Wir treffen uns heute mit zwei Mitgliedern im Freundeskreis, die den Vereinssport in Hannover von innen kennen wie kaum jemand sonst. Günter Evert ist Vizepräsident beim VfL-Eintracht Hannover, einem der größten Fußball- und Mehrspartenvereine der Stadt. Er ist erst seit zwei Jahren im Ehrenamt – nach einer langen Karriere in leitenden Positionen bei der Mediengruppe Madsack, zuletzt verantwortlich für HAZ und Hannoversche Presse. Hajo Rosenbrock ist Vorsitzender des Turn-Klubb zu Hannover – mit rund 9.500 Mitgliedern einer der größten Vereine Hannovers überhaupt, hauptberuflich geführt, tief in der Südstadt verankert. Beide kennen die Stadt und ihre Vereinslandschaft seit Jahrzehnten. Und beide haben gelernt: Was Vereine am Leben erhält, sind Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen – ehrenamtlich oder hauptberuflich, mit 25 oder mit 60.
Stellt euch zum Einstieg bitte kurz vor und erzählt, wie ihr ins Vereinsleben gekommen seid?
GE: Ich bin in Hannover aufgewachsen – fünf Generationen meiner Familie kommen aus derselben Straße. Mein Vater war leidenschaftlicher Fußballer, und so habe ich das runde Leder früh entdeckt. Ich habe bei Arminia Hannover gespielt, in Ramlingen Ehlershausen, beim TSV Havelse und der Eintracht – immer Amateur, aber mit viel Leidenschaft. Was mich gehalten hat, war dieser Geruch der Kabine, das Teamspiel, das Gemeinschaftsgefühl. Der Sport hat mich nie losgelassen. Dann habe ich 25 Jahre bei Madsack gearbeitet – und als ich aufgehört habe, war für mich klar: Jetzt machst du etwas Ehrenamtliches. Eintracht war naheliegend. Mein Vater war dort 40 Jahre im Vorstand, meine Tochter Carlotta spielt dort Fußball, und ich kenne die Stadt und ihre Netzwerke. Seit zwei Jahren bin ich Vizepräsident. Und ich merke jeden Tag, wie anders das ist als in einem Unternehmen. Da habe ich im Zweifel gesagt, jetzt machen wir das so. Heute frage ich. Das lernt man schnell – und es ist eigentlich das Schönere, weil man am Ende wirklich gemeinsam etwas bewegt hat.
HR: Ich bin über den CVJM ins Ehrenamt gerutscht. Mit 15 wurde ich Basketballtrainer, mit 16 Jugendleiter – und ich habe schnell gemerkt: Es hängt alles am Menschen, nicht am Inhalt. Wenn du die Gruppe mitreißt, geht sie mit. Das war meine erste wirklich wichtige Lektion. Ich habe bis Mitte des Studiums als Trainer, Spieler und Kümmerer alles Mögliche gemacht, habe nebenbei für ein Stadtmagazin geschrieben und irgendwann gemerkt, dass man das, was Günter heute ehrenamtlich erledigt, auch hauptberuflich machen kann. Nach dem Studium in Göttingen haben die vom Turn-Klubb angerufen – die suchten jemanden. „Da ist einer, der ist knapp unter 30 und will auf die Wiese“, hieß es. So bin ich 2009 hierher gekommen. Es war ein Zufall – aber spätestens nach einem Jahr war klar, dass das total passt. Es gibt wenig attraktivere Jobs. Du kannst etwas für die Gesellschaft tun, damit Geld verdienen und andere Menschen glücklich machen – und du siehst die Ergebnisse: mal an Menschen, mal an Gebäuden und Einrichtungen, mal einfach durch ein Feedback.
Beide Vereine tragen stolze Namen mit einer langen Geschichte. Wie wichtig sind sie heute für den Sport in Hannover?
GE: Der Turn-Klubb ist eine Institution – nicht nur für die Südstadt, sondern für die ganze Stadt. Bei Eintracht sind wir mit rund 1.000 Fußballerinnen und Fußballern der größte Jugend-Fußballverein der Stadt. Vereine sind das Herz der Gesellschaft.
