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Literarisches: Mario Bekeschus

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Literarisches: Mario Bekeschus


Nach dem Erscheinen von Mario Bekeschus’ spannendem Debütroman „Gaußberg“ folgt nun der zweite Teil der lokalen Krimi-Reihe des gebürtigen Braunschweigers. „Hinter Liebfrauen“ handelt vom zweiten Fall des Kommissars Wim Schneider und seinem Team. Mit von der Partie sind ebenfalls wieder die Kolleg*innen des Braunschweiger Kommissariats. Die ungewöhnliche Niedersachsen-Krimi-Reihe bringt durch die städteübergreifenden Ermittlungen und ausgefeilten Charaktere sowohl einen besonderen Reiz als auch eine Versöhnung der rivalisierenden Städte mit sich, bei der Autor Mario Bekeschus erfolgreich als eine Art Brückenbauer fungiert. Und nebenbei widmet er sich gesellschaftskritisch diversen Themen.

Der Ouzo-Liebhaber Wim Schneider kämpft auch im zweiten Teil weiterhin mit gesundheitlichen Problemen und versucht sich auf Kur im Harz zu erholen, um seiner Blasendysfunktion entgegenzuwirken. Währenddessen untersucht Kommissarin Rosalie Helmer einen zweifelhaften Selbstmord in Braunschweig. Doch nicht nur dieser Fall bleibt vorerst mysteriös, auch in der Nähe der Kurklinik ereignet sich ein Unfall,der Rätsel aufgibt. Obwohl beide Fälle unterschiedlicher nicht sein könnten, überschneiden sich plötzlich die Spuren; und die Ermittelnden stoßen bei ihrer Suche nach den Hintergründen auf tragische Frauenschicksale.

Bekeschus, geboren und aufgewachsen in Braunschweig, studierte in Hildesheim und lebt heute in Hannover. Dieses Städtedreieck findet sich ebenfalls in seinen Regionalkrimis wieder. Die immerwährende Rivalität zwischen Hannover und Braunschweig ist kein Geheimnis. Auch Bekeschus hatte nach seinem Umzug von Braunschweig in die Landeshauptstadt mit allerlei Neckereien gegenüber seiner Heimatstadt „Peine-Ost“ zu kämpfen. Seine Krimi-Reihe thematisiert nicht nur diese seit Ewigkeiten andauernden Frotzeleien, sondern lässt die Städte sich einander endlich wieder freundschaftlich annähern. Bekeschus freut sich darüber und erzählt, dass er gerne auf diese Art einen „kleinen Beitrag zur ‚Völkerverständigung‘ beider Städte“ leiste.

Bekeschus schrieb neben seiner Krimi-Reihe, ebenfalls bei der Spendenanthologie „Traumfabrik-Geschichten“ mit und veröffentlichte indessen die Kurzgeschichte „Nebeltal“. Er erzählt: „Ich kann nicht ausschließen, weitere Kurzgeschichten zu veröffentlichen, aber der Fokus liegt aktuell ganz klar auf den Kriminalromanen. Dies auch deshalb, weil meine Niedersachsen-Krimis im Gmeiner-Verlag als Reihe angelegt sind. Band 3 ist bereits fertig gestellt.“ Inspirieren lässt sich der Braunschweiger vor allem durch das Straßenverzeichnis seiner Heimatstadt. „Beide Krimis sind nach bekannten Straßennamen in Braunschweig benannt: Teil 3, in dem auch Hannover wieder eine bedeutende Rolle zuteil wird, nach einem Wohnviertel in Braunschweig.“

