Rahling von Christine Kappe

Krimi oder nicht Krimi – das ist hier die Frage

Was mit einem Rechtschreibfehler begann, ent­wickelte sich zu einem 200-seitigen Kriminalroman mit Tiefgang. Ein Freund hatte in einer E-Mail statt „CD-Rohling“ versehentlich das Wort „Rahling“ geschrieben – ein kleiner Patzer, der die hannoversche Autorin Christine Kappe dazu veranlasste, gleich ein ganzes Buch zu schreiben und dabei den Begriff „Rahling“ zum unlösbaren Mysterium eines Verbrechens zu machen.

Ein kalter Frühlingsmorgen in Hannover. Die 23-jährige Antonia fährt mit ihrem Auto in voller Fahrt gegen eine Wand. Sie stirbt, jedoch nicht aufgrund des Unfalls, sondern weil sie kurz vor dem Aufprall durch einen Schlag auf den Kopf verletzt wurde. „Rahling“ ist das letzte Wort, das ihr über die Lippen kommt und über dessen Bedeutung sich der zuständige Kommissar Peer Athlon den Kopf zerbricht. Peer wirkt ziemlich unmotiviert, was nicht nur seinem ihm eigenen Phlegma zuzuschreiben ist, sondern vor allem der lebensbedrohlichen Krankheit, die auf seinen Schultern lastet. Die Medikamente, die er schluckt, führen zur chronischen Müdigkeit, die lediglich in Anwesenheit seiner neuen Liebe Nilka von ihm abfällt. Doch auch dieses Glück scheint komplizierter zu sein, als Peer dachte. Es entspinnt sich eine Geschichte, die so einige Tragödien zu bieten hat, von vermasselten Beziehungen und Eifersucht über Familiendramen bis hin zu Alkoholismus, seelischen Abhängigkeiten und Depressionen. Dennoch wirkt Kappes Roman nicht schwer und deprimierend. Ganz im Gegenteil. Der leicht ironische Schreibstil und witzige Dialoge sorgen für die notwendige Leichtigkeit, häufige Szenenwechsel führen gekonnt durch den Plot. Dass die Geschichte in Hannover spielt, macht diesen Roman für alle Einheimischen natürlich besonders interessant. Die Autorin kennt ihre Stadt und weiß sie in Szene zu setzen. Somit ist ihr nicht nur ein gut lesbarer Kriminalroman mit Tiefgang, sondern gleichzeitig eine Hommage an Hannover gelungen.

Es ist Christine Kappes Romandebüt, das die 1970 geborene Schriftstellerin und Grafikerin im Dezember letzten Jahres im Pop Verlag herausgebrachte. Dass die bereits mehrfach ausgezeichnete Autorin auch in der Lyrik zu Hause ist – 2013 erschien ihr Lyrikband „Wie kann das sein“, ist deutlich an ihrer poetischen Sprache zu erkennen. Passagen wie: „Und als er jetzt wieder draußen, in dieser sterilen Neubausiedlung, stand, in der die Reste des Winters noch spiegelnd umherlagen, dachte er: Wie dumm, jemanden umzubringen. Der Tod kommt von allein. Und mit was für einer Sicherheit. Nur Ungeduldige müssen morden.“ beinhalten nicht nur beeindruckende sprachliche Bilder, sondern führen außerdem zu gewissen philosophischen Aha-Effekten, die die Welt des Verbrechens an sich in Frage stellen. Natürlich! Was soll der ganze Mord und Totschlag, wenn man einfach auf das Ableben des verhassten Gegners warten könnte? Es sind diese kleinen, versteckten Details, die Kappes Roman so besonders machen. Einen gewöhnlichen Krimi wollte die Autorin, die auch schon im Theaterbereich als Dramaturgin und Regieassistentin tätig war, ohnehin nicht schreiben. Der Ermittler sollte kein typischer Kommissar sein, es sollte um die Tiefen im Leben, ein unlösbares Rätsel, die Liebe und den Tod gehen. Ein Krimi ist es schließlich doch geworden, allerdings einer, der sich viel Zeit für das Gefühlsleben und die komplizierten Geschichten seiner Protagonisten nimmt.

Wer Christine Kappe einmal live erleben möchte, hat noch in diesem Monat die Gelegenheit dazu. Am 21. Oktober liest die Autorin in der Faust-Warenannahme aus ihrem Buch. Unterstützt wird sie dabei von Dirk Baumeister, der neben seiner Rolle als Sprecher auch eigene lyrische Texte zum Besten gibt. Corinna Eikmeier, Improvisationskünstlerin, Ensemblemitglied bei „Cello en Vogue“ und „E.I.S. – Erstes Improvisierendes Streichorchester“ sowie Dozentin an der Hochschule für Musik und Theater Hannover, begleitet die Lesung auf dem Cello. Der Fotograf und Videokünstler Richard Götting ist für den visuellen Part des Abends zuständig.

Katja Merx

Fragen an Rahling?
Eine musikalisch-szenisch-filmische Annäherung an einen unlösbaren Fall
21. Oktober, Einlass: 19 Uhr, Beginn: 20 Uhr
Eintritt: VVK: 6 Euro, AK: 8 Euro, ermäßigt: 6 Euro
Faust, Warenannahme

Rahling
Christine Kappe
200 Seiten,
Pop Verlag,
15,50 Euro

Weitere Infos zu Christine Kappe unter: www.christine-k.de


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