Bildung, Recht und politische Verantwortung – nicht nur im Freundeskreis engagieren sich Prof. Dr. Matthias Limbach (ML) und Felix Semper (FS) für eine lebendige Stadtgesellschaft. Wir sprechen über Motivation, Bildungsauftrag und die Frage, wie viel Regulierung junge Menschen im digitalen Raum brauchen.
Stellen Sie sich zum Einstieg bitte kurz selbst vor …
FS: Felix Semper, 38 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Geboren wurde ich in Hannover, studiert habe ich in Göttingen. Seit vielen Jahren engagiere ich mich politisch ehrenamtlich – zunächst im Bezirksrat, inzwischen seit 15 Jahren im Rat der Stadt Hannover, davon seit fünf Jahren als Fraktionsvorsitzender der CDU. Beruflich bin ich Rechtsanwalt und Notar sowie Gesellschafter einer mittelständischen Kanzlei.
ML: Ich freue mich, zusammen mit Felix hier das Interview machen zu können. Matthias Limbach, ich bin 50 Jahre alt, in Hannover geboren und bekennender Hannoveraner. Seit 35 Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich in verschiedenen Sportvereinen, in den letzten 14 Jahren beim TSV Havelse, dazu im Freundeskreis und vielen Netzwerken. Ich bin geschäftsführender Gesellschafter der Dr. Buhmann Schule. Als Dozent bin ich dort seit 2005, seit 2007 fest in der Akademieleitung und 2012 wurde ich zum Geschäftsführer. Seit letztem Jahr bin ich zusammen mit der Dirk Rossmann GmbH auch Gesellschafter der Dr. Buhmann Schule.
Warum engagieren Sie sich im Freundeskreis?
ML: Ich finde, dass eine Stadt ein starkes bürgerliches Engagement braucht. Ich glaube, das ist das der Kitt der Gesellschaft. Ich liebe Hannover und mir liegt sehr am Herzen, dass die Gesellschaft funktioniert. Und die funktioniert deswegen, weil es Organisationen, Vereine und Gemeinschaften gibt, die Menschen aus unterschiedlichen Altersgruppen und Schichten zusammenbringen.
FS: Mich verbindet viel mit unserer Stadt – persönlich wie politisch. Bürgerliches Engagement halte ich für einen zentralen Pfeiler unserer Gesellschaft. Im Freundeskreis kann man Dinge bewegen, die aus echter Überzeugung entstehen.
Was bedeutet Ihnen dieses Netzwerk persönlich?
FS: Es ist ein tolles Projekt mit engagierten, verantwortungsbewussten Menschen. Der Austausch jenseits parteipolitischer Grenzen ist besonders wertvoll.
ML: Für mich bedeutet dieses Netzwerk langjährige Freundschaften, die man bei Veranstaltungen wieder trifft. Da freut man sich, dass man das als Ort der Begegnung hat. Aber es ist genauso ein Ort der Begegnung mit neuen Menschen.
Was kann ein Bürgerverein heute leisten, was Politik oder Institutionen allein nicht schaffen?
ML: Menschen mit einem gemeinsamen Interesse zusammenzubringen. Und wenn unser Interesse ist, ein lebenswerteres Hannover zu haben. Ein starker Freundeskreis kann Themen auf die Agenda bringen, die dann auch politisch oder in Institutionen diskutiert werden. Und der Austausch auf Augenhöhe zwischen verschiedenen Altersklassen und Gruppen der Gesellschaft wird gefördert. Es ist das, wo die Politik in der Regel daran scheitert.
FS: Ein Bürgerverein kann schnell, unbürokratisch und mit persönlichem Einsatz unterstützen. Außerdem schafft er Identifikation und Gemeinschaft – etwas, das staatliche Strukturen allein nicht leisten können.
Herr Semper, wie wichtig ist eine starke Bildungslandschaft aus kommunalpolitischer Sicht?
FS: Bildung ist eines der zentralen Zukunftsthemen für jede Kommune. Sie entscheidet über Chancengerechtigkeit, wirtschaftliche Entwicklung und gesellschaftliche Stabilität. Kommunalpolitik trägt hier eine enorme Verantwortung – von der Schulentwicklung bis zur Ausstattung.
ML: Die Bildungseinrichtung, die wir haben, ist eine Traditionsschule. Es geht um eine grundlegende Vorbereitung auf das Leben. Dazu gehört aus meiner Sicht eine sehr gute Allgemeinbildung. Wenn wir das große Schlagwort KI nehmen: Durch die Allgemeinbildung, die ich über die ganze Schulkarriere erworben habe, bin ich überhaupt erst in der Lage, Ergebnisse von künstlicher Intelligenz zu beurteilen. Daher wäre Kritikfähigkeit für mich ein ganz großes Thema, und Dialogfähigkeit. Das Bewusstsein, was wir schaffen müssen für gesellschaftliche Themen, insbesondere in der Demokratiebildung, aber eben auch um ein soziales und geschichtliches Verständnis zu schaffen.
