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Tonträger Oktober 2026

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Tonträger Oktober 2026


Echo & The Bunnymen – „Apples for Isaac“

Zwölf Jahre nach ihrem letzten Studioalbum melden sich Echo & The Bunnymen mit „Apples for Isaac“ zurück. Es ist ein vitales, wenn auch zutiefst melancholisches Spätwerk, das sich hörbar mit dem Älterwerden auseinandersetzt. Ian McCulloughs Stimme trägt immer noch dieses charismatische Flehen, und Will Sergeants Gitarrenarbeit sorgt für gewohnt dichte, neopsychedelische Passagen. Dem packenden, hymnischen Opener stehen im weiteren Verlauf jedoch einige zähe, allzu vorhersehbare Füller gegenüber. Manche Stücke plätschern arg hüftsteif vor sich hin und verlieren sich in der Repetition, ohne den dringlichen Funken früherer Werke zu entfachen. Dennoch bleibt es ein respektables, stellenweise tief berührendes Comeback der Post-Punk-Ikonen. Die Band verwaltet ihr monumentales Erbe mit Würde und lässt die alte, düstere Magie der Achtziger aufleben.

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Giant Rooks – „If Heaven Exists, This Might Be It“

Giant Rooks festigen ihren Status als internationale Indie-Pop-Größe, bewegen sich dabei aber gefährlich nah an der Komfortzone. Heißt: extrem poliertes Sounddesign, treibende Rhythmen und die gewohnt packende, unverkennbare Stimme von Frederik Rabe. Jede Hookline sitzt perfekt und zielt hörbar auf die ganz großen Festivalbühnen ab. Genau hier liegt allerdings der Schwachpunkt: Die Ecken und Kanten, die den früheren Art-Pop der Band ausmachten, wurden zugunsten maximaler Eingängigkeit glattgeschliffen. Viele Songs wirken, als seien sie auf pure Publikumswirkung hin kalkuliert worden, wobei überraschende Wendungen auf der Strecke bleiben. Trotzdem ein handwerklich makelloses, wunderbar tanzbares Werk, das man, wagemutig oder nicht, auch erst mal so abliefern muss; der Blick auf die großen Bühnen ist kein unrealistischer!

Lotte – „Lotte“

Mit ihrem selbstbetitelten Album liefert die Künstlerin ein nahbares Werk ab. Die Produktion ist erwartungsgemäß modern, verliert sich aber ziemlich im Mainstream-Einheitsbrei. Während die ehrliche Texte durchaus berühren, sind die Melodien alle schon mal dagewesen. Ein solides Album, das aber allzu zu oft auf Nummer sicher geht.

Carly Rae Jepsen – „Day and Night“

Ein ambitioniertes Doppelalbum. Während die organische „Day“-Hälfte mit gewagten 70er-Einflüssen glänzt, richtig Spaß macht und echtes Suchtpotenzial entfaltet, verliert sich die elektronische „Night“-Seite leider in etwas zu simpler Club-Meterware. 24 Songs sind am Ende einfach zuuu langatmig.

Muff Potter – „Klepto“

Muff Potters neuntes Werk zeigt die Band lyrisch gewohnt stark am Puls der Zeit. Musikalisch beschreitet die Platte experimentelle Pfade und bricht gängige Songstrukturen auf. Für manche Ohren driftet das allerdings in zu viel verkünstelten Indie-Pop ab – der rohe Punk weicht bisweilen einer dezenten Melancholie. Schön, aber sehr kopfig.

Bloc Party – „Anatomy of a Brief Romance“

Die Songs funktionieren wie ein Tagebuch, das den exakten Verlauf der Liebe abbildet. Es beginnt mit der anfänglichen Euphorie und Verknalltheit (in Tracks wie „Love Bombs“ und „Pigwig“), geht über Vertrauensbrüche („Worst Birthday Ever“) bis hin zur schmutzigen Phase des Social-Media-Stalkings nach dem Aus („Stories“). Intensiv, aber fremdschämig.

Anthrax – „Cursum Perficio“

Latein für „Ich vollende meinen Weg“. Ist hier Nomen Omen? Die Mischung aus 11 Stücken mit knackigen Riffs, 80er-Thrash-Energie und modernen Melodien reißt durchaus mit. Zwar verliert die zweite Hälfte etwas an Puste, doch dank grandioser Soli und Belladonnas starker Stimme bleibt es ein absolut würdiges Album.