Nachdem der Schreibprozess des ersten Bands (mit Unterbrechungen) 7 Jahre andauerte, wurde „Hinter Liebfrauen“ bereits in 9 Monaten fertiggestellt. „Die Idee war da, der Schreibprozess flüssig“, erklärt der Autor mir. Es ist jedoch nicht zwingend notwendig den ersten Teil vorher gelesen zu haben. „Es handelt sich um zwei in sich abgeschlossene Kriminalfälle. Beide Bücher stehen somit für sich. Weil es aber eine Reihe ist, tauchen die Serienfiguren wieder auf. Ich vergleiche das gerne mit dem Tatort als Format“, erzählt Bekeschus. Und auch innerhalb der verschiedenen Teile gibt es Unterschiede. „‚Gaußberg‘ ist eher als klassischer Krimi angelegt, bei ‚Hinter Liebfrauen‘ wird das Subgenre des Gesellschaftskrimis bedient. Es geht nicht nur um den Kriminalfall an sich, sondern auch darum, auf gesellschaftliche Missstände bzw. Abgründe aufmerksam zu machen“, so der Autor der Krimi-Reihe. Bekeschus nimmt in dem überregionalen Krimi verschiedene Gesellschaftsschichten in den Blick, setzt einen deutlichen Fokus auf Diversität sowie gleichgeschlechtliche Liebe und thematisiert gleichzeitig Gleichstellung, Migration, Prostitution und sexuellen Missbrauch.

GMEINER-Verlag

362 Seiten

16 Euro

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Literarisches: Martha Sophie Marcus

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Literarisches: Martha Sophie Marcus


Hannover, Mitte des 19. Jahrhunderts: Aus dem kleinen Dorf Linden wurde innerhalb kürzester Zeit der am stärksten industrialisierteste Ort im Königreich Hannover. Verantwortlich dafür war ein einzelner Mann, der der Autorin Martha Sophie Marcus als Vorbild für den Großvater ihrer Protagonistin Sophie in der Historienreihe Novemberrosen“ diente. Der erste Teil „Der Glanz der Novemberrosen“ erschien im Oktober 2021, der abschließende zweite Teil der Historienreihe folgte im März 2022 unter dem Titel „Die Blüte der Novemberrosen“. Die Historienromane der derzeit in Lüneburg lebenden Autorin bringen eine lange und intensive geschichtliche Recherche mit sich. Und es sind genau diese Hintergrundrecherche, die damit einhergehende Detailtreue und das Zeitgeschichtliche Faibel der Autorin, die diese im Goldmann Verlag erschienene Historienromanreihe, aber auch die weiteren Geschichtsromane der Autorin, so einmalig machen.

In der spannenden Reihe vermischen sich reale Vorbilder aus der Vergangenheit Hannovers mit einer fiktiven Geschichte aus der Feder von Martha Sophie Marcus. Die in der Zeit der Industrialisierung spielende Geschichte handelt von sozialer Gerechtigkeit und Liebe – verbotener Liebe … Gleichzeitig ist es auch eine Familiensaga, die mit viel Herz und Spannung die Geschichte der jungen und rebellischen Sophie erzählt, die sich für die unfaire Behandlung der Arbeitnehmenden einsetzt und dabei die Liebe ihres Lebens findet. Doch das ist erst der Anfang.

Aber nicht nur der Zweiteiler „Novemberrosen“ spielt in Hannover. „Ich habe schon vorher Romane geschrieben, die zumindest zum Teil in Hannover spielen, und zwar um die Jahrhundertwende vom 17. zum 18. Jahrhundert“, sagt Marcus und spielt auf zwei ihrer Historienromane an: auf „Mätressenspiel“, bei dem die Herrenhäuser Gärten zum zentralen Handlungsort werden, und auf „Lady Annes Geheimnis“, bei dem Marcus die für sie „faszinierende Tatsache verarbeitet, dass ein Herzog von Hannover zum König von England werden konnte.“

