitarrensounds geprägt, die im Laufe des Songs eindringlicher und bewusster werden. Alle Instrumente werden von Bernhard selbst eingespielt und teils nachträglich bearbeitet. Begleitet von einer melancholischen Atmosphäre transportieren die Lyrics eine leise Hoffnung und dass Gefühl, in grauen Zeiten verstanden zu werden. Dabei lässt Emily bewusst Spielraum und Lücken für individuelle Interpretation. „Wenn wir gemeinsam an einem Song sitzen, produziere ich zuerst die Melodien und wenn der Song in seinem Gesamtkonstrukt fertig ist, gebe ich ihn an Emily“, beantwortet Bernhard die Frage, wie ein kreativer Prozess bei den beiden abläuft. „Vor allem der Rhythmus und die Stimmung geben mir Struktur und ein Gerüst für die Lyrics“, führt Emily fort. Mit ihren Texten möchte die 27-Jährige Bilder und plastische Gefühlswelten erzeugen, die bewusst etwas unkonkret und offen interpretierbar bleiben. „Mich inspiriert beim Schreiben häufig, dass Sprache defizitär ist und jeder Mensch Emotionen anders für sich übersetzt. Wenn ich beispielsweise das Wort Freude im Kopf habe, weiß ich nicht, ob es in dir das gleiche Gefühl auslöst wie in mir. Deshalb möchte ich Bilder mit externen Referenzen schaffen, die diese Gefühle transportieren und als verbindende Elemente ein gegenseitiges Verständnis erzeugen.“

Der Name des Duos leitet sich ganz direkt vom Wort Rückendeckung ab. Bernhard erzählt, dass er häufig das Gefühl verspüre, nicht richtig dazuzugehören oder anders zu sein, als es oftmals verlangt wird. Das Projekt biete dem Künstler ein Zufluchtsort, an dem Angst besänftigt werden könne. „Für andere wollen wir genau diese Rolle von einer Person einnehmen, die metaphorisch im Regen den Regenschirm hält und einem sagt, dass es okay ist, einfach sein eigenes Ding zu machen“, sagt Bernhard. „Wenn dein Spiegelbild dir sagt, dass du nicht okay bis, steht Rückendecker hinter dir“, ergänzt Emily.

Zukünftig planen die beiden ihr Team und ihre Band zu vergrößern, sodass die Möglichkeit besteht, auf Bühnen zu spielen oder umfangreichere Musikvideos zu drehen. Momentan fließt ihre ganze Energie jedoch in die Produktion und Fertigstellung neuer Songs. Am 02.10. erscheint ihre neuste Single Pulp Fiction und am 20.11. folgt die EP Wie Dynamit aber zärtlich. Textlich ließ sich Emily vom gleichnamigen Film inspirieren und spinnt die Geschichte zwischen Vincent Vega und Mia Wallace als eine Liebesgeschichte weiter. „Ich glaube, dass viele Menschen irgendwann in ihrem Leben eine Begegnung haben, die kein Finale bekommt und einfach unaufgelöst endet. Der Film zeigt aber, dass nicht jede menschliche Begegnung ein abschließendes Ende braucht, um etwas Besonderes gewesen zu sein und das ist das, was mich so inspiriert hat.“ Wer nun neugierig geworden ist, kann sich auf ein kraftvolles Zusammenspiel aus sanfter „Monotonie“ und plötzlicher „Explosivität“ freuen. Mit dem Newcomer-Duo aus Hannover kann die Zukunft nur besser werden.

Mehr Infos auf Instagram @rckendcker.

