Editorial 08-2026

Liebe Leser*innen,

für diese Ausgabe habe ich Belit Onay getroffen. Er ist Nummer drei in der kleinen Stadtkind-Reihe vor der Kommunalwahl. Nach Maren Kaminski und Peter Karst jetzt also der Oberbürgermeister. In der September-Ausgabe folgt dann noch Axel von der Ohe. Was mich in diesen Interviews interessiert, ist gar nicht so sehr das Wahlprogramm. Wir sehen ja momentan in der Stadt wieder überall die üblichen Plakate mit den gewohnten Sprüchen. Ich glaube, dass gute Politik, egal auf welcher Ebene, vor allem von den Köpfen lebt. Was ist gute Politik? Eigentlich ganz einfach: Wenn möglichst viele, im Idealfall alle Menschen, von den Entscheidungen der Politik profitieren, wenn Politik vorausschauend, fair, gerecht und nachhaltig angelegt ist, dann ist es gute Politik. Und ob das einigermaßen gelingt, das steht und fällt mit jenen, die wir alle in die Ämter wählen. Mich interessieren in den Interviews darum weniger die beruflichen Karrieren und die akademischen Titel, ich finde die Biografien hinter den glatten Lebensläufen weitaus spannender. Wo ist jemand aufgewachsen, gab es ungewöhnliche Nebenjobs, besondere Erfahrungen? Aus der Summe all der Ecken und Kanten, an denen sich ein Mensch im Laufe seines Lebens stößt, formt sich der Charakter und damit auch der Kompass, der das politische Handeln bestimmt.

Die Biografie von Belit Onay beginnt in einem Restaurant in Goslar, das seine Eltern führten. Seinen Vater hat es aus Istanbul per Losverfahren in die beschauliche Stadt im Harz mit knapp 50.000 Menschen verschlagen. Eine andere Welt. Istanbul war seinerzeit eine 5,5-Millionen-Metropole. Aber der Familie gefällt es gut in Goslar, das Restaurant mitten im Zentrum ist bekannt und beliebt, und Belit Onay ist natürlich mit am Start, er hilft, er muss helfen. Es ist so ein typischer Familienbetrieb. Und Goslar ist so eine kleine Oase. Man kennt sich und man schätzt sich.

Belit Onay war zwölf oder dreizehn, als die Polizei seine Eltern im Restaurant besucht, um nach den Brandanschlägen von Solingen und Mölln vor möglichen Gefahren zu warnen. Man sei ein mögliches Ziel, sehr bekannt und direkt an der Hauptstraße gelegen, quasi auf dem Präsentierteller. Seine Eltern überlegen danach eine Weile, zurück in die Türkei zu gehen. Aber sie bleiben. Diese Erfahrungen damals haben Belit Onay sehr geprägt. Und es ist nach Solingen und Mölln dann nicht unbedingt besser geworden. Die Fremdenfeindlichkeit war mehr als sichtbar in Deutschland und durchaus ein Thema auch für Wahlkämpfe. „Wo kann man denn hier gegen Ausländer unterschreiben?“, diesen Satz hörte man beispielsweise 1999 in Hessen auf den Straßen, als Roland Koch seine Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft inszenierte.

Zwanzig Jahre später, nach seiner Wahl zum Oberbürgermeister, hat der Rechtsextreme Martin Sellner, bekanntester Kopf der identitären Bewegung, ein Video über Belit Onay veröffentlicht – und der Hass ging viral. Noch heute kommt bei Belit Onay der Rassismus gelegentlich mit der Post, und es geht dann auch um seine Familie, seine Kinder. Man hat sein ganzes Leben in Deutschland verbracht, ist zur Schule gegangen, hat Jura studiert, sich in der Kommunalpolitik engagiert – und wird ständig gefragt, wo man „eigentlich“ herkommt. Und wann man „eigentlich“ dorthin zurückwill.

Direkt nach seiner Wahl war die Stimmung nicht unbedingt euphorisch bei Belit Onay, sondern eher gedrückt. So viel Hass. Und dann trifft er in der Stadt am Steintorplatz an einer Ampel eine Frau, die ihn als neuen Oberbürgermeister erkennt, ihm sagt, dass sie ihn nicht gewählt hat, aber ihm auch sagt, dass er jetzt bitte das Beste draus machen soll. Diese Begegnung hat seine Perspektive verändert. Einer große Mehrheit interessiert sich einfach nur dafür, wie es in Hannover weitergeht. Man kann über Belit Onays Arbeit ganz sicher streiten, über seine Bilanz nach den Jahren im ständigen Krisenmodus, über die Verkehrswende, über das Ihme-Zentrum, über die Projekte zur Belebung der Innenstadt. Man kann nicht nur, man muss darüber streiten, denn es geht ja schließlich um die besten Ideen für Hannover. Um eine Politik, die vorausschauend, fair, gerecht und nachhaltig sein sollte. Mehr im Interview ab Seite 58.


Schlagwörter: , ,

Kommentare sind geschlossen.

Folge uns