Beck – „Ride Lonesome“

Spieluhrmusik, elegante Holzbläser und Chöre, die Brian Wilson sich so auch gedacht hätte. Damit ist „Falling Through My Hands“ ein absolutes Highlight des Albums. Die vertraute Melancholie geht direkt ins Herz. Auf Dauer zieht sich das gemächliche Tempo aber zäh durch die Tracks, wodurch manche Passage fast schon arschlangweilig wirkt und an Tiefe verliert.

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Tonträger September 2026

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Tonträger September 2026


Jupiter Jones – „Ich trag den Sarg, du trägst was Buntes“

Wenn da nicht der letzte Song auf der Platte wäre, „Immer noch (auf das Leben)“, wüsste man gar nicht, dass man da gerade eine ehemalige Punkband hört. Das Album hier ist jedenfalls lupenreiner Pop, was natürlich auch okay ist. Nur gefallen dieser schöne, glattgezogene Gesang und die massentauglich gesetzten Chöre eher Tante Mathilda als den die-hard-Fans.

Weezer – „Selftitled (The Gold Album)“

In den letzten Jahrzehnten haben Weezer so viel angestellt, da konnte einfach nicht alles großartig sein. Jedenfalls nicht so großartig wie ihr erstes, blaues Album. Und da sind sie jetzt wieder: Besinnung auf College- und Indierock, back to the roots und jeder-bringt-was-mit-Songwriting. Naheliegend, da das Cover in Gold zu gestalten. Sehr gelungen.

Grandma’s House – „Baby, You’re A Winner“

Zwei gleichgeschlechtliche Ehepaare aus Bristol gründen eine Grungeband, klingt wie der Plot eines Arthouse-Films, ist aber besser. Denn statt sich auf die gängigen 3-Akkord-Phrasen zu beschränken, haben die vier Damen hier detailreich an vielen schönen Tracks gearbeitet und eher einen Screaming-Trees-Grunge als einen Nirvana-Grunge geschaffen.

Electric Cowboy – „Tanzneid“

Worauf man hier neidisch sein soll, ist nicht zu erkennen. Auf das Feature mit Babymetal, die dem Song wenigstens ein bisschen Relevanz verschaffen? Oder das mit The Offspring, das klingt, als würde man zwei Titel zeitgleich abspielen? Sonst sieht es nämlich sehr schütter aus. Können die nicht einfach zurück in die Braunkohlezeche, aus der sie mal gekrochen kamen?

Ariana Grande – „Petal“

Man muss kein Fan sein, um ihre Qualitäten schätzen und sich daran erfreuen zu können. Statt über Exfreunde, Hater und die Garstigkeit des Lebens ganze Songs zu schreiben (looking at you, Taylor Swift), handelt Grande das in Nebensätzen ab und fokussiert sich, auch unter uneitler Zurücknahme ihres Gesangtalents, auf das große Ganze. Schön.

The Strokes – „Reality Awaits“

Immer wieder erstaunlich, wie man mit Dreistigkeit und offensiv zur Schau gestellter Bocklosigkeit so viel Atmosphäre kreieren kann. Es wird wohl dieses Songwriting-Talent sein, das die Strokes einmal mehr den Eindruck vermitteln lässt, nichts könnte ihnen egaler sein, als ob wir das gut finden, was die so machen. Aber das tun wir, ganz entschieden.

Hi!Spencer – „Immernie“

Ein Album als „,Coming of Age‘-Snuff“ zu betiteln, klingt erst einmal nicht wie ein Kompliment. Und doch: Wohl selten hat jemand gleichermaßen wohlklingend wie bildhaft einen wirklich seltsamen Lebensabschnitt beschrieben. Wenn man sich hektisch nach einem Erwachsenen umschaut, der das Problem löst, um dann zu merken: Oh. Das wäre dann wohl ich. „Immernie“ ist reifer als seine Vorgänger, was die schmerzlich genaue Bildsprache, die exakten Beobachtungen verdeutlichen: Der Moment in dem man merkt, wenn das hier vorbei ist, kommt’s nie wieder – in der Sekunde, wo der Sommer zum Herbst wird. Zuhause und die Entfremdung davon, das Begraben alter Ängste, Erich und sein Motel One sowie der sprichwörtliche Elefant im Raum. Das alles zusammengefasst unter einem Cover mit einer zerplatzenden Kaugummiblase. Metaphorisch passend, mitreißend und wie aus dem Tagebuch. Stark!