Lilly Struckmeier

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Tonträger Mai 2026

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Tonträger Mai 2026


Bosse – „Stabile Poesie“

Aki Bosse ist genau so nett, wie man immer annimmt. Kein Etikettenschwindel. Gleiches gilt für „Stabile Poesie“, die ist nämlich das Gegenteil der allgegenwärtigen KI-Musik. Gleich der erste Titel, „Liebe hat nicht ewig Zeit“, könnte dem Namen nach auch von Zarah Leander oder Hildegard Knef sein, weshalb es überhaupt nicht verwundert, dass ein Gesangsbeitrag von der letzten großen Diva, Tim Fischer, kommt. In 12 Tracks gibt es maximale Seele, aber auch maximale Haltung: Nicht zuletzt „Lass dich nicht f!cken“, in dem es um Hass und Hetze im Netz geht, legt zärtlich aber bestimmt den Finger in eine Wunder unserer Zeit. „Stabile Poesie“ hat nichts Gekünsteltes, ist echt, ohne allzu pathetisch zu sein und lebt von unmittelbaren Betrachtungen bei gleichzeitigem Verweigern der Hoffnungslosigkeit. Ein Album, das die Welt für kurze Zeit ein bisschen schöner macht.

Marteria – „Zum Glück in die Zukunft III“

Da haben wir gedacht, der dritte Teil der Trilogie müsste doch jetzt ein Knaller werden, Hit an Hit, ein Finale wie ein Feuerwerk. Nun ja. Das Feuerwerk hat eher was von der Silvesternacht um halb vier. Ab und zu ist noch mal was Aufregendes dabei, das Meiste ist aber eher Geballer. Und tatsächlich muss man die leisen Töne auf dem Album ziemlich suchen, bei „Sad Holiday (Schwarzer Sand)“ wird man aber fündig und fühlt sich vielleicht ein bisschen an die lila Wolken von früher erinnert. Auch in Sachen Gesellschaftskritik hält sich Marteria dieses Mal ziemlich zurück, was aber das Middle of the Road-Gefühl, das einen beim Hören befällt, nur unterstreicht. „Mehr davon, nur weniger Reibungsfläche“, mach alle Tracks wie immer, nur glatter. Das ist nicht schlecht oder gar scheußlich, aber leider ausgesprochen vorhersehbar und deshalb relativ schade.

Katja Krasavice – „Bundeskanzlerin“

Die Einen halten sie für eine coole, feministische Geschäftsfrau, die Anderen finden, sie atmet nur unnötig Luft weg (hier: Team 2). Auch ihr aktuelles Album ist wieder vollgepackt mit Plastiksounds, semi-gutem Rap, mehr Koprolalie und Fäkalsprache, als ein normaler Mensch ertragen kann. Wer sich Tiefe wünscht, sollte lieber ne Wendy lesen.

Das Lumpenpack – „Bevor der Mut dich verlässt“

Der Vorteil bei den ehemaligen Poetry-Slammern ist natürlich, dass die Texte gut sind. Das können sie. Und vieles auf der Platte macht auch Spaß, allerdings ist das Feld mittlerweile doch sehr abgegrast. Sehr radiotauglich, sehr glatt geschliffen, sehr poliert und nur sehr selten kommt ein rebellisches „das können wir so nicht lassen“ durch.

Voodoo Jürgens – „Gschnas“

Im Jahr 2026 mit Mundart-Folk noch was zu reißen, ist so einfach nicht. Along comes Voodoo Jürgens und wienert lässig und charmant vor sich hin. Aktuell und doch zeitlos trifft Wolfgang Ambros auf Bob Dylan, man ergeht sich in Betrachtungen zu den schönsten Melodien und am Ende regnet’s für alle Faschingskrapfen. Leiwand!

Long Distance calling – „The Phantom Void“

Düstere, fast retrofuturistische Klangästhetiken werden, Schlagzeug und Drumcomputer tanzen und verzahnen sich miteinander, dazu die Delaygitarren – so kennt man die Musik von Long Distance Calling. Verspielt und ausufernd ineffizient. Aber dieses Mal nicht, statt Klangpanorama klingt es eher etwas nach Gruselfilmsoundtrack. Aber spannend allemal.