Schon ihr erster Roman „Herrin wider Willen“, der 2010 bei Goldmann erschien, war ein historischer Roman. Es passt also gut, dass die Autorin in Hannover bis zum Magisterabschluss die Fächer Germanistik, Pädagogik und Soziologie mit dem Schwerpunkt auf geschichtlichen Aspekten studierte. Für ein paar Jahre lebte sie als Studentin selbst in Linden und kennt insofern den Handlungsort ihrer Reihe gut. Inzwischen hat sie sich auch in die Genres Kinderbuch und Frauenroman vorgewagt. Unter ihrem Pseudonym Martha Sophie Marcus schreibt sie ebenfalls regelmäßig in ihrem Blog und kündigt auf diesem nicht nur alle wichtigen Neuigkeiten an, sondern gibt Tipps für angehende Autor*innen und setzt sich für mehr Fairness in der Bücherwelt ein. Denn gerade einmal 5 % der Autor*innen können von den Erträgen ihrer Werke leben. Gerade einmal 5-6 % des Verkaufspreises stehen den Autoren zu. Durch neue Ideen wie die des „Autorenwelt Shop“ sollen Autor*innen die Möglichkeit bekommen, einen größeren Anteil der Einnahmen selbst behalten zu können: „Allen, die es sich leisten können, Bücher neu zu kaufen“, erklärt Marcs, „lege ich ans Herz, das vor allem bei Neuerscheinungen auch zu tun. Denn nur gute Verkaufszahlen neuer Bücher bewegen Verlage dazu, weitere Titel der betreffenden Autor*innen herauszubringen“. Man kann also auf vielseitige Art Autor*innen unterstützen. Dazu gehört auch mal, Unmut über eine eingestellte Buchreihe höflich zu äußern oder vielleicht in Erfahrung zu bringen, ob Bücher eventuell verlagsunabhängig erschienen sind, „denn an diesen Büchern, vor allem an den E-Books, verdienen sie am besten“, so Marcus.

Für Neugierige gibt es zudem geheimnisvolle Hinweise auf Martha Sophie Marcus neues Projekt auf www.martha-sophie-marcus.de.

Der Glanz der Novemberrosen:

Goldmann Verlag

440 Seiten

10 Euro

Die Blüte der Novemberrosen:

Goldmann Verlag

472 Seiten

10 Euro

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Literarisches: Susanne Mischke

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Literarisches: Susanne Mischke


Der altbekannte Kommissar Bodo Völxen und sein Team sind zurück. Susanne Mischke veröffentlicht direkt zu Beginn des Jahres 2023 den neuen und damit 12. Band der gefeierten Hannover-Krimi-Reihe mit dem Titel „Alle sehen dich“. Völxens spannende Fälle führten ihn bereits zum Maschsee, zur Leine, zu den Kneipen des Steintorviertels, in das Zooviertel und zu vielen weiteren Schauplätzen in und um Hannover. Der Ort des Geschehens des neuen Krimis ist nun die Wedemark. Knapp 15 Jahre nach der Veröffentlichung des ersten Teils der Buch-Reihe, „Der Tote vom Maschsee“, schreibt Susanne Mischke immer noch über unglaublich spannende und fesselnde Fälle mit authentischen Charakteren und feiert damit auch über die Grenzen von Niedersachsens hinweg großen Erfolg.

In Bodo Völxens Dienststelle herrscht Chaos: Anwärter Joris Tadden soll gleich zwei Kommissare vertreten, die für unbestimmte Zeit ausfallen. Die Frauen schwärmen für den waschechten Friesen, aber Völxen sieht nur die Unerfahrenheit und wünscht sich seine einstige Lieblingskollegin Oda Kristensen zurück. Außerdem schlägt er sich mit der geltungssüchtigen Bloggerin Charlotte Engelhorst herum, die sich verfolgt fühlt. Eigentlich dachte Völxen, er würde für den Rest seines Lebens mit dem Wortschatz des 20. Jahrhunderts auskommen, doch durch Charlotte Engelhorsts „Garten-Vlog“, in dem sie zur Schau stellt, wie sie einen alten Hof in der Wedemark inklusive verwildertem Garten wieder auf Vordermann bringt, muss er wohl oder übel sein Vokabular erweitern. Auch Völxens Frau Sabine ist treue Zuschauerin der Gartenfee. Charlotte Engelhorst fühlt sich bedroht und verdächtigt jeden auf infame Weise. Hat ihr Erfolg sie paranoid gemacht oder ist an den Anschuldigungen gegen einen mutmaßlichen Stalker doch etwas Wahres dran? Kurz darauf verunglücken Personen aus ihrem Umfeld tödlich. Ist ein Follower tatsächlich zum Verfolger geworden? Völxens Team tut alles, um den Fall zu lösen.

Die Spiegel-Bestsellerautorin Susanne Mischke verkaufte bereits 900.000 Exemplare und schreibt neben der seit knapp 15 Jahren wachsenden Bodo-Völxen-Reihe, ebenfalls unter dem Pseudonym Antonia Riepp Mehrgenerationen-Familienromane mit Handlungsort in Italien. Der erste Band der deutsch-italienischen Familiensage „Belmonte“ erschien 2020. Außerdem schreibt die bekannte Autorin viele weitere Kriminalromane sowie diverse Jugendbücher.

