Literarisches: Stefan Heuer

Stefan Heuers neuer Gedichtband „und später die nacht“ mit ihrem aufgerissenen maul, erschienen im März dieses Jahres im Elif Verlag, beeindruckt mit Intensität und Dichte, ohne in Krokodilstränen und Kitsch abzurutschen. Persönlich und poetisch, ohne sich um größtmögliche Zugänglichkeit zu bemühen. Denn Heuer scheut nicht vor dem Unsagbaren zurück, gibt dem Verlust eine Sprache und fängt dadurch die „[sprachlosigkeit der anderen]“ ein. Der Ursprung liegt dabei in einem zufälligen Ereignis, das den in Burgdorf lebenden Autor so ergriff, dass er darüber schreiben musste.

Wobei eine Veröffentlichung im Verlag damals noch gar nicht geplant war. „Du triffst einen alten Schulfreund. Na, wie geht’s? Normalerweise kommt ein ‚ganz okay‘. Doch er sagt: ‚Nicht gut, ich sterbe bald.‘ Wie führt man das Gespräch weiter? Schon das nächste Wort ist das Schwerste“, erzählt Heuer. Aus diesem schweren ersten Wort folgten Gespräche, Notizen, Gedanken, Sätze und schließlich ein Buch. „Einmal im Prozess, stellt sich nicht mehr die Frage, ob man weiterschreibt – man tut es einfach“, sagt Heuer. Auch wenn während des Schreibens – und noch jetzt nach der Veröffentlichung – für ihn oft die Frage aufkam, ob er das überhaupt könne: so persönlich über die Krebserkrankung eines ehemaligen Schulfreunds zu schreiben. „Was fällt mir ein, über das Leben von jemandem zu schreiben? Ich bin ja kein Biograph“, reflektiert er. Trotz der Zweifel ermutigte ihn der Verleger des Elif Verlags, das Thema literarisch weiter zu gestalten. Erfahrung im Schreiben bringt Heuer dabei reichlich mit: Seit 1997 veröffentlichte er regelmäßig Werke der Lyrik, Prosa und experimentellen Kurzdramatik.

Der 80 seitenlange Gedichtband „und später die nacht mit ihrem aufgerissenen maul“ ist letztlich kein Krebstagebuch geworden, sondern „ein poetisches Werk über Freundschaft und Tod“. Er bietet Raum für Rückblicke und Reflexionen und ist das Persönlichste, was Heuer bis jetzt schrieb. Das merkte er, als er öffentlich daraus lesen sollte und es nicht konnte: „Vielleicht kann ich in ein, zwei Jahren locker darauf schauen, aber jetzt ist es noch zu nah.“ Dabei ist ihm die Auseinandersetzung mit Realität und Vergangenheit nicht fremd. Seine bisherigen Werke greifen oft die Wirklichkeit auf. Umso überraschender, dass diesmal das Schreiben ihn näher ans Thema brachte, statt Abstand zu schaffen. „Wenn du monatelang an so einem Buch arbeitest, bist du Tag und Nacht gedanklich darin. Das hat mich ausgelaugt“, meint Heuer. Als Leser*in ist das zum Glück anders: Die Sätze fordern, ohne zu überfordern.

Vielleicht liegt es an Heuers Wortakrobatik, seinen Vergleichen und Metaphern, den Zeitsprüngen, die in die Kindheit und Jugend zurückführen. Der Tod ist unausweichlich, doch Heuer vermeidet große Rührseligkeit. Er fängt dagegen das große Ganze ein: „[das spiel und sein limit]“, die Vergänglichkeit des Seins, das Leben, das man ins Feuer wirft: „[hör doch, wie du knisterst]“. „So zu schreiben, dass es für andere verständlich bleibt, war die größte Herausforderung“, hebt der 1957 geborene Künstler hervor. Heuer nutzt auch andere Ausdrucksformen: Collagen auf Röntgenbildern, Symbole des Kassettenrekorders – „das typische Ding aus meiner Jugendzeit“. Rewind, Play, Stop. „Es drängte mich, alles nicht nur in Worten, sondern auch visuell festzuhalten.“ Diese Elemente geben dem Buch Struktur. Mal spult auch der Text vor, dann wieder zurück. Hält inne, entzieht sich oft chronologischer und szenischer Reihenfolge. Oft der Blick zurück, wenn nach vorn nichts mehr kommt. Im Vordergrund steht dabei die Verdichtung der Realität „[ein letzter bissen licht. dann nacht]“, egal ob als Erinnerung [von den lerchen lernten wir flug und gesang, und mit getreidestoppeln bewaffnet zogen wir in den krieg] oder schonungslose Momentaufnahme im Krankenhaus „[kein duft nach weiter welt, nur frische kotze und urin]“. Trotz anfänglicher thematischer Scheu von Rezensierenden bestätigen ihm vor allem Leser*innen, dass die Veröffentlichung richtig war. Vielleicht, weil sie doch irgendwie Trost spendet, indem sie Krankheit, Abschied und Erinnerung poetisch ausdrückt, wenn eigene Worte fehlen und alle „[gedanken und lichter gedimmt]“ sind. Das Prinzip des Lebenswillens, der Kampf im kranken Menschen. Als Metapher: „[Die Schlange und der Mungo]“. Ein Buch, das sich ehrlich, abstrakt und doch ganz direkt dem Furchtbaren widmet, ohne das Schöne darin zu vergessen. Denn auf die eine oder andere Weise kämpft jede*r irgendwann mit der Schlange.

» AS

und später die nacht mit ihrem aufgerissenen maul
Stefan Heuer
Elif Verlag, 22 Euro


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