Hawel/McPhail – „Sorrow Wonderland“

Was willst du von Indie-Garagenrock erwarten, den zwei nicht mehr junge Männer aus Spaß an der Freude spielen? Am besten nichts. Und dann wird man überrascht: War das Debüt der beiden doch eher schraddelig, reflektiert man hier über Mid-Life-Probleme, Freundschaft und Resilienz und kleidet das in ein Gewand aus erstaunlich viel Kraft, Melodie und Tiefe.

Jessie Ware – „Superbloom“

Mit großer Opulenz orchestrierter Soul-Disco-Funk, den man schon fast riechen kann, so sinnlich ist er. Sexy, sehr saftig und eine knappe Dreiviertelstunde lang geht es auf 13 Stücken in erster Linie um körperliche Freuden, die sich im vorletzten Track in einem epischen Chor-Breakdown entladen. Ein Hörorgasmus wie aus dem Lehrbuch.

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Tonträger April 2024

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Tonträger April 2024


H-Blockx – „Fillin‘_The_Blank“

Wer irgendwann in der 90ern auch nur einen kleinen Zeh in Richtung Crossover gestreckt hat, kam an den H-Blockx nicht vorbei und kann jetzt nicht umhin, eine kleine Reise in die eigene Vergangenheit zu machen. Wem damals „Time to Move“ gefallen hat, der ist vielleicht versucht, der Verheißung zu verfallen, dass „Fillin‘_The_Blank“ an selbiges anknüpfen soll. Und in der Tat, das tut es, auf eine Art. Nach wie vor wissen die Münsteraner um Henning Wehland, wie man dicke Hooks schreibt, „Last Summer“, ganz bestimmt der beste Track des Albums, beweist das. Und ja, es ist toll, seinem eigenen Sound treu zu bleiben. Nur nimmt man die herrliche Unbekümmertheit, mit der vorgetragen wird, einem Twen eher ab als einem Mittfünfziger. Und ob diese Unbekümmertheit für einen selbst noch stimmt und die Platte somit verfängt, muss dann letztlich jeder selbst entscheiden.

The toten Crackhuren im Kofferraum – „Love, Hate & Engelenergie“

Seit fast zwei Jahrzehnten gibt es das Berliner Kollektiv jetzt schon. Und schon immer waren sie bissig, punkig, klug und schwarzhumorig. Vom ersten Attribut mal abgesehen, unterscheidet sie das von vielen feministischen Musiker*innen, die meinen, es reicht, lediglich mit platten und misandrischen Parolen zu werfen und selbstbestimmt ihre Möpse zu zeigen. Hier ist das ganz anders: Alt-Pop, Indie-Rock, Rap und Schlager stapeln sich auf, überlagern einander, sich im besten Sinne überfrachtend. Auch die Texte handeln nicht ausschließlich vom Kampf gegen das Patriarchat, sondern davon, womit sich Menschen befassen, die nicht permanent in Kampfstellung sind: Datingdynamiken, Freundschaft, Selbstzweifel. Feministisch? Ganz klar. Aber eben auch ein tolles Beispiel dafür, das feministische Musik nicht automatisch ein um-sich-Schlagen bedeutet.

The Fray – „A Light That Waits“

Tauscht man bei einer Band den Sänger, lädt man zum Vergleich ein. Ist so. Wo Isaac Slade also mit soviel Pathos und Substanz litt, dass man selbst beim Zuhören einen Swimmingpool vollheulte, weint Joe King eher subtil auf Zimmerlautstärke. Leider exemplarisch fürs ganze Album, Ausnahme: „My Heart‘s Crowded Room“. Schade.

Harry Styles – „Kiss All The Time. Disco, Occasionally.“

Von einem, der so singen kann, erwartet man gefälligst ein Vocal-Pop-Album. Oder zumindest Hitnummern wie „As it was“ der „Sign of the times“. Nichts dergleichen! Der Vocoder erledigt das Meiste und das Songwriting wurde derart vernachlässigt, dass von einer Nummer abgesehen nichts hängen bleibt. Erträglich die ganze Zeit. Gut manchmal.

