Liebe Leser*innen,
für diese Ausgabe habe ich Nico Röger getroffen, den geschäftsführenden Gesellschafter von Hannover Concerts. Er ist in einem kleinen Städtchen bei Heidelberg augewachsen. Sein Onkel war Manager von PUR, so gab es schon früh Berührungspunkte zur Konzertbranche. Mit 21 Jahren hat er sich auf den Weg nach Hannover gemacht, um Wolfgang Besemer zu überzeugen, ein Jahrespraktikum bei Hannover Concerts machen zu dürfen. Er durfte. Und ist in Hannover gestartet, ohne hier irgendjemanden zu kennen. Geblieben ist er bis heute und er verantwortet mit seinem Team inzwischen rund 450 Veranstaltungen im Jahr, von der Clubshow mit 200 Leuten bis zum Stadionkonzert mit 45.000 zahlenden Gästen. Das klingt nach Geschäft, nach Organisation, nach Logistik, nach Zahlen und Margen. Und das ist es natürlich auch. Die Branche muss Geld verdienen. Aber wenn man mit Nico Röger spricht, merkt man sehr schnell, dass es ihm noch um ein bisschen mehr geht.
Er erzählt natürlich von Wolfgang Besemer, seinem Mentor. Wolfgang hat Hannover Concerts 1978 zusammen mit Michael Lohmann gegründet und er war zeit seines Lebens eine echte Größe in der Stadt – mit echter Größe. Ich weiß gar nicht, wie oft mir sein Name in den mittlerweile über 20 Stadtkind-Jahren schon begegnet ist. Ich hatte selbst einige Male Gelegenheit, ihn zu treffen. Wolfgang Besemer hat in Hannover unfassbar viel bewegt. Er ist dabei gerne im Hintergrund geblieben, aber sehr viele Kultur-Fäden sind bei ihm zusammengelaufen. Ein beeindruckender Mensch, der auch mal Experimente gewagt hat. Vielleicht war Nico so ein Experiment. Wolfgang Besemer hat ihn von Beginn an in Hosen gesteckt, die eine ganze Nummer zu groß waren. Und er hat ihm etwas mitgegeben, das man nicht studieren kann: den Kompass. Wolfgang war, sagt Nico, Geschäftsmann und Gefühlsmensch in einem. Und das Menschliche war dabei nie Nebensache. Als Wolfgang 2014 viel zu früh gestorben ist, hat Nico von einem Tag auf den anderen übernommen. Und er hat versucht, Hannover Concerts in Wolfgangs Sinne weiterzuführen – bis heute, obwohl Menschlichkeit und Bauchgefühl in dieser Branche immer mehr ins Hintertreffen geraten.
Nico erzählt mir fast beiläufig von einer Präsentation im eigenen Haus, in der ihm Mitarbeitende gesagt haben, dass es auf keinen Fall mehr Entscheidungen nach Bauchgefühl geben dürfe. Und klar, für solche Entscheidungen gibt es diverse datenbasierte Tools. Trotzdem hat Nico festgestellt, dass er weiterhin – auch – auf seinen Bauch hören wird. Und das nicht etwa, weil er sich gegen neue Wege sträubt, sondern weil er weiß, dass es eben manchmal doch diesen speziellen Instinkt braucht, diese besondere Nase für Gelegenheiten. Das kann keine Tabelle ersetzen. In einer Branche, die heute ein knallhartes Geschäft ist, in der die Ticketpreise eskalieren und Algorithmen mitentscheiden, wer auf welcher Bühne steht – in dieser Branche macht genau das vielleicht doch den entscheidenden Unterschied. Das Bauchgefühl, verbunden mit der anderen besonderen Stärke, der Menschlichkeit. Hannover Concerts funktioniert so ein bisschen wie eine Familie. Klar, hin und wieder wird es auch mal laut und knallt, aber es gibt doch diesen besonderen Spirit. Wer mal das Vergnügen hatte, das Büro am Ferdinand-Wilhelm-Fricke-Weg zu besuchen, weiß sofort, was ich meine.
Was Nico momentan umtreibt, das ist vor allem die Frage, wie es mit den kleinen Clubkonzerten weitergehen kann. Für die Nachwuchsförderung sind solche Konzerte essenziell, aber mit den großen Konzerten heute nicht mehr so einfach quer zu subventionieren. Die Kosten sind überall immens gestiegen. Im Zweifel nennt man es eine Investition in den Nachwuchs. Unterm Strich ist es oft erstmal einfach eine rote Zahl. Und trotzdem wird nicht hart nach Zahlen reagiert, sondern mit sehr viel Umsicht und Augenmaß. Es ist klar, dass man sich um dieses Thema kümmern muss. Aber eben auf eine Art und Weise, die harte Schnitte möglichst vermeidet. Genau das macht Hannover Concerts zu einem besonderen Konzertveranstalter. Professionalität trifft Empathie und Bauchgefühl, Geschäft trifft Familie, Zahlen treffen auf Verantwortung für die Mitarbeitenden, aber auch für den eigenen Standort. Man muss sich nicht entscheiden zwischen Zahlen und Haltung, zwischen Effizienz und Wärme. Beides geht. Wolfgang Besemer hat das vorgelebt, Nico geht diesen Weg weiter mit Kopf und ganz viel Herz für die Musik. Wenn jemand demnächst fragt, warum dieser oder jener richtig große Act „ausgerechnet“ in Hannover spielt, dann ist die Antwort ganz einfach. Weil Hannover Concerts für etwas steht in dieser Branche. Mehr im Interview ab Seite 58

