Liebe Leser*innen,
für diese Ausgabe habe ich Maren Kaminski getroffen, Bundestagsabgeordnete der Linken und Kandidatin für das Amt der Oberbürgermeisterin. Am 13. September finden in Niedersachsen die Kommunalwahlen statt. Und bevor hier jetzt jemand auf falsche Ideen kommt: In der nächsten Ausgabe
spreche ich mit Peter Karst, danach mit Belit Onay und auch Axel von der Ohe wird noch zu Gast im Stadtkind sein. Und ja, eine Kandidatin lasse ich aus – ganz bewusst. Ich habe einfach keine Lust auf die AfD. Und ich finde sehr schön, dass ich keine Lust haben darf.
Wenn Maren Kaminski über ihre Mutter spricht, dann schwingt sehr viel mit, was ich selbst ganz gut kenne, wenn ich über meine Eltern spreche. Liebe und Respekt. Ihre Mutter hat mit 21 Jahren die Ausbildung abgebrochen, weil sie mit Maren schwanger war, sie war dann irgendwann alleinerziehend,
sie ist nachts Taxi gefahren, um die Kinder durchzubringen, sie hat einen Pflegedienst gegründet, sie hat sich durchgekämpft. Und diese Biografie hat Maren geprägt. Wenn sie über Armut spricht, über Mieten, über prekäre Verhältnisse, dann ist das gelebte Erfahrung. Sie hat sich ihr Studium bereits mit politischer Arbeit finanziert, aber auch mit den üblichen Jobs. In der Gastro, in der Würstchenfabrik, in der Fernleihe im Uni-Keller oder im Schichtbetrieb bei ZF Lemförder. Dort allerdings nur in der ersten Schicht. Die zweite Schicht mit den Nachstunden und den entsprechenden Zuschlägen war nur den Männern erlaubt. An genau solchen Stellen hat sich ihre politische Agenda geformt. Nicht die Ungerechtigkeit selbst hat sie beschäftigt, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sie funktioniert.
Von 2007 bis 2013 hat der Verfassungsschutz Niedersachsen Maren Kaminski beobachten lassen, mit einer V-Person in ihrem direkten Umfeld. 650 Seiten hatte ihre Akte. Darin dokumentiert wurde – soweit sie das einsehen konnte – ihre politische Arbeit. Kandidieren, organisieren, auftreten. Dinge, die in einer Demokratie schlicht selbstverständlich sein sollten. Wenn ein Staat Ressourcen darauf verwende, legale demokratische Arbeit zu beschatten, dann sage das mehr über den Zustand des Staates aus als über die
Beobachtete, sagt sie – und dem ist wohl kaum zu widersprechen. Jetzt kandidiert sie also wieder für das Amt der Oberbürgermeisterin.
2013 war sie das erste Mal dabei, damals ist sie so ein bisschen hineingestolpert, wie sie selbst sagt. Am Ende lag sie bei 6,4 Prozent. Heute ist sie Bundestagsabgeordnete, sitzt im Bildungsausschuss, kennt die Strukturen. Und sie meint ihre Kandidatur diesmal sehr ernst. Sie hat viele konkrete Ideen. So gehört das Ihme-Zentrum aus ihrer Sicht endlich in öffentliche Hand, sie wünscht sich außerdem eine mehrjährige Kulturförderung statt das übliche Jahresbetteln, sie möchte ein wirklich kostenloses Schulessen und sie wünscht sich auch eine Seilbahn – was auch aus meiner Sicht gar nicht so irre ist, wie es vielleicht klingt. Hannover hat noch nie eine Oberbürgermeisterin gehabt. Maren Kaminski findet, es ist höchste Zeit, dass sich das ändert. Frauen in der Politik brächten eine andere Perspektive mit, sagt sie im Interview. Das klingt zuerst wie ein Phrasen-Halbsatz, ist es aber gar nicht. Sie kann das sehr konkret beschreiben. Wer auf Arbeitsbedingungen,
Anerkennung und Ressourcen anders schaut, weil er das anders erlebt hat, der entscheidet am Ende auch anders.
Ich bin sehr gespannt, wie die Wahl im September ausgehen wird. Aus meiner Sicht gibt es unfassbar viel, was man in Hannover anpacken müsste – beim Wohnen, bei der Bildung, bei der Kultur. Vieles ließe sich völlig ideologiefrei und pragmatisch umsetzen, wenn der Wille da ist. Insofern ist mir am Ende weniger
wichtig, wer im Rathaus sitzt, als wie dort gearbeitet wird. Mit echter Ambition und Mut zu unpopulären
Entscheidungen.