Brandon Flowers – „Thrasher“

Wieder ein unscharfes Cover, wie schon bei „The Desired Effect“ von 2015. Aber das war’s dann auch schon mit Gemeinsamkeiten. Brandon Flowers hat hier seinen inneren Johnny Cash gechannelt und – stilecht in Nashville – ein Countryalbum gebaut. Und alle, die denken, das ließe nichts Gutes vermuten, liegen damit komplett richtig. Flowers, der keinen Hehl aus seiner Vorliebe für greasi- und cheesiness macht, scheint dem Indiepoprock nun voll und ganz abgeschworen zu haben. Stattdessen macht der 45-Jährige Musik, als wäre er 80. Bereits das Killers-Album „Pressure Machine“ war beseelt von einer unangenehmen Heartlandigkeit, „Thrasher“ setzt noch eins drauf. Religion, Folklore und Kleinstädte, in der alle auf ungute Weise verwandt sind, prägen nun mal weite Teile der Staaten, aber der Rest der Welt hatte nun mal mehr Spaß an „Mr. Brightside“. Schade.

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Tonträger August 2026

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Tonträger August 2026


Finch – „Außenseiter, Spitzenreiter“

Im Grunde wie Jan Böhmermann mit geringerem Wortschatz: Weltmeister im Austeilen und beim leisesten Gegenwind empörtes Mimimi. In der Retrospektive als „geile alte Zeit“-Momente verklärte Dorftristesse, die sich mit Allmachtsphantasien und Selbstbeweihräucherung abwechselt. Zudem recht unrhythmisch für einen Rapper. Unnötig.

Suki Waterhouse – „Loveland“

Will man sich mit ihr identifizieren, geht das nur sehr bedingt. Besonders, wenn Waterhouse in einem ihrer Songs großspurig erklärt, sie könne jeden Mann auf der Welt haben. Doch wirkt die Großspurigkeit einer Frau, die selbst ihre eigene Band ist, drollig sympathisch in all der Heterogenität des mit Supportstars gespickten Albums. Spannend!

Glen Hansard – „Don’t settle (Vol.2 Transmissions west)“

Es ist der zweite Teil einer Werkschau, live aufgenommen im Funkhaus Berlin vor 600 Menschen. Nichts hier wirkt fehl am Platz, von Sekunde zu Sekunde wird immer deutlicher: Hansard ist ein unglaublicher Musiker, die Aufzeichnung von herausragender Klasse. Dass Glen Hansard nicht den Stand bekannterer Musiker innehat, ist eine wahre Schande.

Bring Me The Horizon – „Count Your Blessings (repented)“

Das erste Album einer Band, die seinerzeit auf MySpace durchstartete, klang auch genauso: Dünn, nicht zu Ende gedacht und schlecht gemischt. 20 Jahre später veröffentlicht es die Band erneut, ergänzt um einen einzigen neuen Song, der gekonnt die Brücke vom Früher zum Heute schlägt. Vielleicht der Moment, der langjährige Kritiker endlich überzeugt?

We Are Scientists – „Qualifying Miles“

Genug Meilen haben sie fraglos auf der Uhr, daraus gelernt aber eher nicht. Nichts gegen Anachronismen, sich aber standhaft zu weigern, auch nur im Ansatz mit der Zeit zu gehen und stattdessen weiter hymnischen Stadionrock zu machen, dessen Gitarren einem die Luft aus der Lunge quetscht und nie was Neues anzubieten, ist doch schon eher rückständig.

Disiniblud – „Disiniblud“

Jedes Geräusch auf dem Debütalbum dieser beiden New Yorkerinnen hat man schon einmal irgendwo anders gehört. Dass es trotzdem toll ist, liegt daran, dass dem Duo der Kniff gelingt, Electronica, Folk und Indiepop zu etwas zusammenzuweben, das zeitgleich transzendental, verspielt und doch stellenweise fast apathisch klingt. Im besten Sinne eine Klasse für sich!