Geht es bei Bildung in erster Linie um Qualifikation für den Arbeitsmarkt – oder um mehr?
FS: Es geht um weit mehr als nur berufliche Qualifikation. Bildung bedeutet Persönlichkeitsentwicklung, Wertevermittlung und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Sie ist Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben und für demokratische Teilhabe.
ML: Wir haben ja sich ständig wandelnde Anforderungen. Die Gesellschaft und die der Arbeitsmarkt wird immer dynamischer. Wir wissen heute noch gar nicht, für was wir ausbilden, wenn wir junge Leute in drei oder fünf Jahren in den Arbeitsmarkt entlassen. Es geht viel mehr um grundsätzliche Kompetenzen, Urteilsvermögen, persönliche Entwicklung, Haltung zu Themen zu schaffen, den eigenen Auftritt zu schaffen, und das fachgebunden für die Bereiche, für die ausgebildet wird.
Welchen Wert hat gute Bildung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?
FS: Gute Bildung schafft gleiche Chancen und verhindert soziale Spaltung. Wer Perspektiven hat, fühlt sich zugehörig und gebraucht. Bildung ist deshalb auch ein Schlüssel für Integration und sozialen Frieden.
ML: Genau. Schule hat den großen Vorteil, dass Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten auf Augenhöhe zusammenkommen. Hier haben wir die Möglichkeit, Haltung, Verständnis, Dialogfähigkeit zu fördern. Die Demokratie ist ja im Moment in starker Bewegung. Demokratie hat damit zu tun, dass wir die Bereitschaft und Fähigkeit haben, einander zuzuhören, aufeinander zuzugehen, die Argumente von jemand anders gelten zu lassen, in den Diskurs zu gehen. Das ist eine Kompetenz, die in Schule in guter Bildung fundiert liegt.
Wie schätzen Sie die Bildungslandschaft in Hannover aktuell ein?
ML: Der Markt hat sehr viele Anbieter, sowohl Allgemeinbildung als auch gerade berufsbildend. Und das heißt aber auch, dass sich Anbieter gegenseitig antreiben. Die Bildungsträger müssen sich alle anstrengen, ein gutes Angebot zu präsentieren.
FS: Hannover hat viele engagierte Lehrkräfte und gute Ansätze. Gleichzeitig stehen wir vor großen Herausforderungen – etwa bei der Infrastruktur, der Digitalisierung und der Integration. Unterm Strich gibt es Verbesserungsbedarf.
Was hat sich in den letzten Jahren spürbar verändert – positiv wie negativ?
FS: Positiv ist, dass Bildung stärker als Zukunftsthema wahrgenommen wird und Investitionen zugenommen haben. Negativ sind jedoch wachsende Leistungsunterschiede, Personalmangel und eine zunehmende Belastung der Schulen. Die gesellschaftlichen Herausforderungen spiegeln sich direkt im Klassenzimmer wider.
ML: Der digitale Wandel uns natürlich viele Möglichkeiten geboten, Bildung zu verändern, wenn ich an Ansätze von Gamification denke. Das ist etwas, wo wir viel mit umgehen. Wenn ich sehe, dass wir Zukunftsthemen wie KI in unsere Bildung mit integrieren können, dann ist das positiv, aber auch herausfordernd. Wenn ich negativ etwas Herausstellen müsste, dann sehe ich doch eine Veränderung in der Sozialstruktur, im Umgang miteinander. Da ist ein sehr stark geprägter Ich-Bezug und nur eigentlich einen Fokus auf das eigene Kind gibt und weniger auf die Gemeinschaft.
Wo sehen Sie akuten Handlungsbedarf?
ML: Erstmal müssen wir grundsätzlich in der Bildung überlegen: Wie müssen wir da eigentlich herangehen? Wir haben zum Beispiel das Thema rund um digitalen Wandel in den Fokus genommen. Wir glauben, dass es nur dann gesund und gut funktioniert, wenn wir einen Blick darauf haben, wie wir junge Leute in diesen Feldern Schule und Kompetenz mitgeben. Das heißt, für uns ist das Thema „Grundlagen der KI“ ganz wichtig, um da zu schauen: Wie geht man eigentlich mit ethischen Themen um, mit Datenschutz und Persönlichkeitsrechten? Das sind für mich Dinge, die müssen noch besser geregelt werden und gut umgesetzt werden.
FS: Beim Ausbau und der Sanierung von Schulgebäuden, bei der digitalen Ausstattung und vor allem bei der Gewinnung von Fachkräften sehe ich auf jeden Fall Handlungsbedarf. Zudem müssen wir Integration und Sprachförderung konsequent stärken. Bildung darf kein Reparaturbetrieb sein, sondern muss vorausschauend gestaltet werden.
Derzeit wird ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige diskutiert. Wie stehen Sie zu dieser Debatte?