HR: Was funktioniert auf dem Dorf noch? Vielleicht die Feuerwehr – wenn genug Leute da sind. Der Sportverein ist der Ort, wo du einfach hinläufst und etwas machst. Wenn die Menschen nett sind, bleibst du. Wenn die Bedingungen stimmen, kann Sport weit mehr sein als Bewegung: Er leistet Prävention, schafft Begegnung, hält die Gesellschaft zusammen.
GE: Das erlebe ich täglich. Familien, die nie etwas mit Sport zu tun hatten, stehen plötzlich am Spielfeldrand und backen Kuchen – weil ihr Kind Fußball spielt. Und sie stellen fest: Da sind ganz nette Menschen. Das ist Integration, nicht als Programm, sondern als gelebte Praxis. Auf dem Platz sind alle gleich. Der Sparkassendirektor kickt neben dem Maler, und der Automechaniker sagt dir geradeheraus, wo es langgeht. Diese Mischung ist politisch wertvoll – vielleicht heute mehr denn je. Und ich glaube, auch diese Stammtischmentalität hat sich verändert. Wenn heute jemand abwertend über andere redet, gehen sofort Leute dazwischen. Das war vor 20 Jahren noch anders.
Was ist Sport für euch persönlich – und hat sich das im Laufe der Jahre verändert?
HR: Sport war für mich immer vor allem Gemeinschaft. Ich war beim Basketball nie der Beste, aber ich durfte immer in der ersten Fünf mitspielen – das sagt vielleicht alles. Das Getränk hinterher war manchmal wichtiger als das Spiel selbst. Heute bedeutet Sport für mich auch Integration im stadtgesellschaftlichen Sinne: Egal ob jemand hierher geflüchtet ist, ob er viel oder wenig Geld hat – im Sportverein treffen sich alle. Mein eigener Freundeskreis besteht fast ausschließlich aus Lehrerinnen und Lehrern. Im Verein treffe ich den Handwerker, den Maler, den Mechaniker. Der sagt mir auch mal klipp und klar, was er denkt. Das ist gut so. Das braucht eine Gesellschaft. Und ich glaube, dass der Sport gerade in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung wichtiger ist denn je – weil er Begegnung erzwingt, die sonst nicht stattfindet.
GE: Ich habe früh für den Profibereich trainiert – bei Arminia Hannover, mit der Hoffnung, irgendwann den Sprung zu schaffen. Den habe ich nicht geschafft – dafür habe ich mit 28 beim TSV Havelse noch mal gespielt, und da sind wir im Pokal auf den Karlsruher SC getroffen. Ich wurde in der 60. Minute eingewechselt, lief aufs Tor – und Oliver Kahn hält den Ball. Aus Spaß erzähle ich immer: Wäre der reingegangen, hätte meine Karriere vielleicht doch noch begonnen. Aber er hat gehalten, wir haben drei zu null verloren. Heute spiele ich Golf und gehe zweimal die Woche zur Krankengymnastik. Und ich beobachte die Leute über 80, die sich morgens bei Regen auf dem Golfplatz treffen. Neun Loch, zwei Stunden. Das finde ich großartig. Sport so lange wie möglich, in Gemeinschaft – das ist das Ideal.
Gibt es einen Moment in eurer Vereinsarbeit, den ihr so schnell nicht vergessen werdet?
HR: Es ist kein einmaliger Moment, sondern ein wiederkehrendes Bild. Wenn ich am Freitagnachmittag in die Turnhalle schaue und da doppelt so viele Eltern mit Kindern drin sind, wie eigentlich reinpassen sollten. Oder wenn wir in Schulen Turniere ausrichten und ich die Siegerehrung moderiere – und dann rufe ich 150 Kindern zu: „War Alex, unser Koordinator, der Coolste?“ Und 150 Kehlen antworten aus tiefster Seele. In dem Moment denke ich: Die haben alle alles richtig gemacht. Das bewegt mich mehr als jede Gebäudeeinweihung, und das bleibt.