Jack White – „Frozen Charlotte“

Als ihm im Flur seines Studios eine Figur zerbrach und er sie mehr schlecht als recht wieder zusammenklebte, dachte sich Jack White: „Gar keine üble Idee!“. Und baute aus den Scherben vorausgegangener Ärgernisse ein musikalisches Werk auf, das so energiegeladen wie zerstörerisch wirkt. Auf Krawall gebürstet, in Angriffshaltung präsentiert sich „Frozen Charlotte“ also maximal aggressiv und bissig. Doch erinnert es auch an die früheren White Stripes-Machwerke, alles ist ein bisschen dreckig, hallt etwas nach, bleibt roh. Einzig Meg Whites kontrollierten Drumstil sucht man hier vergebens. Dafür findet man breitbeinigen, einfachen Rock’n’Roll. Und auch Freestyle-Jazz Momente à la: Wer will noch mal, wer hat noch nicht?, die dem Album zwar Jam-Charakter verleihen, es aber auch zerfasern und der Hitdichte ganz klar abträglich sind. Muss man schon mögen.

Muse – „The Wow!Signal“

In den letzten 20 Jahren haben Muse es auf jede erdenkliche Weise verkackt; jeder Versuch, alle Fans gleichermaßen glücklich zu machen, endete mit faulem Obst und der Erkenntnis, dass es offenbar wieder nicht geklappt hatte. Da darf man sich schon zu Recht fragen, ob es denn dringend ein weiteres Album gebraucht hätte. Hätte es nicht, aber schön, dass es da ist. Schon immer waren die Momente, in denen die Band sich nicht allzu ernst nahm, die besten und davon gibt es hier eine ganze Reihe. Der halbgare Alien-Weltraum-Quatsch, den Matt Bellamy so gerne verwendet, ist in den Lyrics wieder gut vertreten, der bekannte Kitsch zieht sich wie ein roségoldener Schleier über alles. Man darf sich ob der einen oder anderen produzentischen Entscheidung durchaus an den Kopf fassen, nur ist das eben Muse: Schrullig, cheesy, aber auch sehr catchy und in den besten Momenten wieder ein bisschen so progrockig wie früher.

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Tonträger Juli 2026

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Tonträger Juli 2026


Alin Coen – „Du bedeutest mir die Welt“

Der pathetische Albumtitel ist nicht klug gewählt, vermutet ein Unwissender sicherlich eine Schlagerplatte dahinter. Das einzig Schlagrante an diesem Album ist allerdings der Umstand, dass Alin Coen sich jegliche Gesellschaftspolitik verkneift, was auch mal ganz angenehm ist. Insgesamt für ein Hier und Heute aber fast ein bisschen zu glatt und zu leise.

Modest Mouse – „An Eraser And A Maze“

Nach dem enttäuschenden „The Golden Casket“ schien es, als sei die Luft raus. Aber nein! Dieses Album ist ein absolutes Meisterwerk, vielleicht das beste von Modest Mouse jemals. Der Opener „Picking Dragon‘s Pockets“ packt einen mit seiner nur scheinbar naiven Abzählreimstruktur, gräbt sich ins Hirn und bleibt für immer, wie auch der Rest des Albums. Grandios.

Sportfreunde Stiller – „Happy Birthday“

… heißt das Album, welches man sich selbst zum 30. Jubiläum schenkt. Besonders geistreich waren die Texte der Rosenheimer nie und dieser Hinsicht bleibt man sich treu. Dann noch ungroovig-breitbeinige Gitarren und cheesy Synthiesounds dazu. Wie, wenn man jemandem zum Geburtstag wünscht: „Bleib, wie du bist!“ Tröööt.

Fury in the Slaughterhouse – „Changes“

Der dritte Teil der Vincent Sorg-Trilogie ist leider auch der schwächste. Von dem was Fury immer richtig- und ausgemacht hat, ist leider zu wenig auf „Changes“ vertreten und mit dem sehr guten „Sorrowland“, „Fix This Crack“ und dem brettigen „9 Lives“ in Blue Oyster Cult-Manier hat man die besten Tracks schon vorab veröffentlicht.

Paul McCartney – „The Boys Of Dungeon Lane“

Auch die zweite Hälfte der Beatles’schen Rhythmusgruppe hat ein neues Soloalbum draußen und man muss es leider sagen: McCartney hat schon immer die besseren Songs geschrieben. Diese hier sind sanft, ohne retrospektiv-verklärt zu sein, manche sind energetisch bis ruppig und es gibt sogar ein schunkeliges (und saucooles) Duett mit Ringo.