Mischke erzählt: „Nie hätte ich gedacht, dass Völxen sich so lange hält, die Fans so treu sind und immer noch neue dazukommen. Das macht mich sehr froh.“ Inspiriert wurde die Bestsellerautorin für ihren neuen Hannover-Krimi durch einen „detaillierten Artikel über die Sorgen und die Nöte von Influencern. Außerdem durch das Thema Sein und Schein und Selbsttäuschung – im Leben wie im Netz“. Doch nicht nur das. Wie bereits bei ihren vorherigen Veröffentlichungen verknüpft die Autorin aktuelle Themen mit fiktiven Geschichten. Sie erzählt: „Ein wenig spielt auch der während des Schreibens gerade ausgebrochene Krieg eine Rolle, erstens, weil mich das selbst sehr beschäftigt hat, zweitens ist die junge Kommissarin Rifkin ja gebürtige Russin, und da die Völxen-Romane auch immer ein Stück Zeitgeschichte sind, kam ich nicht daran vorbei“. Zusätzlich bringt dieser neue Kriminalroman der beliebten Reihe unter anderem durch Joris Tadden eine neue Note mit. Susanne Mischke sagt: „Der wortkarge Friese mit dem analytischen Verstand bringt einen frischen Wind von der Küste ins Team. Natürlich ändert sich dadurch die Gruppendynamik, wie im richtigen Leben auch. Neue Rivalitäten, neue Freundschaften …“. Ebenfalls neu, erklärt die erfolgreiche Autorin: „In diesem Band gibt es ein Kapitel mit einer Rückblende in die Zeit von vor 20 Jahren, also sogar von vor dem ersten Band. Es sind die Anfänge von Völxens Kommissariat, mit Völxen, Oda und Fernando, alle drei noch in der Kennenlern-Phase und mit ganz anderen Sorgen als heute“. Trotzdem bleibt auch vieles beim alten. Das bei allen Kollegen beliebte spanische Restaurant von Fernandos Mutter wird auch Joris Tadden nicht vorenthalten.

Wer befürchtet, dies könne Bodo Völxens letzter Fall gewesen sein, kann aufatmen. Susanne Mischke erzählt mir, „es wird noch mindestens drei Bände geben, ich habe gerade die Verträge unterzeichnet“.

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Literarisches: Gert Deppe

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Literarisches: Gert Deppe


Es gibt keine Heilung, keine Besserung. Zumindest nicht für Anne. „Kein Ankommen, nirgendwo“ ist der im regional ansässigen zu Klampen Verlag erschienene Debütroman von Gert Deppe, der sich darin mit sexuellem Missbrauch auseinandersetzt und damit einem viel zu wenig gehörten Thema Aufmerksamkeit gibt. Deppe sagt, er möchte „möglichst viele Menschen durch dieses Buch für das Thema sexueller Missbrauch sensibilisieren“. Mit diesem außergewöhnlichen Debüt leiht Deppe der Protagonistin Anne seine Stimme und erschafft ein literarisches Konstrukt, das die Vermischung von dauerhaftem Schmerz und Hilflosigkeit mit unwahrscheinlicher prozesshafter Heilung darzustellen vermag.

Ein Gespräch. Ein Gespräch soll endlich die fehlenden Antworten bringen, die Anne schon so lange fehlen. Doch Anne will nicht nur das, sie will konfrontieren, ihren Vater endlich nach all den Jahren zur Verantwortung ziehen. Anne ist ein Trennungskind, es gibt wenig, auf das sie sich mehr freut als die sonntäglichen Besuche ihres Vaters. Eigentlich lebt sie bei ihrer Mutter, doch zu ihrem Vater hat sie ein innigeres Verhältnis. Bis zu dem Tag, an dem er sich sexuell an ihr vergreift. Depressionen, Autoaggression und Beziehungsunfähigkeit diktieren fortan das Leben der Heranwachsenden; den Kontakt zu ihrem Vater bricht sie ab. Nach Jahren beschließt Anne, ihn am Telefon zur Rede zu stellen, und fordert eine Erklärung für seine zerstörerische Tat. Sie hat das Rache-Gespräch genau geplant, und es verläuft ganz anders, als der zum Zuhören gezwungene Vater erwartet.