GE: Mein Moment war, als die Zusage aus Berlin kam: Wir sind bei der SportMilliarde dabei. Zwei Jahre Hausaufgaben, Anträge, Architektengutachten – das Aufstellen des Förderantrags hat allein 20.000 Euro gekostet. Dann die Zusage. Jetzt können wir endlich unsere Umkleidekabinen sanieren – die stammen von 1975. Wir haben elf Frauenmannschaften und keine einzige Umkleide für Frauen. Das ist unhaltbar. Wenn das jetzt besser wird, ist das für mich der Moment. Und gleich daneben: unsere Abrissparty. Unser Clubhaus von 1954 wird modernisiert – und vorher darf sich jeder mit Sprühfarbe verewigen. Das ist auch ein Moment.
Mitgliederzahlen, Nachwuchs, Ehrenamt – das beschäftigt viele Vereine. Wo drückt bei euch der Schuh am meisten?
GE: Das größte Problem, das kaum einer laut ausspricht: Wir haben in Hannover zu wenig Sportstätten. Nicht Old-School-Turnhallen, sondern moderne, nutzungsoffene Sportflächen. Und wenn wir bauen wollen, werden uns so viele Steine in den Weg gelegt, dass das Geld nicht das größte Hindernis ist – sondern die Bürokratie. Die Steine aus dem Weg zu räumen dauert länger, als sie aufeinanderzustapeln. Hinzu kommt: Rund 500 Kinder in Hannover stehen auf Wartelisten, weil sie keinen Fußballverein finden. Nicht weil der Wille fehlt – sondern weil uns Trainer und Plätze fehlen. Das ist ein strukturelles Problem, das wir allein nicht lösen können.
HR: Und beim Ehrenamt hat sich etwas grundlegend verschoben. Das alte Modell – einer sitzt 30 Jahre im Vorstand, weil er schon immer da war – funktioniert nicht mehr. Was wir brauchen, sind Menschen, die Erfahrung mitbringen und sich aktiv entscheiden, noch mal etwas zu tun. So wie Günter das gemacht hat. Und wir brauchen eine gesunde Mischung aus Ehrenamt und Hauptberuf. Das hohe Lied des „reinen Ehrenamts“, ich kann es ehrlich gesagt nicht mehr hören. Das Bürgerschaftliche Engagement an sich ist wichtig, mir ist egal, ob und in welcher Höhe das vergütet wird. Es geht ums Ermöglichen und um ein echtes Dankeschön. Es wäre schön, wenn das Ehrenamt finanziell besser ausgestattet wäre.
Wenn ihr einen jungen Menschen davon überzeugen müsstet, heute Verantwortung in einem Verein zu übernehmen – was würdet ihr sagen?
HR: Ich würde sagen: Engagement lohnt sich – du kriegst Liebe zurück. Die wichtigsten Kompetenzen, die ich beruflich brauche – Durchsetzungsfähigkeit, Leidenschaft, Durchhaltevermögen –, habe ich nicht im Studium gelernt, sondern zwischen 14 und 25 als Ehrenamtlicher. Du organisierst ein Turnier, und es funktioniert nicht. Niemand räumt auf. Du räumst allein auf. Das passiert dir kein zweites Mal. Und wenn du ein FSJ bei uns machst, weißt du nach drei Monaten, ob das dein Weg ist – zu hundert Prozent. Dieses Reinschnuppern, diese echte Verantwortung früh zu übernehmen – das formt einen Menschen mehr als jedes Seminar. Und es macht Spaß.
GE: Wir setzen stark auf FSJ und Bundesfreiwilligendienst – junge Leute, die bei uns reinschnuppern, Trainerscheine machen, Verantwortung übernehmen. Man muss nicht die oder der Beste im Sport sein, man muss Menschen mögen und das wollen. Meine Nichte spielt in der dritten Frauenmannschaft Fußball und hat gar nicht vor, in die Spitze zu kommen. Aber sie trainiert zusätzlich Mädchen mit einer Begeisterung, die ansteckend ist. Das ist genau das, was Vereine brauchen: Menschen, die brennen.