The Smashing Pumpkins – „Zodeon At Crystal Hall“

Wäre dieses Album ein Mittagsgericht, dann eins aus der Mensa. Da ist viel „der Hunger treibt’s rein“, „die Idee ist erkennbar“ und „Ausführung fragwürdig“. Billy Corgans Gesang ist auch mit voller Konzentration nicht zu verstehen, nicht mal, wenn er sich selbst in den Vordergrund mischt. Produziert hat er nämlich selbst – besser nicht mit Kopfhörern „genießen“.

Die Toten Hosen – „Trink aus! Wir müssen gehen“

Machen wir es kurz: Gefühlsduselei steht Campino nicht, was 4 der 16 Stücke seltsam fremdschämig macht. Zwei Stücke sind großartige Punkrock-Nummern, ein Stück eine Referenz an ihre Musik von früher. Der Rest ist bestenfalls mediokres Songwriting und der Sound ist typisch Vincent Sorg: Klingt alles gut, aber immer gleich, dazu diese ewigen „Oh-oh-oh-oh“-Chöre, die der Produzent wirklich jedem seiner Acts unterjubelt: Zum Davonlaufen. Dafür grandios: Das Bonusalbum mit Wegbegleitern. Hannes Wader, die U.K.Subs, Vicky Leandros, Sven Regener – superlativ durch jedes Genre zeigt Campino, was für ein überraschend guter Sänger er ist, aber auch, wie hosig die Hosen sind. So klingt der Bettina Wegner-Song „Kinder“ sehr nach „Hier kommt Alex“ und „Junkies & Scientologen“ von und mit Thees Uhlmann deutlich nach „Steh auf“. Trotzdem klare Empfehlung (ausschließlich) des Bonusalbums.

Death Cab For Cutie – „I built You A Tower“

Hier schneidet doch irgendjemand Zwiebeln! Während der weder optisch noch akustisch zu altern scheinende Ben Gibbard das Album mit dem großartigen „Full Of Stars“ eröffnet, träumt man sich in einen Nachtspaziergang am Fluss, Arm in Arm mit George Peppard, nur um bei „Punching The Flowers“ hart nach 2003 zurückkatapultiert zu werden: Deutliche „Transatlanticism“-Vibes. Genial! Das titelgebende Stück ist gleich in zwei Varianten vertreten, a und b, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während a sich auch auf „Sgt. Pepper“ von den Beatles gut gemacht hätte, klingt b, als hätten Placebo sich mit Queens „Innuendo“ befasst, jedoch sind beide Stücke null referenziell, sondern ganz eindeutig DCFC. Einzig „Stone Over Water“ ist etwas zu seifig-folkig geraten, insgesamt aber zu vernachlässigen. Ganz große Klasse!

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Tonträger Juni 2026

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Tonträger Juni 2026


Maite Kelly – „24/7“

Im Schlager ist die Welt noch in Ordnung. Liebe, Freundschaft, girls support girls, Durchhalteparolen und Sex. Allein in den ersten drei Songs hat Maite Kelly erstaunlich viel Sex, was bestimmt auch gut geht bei immer gleichem Beat und stoisch pumpender Bassdrum. Tja. Man muss diese Art von Musik schon aktiv gut finden wollen.

Melanie C – „Sweat“

Man stelle sich ein Jane Fonda-Aerobic-Video vor, textlich kommentiert von DJ Bobo, dann hat man’s ungefähr. Sackdoof stampfende Beats und dümmliche Motivationssprüche à la „take your chance, it’s time to dance“ oder solcher Quatsch. Einzig „One Track Mind“ hat Potenzial. Ein verdammt guter Song, der aber in Summe nichts reißt.

Foo Fighters – „Your Favorite Toy“

Deutlich angriffslustiger als sein Vorgänger „But here we are“ präsentiert sich das neue Werk mit neuem Drummer Ilan Rubin. Dabei wünschte man sich, vielleicht nicht ganz so oft angeschrien zu werden, irgendwann ist ja auch mal gut mit ostentativer Katharsis. Abgesehen vom bereits bekannten „Asking for a friend“ und dem sensationellen „Child Actor“ nur mittel.