Aber wer ist Anne? Wer redet da und wessen Gespräch hört man hier eigentlich? Anne ist zu Beginn nur ein Konstrukt, ein Schatten, der einen nicht mehr sehen lässt. Sie wird zum Gast in ihrem eigenen kaputten Leben, für welches sie keinen Ausweg mehr sieht. Ihr Schmerz ist zu groß, als dass man ihn greifen kann. Sie hat ihren Hunger nach dem Leben verloren. Anne empfindet unvorstellbar viel, denn sie hat das Unfassbare erlebt. Deppe zieht einen in Annes Bann und man wird Teil ihrer Mission. Nur als Zuschauer, denn näher lässt sie einen nicht an ihre Gedanken heran. Man weiß nie, was ihr nächster Schritt sein mag. Anne bleibt von Anfang bis Ende ein Rätsel, dessen Vergangenheit die Gegenwart lähmt und die Zukunft zerstört hat.

Gert Deppe studierte zunächst Musik in Hannover. Von 1999 bis 2001 absolvierte er ein Volontariat bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und arbeitet seitdem als freier Journalist und Autor für zahlreiche Medien. Deppe erzählt: „Ich habe eigentlich immer schon geschrieben, seit meiner Schulzeit in Hannover, egal ob Lyrik, Erzählungen, ein Drama oder Romane“. Sein nächstes Projekt steht ebenfalls schon in den Startlöchern. Ausgewählt hat der 1964 geborene Autor die Thematik des Romans, da „das Thema sexueller Missbrauch allgegenwärtig ist, nicht nur in der Kirche. Ich denke, diese Präsenz hat zu der Idee geführt, darüber zu schreiben. Die Form des Textes hingegen ist das Ergebnis von ganz bewussten Entscheidungen“. In „Kein Ankommen, nirgendwo“ ist die Form eine Mischung aus jenem konfrontierenden Telefonat, zwischen Anne und ihrem Vater, aus Gesprächen zwischen Anne und ihrem Therapeuten sowie aus diversen Rückblenden in ihre Kindheit, die häppchenweise serviert werden und dabei mal für besseres und mal für schlechteres Verständnis sorgen können. Deppe möchte durch seinen Roman ein Bewusstsein für die Thematik der sexuellen Gewalt schaffen und darüber aufklären – auch wenn es ihn „beim Schreiben immer wieder mal selbst eiskalt erwischt“ hat.

Es ist vielleicht nicht angenehm, über ein solches Thema zu lesen, aber unglaublich wichtig. Deppe verleiht Anne eine Stimme, die so vielen nicht gegeben und noch seltener gehört wird.

Für Interessierte findet am 25. Januar in der Oststadtbibliothek im Pavillon um 19 Uhr eine Lesung statt. Begleitet wird Gert Deppe von Martina Sulner (HAZ/RND) und von einer Mitarbeiterin der Fachberatungsstelle Violetta für sexuell missbrauchte Mädchen und junge Frauen. Der Eintritt ist frei, Spenden erwünscht.

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Literarisches: Gabi Stief und Hans-Peter Wiechers

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Literarisches: Gabi Stief und Hans-Peter Wiechers


Gabi Stief und Hans-Peter Wiechers sind wahrscheinlich vielen Hannoveraner*innen und insbesondere der Leserschaft der HAZ aufgrund ihrer journalistischen Arbeit bekannt. Wiechers als ehemaliger Gerichtsreporter und Kolumnist und Stief als Politikredakteurin, die aus dem Berliner Büro über Sozial-und Gesundheitspolitik berichtete und für ihre Arbeit unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis und dem Richard-von-Weizsäcker-Journalistenpreis ausgezeichnet wurde. Gemeinsam hat das Ehepaar bereits die Reportage „Der Mordverdacht“ (2018) veröffentlicht. Einen Roman zu schreiben und sich dem Spaß hinzugeben, die Wirklichkeit und Fakten vergessen zu dürfen, war für beide eine neue Erfahrung. Restlos konnten sie ihre Berufung allerdings nicht abstreifen, so haben sie zwar einige Figuren erfunden, jedoch sind die Fakten rund um Hannovers Geschichte wahr und gründlich recherchiert. Die Historie, so Stief, bilde den Bodensatz des Romans, der Rest sei Fiktion. So könne der Roman auch jene für diese Zeit interessieren, die sich nicht mit einem Sachbuch oder einer Biografie anfreunden können.