The Notwist – „News from Planet Zombie“

Sie haben mittlerweile vielleicht jede Stilart durchgespielt – und das auf hohem Niveau. Es macht enormen Spaß, da zuzuhören. Auch das aktuelle Album, das insbesondere durch ein Cover von Neil Young (!!! „Red Sun“) glänzt, reich und satt instrumentiert ist, bildet da keine Ausnahme. Wie ein Baum, der durch ein verlassenes Auto wächst: Das muss so.

Clueso – „Déja Vu 1 / 2“

Bei Clueso hat die Stanze für glatte Pop-Sänger etwas geklemmt. Aber diese kleinen Grate und Unregelmäßigkeiten, die auch dem seichtesten Song einen kleinen schrägen Twist verleihen, machen das Ganze besonders, auch, wenn es dann im Grunde doch eher Midtempo-Wellness-Pop ist. Für Zwei von Zwei vielleicht ein paar bpm drauf?

Gorillaz – „The Mountain“

„Britpop-Hegemonie am Arsch, ich mach jetzt Weltmusik.“ Und das hat Damon Albarn getan, unter Zurhilfenahme von Bollywoodgrößen, Tony Allen-Samples, Johnny Marr und, man halte sich fest, The Sparks. Dabei ist das alles aber weder Ethnokitsch noch kulturelle Aneignung oder sonst was: Es ist komplett artsy und bekloppt. Es ist grandios!

Unheilig – „Glaube, Liebe, Monster“

Man nehme einen Würfel und beschrifte ihn mit Phrasen wie: Nach den Sternen greifen, Ketten sprengen, jeder Atemzug, (neues) Leben, et cetera und würfele sich einen Popsong – oder 16. Dazu einen getragenen Bass-Bariton und eine Prise Beerdigungsstimmung, zack, fertig ist die neue Unheilig-Platte. Das ist ganz, ganz schlimm.

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Tonträger März 2026

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Tonträger März 2026


Morrissey – „Make-up is a lie“

Wenn man von „Kunst und Künstler voneinander trennen“ spricht, ist meist die Rede von Rammstein oder von Morrissey. Und von Letzterem ist ja nun hinlänglich bekannt, dass in dessen Oberstübchen irgendwas ganz und gar nicht richtig ist. Da soll er doch statt Polemik lieber Musik machen, oder? Naja. Sein am 6. März erscheinendes Album dient leider nicht zur Stützung dieser These. Zu zwei Dritteln ist es nämlich zunächst einmal eines: langweilig. 8 von 12 Songs, bei denen einem die Füße einschlafen, ist wirklich keine gute Bilanz. Zudem klingt es auf störende Art heterogen, unruhig. Und ob man will oder nicht, man fahndet halt doch immer irgendwie, ob in den Texten nicht vielleicht eine Morrissey‘sche Scheußlichkeit steckt. Gute Nachricht: Man muss Künstler und Werk hier nicht trennen, man kann getrost beides scheiße finden.

Robbie Williams – „Britpop“

Ein kleiner Witz meinerseits, die Alben dieser beiden Künstler hier neben einander zu präsentieren. Zum einen sehen die sich mittlerweile ziemlich ähnlich, zum anderen hat Williams seinem Idol Morrissey auch einen gleichnamigen Track auf diesem Album gewidmet (Co-Autor war Gary Barlow), der, Trommelwirbel, schlecht ist. Ja, sogar der Schwächste auf dem Album und das will was heißen. Denn was mit „Rocket“ richtig stark und breitbeinig anfängt (mit einem Gitarrensolo von Tony Iommi), zerfasert leider mittendrin. Denn da macht Robbie komprimiert alle Fehler, die er zuvor auf mehrere Platten verteilt hatte: Pseudolustige Anekdoten aus seiner Drogenzeit, überkitschte Balladen, affenscheußlicher Sprechgesang und schlecht geklaute Kinks-Rhythmik. Alles weder wirklich Britpop (bis auf das Oasis-Soundalike) noch wirklich schön.