FS: Ich halte ein solches Verbot grundsätzlich für richtig. Soziale Medien bergen erhebliche Risiken für Kinder und Jugendliche – von Suchtverhalten bis hin zu psychischen Belastungen.
ML: Ich bin da ein bisschen gespalten. Ich glaube, dass es psychische Folgen von Social Media Konsum für junge Leute gibt. Ich habe nur die Sorge bei Verboten, dass sie das noch attraktiver machen. Auf der anderen Seite ist es ganz wichtig, Regeln einzusetzen, die wir auch einhalten können, um junge Menschen davor zu schützen, dass sie sich in diese Abhängigkeit von Social Media bringen.
Ist ein Verbot ein sinnvoller Schutz – oder eher Symbolpolitik?
ML: Wir müssen unbedingt Regeln schaffen. Ich finde zum Beispiel den Ansatz, Smartphones bis zu einem gewissen Zeitpunkt gar nicht an junge Leute zu geben, und auch bis zu einer gewissen Altersstufe Smartphones an Schulen zu verbieten, genau richtig. Es muss nur begonnen werden, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
FS: Ich halte es auch für sinnvoll. Natürlich ersetzt ein Verbot keine Erziehung oder Aufklärung, aber es setzt einen wichtigen Schutzrahmen. Der Staat hat hier auch eine Verantwortung.
Welche Wirkung hat bei Kindern und Jugendlichen der Umgang mit sozialen Medien? Was beobachten Sie?
FS: Ich beobachte eine starke Ablenkung, verkürzte Aufmerksamkeitsspannen und zunehmenden sozialen Druck. Gleichzeitig entstehen Abhängigkeiten und unrealistische Vergleichsmaßstäbe. Das wirkt sich spürbar auf Konzentration, Selbstbild und Miteinander aus.
ML: Wir haben durchaus eine ganze Menge an psychischen Störungen, die man sicherlich auf das Thema Social Media Nutzung zurückführen kann. Wir merken, dass die Aufmerksamkeitsspanne durch Social Media deutlich zurückgegangen ist, dass es jungen Leuten schwerfällt, sich für längere Zeit auf Themen zu fokussieren. Auch diese Vergleichsmöglichkeit mit anderen Menschen und die Tatsache, dass das Leben plötzlich ganz realitätsfern dargestellt wird, führt zu psychischen Störungen und Problemen. Diese Thematiken müssten eigentlich viel früher, nämlich meistens an den allgemeinbildenden Schulen, aufgenommen werden.
Sind Schule und Elternhaus ausreichend vorbereitet, um junge Menschen im digitalen Raum zu begleiten?
FS: Nein, vielfach nicht. Die Dynamik der digitalen Welt ist enorm, und viele Erwachsene kommen kaum hinterher.
ML: Wir sind noch so stark in dem Diskurs, dass wir noch gar kein gutes Regelwerk und gute Rahmenbedingungen haben. Und dementsprechend würde ich sagen, können Schule und Eltern auch kaum darauf vorbereitet werden. Wir haben im eSport Innovation Hub das Thema Verantwortungsbewusstes Gaming. Dort bieten wir Eltern Informationsveranstaltungen an, um ihnen bei ihren Unsicherheiten zu helfen. Das ist zumindest ein Ansatz, wie man in diesem Bereich mit fehlenden Regeln umgehen kann.
Braucht es mehr Regulierung – oder mehr Medienkompetenz?
ML: Wir müssen uns auf ein Regelwerk für die schützenswerten Jugendlichen einigen. Das heißt eben aber auch, dass alle Lehrkräfte, die gerade im allgemeinbildenden Bereich mit jungen Leuten umgehen, selber erst auch diese Kompetenzen aufweisen müssen und dann in dem Rahmen, auf den wir uns einigen, als Zusammenspiel tatsächlich einwirken oder wirken können. Da fehlt im Moment noch die Grundlage.
FS: Es braucht beides. Klare Regeln schaffen Schutz und Orientierung, Medienkompetenz ermöglicht einen verantwortungsvollen Umgang. Das eine funktioniert ohne das andere nicht.
Wie viel Eigenverantwortung trauen wir Jugendlichen zu?
FS: Jugendliche können viel Verantwortung übernehmen – aber altersgerecht. Eigenverantwortung wächst mit Reife und Erfahrung. Deshalb brauchen sie klare Leitplanken und Begleitung, nicht völlige Freigabe.
ML: Wenn wir uns auf Regeln einigen, dann sollten wir auch den jungen Generationen zutrauen, dass sie bereit sind, im eigenen Sinne das Ganze auch vernünftig umzusetzen. Das gilt nicht für Kinder, die müssen wir bis zu einem gewissen Alter leiten. Danach müssen wir Jugendlichen ein Wertekorsett mitgeben, in dem sie sich bewegen können. Und dann müssen wir auch das Zutrauen haben, dass sie sich in diesem Korsett zu ihrem eigenen Wohl eigenverantwortlich verhalten. Und dann dürfen wir auch in unsere jungen Leute ein großes Vertrauen haben.