„Der kleine Zug ins Paradies“ erzählt von Frauenschicksalen in Hannover: Von der auf der Journalistin, Malerin und Autorin Käte Steinitz basierende Helene Salpeter, deren Salon in den 1920er-Jahren einen Mittelpunkt der hannoverschen Kunstszene darstellt, von ihrer Tochter Nora Salpeter, die sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten dem Widerstand gegen Hitler verschreibt und von Noras bester Freundin Greta Kunertz, die gut 20 Jahre später die Traumata des Krieges und ihre eigene Schuld nicht mehr verdrängen kann – und dann ist da noch Kate aus New York, die 80 Jahre später an ihrem 31. Geburtstag erfährt, wer ihr Vater ist, und dadurch unweigerlich in Familiengeschichte der Salpeters verwoben wird. Da ihr Vater, Theodore Salpeter, bereits wenige Monate nach ihrem Kennenlernen verstirbt, muss sie selbst Antworten auf die vielen offenen Fragen finden, die seit der Offenbarung in ihr Leben geworfen wurden. Ihr Vater hinterlässt ihr hierfür neben einem Vermögen, das aufgrund möglicher Miterbinnen in Deutschland zunächst nicht erreichbar ist, und einigen wertvollen Kunstwerken, die seit dem Krieg verschollen sind, Hinweise auf die Geschichte einer Familie, in deren Wohnung in den zwanziger Jahren berühmte Künstler wie Kurt Schwitters und Ringelnatz ein und aus gingen. Eine Familiengeschichte, von der Kate ihr bisheriges Leben lang nicht wusste, dass sie auch ein Teil ihrer eigenen Geschichte ist. Sie reist, dem Wunsch ihres Vaters nachkommend, nach Hannover, um den Wurzeln und Geheimnissen ihrer Familie auf den Grund zu gehen. Doch es gibt Menschen, denen Kates Engagement missfällt, weil ihnen das bisherige (Ver)schweigen ganz gelegen kam..

Die Idee für den Roman kam Gabi Stief bereits vor fünf Jahren, als sie und ihr Mann eine Veranstaltung des Sprengelmuseums besuchten, bei der sie auf den Enkel von Käte Steinitz, Henry Berg, trafen und mit ihm sprachen, um einen Artikel für die HAZ zu schreiben. Käte Steinitz’ Geschichte ließ die Journalistin nicht mehr los und aus der Faszination für diese beeindruckende Frau wuchs die Idee, ein Buch über sie zu schreiben. Stief fing an zu recherchieren und konnte schließlich auch Hans-Peter Wiechers dafür begeistern mitzumachen. Wie ein solches Gemeinschaftsprojekt gelingen kann? „Man darf nicht zu eitel sein“, so Wiechers. Außerdem müsse man Kritik erdulden können und damit leben, wenn Figuren oder Kapitel gestrichen oder gekürzt werden. „Unterm Strich hat’s Spaß gemacht“, resümiert Gabi Stief über die gemeinsame Arbeit. Herausgekommen ist ein Familienroman mit tiefgründigen weiblichen Protagonistinnen über Verrat, Vergebung, das Verschweigen – und gegen das Vergessen –, der an eine schillernde Kunstszene in Hannover erinnert, die es so oder so ähnlich gab. Nele Freitag

Zu Klampen Verlag

328 Seiten

20 Euro

Erscheinungstermin: 05.09.2022

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Literarisches: Günter von Lonski

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Literarisches: Günter von Lonski