Ringo Starr – „Long Long Road“

Der Mann ist sehr alt und er darf machen, wonach auch immer ihm der Sinn steht. Seit einiger Zeit ist das anscheinend Country. Auch wenn er mit der einen oder anderen Fab-Four-Referenz zurückblickt, klingt es, als fände Ringo sein Leben, so wie es jetzt ist, absolut spitze und es macht große Freude, ihm dabei zuzuhören.

Social Distortion – „Born to kill“

Endlich! 15 Jahre nach ihrem letzten Album schmeißen Mike Ness und seine Jungs was Neues auf den Markt. Oldschool-Attitüde trifft auf Eleganz und Hook trifft Hook trifft Hook. Ein besonderes Highlight dürfte der Honky-Tonk „Crazy Dreamer“ mit Lucinda Williams sein, während das Chris Isaak-Cover „Wicked Games“ wirklich nicht sein musste.

Thomas D – „Neocortex“

Es gibt wenig Schlimmeres, als wenn einem jemand auf spirituelle Art und Weise die Welt erklärt. Thomas D rappt hier ein ganzes Selbsthilfebuch, zwar mit Flow und bekannter musikalischer Qualität, aber doch lästig, während die wirklich schönen Storytelling-Momente wie in „Kurz zu mir“, „Auf Wiedersehen“ oder „Mein Nachbar“ leider zu kurz kommen.

V.A. – „We love Udo“ Das Udo Lindenberg Tribute-Album

Noch ein Album von der Sorte, na, darauf hat die Welt gewartet. Alles, was in der deutschen Musikszene Rang und Namen hat und ganz sicher ohne Udo völlig andere Wege eingeschlagen hätte, versammelt sich hier zur kollektiven Denkmalpflege. Während manche erwartungsgemäß farblos bleiben (Max Giesinger, Johannes Oerding, Michael Schulte oder Ina Müller), überbieten sich andere an Scheußlichkeiten. The Boss Hoss schunkeln sich unangenehm durch „Reeperbahn“ (nicht das „Penny Lane“-Cover, das andere), bei Thomas D. hofft man, der Sonderzug nach Pankow fährt durch bis Australien und Samy Amara und Deine Cousine – was hätte schön sein können – arbeiten sich bei „Horizont“ nervig aneinander ab. Positive Ausreißer sind Gentlemans Reggae-Version von „Eldorado“ und, man staune, „Na und?“ in der Interpretation von Tokio Hotel.

Madsen – „Smile“

Vielleicht ist das der Sound, den wir jetzt gerade brauchen. Wie immer treffen Madsen den kleinen, sensiblen Punkt zwischen Umarmung, Bestärkung und Eskapismus. Der letzte Longplayer „Hollywood“ schoss just an dem Tag auf Platz 1 der Albumcharts, da die Wendländer bei „Jamel rockt den Förster“ gegen Rechts auftraten. Das gibt einem ein bisschen Hoffnung. Ebenso wie die Tatsache, dass Madsen sich von dem gegen sie und den mitwirkenden Scheeßeler Kinderchor gerichteten Netz-Hass nach VÖ der Single „Auf die Barrikaden“ nicht einschüchtern ließen. Das ist exemplarisch für „Smile“. Du darfst durchhängen, du darfst auch straucheln, aber aufgeben darfst du nicht. Für alle, die lächeln, auch wenn ihnen gerade nicht danach ist: Madsens mittlerweile zehntes Album ist der Soundtrack zum Durchhalten.

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Tonträger Mai 2026

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Tonträger Mai 2026


Bosse – „Stabile Poesie“

Aki Bosse ist genau so nett, wie man immer annimmt. Kein Etikettenschwindel. Gleiches gilt für „Stabile Poesie“, die ist nämlich das Gegenteil der allgegenwärtigen KI-Musik. Gleich der erste Titel, „Liebe hat nicht ewig Zeit“, könnte dem Namen nach auch von Zarah Leander oder Hildegard Knef sein, weshalb es überhaupt nicht verwundert, dass ein Gesangsbeitrag von der letzten großen Diva, Tim Fischer, kommt. In 12 Tracks gibt es maximale Seele, aber auch maximale Haltung: Nicht zuletzt „Lass dich nicht f!cken“, in dem es um Hass und Hetze im Netz geht, legt zärtlich aber bestimmt den Finger in eine Wunder unserer Zeit. „Stabile Poesie“ hat nichts Gekünsteltes, ist echt, ohne allzu pathetisch zu sein und lebt von unmittelbaren Betrachtungen bei gleichzeitigem Verweigern der Hoffnungslosigkeit. Ein Album, das die Welt für kurze Zeit ein bisschen schöner macht.