Mika – „Hyperlove“

Nach seinem 2007er Debüt „Life In Cartoon Motion“ verschluckte ihn die Erde und spuckte ihn nun als blinke-buntes Partyeinhorn wieder aus. Dabei ist aber das zauberhaft Exaltierte ziemlich verloren gegangen. Alles klingt sehr glatt, sehr clean, sehr gezähmt – eher wie ein Tanzlehrer für die Disco-Fox-Klasse auf MDMA. Aber schön bunt.

Lina – „Melodrama“

Ein Melodrama findet man auf dieser Platte nicht. Ein Drama aber schon: Da hat die Frau so eine spannende Stimme und macht so wenig damit. Ausgesprochen schade, denn das hätte den doch recht generischen und gleich klingenden Deutschpopsongs ein bisschen Tiefe verliehen – die findet man nämlich nur im Rausschmeißer „Morgen ist auch noch ein Tag“.

Moby – „Future Quiet“

Das Tolle an Moby ist, dass er keine Angst vor Einfachheit hat. Gott, wie sympathisch und ein schöner Gegenentwurf zu den Nils Frahms unserer Zeit. Diese Einfachheit nun auf anderthalb Stunden Spieldauer auszudehnen, ist fast schon frech. Aber darüber tröstet einen das wunderschöne „When it‘s cold, I‘d like to die“ locker hinweg.

Mumford & Sons – „Prizefighter“

Nicht einmal ein Jahr liegt „Rushmere“ zurück, da kommt schon das nächste volle Album auf den Markt. Und zwar eins mit 14 Stücken! Mit tollen Melodien, ausgeklügeltem Folk-Handwerk und hymnischen Refrains. Am Tollsten aber sind nach wie vor die kleinen, leisen Momente – wie zum Beispiel das Hozier Feature „Rubber Band Man“.

Rosa Hoelger – „Für immer Gummistiefel“

Da ist schon viel Schönes bei! Ein recht spannendes Debüt, breit angelegte Arrangements und viel Raum für Ausflüge in beispielsweise Bar-Jazz oder Chanson. Tolle Texte auch! Leider werden die von der einen oder anderen unklug/unnötig platzierten Feminismuskeule zu Klump gehauen, aber das ist verzeihlich. Trotz des kruden Titels schön!

Bianca Stücker & Mark Benecke – „Abysmal Affairs“ (EP)

Ja, genau, der Käfermann singt. Es wäre besser, er täte das nicht – und erst recht nicht das ikonische „Henry Lee“ von Nick Cave – aber verbieten kann man‘s ihm wohl kaum. Wer nicht gerade ein Riesenfan von Gothic-Folk oder Finster-Electronica ist, verpasst an dieser Stelle nichts und kann stattdessen lieber „Medical Detectives“ gucken.

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Musikerinnenporträt März 2026: Thelma Malar

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Musikerinnenporträt März 2026: Thelma Malar


Das erste Album entstand in ihrem Kinderzimmer – jetzt steht Thelma Malar auf großen Bühnen, schreibt intensive Songs, hat ihre eigene Marke IT´S FINE ins Leben gerufen und organisiert Festivals und Writing Camps für FLINTA*-Artists.

Thelma Malar ist Künstlerin, Songwriterin und Musikerin. In ihren Songs zeigt sie sich schwach und fragil, aber auch ehrlich und stark. Ihre neusten Singles „5TB Geduld“ und „86 Tasten“ beschreibt sie in drei Worten als „beat-driven, ehrlich und komplex“. Sie findet einen Kontrast zwischen Fragilität und Stärke, der die Seele berührt.

Geboren und aufgewachsen ist die 23-jährige in Berlin. Um sich selbst und ihre Musik neu aufzustellen, ist sie nach Hannover gezogen. Die Musikindustrie in Berlin sei unfassbar intensiv und in Hannover sieht sie für sich mehr Perspektiven. Der Start in einer neuen Stadt hat ihr gut getan, erzählt sie, und es gefällt ihr hier zu leben und Musik zu machen. Dennoch agiert sie weiterhin viel in Berlin für Projekte und Sessions.