Seit Jahren erfreuen sich Regionalkrimis zunehmend großer Beliebtheit mit hiesigen Liebhaber*innen der Kriminalliteratur: Sei es nun ein Krimi der etwa zum Urlaubsort an der Küste passt – oder ein Krimi, der quasi direkt vor der eigenen Haustür spielt. Hannoveraner Krimifans dürfte der Name Günter von Lonski daher gut vertraut sein, denn die 10er-Jahre hindurch veröffentlichte er gleich ein halbes Dutzend von Hannover-Krimis rund um die Spürnase Marike Kalenberger, die es bei der hannoverschen Mordkommission auf das Schützenfest, auf Schloss Marienburg oder an den Maschteich verschlug, die in der Szene rund um Loverboys und Prostitution ebenso ermittelte wie in einer Seniorenresidenz oder unter Royalisten-Club-Mitgliedern. Nun meldet sich von Lonski mit einem neuen Krimi zurück: „Bes Büdchen“ allerdings spielt nun nicht in Hannover, sondern in der Geburtsstadt des Autors, in der er das erste Drittel seines Lebens verbrachte – in Duisburg. Mit „Beas Büdchen“ legt von Lonski somit einen humorvollen Ruhrpott-Krimi vor, der nicht bloß mit seiner Auflösung am Ende für Überraschungen sorgt …

Am Dellplatz in Duisburg entdeckt Bea Busch, Betreiberin von „Beas Büdchen“, an dem sich Durststiller und Lebensberatung gleichermaßen finden lassen,eine Leiche in ihrer Zeitungsbox. Flugs wird die Polizei verständigt: aber erst ist die Leiche beim Eintreffen der Beamten fort, dann auch deren Interesse an einer Aufklärung. Aber die Leiche bleibt nicht verschwunden – und Busch klemmt sich mit der Unterstützung ihrer Freundin Meta Kowalewska und mit der Hilfe des Kriminalkommissars Andreas Schymanczek hinter den sonderbaren Fall, der neue Blicke auf Beas Untermieter hervorbringt und auch in den Duisburger Zoo führt.

Wie kürzlich von Lonskis „Weser Strudel“ (2022) beginnt auch „Beas Büdchen“ mit einem übersichtlichen Personenregister, das die hier schon im Titel bemerkbare Vorliebe des Autors für Alliterationen fortführt: Neben Bea Busch tummeln sich etwa noch Tierpflegerin Melissa Maywald oder Koi-Züchter Willy Wohlgemuth in diesem Roman. Abstruse Wendungen, launige Dialoge, skurrile Figuren wie die junge Ramona Pundenz, die gerne Delfintrainerin wäre, aber nicht schwimmen kann, und allerlei Situationskomik setzen den humorigen Ansatz dann bis zum Finale fort. Vor allem wollte Lonski dem Humor des Ruhrgebiets huldigen. Befragt, was diesen denn ausmache, antwortet von Lonski, der etwa in Hanns Dieter Hüsch einen Seelenverwandten sieht: „Der Humor sind die Freudentränen, wenn du eigentlich nichts zu lachen hast.“

Die Idee für diesen Duisburg-Krimi kam von Lonski, dessen Erinnerungen an Duisburg allmählich verblasst waren, als die Trinkhallenkultur im Ruhrgebiet zum immateriellen Kulturerbe erklärt wurde. „Plötzlich war alles wieder da: die Bunten Tüten, die erste Zigarette hinter’m Büdchen und Bea *** mit ihrer handfesten Lebensschläue“, schwärmt von Lonski, dessen Vater einst ebenso als Stahlwerker für den August-Thyssen-Konzern malochte wie Bea Buschs Stammkunde Paul Sobotta, der inzwischen als Ein-Euro-Kraft die Grünanlagen am Dellplatz pflegt. Zum Thyssen-Konzern gehörte auch eine Werksbücherei: diese habe Günter von Lonski „eine alternative Welt erschlossen, die so ganz anders war als meine Umgebung“.

Mit Blick für die unterschiedlichen Milieus entwickelt er seinen Roman, der wieder einmal eine weibliche Hauptfigur an einen kuriosen Fall setzt – auch wenn es diesemal keine Kommissarin ist, sondern eine 62-jährige, geschiedene Budenbesitzerin. Welche Rolle er den Frauen in seinen Kriminalromanen zumisst? „Frauen sind die heimlichen Herrscher der Welt und im Ruhrgebiet wollen sie es auch wissen.“

CK

Gmeiner Verlag

278 Seiten

13 Euro

Seit dem 10.08.2022 lieferbar.

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