Marteria – „Zum Glück in die Zukunft III“

Da haben wir gedacht, der dritte Teil der Trilogie müsste doch jetzt ein Knaller werden, Hit an Hit, ein Finale wie ein Feuerwerk. Nun ja. Das Feuerwerk hat eher was von der Silvesternacht um halb vier. Ab und zu ist noch mal was Aufregendes dabei, das Meiste ist aber eher Geballer. Und tatsächlich muss man die leisen Töne auf dem Album ziemlich suchen, bei „Sad Holiday (Schwarzer Sand)“ wird man aber fündig und fühlt sich vielleicht ein bisschen an die lila Wolken von früher erinnert. Auch in Sachen Gesellschaftskritik hält sich Marteria dieses Mal ziemlich zurück, was aber das Middle of the Road-Gefühl, das einen beim Hören befällt, nur unterstreicht. „Mehr davon, nur weniger Reibungsfläche“, mach alle Tracks wie immer, nur glatter. Das ist nicht schlecht oder gar scheußlich, aber leider ausgesprochen vorhersehbar und deshalb relativ schade.

Katja Krasavice – „Bundeskanzlerin“

Die Einen halten sie für eine coole, feministische Geschäftsfrau, die Anderen finden, sie atmet nur unnötig Luft weg (hier: Team 2). Auch ihr aktuelles Album ist wieder vollgepackt mit Plastiksounds, semi-gutem Rap, mehr Koprolalie und Fäkalsprache, als ein normaler Mensch ertragen kann. Wer sich Tiefe wünscht, sollte lieber ne Wendy lesen.

Das Lumpenpack – „Bevor der Mut dich verlässt“

Der Vorteil bei den ehemaligen Poetry-Slammern ist natürlich, dass die Texte gut sind. Das können sie. Und vieles auf der Platte macht auch Spaß, allerdings ist das Feld mittlerweile doch sehr abgegrast. Sehr radiotauglich, sehr glatt geschliffen, sehr poliert und nur sehr selten kommt ein rebellisches „das können wir so nicht lassen“ durch.

Voodoo Jürgens – „Gschnas“

Im Jahr 2026 mit Mundart-Folk noch was zu reißen, ist so einfach nicht. Along comes Voodoo Jürgens und wienert lässig und charmant vor sich hin. Aktuell und doch zeitlos trifft Wolfgang Ambros auf Bob Dylan, man ergeht sich in Betrachtungen zu den schönsten Melodien und am Ende regnet’s für alle Faschingskrapfen. Leiwand!

Long Distance calling – „The Phantom Void“

Düstere, fast retrofuturistische Klangästhetiken werden, Schlagzeug und Drumcomputer tanzen und verzahnen sich miteinander, dazu die Delaygitarren – so kennt man die Musik von Long Distance Calling. Verspielt und ausufernd ineffizient. Aber dieses Mal nicht, statt Klangpanorama klingt es eher etwas nach Gruselfilmsoundtrack. Aber spannend allemal.

Hawel/McPhail – „Sorrow Wonderland“

Was willst du von Indie-Garagenrock erwarten, den zwei nicht mehr junge Männer aus Spaß an der Freude spielen? Am besten nichts. Und dann wird man überrascht: War das Debüt der beiden doch eher schraddelig, reflektiert man hier über Mid-Life-Probleme, Freundschaft und Resilienz und kleidet das in ein Gewand aus erstaunlich viel Kraft, Melodie und Tiefe.

Jessie Ware – „Superbloom“

Mit großer Opulenz orchestrierter Soul-Disco-Funk, den man schon fast riechen kann, so sinnlich ist er. Sexy, sehr saftig und eine knappe Dreiviertelstunde lang geht es auf 13 Stücken in erster Linie um körperliche Freuden, die sich im vorletzten Track in einem epischen Chor-Breakdown entladen. Ein Hörorgasmus wie aus dem Lehrbuch.

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