Was schätzt ihr aneinander – und was könnten eure Vereine voneinander lernen?
GE: Wir haben uns bei Madsack kennengelernt – Hajo war überall, wo ich war. Wir haben schnell gemerkt: gleiche Wellenlänge. Er hat mir gezeigt, wie man als Vorsitzender Präsenz zeigt – als Mensch, nicht als Institution. Ich schätze, dass bei ihm alles entspannt ist, ohne Vorbehalte. Wir haben noch keinen einzigen Vertrag miteinander geschrieben – aber wenn ich eine Mail von ihm kriege, steht drin, was ich selbst gedacht habe. Das ist selten. Was ich von ihm lerne: wie man einen Verein führt, ohne selbst im Mittelpunkt zu stehen. Wir wollen weg vom präsidial geführten Verein – hin zu einer starken Geschäftsführung, die wirklich lenkt. Dafür schaue ich gerne auf den Turn-Klubb.
HR: Günter unterlegt alles mit Humor und schafft damit sofort eine besondere Atmosphäre im Raum. Ich bewundere die Bereitschaft, jetzt noch einmal voll einzusteigen – er hätte auch einfach Schiffsreisen machen können. Stattdessen sitzt er hier und kämpft für Fußballplätze und Umkleidekabinen. Das verdient Respekt. Was ich von Eintracht lerne: den Blick fürs Kleine zu bewahren. Bei uns laufen 9.500 Mitglieder, alles funktioniert im Großen. Aber wenn ich sehe, mit welcher Liebe bei Eintracht ein Feriencamp organisiert wird, erinnert mich das daran, wie das war, als wir noch ein oder zwei Camps hatten. Diese Rückbesinnung ist wertvoll – und sie schärft den Blick dafür, was wirklich zählt.
Was wünscht ihr euch für den Vereinssport in Hannover in zehn Jahren?
HR: Dass wir weniger mit Neid umgehen müssen. Wenn ein Verein Fördergeld bekommt, erzählt keiner, dass das Projekt 20 Millionen kostet und der Förderanteil davon nur drei Millionen sind. Am Wochenende wurde ich angesprochen: Ihr kriegt ja so viel Geld! Ich habe gefragt: Weißt du, dass das Projekt 20 Millionen kostet? Danach kam kein Wort mehr. Ich wünsche mir, dass die Vereine – die großen und die kleinen – mehr kooperieren, statt zu konkurrieren. Wir alle sitzen im gleichen Boot, kämpfen um die gleichen Talente, die gleichen Ehrenamtlichen, die gleichen Fördertöpfe. Das sollte verbinden, nicht trennen. Und für den Turn-Klubb: dass unser Bauprojekt gelingt, dass wir wachsen – nicht unbedingt in Mitgliedszahlen, sondern gesellschaftlich. Dass die Menschen, die hier sind, Freude daran haben.
GE: Ich wünsche mir, dass die kleinen Vereine viele Verwaltungsaufgaben loswerden – damit sie sich ums Wesentliche kümmern können: den Sport. Am Maschsee gibt es Paddel- und Rudervereine, die keinen Vorstand mehr finden, weil die Bürokratie sie erdrückt. Das ist tragisch. Und ich wünsche mir, dass die Verbände die Basis endlich mehr hören. Wenn unsere Kapitänin beim Frauenfußball ihre Armbinde vergisst, zahlen wir fünf Euro Strafe. Das sagt alles über den Zustand der Verbandspolitik. Es gibt für alles eine Regelung, und die hat irgendwann mal jemand mit bestem Willen aufgeschrieben – aber die Realität hat sich weitergedreht. Für Eintracht selbst: sanierte Umkleidekabinen, eine funktionierende Gastronomie, eine echte Kooperation mit dem Turn-Klubb im Jugendbereich. Und dass wir aufhören, den anderen mit Argusaugen zu beäugen.

