Editorial 04-2026

Lieber Leser*innen,

es gibt Menschen, die brennen einfach lichterloh für das, was sie tun. Sie können gar nicht anders, sie müssen, egal wie schwer es ist oder wie schwer es ihnen gemacht wird. Detlef Simon, den die meisten als DESiMO kennen, ist so jemand. Zauberer, Moderator, Kabarettist, Veranstalter, und seit November auch künstlerischer Leiter des Kleinen Fests im Großen Garten. Er sorgt seit Jahrzehnten mit vielen anderen für dieses gewisse kulturelle Grundrauschen in Hannover, das ziemlich einmalig ist – ein Pfund, mit dem wir ruhig noch ein bisschen selbstbewusster wuchern sollten.

Im Interview ab Seite 56 hat mir Detlef Simon erzählt, wie das alles mal angefangen hat. Als Zauberer, als Entertainer. Fast wäre es Journalismus geworden. Aber die Bühne war immer sein Refugium und sie ist es noch. Nach Corona hat er eine Weile gebraucht, um das Feuer wiederzufinden – seine Regisseurin hat ihn damals gefragt, wo er eigentlich geblieben sei. Wo die Flamme sei. Er hat sie wiedergefunden. Besonders wichtig ist ihm Gemeinsamkeit. So ein Club wie im Apollo, jede einzelne Show funktioniert nur, wenn alle miteinander am Gelingen arbeiten und sich bei dieser Arbeit wohlfühlen. Das klingt simpel. Ist es aber nicht. Und schon gar nicht ist es eine Selbstverständlichkeit. Es ist eine bewusste Entscheidung. Darum darf im Apollo zum Beispiel die Käsestulle für die Künstler*innen niemals fehlen.

Menschen wie DESiMO sind das Rückgrat unserer lebendigen Kulturszene, sein Club im Apollo ist heute eine Institution in Hannover. Solche Menschen mit echter Leidenschaft und Haltung sorgen dafür, dass Kultur atmet. Sie scheuen nicht das Risiko, sondern setzen für Kunst und Kultur gerne alles auf eine Karte. Haltung ist hier ein schönes Stichwort. Auf der Homepage des Spezial Clubs steht ein klares und mutiges Statement: „Wer mit der AfD sympathisiert, ist herzlich eingeladen, wegzubleiben und mal nachzudenken.“ Das gefällt nicht jedem. Mir gefällt das. Kultur ist kein ideologiefreier Raum. Sie war es nie und wird es nie sein. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Kunst, die Haltung zeigt, und Politik, die Kunst als Werkzeug benutzen will. Dieser Unterschied scheint mir momentan sehr wichtig. Wir erleben ja gerade mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, was passiert, wenn jemand diesen Unterschied nicht versteht oder – schlimmer – bewusst verwischt. Drei linke Buchhandlungen hat er vom Deutschen Buchhandlungspreis ausgeschlossen und das mit angeblichen „verfassungsschutzrelevanten Erkenntnissen“ begründet, die er bis heute nicht offenlegen will. Die Preisverleihung wurde dann kurzerhand abgesagt. Er lässt gerade die Mitglieder sämtlicher Kulturjurys systematisch erfassen. Man kann das kleingeistig nennen. Man kann es auch beängstigend nennen. Es ist beides. Und es ist kein Ausrutscher. Es ist Methode.

Kultur braucht keine Gönner, die gnädig entscheiden, welche Haltung förderungswürdig ist. Sie braucht Menschen, die ihr den Raum lassen, unbequem zu sein. Zu provozieren. Zu widersprechen. Das ist keine linke oder rechte Forderung, das ist eine zivilisatorische Grundvoraussetzung. Ein Kulturstaatsminister, der Verfassungsschutzdaten als Zensurwerkzeug einsetzt und Jurymitglieder in Listen erfassen lässt, hat das offenkundig nicht verstanden. Wolfram Weimer betreibt keine Kulturpolitik, sondern einen staatlich orchestrierten Kulturkampf. Er sollte damit aufhören oder seinen Platz räumen. Was die Kultur momentan überhaupt nicht gebrauchen kann, das ist ein Kulturstaatsminister mit Verfolgungswahn.

Was die Kultur unbedingt weiter braucht, das sind Menschen wie Detlef Simon. Ich drücke ihm für seine Aufgabe als künstlerischer Leiter des Kleinen Fests wirklich alle Daumen. Das Kleine Fest ist vom 2. bis 16. Juli in den Herrenhäuser Gärten – und wenn man Detlef Simons Erzählungen im Interview folgt, darf man sich auf etwas Besonderes freuen. Er hat am Ende unseres Interviews schon eine ganze Menge darüber verraten, was uns erwartet. Seine Entscheidung, in dieses wahrscheinlich sehr kalte Wasser zu springen, war eine Sache von Bauch und Herz. Die beiden haben den Kopf überstimmt. „Ich bin im Tiefsten meines Inneren zu demokratisch“, sagt er dazu im Interview. Was für ein Glück!


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