Tonträger April 2024

H-Blockx – „Fillin‘_The_Blank“

Wer irgendwann in der 90ern auch nur einen kleinen Zeh in Richtung Crossover gestreckt hat, kam an den H-Blockx nicht vorbei und kann jetzt nicht umhin, eine kleine Reise in die eigene Vergangenheit zu machen. Wem damals „Time to Move“ gefallen hat, der ist vielleicht versucht, der Verheißung zu verfallen, dass „Fillin‘_The_Blank“ an selbiges anknüpfen soll. Und in der Tat, das tut es, auf eine Art. Nach wie vor wissen die Münsteraner um Henning Wehland, wie man dicke Hooks schreibt, „Last Summer“, ganz bestimmt der beste Track des Albums, beweist das. Und ja, es ist toll, seinem eigenen Sound treu zu bleiben. Nur nimmt man die herrliche Unbekümmertheit, mit der vorgetragen wird, einem Twen eher ab als einem Mittfünfziger. Und ob diese Unbekümmertheit für einen selbst noch stimmt und die Platte somit verfängt, muss dann letztlich jeder selbst entscheiden.

The toten Crackhuren im Kofferraum – „Love, Hate & Engelenergie“

Seit fast zwei Jahrzehnten gibt es das Berliner Kollektiv jetzt schon. Und schon immer waren sie bissig, punkig, klug und schwarzhumorig. Vom ersten Attribut mal abgesehen, unterscheidet sie das von vielen feministischen Musiker*innen, die meinen, es reicht, lediglich mit platten und misandrischen Parolen zu werfen und selbstbestimmt ihre Möpse zu zeigen. Hier ist das ganz anders: Alt-Pop, Indie-Rock, Rap und Schlager stapeln sich auf, überlagern einander, sich im besten Sinne überfrachtend. Auch die Texte handeln nicht ausschließlich vom Kampf gegen das Patriarchat, sondern davon, womit sich Menschen befassen, die nicht permanent in Kampfstellung sind: Datingdynamiken, Freundschaft, Selbstzweifel. Feministisch? Ganz klar. Aber eben auch ein tolles Beispiel dafür, das feministische Musik nicht automatisch ein um-sich-Schlagen bedeutet.

The Fray – „A Light That Waits“

Tauscht man bei einer Band den Sänger, lädt man zum Vergleich ein. Ist so. Wo Isaac Slade also mit soviel Pathos und Substanz litt, dass man selbst beim Zuhören einen Swimmingpool vollheulte, weint Joe King eher subtil auf Zimmerlautstärke. Leider exemplarisch fürs ganze Album, Ausnahme: „My Heart‘s Crowded Room“. Schade.

Harry Styles – „Kiss All The Time. Disco, Occasionally.“

Von einem, der so singen kann, erwartet man gefälligst ein Vocal-Pop-Album. Oder zumindest Hitnummern wie „As it was“ der „Sign of the times“. Nichts dergleichen! Der Vocoder erledigt das Meiste und das Songwriting wurde derart vernachlässigt, dass von einer Nummer abgesehen nichts hängen bleibt. Erträglich die ganze Zeit. Gut manchmal.

The Notwist – „News from Planet Zombie“

Sie haben mittlerweile vielleicht jede Stilart durchgespielt – und das auf hohem Niveau. Es macht enormen Spaß, da zuzuhören. Auch das aktuelle Album, das insbesondere durch ein Cover von Neil Young (!!! „Red Sun“) glänzt, reich und satt instrumentiert ist, bildet da keine Ausnahme. Wie ein Baum, der durch ein verlassenes Auto wächst: Das muss so.

Clueso – „Déja Vu 1 / 2“

Bei Clueso hat die Stanze für glatte Pop-Sänger etwas geklemmt. Aber diese kleinen Grate und Unregelmäßigkeiten, die auch dem seichtesten Song einen kleinen schrägen Twist verleihen, machen das Ganze besonders, auch, wenn es dann im Grunde doch eher Midtempo-Wellness-Pop ist. Für Zwei von Zwei vielleicht ein paar bpm drauf?

Gorillaz – „The Mountain“

„Britpop-Hegemonie am Arsch, ich mach jetzt Weltmusik.“ Und das hat Damon Albarn getan, unter Zurhilfenahme von Bollywoodgrößen, Tony Allen-Samples, Johnny Marr und, man halte sich fest, The Sparks. Dabei ist das alles aber weder Ethnokitsch noch kulturelle Aneignung oder sonst was: Es ist komplett artsy und bekloppt. Es ist grandios!

Unheilig – „Glaube, Liebe, Monster“

Man nehme einen Würfel und beschrifte ihn mit Phrasen wie: Nach den Sternen greifen, Ketten sprengen, jeder Atemzug, (neues) Leben, et cetera und würfele sich einen Popsong – oder 16. Dazu einen getragenen Bass-Bariton und eine Prise Beerdigungsstimmung, zack, fertig ist die neue Unheilig-Platte. Das ist ganz, ganz schlimm.


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