Ihre ersten Berührungspunkte mit der Musik machte sie zusammen mit ihrem Opa auf der Orgelbank. Als kleines Mädchen hat sie oft auf Familienfeiern gesungen und in der 7. Klasse dann ihren ersten Song geschrieben, verrät sie. „Es war irgendwie immer klar“, dass sie Sängerin werden wird. Nach dem Abitur hat Thelma zusammen mit ihrem besten Freund begonnen, ein Album zu produzieren. Angefangen habe alles in ihrem alten Kinderzimmer. „Das war der Startschuss“, sagt sie und nach zwei Jahren Arbeit war das Ergebnis Thelmas erstes Album „Second Pillow“.

Lange hat sie Musik auf Englisch geschrieben, doch mit ihren zwei neusten Singles, die 2025 erschienen sind, hat sie einen Neustart gewagt und erstmals Songs auf Deutsch veröffentlicht. „Ich hatte das Gefühl, dass ich schon alles gesagt habe, was ich auf Englisch sagen kann.“ Durch die Sprache sei sie noch stärker mit sich selbst verbunden. Durch den Weg ins Deutsche wünscht sie sich, dass ihre Musik und ihre Persönlichkeit in Zukunft mehr zusammenrücken.

Ihre zweite große Leidenschaft ist die Festivalorganisation. Auf dem von ihr ins Leben gerufene IT´S FINE FESTIVAL verbindet sie aufstrebende Newcomer*innen und schenkt ihnen nicht nur eine Stimme, sondern auch einen Safe Space auf der Bühne. Es ist ein Festival, das für Thelma einen nachhaltigen, feministischen Wert vertritt. In der Musikbranche werden FLINTA*-Artists oft mit Gender-Stereotypen konfrontiert. Beispielsweise werden ihnen ihre Kompetenzen in vielen Bereichen abgesprochen. Sei es das musikalische Talent, die Urheberschaft am eigenen Werk oder das Know-how im Technikbereich. Und das ist nur ein Teil – FLINTA*-Artists müssen sich meist doppelt so hart beweisen wie männliche Artists, um ernst genommen zu werden. Das führt unter anderem dazu, dass FLINTA*-Artists auf Festivals oft unterrepräsentiert sind und geringere Gagen erhalten. Außerdem steigt dadurch der Wettbewerbsdruck unter den FLINTA*-Artists immens. Thelma möchte mit ihren IT´S FINE FESTIVALS gegen diese Gender-Stereotypen und gegen diesen Druck wirken. „Man kann nicht immer tiefer in die Wunde drücken. Irgendwann muss jemand kommen und ein Pflaster drüber kleben“, sagt sie.

In ihren Writing Camps arbeitet sie eng mit Künstler*innen zusammen. Unterstützt vom Meisel Verlag und der GEMA, kuratiert sie, organisiert Workshops und Open Spaces, schafft Raum und bringt FLINTA*-Artists zusammen. Für sie ist es am wichtigsten, dass sich alle dauerhaft wohlfühlen und nicht unter dem permanenten Wettbewerbsdruck stehen, wie es häufig in klassischen Writing-Camps der Fall ist. Dieses Jahr fanden die IT´S FINE SESSIONS im Februar in den Hansa Studios in Berlin statt.

Für das Jahr 2026 ist viel geplant: „Ende des Jahres soll es knallen“, verspricht Thelma. Im November spielt sie zwei große Release-Konzerte in Hannover und Berlin, soviel kann sie schon mal verraten. „Und was dann alles noch kommt, wird sich zeigen“, sagt sie mit einem verheißungsvollen Lächeln. Ihr nächster Auftritt findet am 29. März im Kulturzentrum Faust statt. Thelma ist eine von insgesamt drei FLINTA*-Artists, die an diesem Abend spielen werden.

Lilly Struckmeier

Mehr Infos: www.thelma-malar.de

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