Tonträger September 2026

Jupiter Jones – „Ich trag den Sarg, du trägst was Buntes“

Wenn da nicht der letzte Song auf der Platte wäre, „Immer noch (auf das Leben)“, wüsste man gar nicht, dass man da gerade eine ehemalige Punkband hört. Das Album hier ist jedenfalls lupenreiner Pop, was natürlich auch okay ist. Nur gefallen dieser schöne, glattgezogene Gesang und die massentauglich gesetzten Chöre eher Tante Mathilda als den die-hard-Fans.

Weezer – „Selftitled (The Gold Album)“

In den letzten Jahrzehnten haben Weezer so viel angestellt, da konnte einfach nicht alles großartig sein. Jedenfalls nicht so großartig wie ihr erstes, blaues Album. Und da sind sie jetzt wieder: Besinnung auf College- und Indierock, back to the roots und jeder-bringt-was-mit-Songwriting. Naheliegend, da das Cover in Gold zu gestalten. Sehr gelungen.

Grandma’s House – „Baby, You’re A Winner“

Zwei gleichgeschlechtliche Ehepaare aus Bristol gründen eine Grungeband, klingt wie der Plot eines Arthouse-Films, ist aber besser. Denn statt sich auf die gängigen 3-Akkord-Phrasen zu beschränken, haben die vier Damen hier detailreich an vielen schönen Tracks gearbeitet und eher einen Screaming-Trees-Grunge als einen Nirvana-Grunge geschaffen.

Electric Cowboy – „Tanzneid“

Worauf man hier neidisch sein soll, ist nicht zu erkennen. Auf das Feature mit Babymetal, die dem Song wenigstens ein bisschen Relevanz verschaffen? Oder das mit The Offspring, das klingt, als würde man zwei Titel zeitgleich abspielen? Sonst sieht es nämlich sehr schütter aus. Können die nicht einfach zurück in die Braunkohlezeche, aus der sie mal gekrochen kamen?

Ariana Grande – „Petal“

Man muss kein Fan sein, um ihre Qualitäten schätzen und sich daran erfreuen zu können. Statt über Exfreunde, Hater und die Garstigkeit des Lebens ganze Songs zu schreiben (looking at you, Taylor Swift), handelt Grande das in Nebensätzen ab und fokussiert sich, auch unter uneitler Zurücknahme ihres Gesangtalents, auf das große Ganze. Schön.

The Strokes – „Reality Awaits“

Immer wieder erstaunlich, wie man mit Dreistigkeit und offensiv zur Schau gestellter Bocklosigkeit so viel Atmosphäre kreieren kann. Es wird wohl dieses Songwriting-Talent sein, das die Strokes einmal mehr den Eindruck vermitteln lässt, nichts könnte ihnen egaler sein, als ob wir das gut finden, was die so machen. Aber das tun wir, ganz entschieden.

Hi!Spencer – „Immernie“

Ein Album als „,Coming of Age‘-Snuff“ zu betiteln, klingt erst einmal nicht wie ein Kompliment. Und doch: Wohl selten hat jemand gleichermaßen wohlklingend wie bildhaft einen wirklich seltsamen Lebensabschnitt beschrieben. Wenn man sich hektisch nach einem Erwachsenen umschaut, der das Problem löst, um dann zu merken: Oh. Das wäre dann wohl ich. „Immernie“ ist reifer als seine Vorgänger, was die schmerzlich genaue Bildsprache, die exakten Beobachtungen verdeutlichen: Der Moment in dem man merkt, wenn das hier vorbei ist, kommt’s nie wieder – in der Sekunde, wo der Sommer zum Herbst wird. Zuhause und die Entfremdung davon, das Begraben alter Ängste, Erich und sein Motel One sowie der sprichwörtliche Elefant im Raum. Das alles zusammengefasst unter einem Cover mit einer zerplatzenden Kaugummiblase. Metaphorisch passend, mitreißend und wie aus dem Tagebuch. Stark!

Brandon Flowers – „Thrasher“

Wieder ein unscharfes Cover, wie schon bei „The Desired Effect“ von 2015. Aber das war’s dann auch schon mit Gemeinsamkeiten. Brandon Flowers hat hier seinen inneren Johnny Cash gechannelt und – stilecht in Nashville – ein Countryalbum gebaut. Und alle, die denken, das ließe nichts Gutes vermuten, liegen damit komplett richtig. Flowers, der keinen Hehl aus seiner Vorliebe für greasi- und cheesiness macht, scheint dem Indiepoprock nun voll und ganz abgeschworen zu haben. Stattdessen macht der 45-Jährige Musik, als wäre er 80. Bereits das Killers-Album „Pressure Machine“ war beseelt von einer unangenehmen Heartlandigkeit, „Thrasher“ setzt noch eins drauf. Religion, Folklore und Kleinstädte, in der alle auf ungute Weise verwandt sind, prägen nun mal weite Teile der Staaten, aber der Rest der Welt hatte nun mal mehr Spaß an „Mr. Brightside“. Schade.

» IH


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